Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445
Nimm einen Vogel oder ein Huhn. Koche die Wacholderdrossel sehr gut in einer Pfanne mit frischer Fleischbrühe und lass sie darin aufkochen. Danach brate sie gut in Schmalz.
Nun nimm eine Schafs- oder Kalbsleber, koche sie und stoße sie ganz fein mit ebenso viel Brot. Gieße Wein oder Essig an beides hinzu und streiche es durch ein Tuch. Würze es und färbe es. Lass es aufkochen und gib den Vogel hinein.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| vogel adir hunre | 1 Wacholderdrossel (Krammetsvogel) - heute geschützt, daher Huhn oder Wachtel | Metzger | Huhn, Wachtel oder anderes erlaubtes Geflügel (Wacholderdrossel steht unter Naturschutz) |
| frischer fleysche bruwen | Frische Fleischbrühe | - | Gemüsebrühe |
| smalcze | Schmalz | - | Butterschmalz oder Pflanzenöl |
| scheffen adir kelberm leber | 150 g Schafs- oder Kalbsleber | Metzger | Hühnerleber |
| brodes | 100 g altes Brot | - | Semmelbrösel |
| win adir esczig | 100 ml Wein oder Essig | - | - |
| worcz isz | Gewürze | - | Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelken, Muskat |
| verbe isz | Safran (zum Färben) | - | Ringelblume oder Eigelb (für Farbe, ersatzweise) |
Welches Gericht ist das? Ein kleiner Wildvogel, erst in Brühe gekocht, dann in Schmalz gebraten und in einer leber- und brotgebundenen Weinsauce serviert - im Kern ein mittelalterlicher Leberpfeffer. Diese Leber-Brot-Bindung ist der direkte Vorfahr aller deutschen Pfeffer-Saucen (Hasenpfeffer, Schwarzsauer) und des französischen civet - Saucen, die durch passierte Innereien dick und glänzend werden.
Der Schlüssel: 'rechalter Vogel' = Wacholderdrossel. Das im Manuskript am Rand mit '?!' angestrichene Wort ist kein Rätsel und auch kein 'recht alter' Vogel, sondern eine Dialektform: Reckholder (auch Rechalter, Räckholder) ist im oberdeutsch-rheinfränkischen Raum das Wort für Wacholder. Ein Rechalter-Vogel ist also ein Wacholdervogel = die Wacholderdrossel (Turdus pilaris), volkstümlich Krammetsvogel - benannt danach, dass sie sich im Winter von Wacholderbeeren ernährt. Der Dialekt passt exakt zur Sprachregion dieses Kochbuchs.
Eine Delikatesse der alten Küche. Krammetsvögel waren vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert ein hochgeschätztes Wildbret - massenhaft mit wacholderbeeren-geköderten Dohnen gefangen, auf Festtafeln und in fast jedem alten Kochbuch präsent (man denke an die 'Krammetsvögel' bei Wilhelm Busch). Das aromatische, leicht nach Wacholder schmeckende Fleisch galt als Köstlichkeit. Heute steht die Wacholderdrossel unter Naturschutz und darf nicht mehr gejagt oder gegessen werden - deshalb bietet schon das Rezept selbst das Huhn als Alternative an (vogel adir hunre). Wer es nachkochen will, nimmt also Huhn, Wachtel oder eine andere erlaubte Geflügelart.
Den Ersatz mit Wacholder veredeln. Das Besondere am Krammetsvogel war die Wacholdernote, die durch seine Winternahrung ins Fleisch kam - genau die fehlt dem Ersatzgeflügel. Wer der Sache nahekommen will, bringt den Wacholder deshalb am besten direkt ans Tier, nicht nur in die Sauce: das Huhn (oder die Wachtel) ein paar Stunden bis über Nacht in einer Marinade aus zerstoßenen Wacholderbeeren, etwas Salz, Lorbeer und einem Schuss Wein ziehen lassen, bevor es gekocht und gebraten wird. So bekommt das Fleisch die charakteristische harzig-würzige Note, die den Wacholdervogel ausmachte - eine bewusste Rekonstruktion des verlorenen Eigengeschmacks, kein Originalschritt des Rezepts. Wacholderbeeren in der Leber-Brot-Sauce verstärken den Effekt zusätzlich.
