Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450
Stecke jeweils sechs Feigen auf ein Spießchen (mache so viele Spieße, wie du möchtest). Bereite sie nach Belieben zu und koche sie. Nimm dann Wein und Wasser zu gleichen Teilen und gieße es über die Feigen. Gib danach ein wenig gewürztes Brot hinzu, das du in die Suppe gibst und durchpassierst. Füge Honig und Essig hinzu, würze die Sauce und lasse sie aufwallen. Richte die Sauce über den Feigen an und streue kleine, vorgequollene Weinbeeren nach deinem Gutdünken oder Wunsch darüber.
| Original | Modern | Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| figan | Feigen je Spießchen | 6 | Supermarkt | - |
| win | Wein | - | Supermarkt | heller Traubensaft für alkoholfreie Variante |
| wasser | Wasser | - | Leitung | - |
| pfeffer brot | ein wenig gewürztes Brot | - | Supermarkt (altes Weißbrot) | Semmelbrösel mit etwas Pfeffer und Ingwer |
| hong | Honig | - | Supermarkt | - |
| essich | Essig | - | Supermarkt | Apfelessig oder Weißweinessig |
| bewurtz | Gewürze | - | Supermarkt | Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken |
| klein winber | kleine Weinbeeren | - | Supermarkt | Korinthen oder Sultaninen |
Welches Gericht ist das? Feigen, die zu mehreren auf ein Holzspießchen gesteckt in Wein und Wasser gegart und mit einer süß-sauren, durch gewürztes Brot gebundenen Wein-Honig-Essig-Sauce übergossen werden, dazu vorgequollene Weinbeeren als Topping. Damit steht das Rezept in der Ahnenreihe heutiger Portweinfeigen oder eines Feigenkompotts als Dessert oder Käsebegleiter - die Bindung per gewürztem Brot ist zugleich ein Vorläufer moderner, mit Mehl oder Stärke gebundener Fruchtsaucen.
Dasselbe Gericht steht fast wortidentisch noch einmal im Reichenauer Kochbuch selbst sowie im Rezeptfundus für Könige und im Mondseer Kochbuch - dort ist die Zahl der Feigen pro Spießchen eindeutig als sechs überliefert. Die vorliegende Stelle überträgt denselben Wortlaut, weshalb "sechs Feigen auf ein Spießchen" statt "vier Feigen einzeln auf mehrere Spieße" die texttreue Lesart ist: mehrere Feigen werden gebündelt auf ein Spießchen gesteckt, so viele Spieße wie benötigt.
Die vorgequollenen Weinbeeren sind kein Rätsel, sondern folgen derselben Technik wie im eigenen Korpus bei anderen kleinen Weinbeeren: kurz in Wein oder Wasser aufgekocht, bis sie weich und prall sind - kein bloßes kaltes Einweichen.
Praxis. Frische oder getrocknete Feigen zu sechst auf ein Holzspießchen stecken (so viele Spieße wie benötigt) und in einem Sud aus gleichen Teilen Wein und Wasser gar ziehen lassen - bei getrockneten Feigen entspricht das eher einem Rehydrieren, bei frischen reicht ein kürzeres, sanftes Ziehen. Etwas gewürztes Weißbrot in den Sud geben, durch ein Tuch oder Sieb streichen, mit Honig und Essig abschmecken, würzen und kurz aufwallen lassen. Die Sauce über die Feigen geben und mit den in Wein weich gesottenen Weinbeeren bestreuen.
Ja, dieses Rezept ist hervorragend für die Lagerküche geeignet. Alle Zutaten sind robust und leicht zu transportieren. Die Zubereitung ist einfach und schnell in einem Topf über dem Feuer in etwa 20-30 Minuten möglich.
Obwohl 'Sülze' heute meist eine gelierte Speise bezeichnet, war der Begriff im Mittelalter breiter gefasst. Hier meint 'figan sultz' eher eine Art Feigenkompott oder Feigen in einer dicken, süß-sauren Sauce, da keine Geliermittel im Rezept genannt werden. Es ist eine Art eingemachte oder konservierte Fruchtspeise.
Die Weinbeeren werden 'vorgeschwelt', bevor sie über die Sauce gestreut werden. Das bedeutet: Sie werden zuvor kurz in Wein oder Wasser aufgekocht, bis sie weich und prall sind - kein bloßes kaltes Einweichen.
Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).
Im mittelalterlichen Kontext bezeichnet 'Sülze' (mhd. sulze, sultz) oft eine eingemachte oder in einer dicken Sauce servierte Speise, nicht zwingend eine gelierte Gallerte wie heute. Hier ist es eine süß-saure Feigensauce.
Ein kleines Spießchen, meist aus Holz oder Metall, zum Aufstecken von Speisen. Hier werden mehrere Feigen gebündelt auf ein Spießchen gesteckt, nicht einzelne Feigen auf mehrere Spieße verteilt.
Brot, das mit Gewürzen (insbesondere Pfeffer) angereichert ist und hier als Bindemittel und Geschmacksgeber für die Sauce dient. 'Pfeffer' war im Mittelalter auch ein Oberbegriff für würzige Saucen.
Aufwallen lassen, kurz aufkochen. Ein häufiger Begriff in mittelalterlichen Rezepten, um das Erhitzen einer Flüssigkeit zu beschreiben.
Weinbeeren, also Rosinen. Sie wurden oft getrocknet als Süßungsmittel und Geschmacksgeber verwendet.
Die Weinbeeren werden 'vorgeschwelt', bevor sie über die Sauce gestreut werden. Derselbe Wortstamm ist im Korpus bei Weinbeeren in einem anderen Reichenauer Rezept belegt, dort in wenig Wein in der Pfanne weich gesotten - ausdrücklich kein bloßes kaltes Einweichen. Parallelstellen in verwandten Handschriften stützen dieselbe Lesart unabhängig. 'Vorgeschwelt' meint damit: die Weinbeeren zuvor kurz in Wein oder Wasser aufgekocht, bis sie weich und prall sind.
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