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Heidnischer Kuchen im Wein-Honig-Sud

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen4-6 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Zu einem heidnischen Kuchen: Mache einen Teig mit ausschließlich Eiern, so fest du ihn nur machen kannst. Färbe den Teig und rolle ihn gut aus. Forme daraus sehr dünne Blättchen und frittiere diese in Schmalz. Nimm guten Wein und halb so viel Honig und koche beides miteinander auf. Ziehe dann das frittierte Gebäck durch den Sud, wenn du es anrichten möchtest.

OriginalModernMengeWo kaufenAlternative
ytal ayger Eier - - -
schmaltz Schmalz - - Pflanzenöl für eine vegetarische Variante
guoten win Guten Wein - - -
hong Honig - - -

Welches Gericht ist das? Ein hauchdünn ausgerollter, ausschließlich mit Eiern angesetzter Teig wird in Schmalz frittiert und anschließend durch einen aufgekochten Wein-Honig-Sud gezogen. Das Rezept gehört zu einer im Korpus mehrfach belegten Gerichtsfamilie des „heidnischen Kuchens“ (u. a. bgs-005a, bgs-063, mha-085, mon-025, mon-143, rfk-042) - lebende Verwandte finden sich in der europäischen Familie der in Honig- oder Zuckersirup getränkten Schmalzgebäcke, etwa den arabischen zalabia/luqaimat oder dem italienischen cenci. Im deutschen Alltag am ehesten vergleichbar mit in Sirup getränkten Krapfen- oder Küchle-Varianten.

Der Teig „mit ytal ayger“ - ausschließlich Eiern, ohne Mehl, Wasser oder Milch - ist textlich eindeutig belegt und durch die fast wortgleiche Parallelhandschrift rfk-042 unabhängig bestätigt, küchenpraktisch aber eine Herausforderung: reines, verquirltes Ei bindet ohne Stärke nicht zu einem wirklich „festen“ Teig, wie es der Text verlangt („so du aller hertest mugest“). Es bleibt eine klebrige, empfindliche Masse, die sich nur mit Geduld und reichlich Fett beim Ausrollen und Frittieren verarbeiten lässt. Der Text selbst löst diese Spannung nicht auf - keine Ruhezeit, kein zusätzliches Bindemittel wird erwähnt.

Praxis. Die Eier gut verschlagen und zu einem möglichst festen Teig verarbeiten - ruhig kurz ziehen lassen, das erleichtert das Ausrollen. Hauchdünn auswellen und in kleine Blättchen teilen, dann portionsweise in heißem Schmalz frittieren, bis sie goldbraun und knusprig sind - beim Umgang mit heißem Fett am offenen Feuer besondere Vorsicht walten lassen. Wein und halb so viel Honig gemeinsam einmal aufkochen, bis sich der Honig löst, dann die frittierten Blättchen kurz vor dem Anrichten durch den warmen Sud ziehen.

Was bedeutet ‚heidnischer Kuchen‘?

Die Bezeichnung „heidnischer Kuchen“ (haideschen kuochen) ist im Rezeptkorpus mehrfach belegt - unter anderem im fast textgleichen Rezept „Heidnischer Kuchen“ aus dem Rheinfränkischen Kochbuch - und bezeichnet dort ein als exotisch bzw. fremdländisch geltendes Gebäck, vergleichbar mit orientalischen oder mediterranen Frittiergebäcken. Der Begriff ist keine Aussage über christliche Fastenregeln.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist goldstandard-tauglich für die Lagerküche. Die Zubereitung ist in etwa 45 Minuten am offenen Feuer möglich. Die Zutaten sind robust und benötigen keine besondere Kühlung, was es ideal für den Einsatz im Lager macht.

Was bedeutet die Anweisung ‚ytal ayger‘ für den Teig?

‚Ytal ayger‘ bedeutet ‚ausschließlich Eier‘. Das Rezept verlangt, dass der Teig nur mit Eiern als Flüssigkeit zubereitet wird, ohne Zugabe von Wasser oder Milch. Dies führt zu einem besonders reichhaltigen und festen Teig.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee)). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Baches Zuo ainem haideschen kuochen mach ain taig mit ytal ayger so du aller hertest mugest vnd faerb daz vnd willin wol vnd mach gar dunni plaetly dar vß vnd bach daz im schmaltz vnd nim guoten win vnd halb als vil hong vnd erwell daz vnder enander vnd zuch denn daz gebachen dar durch So du es an wellist richten etc.
haideschen kuochen

„Heidnischer Kuchen“ - eine im Korpus wiederkehrende Bezeichnung (u. a. bgs-005a, bgs-063, mha-085, mon-025, mon-143, rfk-042) für ein als exotisch bzw. fremdländisch geltendes Gebäck, keine Aussage über christliche Fastenregeln.

ytal ayger

‚Ausschließlich Eier‘ - der Teig wird nur mit Eiern als Flüssigkeit zubereitet, ohne Zugabe von Wasser oder Milch.

faerb daz

„Färbe den Teig“ - die genaue Farbe wird nicht genannt. Im selben Manuskript nutzt ka1-061 „faerb“ eindeutig für Färben (ein Teil gefärbt, anderer weiß gelassen). Die eng verwandte Rezeptvariante ri15632-013 nennt an vergleichbarer Stelle „gilb in“ (gelb färben) - die Farbe war daher vermutlich Gelb, möglicherweise vom Eigelb selbst, nicht zwingend von einem zusätzlichen Farbstoff wie Safran.

plaetly

‚Blättchen‘ - bezeichnet dünne, kleine Teigstücke, die aus dem ausgerollten Teig geformt werden.

bach daz im schmaltz

‚Backe das in Schmalz‘ - hier ist ‚backen‘ im Sinne von ‚frittieren‘ oder ‚ausbacken‘ in heißem Fett zu verstehen.

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartBaches

Gewählte Lesart: ‚Gebäck‘ - als allgemeiner Begriff für die Art der Speise, die im Rezept beschrieben wird.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Backe!‘ - als Imperativ, der die erste Anweisung des Rezepts einleitet. - Obwohl ‚Baches‘ auch als Imperativ gelesen werden könnte, ist es im Kontext eines Rezepttitels wahrscheinlicher, dass es die Art des Gerichts beschreibt.

Lesartytal ayger

Gewählte Lesart: ‚ausschließlich Eier‘ - der Teig wird nur mit Eiern als Flüssigkeit zubereitet.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚viele Eier‘ - der Teig wird mit einer großen Menge Eier zubereitet. - Das mittelhochdeutsche ‚îtelic‘ bedeutet ‚ganz, gänzlich, ausschließlich‘, nicht nur ‚viel‘. Die Lesart ‚ausschließlich‘ ist daher präziser.

Lesartplaetly

Gewählte Lesart: ‚Blättchen‘ - dünne, kleine Teigstücke.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Plätzchen‘ - im Sinne von kleinen, meist gebackenen Keksen. - Die Beschreibung ‚gar dunni‘ (sehr dünn) passt besser zu ‚Blättchen‘, die frittiert werden, als zu den typischerweise festeren ‚Plätzchen‘.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Sermones - Cod. Aug. pap. 125. [Reichenau], [15. Jahrh.]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-64893 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Im Topf am Feuer in 45 Minuten fertig. Die Zutaten sind robust und benötigen keine Kühlung. Ideal für ein schnelles, süßes Gebäck im Lager.
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