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Leber-Sülze vom Wacholdervogel

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

WildHauptspeise · WildLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Leber-Sülze vom Wacholdervogel:

Dieses Rezept beschreibt die Zubereitung einer Leber-Sülze vom Wacholdervogel (Wacholderdrossel) oder Huhn. Koche den Wacholdervogel sehr gut in einer frischen Fleischbrühe und lass ihn darin aufwallen. Danach röste ihn gut in Schmalz. Das Rezept bricht hier mit „etc.“ ab; die weitere Zubereitung der Sauce wird als bekannt vorausgesetzt.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
anfogel Wildvogel - Wildhändler Huhn
huner Huhn - - -
leber Leber - - Schafs- oder Kalbsleber (laut Parallelrezepten, nicht die Leber des Vogels selbst)
rekolter fogel Wacholderdrossel - Wildhändler Huhn (im Rezept selbst als Alternative genannt; Wacholderdrossel steht heute unter Vogelschutz)
frischen flaisch brug frische Fleischbrühe - - -
schmaltz Schmalz - - Butterschmalz oder Pflanzenöl

Welches Gericht ist das?

Eine Sülze bzw. Sauce aus Wacholderdrossel (ersatzweise Huhn), verfeinert mit einer separaten, leber-brot-gebundenen Wein-Essig-Sauce - ein Vorläufer der bäuerlichen deutschen Wildvogel-Sülzentradition, verwandt mit der französischen Civet-Sauce für Wildgeflügel und der englischen Giblet-Gravy.

Die Leber gehört vermutlich nicht zum Vogel.

Der Text bricht nach dem Rösten mit „etc.“ ab, bevor die Sauce beschrieben wird. Die eng verwandten Parallelrezepte rfk-034 und rfk-053 verwenden für die Sauce ausdrücklich eine separate Schafs- oder Kalbsleber, nicht die Leber des Vogels selbst - der eigene Text von ka1-072 legt das nicht fest.

Kein Wacholder-Gewürz.

‚Rekolter fogel‘ benennt eine Vogelart (Wacholderdrossel, Krammetsvogel), die sich winters von Wacholderbeeren ernährt - keine Würzung des Gerichts mit Wacholderbeeren.

Praxis.

Wacholderdrossel steht heute unter Vogelschutz; für den Nachkoch dient ersatzweise Huhn, wie im Text selbst als Alternative genannt. Den Vogel in frischer Fleischbrühe gut gar kochen und darin aufwallen lassen - das extrahiert Kollagen aus Haut und Knochen. Danach in Schmalz gut anrösten. Für die Sauce, die ka1-072 selbst nicht ausführt, aber über die Parallelrezepte rekonstruierbar ist: Schafs- oder Kalbsleber mit einer gleichen Menge Brot im Mörser zerstoßen, mit Wein und Essig verrühren, durch ein Tuch streichen, würzen, färben, aufkochen und den gerösteten Vogel darin erwärmen.

Was ist eine Sülze im mittelalterlichen Kontext?

Eine Sülze (oder Gallerte) war im Mittelalter eine Speise, bei der Fleisch, Fisch oder Gemüse in einer gelierten Brühe konserviert und serviert wurde. Die Gelierung erfolgte durch kollagenreiche Zutaten wie Knochen oder Haut. Sülzen dieser Art wurden häufig kalt serviert; ob das auch für dieses konkrete Rezept gilt, lässt der Text selbst offen.

Was ist ein ‚Wacholdervogel‘?

Ein ‚Wacholdervogel‘ (rekolter fogel) bezeichnet die Wacholderdrossel (Krammetsvogel, Turdus pilaris) - eine Vogelart, die sich winters von Wacholderbeeren ernährt und danach benannt ist. Es handelt sich um die Bezeichnung der Vogelart selbst, nicht um eine Würzung mit Wacholderbeeren; das bestätigen sowohl das Korpus-Glossar als auch drei eng verwandte Parallelrezepte (rfk-034, rfk-053, m384-034). Da die Wacholderdrossel heute unter Vogelschutz steht, nennt das Rezept selbst bereits Huhn als Alternative für die Nachkoch-Praxis.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein - die kollagenreiche Fleischbrühe würde beim Abkühlen zu einer Gallerte gelieren, was sich bei sommerlichen Markttemperaturen ohne moderne Kühltechnik kaum kontrollieren lässt. Die eng verwandten Parallelrezepte erwähnen zwar kein ausdrückliches Kaltstellen, doch ohne Kühlung bliebe die Textur der fertigen Sülze nicht stabil.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Sultz anfogel Ain leber sultz anfogel oder an huner sud rekolter fogel gar wol In ainem frischen flaisch brug vnd daz sy dar in erwalind dar nach rosch sy wol im schmaltz etc.
Sultz