Die Sauce. Leber und ebenso viel Brot werden gekocht, fein zerstoßen, mit Wein oder Essig aufgegossen und durch ein Tuch passiert (czuge isz dorch). Das Brot ist hier kein Streckmittel, sondern das Bindemittel - lange bevor sich die Mehlschwitze (Roux) in Europa durchsetzte, banden mittelalterliche Köche Saucen mit eingeweichtem Brot. Die Leber gibt Tiefe und Farbe, der Wein oder Essig die nötige Säure gegen das fette Geflügel.
'worcz isz vnde vnd verbe isz' - die Würz-Färb-Doppelformel. Diese stehende Wendung 'würze es und färbe es' begegnet im Manuskript immer wieder (vgl. rfk-048, rfk-050, rfk-052). Das doppelte vnde vnd ist eine reine Schreiberdoppelung (Dittographie) und ohne Bedeutung. Gefärbt wurde mit Safran - teuer, prestigeträchtig und Statussymbol der gehobenen Tafel. Auch das also vil ('ebenso viel') Brot ist eine idiomatische Mengenangabe ('etwa gleich viel'), kein exaktes 1:1-Verhältnis (vgl. rfk-049).
Praxis. Ersatzgeflügel (Huhn, Wachtel) in kräftiger Brühe weichkochen, herausnehmen, trockentupfen und in Schmalz rundum bräunen. Für die Sauce die Leber kurz kochen, mit dem eingeweichten Brot und etwas Kochwein oder -essig fein pürieren, durch ein Sieb streichen, würzen, mit einer Prise Safran färben und - für die authentische Note - ein paar zerstoßene Wacholderbeeren zugeben, aufkochen und das gebratene Geflügel darin durchziehen lassen.
Teil eines kleinen Saucen-Blocks. Dieses Rezept ist die herzhafte Grundsauce eines Dreierblocks im Manuskript: Direkt darauf folgt rfk-054, das dieselbe Leber-Brot-Sauce mit Honig in eine süße Variante verwandelt ('willst du es aber süß essen...'), und rfk-055 rundet die Reihe mit einer verwandten süß-sauren Pfefferbrot-Sauce ab. Alle drei gehören zur mittelalterlichen Pfeffer-Familie und werden über gebratenes oder gesottenes Fleisch, Wild und Fisch gegeben - zusammen ein komplettes kleines Saucen-Repertoire des Spätmittelalters.
‚rechalter' ist eine Dialektform von ‚Reckholder', dem oberdeutsch-rheinfränkischen Wort für Wacholder. Ein ‚Rechalter-Vogel' ist also die Wacholderdrossel (Krammetsvogel), die im Winter Wacholderbeeren frisst. Sie war eine geschätzte Delikatesse der alten Küche. Heute steht der Vogel unter Naturschutz - das Rezept bietet deshalb schon selbst das Huhn als Ersatz an.
Der Krammetsvogel schmeckte von Natur aus leicht nach Wacholder, weil er sich im Winter von Wacholderbeeren ernährte - dem Ersatzgeflügel fehlt das. Am besten bringt man den Wacholder direkt ans Fleisch statt nur in die Sauce: das Huhn oder die Wachtel ein paar Stunden bis über Nacht in einer Marinade aus zerstoßenen Wacholderbeeren, Salz, Lorbeer und etwas Wein ziehen lassen, bevor es gekocht und gebraten wird. Zusätzlich ein paar Wacholderbeeren in die Leber-Brot-Sauce geben. So kommt man dem verlorenen Eigengeschmack des Wacholdervogels recht nahe - es ist eine bewusste Rekonstruktion, kein Originalschritt des Rezepts.
Das Rezept nennt keine spezifischen Gewürze, aber typisch für die mittelalterliche Küche wären Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelken und Muskat. Für die Farbe wird Safran empfohlen. Würze nach eigenem Geschmack, aber sei nicht zu sparsam - mittelalterliche Gerichte waren oft kräftig gewürzt.
