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Hosen-Nestel-Sülze aus Tierhaut

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumAufwändigKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit180 Min.Portionen1 Sülze (aus einer Tierhaut)BuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Nimm eine frische Rehhaut und brühe dann die Haare ab. Koche die Haut gut. Danach schneide sie eine Spanne lang und zwei Finger breit und mache daraus eine Sülze.

Du kannst es auch von einer Dachshaut, einer Ferkelhaut oder der Haut eines anderen kleinen Tieres machen und daraus eine Sülze bereiten etc.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
frisch rechhut Frische Rehhaut - Wildhändler, spezialisierter Metzger Haut von Nutria (Sumpfbiber) oder Kaninchen

Welches Gericht ist das? Der Grundstoff für eine Sülze (Aspik) aus reiner, stundenlang ausgekochter Tierhaut - anders als die heutige Schweinesulze liegt hier kein Fleisch in Gelee vor, sondern die Haut selbst liefert durch ihr Kollagen die Gelierung. Die lebende Verwandtschaft ist die heutige Sülze bzw. der Aspik: Das Grundprinzip, Haut bzw. Kollagen auszukochen bis es geliert, ist bis heute unverändert.

Die Form. Die Schnittanweisung - eine Spanne lang und zwei Finger breit - formt die fertigen Hautstreifen wie eine Hosen-Nestel, das Schnürband der mittelalterlichen Hose. Das ist reine Formgebung des fertigen Streifens, kein eigenständiges Gericht.

Praxis. Zuerst die Haut mit heißem Wasser überbrühen, um die Haare zu lösen und abzuziehen. Danach die Haut stundenlang gut auskochen - dabei wandelt sich das Kollagen des Bindegewebes in Gelatine um, die spätere Bindung der Sülze. Anschließend die weich gewordene Haut in Streifen von einer Spanne Länge (ca. 20-25 cm) und zwei Fingern Breite (ca. 3-4 cm) schneiden. Der Text bricht danach ab: Er nennt weder Brühe noch Gewürze für die fertige Sülze, sondern setzt dieses Wissen offenbar als bekannt voraus. Wer nachkochen will, braucht also noch eine gewürzte Brühe zum Übergießen und durchgehende Kühlung zum Gelieren.

Was ist eine 'hosnestel sultz'?

Eine 'hosnestel' war im Mittelalter eine Schnur oder ein Band, das zum Befestigen der Kleidung diente. Es ist wahrscheinlich, dass diese Sülze in lange, schmale Streifen geschnitten wurde, um diese Form nachzuahmen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist für die Lagerküche ungeeignet. Die Sülze braucht durchgehende Kühlung, um zu gelieren und sicher haltbar zu bleiben - das ist am Markt kaum zu gewährleisten. Zudem ist die Vorbereitung aufwendig: Die Haut muss enthaart und stundenlang ausgekocht werden, bevor sie überhaupt zugeschnitten werden kann.

Woher bekomme ich Tierhäute für dieses Rezept?

Rehhaut kann von einem Wildhändler oder spezialisierten Metzger bezogen werden. Dachse sind in Deutschland geschützt und ihre Haut ist legal nicht erhältlich. Ferkelhaut ist bei Metzgern erhältlich. Als Alternative für geschützte Tierhäute können auch die Häute von Nutria (Sumpfbiber, jagdbar) oder Kaninchen verwendet werden, die eine ähnliche Textur und Gelierfähigkeit aufweisen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

hosnestel sultz Ain hosnestel sultz nem ain frisch rechhut vnd brug dan har ab vnd sud die wol dar nach zerschnid sy ainer spannen lang vnd zwaier finger brait vnd mach da von ain sultz Ouch machtu es machen von aines dachs hut oder von aines faerchlis hut oder von aines anders tierlis hut vnd mach dar an ain sultz etc.
hosnestel sultz

Eine Sülze, die in der Form einer Hosen-Nestel (einer Schnur oder eines Bandes zum Befestigen von Kleidung) zubereitet wurde. Die Schnittanweisung 'eine Spanne lang und zwei Finger breit' unterstützt diese Interpretation.

rechhut

Die Haut eines Rehs. Sie liefert viel Kollagen und ist eine gute Basis für Sülze.

brug dan har ab

Die Haare durch Überbrühen mit heißem Wasser entfernen, um die Haut für die weitere Verarbeitung vorzubereiten.

ainers spannen lang vnd zwaier finger brait

Eine Spanne ist ein altes Längenmaß, das der Entfernung zwischen Daumen- und Kleinfingerspitze bei ausgestreckter Hand entspricht (ca. 20-25 cm). Zwei Finger breit sind etwa 3-4 cm.

dachs hut

Die Haut eines Dachses. Dachse sind in Deutschland geschützt und ihre Haut ist legal nicht erhältlich.

faerchlis hut

Die Haut eines jungen Schweins (Ferkel). Diese ist ebenfalls reich an Kollagen und gut für Sülze geeignet.

anders tierlis hut

Die Haut eines anderen kleinen Tieres. Dies zeigt die Flexibilität des Rezepts, verschiedene verfügbare Häute zu nutzen.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Sermones - Cod. Aug. pap. 125. [Reichenau], [15. Jahrh.]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-64893 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Die aufwendige Vorbereitung der Tierhäute (Brühen, Kochen über Stunden) und die Notwendigkeit einer durchgehenden Kühlung für das Gelieren der Sülze machen dieses Rezept für die Lagerküche ungeeignet.
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