Mittelhochdeutsch für ‚Sülze‘ oder ‚Gallerte‘. In dieser Handschrift bezeichnet der Begriff nicht nur klassische Gelatine-Aspiks, sondern auch dickflüssig servierte, leber-/brotgebundene Saucen - ka1-072 gehört zu einer Gruppe von sechs 'Sultz'-Rezepten derselben Handschrift (ka1-066, ka1-068, ka1-069/070/071, ka1-073).

anfogel

Ein Oberbegriff für Wildvögel oder Geflügel, oft auch Ente - hier im Kontext mit ‚huner‘ (Huhn) als Alternative genannt. Ungeklärt bleibt, ob es sich um genau diesen Oberbegriff handelt oder um den alemannischen unbestimmten Artikel „an“ (= „ein“), wie es die Parallelstelle rfk-053 („An vogel adir an hunre“) nahelegt; beide Lesarten sind dokumentiert, keine wird forciert festgelegt.

rekolter fogel

Wörtlich ‚Wacholdervogel‘: die Wacholderdrossel (Krammetsvogel, Turdus pilaris), benannt nach ihrer winterlichen Wacholderbeeren-Diät. Dies bezeichnet die Vogelart selbst, keine Würzung mit Wacholderbeeren - so im Korpus-Glossar (data/glossary_index.tsv) als Lesefalle vermerkt und durch drei eng verwandte Parallelrezepte (rfk-034, rfk-053, m384-034) bestätigt, die alle dieselbe Vogelart übersetzen.

leber

Der ka1-072-Text bricht vor der Sauce-Zubereitung mit „etc.“ ab und legt nicht fest, wessen Leber gemeint ist. Die eng verwandten Parallelrezepte rfk-034 und rfk-053 verwenden für die (dort ausformulierte) Sauce ausdrücklich eine separate Schafs- oder Kalbsleber, nicht die Leber des Vogels selbst.

flaisch brug

Fleischbrühe, eine Grundzutat vieler mittelalterlicher Gerichte.

erwalind

Vom Verb ‚erwellen‘: aufwallen bzw. aufkochen lassen - eine spezifische Kochtechnik, nicht allgemein „gar werden“.

rosch

Vom Verb ‚rösten‘, hier im Sinne von Braten oder Anbraten in Fett.

schmaltz

Tierisches Fett, meist Schweineschmalz, das zum Braten und Rösten verwendet wurde.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartSultz anfogel Ain leber sultz anfogel oder an huner

Gewählte Lesart: Titel plus Zutatenangabe: ‚Sülze vom Wildvogel. Eine Leber-Sülze vom [Wacholder-]Vogel oder vom Huhn.‘ Die Leber ist vermutlich die namensgebende Hauptzutat der - durch „etc.“ abgebrochenen - Sauce; laut den eng verwandten Parallelrezepten rfk-034 und rfk-053 handelt es sich dabei um eine separate Schafs- oder Kalbsleber, nicht um die Leber des Vogels selbst.

Andere mögliche Lesart:

  • Der ka1-072-Text selbst bricht vor der Sauce-Zubereitung ab und legt nicht fest, wessen Leber gemeint ist. - Die Zuordnung zu einer separaten Schafs-/Kalbsleber stützt sich ausschließlich auf die Parallelüberlieferung (rfk-034, rfk-053), nicht auf den ka1-072-Text selbst - für dieses Rezept bleibt die Frage formal offen.

Lesartetc.

Gewählte Lesart: Das ‚etc.‘ markiert den Abbruch vor der eigentlichen Sauce-Zubereitung. Die eng verwandten Parallelrezepte rfk-034, rfk-053 und m384-034 belegen, dass hier eine separate Leber-Brot-Wein-Essig-Sauce folgt (Leber mit Brot zerstoßen, mit Wein und Essig verrührt, durch ein Tuch geschlagen, gewürzt, gefärbt, aufgekocht, Vogel hineingelegt).

Andere mögliche Lesart:

  • Für ka1-072 selbst ist dieser Fortgang nicht textbelegt, sondern ausschließlich über die Parallelüberlieferung erschlossen. - ka1-072 könnte in Details von den Parallelrezepten abweichen; ohne eigenen Text bleibt die genaue Fortsetzung für dieses Rezept eine Rekonstruktion, keine gesicherte Lesart.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Sermones - Cod. Aug. pap. 125. [Reichenau], [15. Jahrh.]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-64893 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Sülze benötigt eine zuverlässige Kühlung, um fest zu werden und zu bleiben. Bei sommerlichen Markttemperaturen ist dies ohne moderne Kühltechnik nicht praktikabel, da die Sülze sonst zerläuft.
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