Ja, dieses Rezept ist gut für die Lagerküche geeignet. Die Zubereitung ist mit einem Topf, einer Pfanne und einem Mörser (oder einer Gabel zum Zerdrücken) am offenen Feuer gut machbar. Frisches Geflügel und Leber müssen gekühlt mitgebracht oder am Markttag frisch gekauft werden.
‚Zieh es durch' bedeutet, die Sauce durch ein feines Tuch oder Sieb zu passieren. Dies entfernt grobe Bestandteile von Leber und Brot und sorgt für eine besonders glatte und feine Sauce, wie sie in der gehobenen mittelalterlichen Küche geschätzt wurde.
Dieses Rezept stammt aus dem Rheinfränkisches Kochbuch (~1445, Mittelrhein). Sammlung von 76 Koch- und Backrezepten in rheinfränkischer Mundart, entstanden um 1445. Schwerpunkt Fastenspeisen: Krapfen, Fladen aus Fischrogen, Fasten-Schauspeisen (z.B. ein aus Fisch geformtes Rebhuhn-Imitat). Überliefert als Teil des astrologisch-astronomischen Sammelbands Ms. germ. fol. 244 der Staatsbibliothek zu Berlin (fol. 285r-294v). Akademisch erschlossen seit 2021 in der CoReMA-Edition (Böhm/Klug, Universität Graz, FWF-Projekt) als hyperdiplomatische Transkription. Die Fyndling-Edition ergänzt diese akademische Erschließung um die kulinarische Dimension: moderne Übersetzung, Zutaten-Listen mit Bezugsquellen, FAQ zur Zubereitung und Scan-Anzeige im Browser - damit erstmals als praktische Edition für Hobby-Köche und mediävistisch interessierte Laien.
‚rechalter' ist eine Dialektform von ‚Reckholder/Wacholder'. Ein ‚Rechalter-Vogel' ist also ein Wacholdervogel = die Wacholderdrossel (Turdus pilaris), volkstümlich Krammetsvogel, benannt nach ihrer Winternahrung Wacholderbeeren. Im Mittelalter eine geschätzte Delikatesse; heute steht der Vogel unter Naturschutz, daher als Ersatz Huhn (wie im Rezept angeboten).
Tierisches Fett, meist Schweineschmalz, das zum Braten und Verfeinern von Speisen verwendet wurde.
‚Ebenso viel Brot' bedeutet, dass die Menge des Brotes (wahrscheinlich altbackenes Weißbrot) der Menge der Leber entsprechen sollte, um die Sauce zu binden und zu strecken.
‚Zieh es durch' bedeutet, die Sauce durch ein feines Tuch oder Sieb zu passieren, um eine glatte, sämige Konsistenz zu erhalten.
‚Würze es' - im Mittelalter wurden Speisen oft mit einer Mischung aus teuren Gewürzen wie Pfeffer, Ingwer, Galgant, Nelken und Muskat gewürzt.
‚Färbe es' - dies geschah häufig mit Safran, um der Speise eine leuchtend gelbe oder goldene Farbe zu verleihen, was als Zeichen von Reichtum und Festlichkeit galt.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
rechalter vogel
Gewählte Lesart: Wir lesen ‚rechalter' als Dialektform von ‚Reckholder' (Wacholder): ein ‚Rechalter-Vogel' ist ein Wacholdervogel, also die Wacholderdrossel (Krammetsvogel, Turdus pilaris). Der oberdeutsch-rheinfränkische Dialekt passt exakt zur Sprachregion des Kochbuchs, und der Krammetsvogel war ein klassisches Festtags-Wildbret.
Andere mögliche Lesart:
vnde vnd
Gewählte Lesart: Die Wiederholung ‚vnde vnd' wird als Schreibfehler im Originaltext interpretiert und in der Übersetzung ignoriert.
worcz isz vnde vnd verbe isz
Gewählte Lesart: Die Anweisung ‚verbe isz' (färbe es) wird als Hinweis auf die Verwendung von Safran interpretiert, da dieser das gängigste und prestigeträchtigste Färbemittel für Speisen im Mittelalter war.
Andere mögliche Lesart:
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