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Füllung mit Speck, grünen Birnen und Kräutern

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

RezeptSonstigesLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.2/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit15 Min.PortionenFür eine kleine Füllung (ca. 250 g)BuchRheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Über eine Füllung: Nimm Speck, grüne Birnen, Wacholderbeeren und gehackte Petersilie. Und fülle sie mit Zwiebeln, Petersilie und Speck - oder womit du willst.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
specke Speck Metzger -
grune beren Grüne (unreife) Birnen Wochenmarkt Feste, unreife Birnen jeder Sorte
wacholteren Wacholderbeeren Supermarkt -
petersilige gehackit Gehackte Petersilie - -
czwibollen Zwiebeln - -
peter silgen Petersilie - -
speck Speck Metzger -

Welches Gericht ist das? Eine herzhafte Füllung (Farce) für Braten - vor allem für Geflügel. Speck, unreife grüne Birnen, Wacholderbeeren, Petersilie und Zwiebeln ergeben genau das Aromaprofil, das bis heute in der klassischen Gänse- und Entenfüllung steckt (Obst-Speck-Kräuter-Kombination). Damit ist rfk-057 ein direkter Vorfahr der modernen Bratenfüllung.

Die Füllung zur Gans von nebenan. Das Rezept steht unmittelbar hinter rfk-056 (gebratene junge Gans) - und liefert offenbar die passende Füllung dazu. Das sij ('sie'), das gefüllt werden soll, ist grammatisch feminin bzw. plural und passt damit bestens auf 'die Gans' oder Geflügel allgemein. Wacholder und Speck sind das klassische Würzpaar für fettes Geflügel und Wild; den Wacholder kennen wir aus diesem Manuskript schon als Namensgeber der Wacholderdrossel (rfk-053). Wer 056 und 057 zusammen liest, hat Braten plus Füllung als Einheit.

Das 'sij'-Rätsel. Der mit '?!' angestrichene Bezug ist deshalb unklar, weil das Rezept nur die Füllung beschreibt und das zu füllende Gericht nicht ausdrücklich nennt - typisch für die knappe, an Vorwissen anknüpfende Rezeptsprache. Wir lesen sij als das zu füllende Gericht (am wahrscheinlichsten ein Bratvogel wie die Gans aus rfk-056). Die doppelte Nennung von Speck und Petersilie ist keine zweite, getrennte Zutatenliste, sondern die lockere, aufzählende Art des Schreibers: Es bleibt eine einzige Füllung.

Grüne Birnen. Gemeint sind unreife, feste, säuerliche Birnen (`beren`) - die CoReMA-Sachglossierung (Böhm/Klug 2021, Wikidata Q13099586 „Birne") und Ehlerts gedruckte Übersetzung stimmen hier überein. Eine frühere Fassung dieses Rezepts las `beren` als „grüne Beeren" (Stachel-/Johannisbeeren) - diese Lesart wurde 2026-07-15 korrigiert. Ihre Funktion bleibt dieselbe: die Säure der unreifen Frucht balanciert das fette Speck-Geflügel aus - dieselbe herb-saure Logik, die schon den Saucen-Block rfk-053 bis rfk-056 prägt.

Praxis. Speck fein würfeln, Zwiebeln und Petersilie hacken, Wacholderbeeren leicht andrücken, unreife grüne Birnen (klein gewürfelt) untermischen. Alles vermengen und das Geflügel (oder ein anderes Gericht) damit füllen. Ungebunden bleibt die Füllung locker; wer mag, gibt etwas eingeweichtes Weißbrot dazu, damit sie besser zusammenhält.

Was sind 'grüne Birnen' und wo bekomme ich sie?

Gemeint sind unreife, noch feste und säuerliche Birnen - keine bestimmte Sorte, sondern ein Reifegrad. Im Spätsommer/Frühherbst frühzeitig geerntete oder noch unreif vom Baum/Wochenmarkt gekaufte Birnen funktionieren gut; sie bringen die Säure, die das fette Speck-Geflügel ausbalanciert.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist hervorragend für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind robust und gut lagerbar, die Zubereitung erfordert lediglich Schneiden und Mischen.

Was bedeutet ‚sij' im Rezept?

‚Sij' ist ein mittelhochdeutsches Pronomen und bedeutet ‚sie'. Im Kontext dieses Rezepts bezieht es sich auf das Gericht, das mit der beschriebenen Füllung gefüllt werden soll, welches im Rezept selbst nicht explizit genannt wird.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Rheinfränkisches Kochbuch (~1445, Mittelrhein). Sammlung von 76 Koch- und Backrezepten in rheinfränkischer Mundart, entstanden um 1445. Schwerpunkt Fastenspeisen: Krapfen, Fladen aus Fischrogen, Fasten-Schauspeisen (z.B. ein aus Fisch geformtes Rebhuhn-Imitat). Überliefert als Teil des astrologisch-astronomischen Sammelbands Ms. germ. fol. 244 der Staatsbibliothek zu Berlin (fol. 285r-294v). Akademisch erschlossen seit 2021 in der CoReMA-Edition (Böhm/Klug, Universität Graz, FWF-Projekt) als hyperdiplomatische Transkription. Die Fyndling-Edition ergänzt diese akademische Erschließung um die kulinarische Dimension: moderne Übersetzung, Zutaten-Listen mit Bezugsquellen, FAQ zur Zubereitung und Scan-Anzeige im Browser - damit erstmals als praktische Edition für Hobby-Köche und mediävistisch interessierte Laien.

Wber ein fulle nym specke vnd grune beren vnde wacholteren vnd petersilige gehackit vnd fulle sij mit czwibollen vnd peter silgen vnde speck adir wo mit du wilt
fulle

Das mittelhochdeutsche Wort ‚fulle' kann sowohl ‚Füllung' als Substantiv als auch ‚fülle' als Imperativ des Verbs ‚füllen' bedeuten. Hier ist es im Kontext des Titels als Substantiv ‚Füllung' zu verstehen, im weiteren Text als Verb.

grune beren

Unreife, feste, säuerliche Birnen. Die CoReMA-Sachglossierung (Böhm/Klug 2021, Wikidata Q13099586 „Birne") und Ehlerts gedruckte Übersetzung lesen `beren` hier übereinstimmend als Birne, nicht als Beere. Ihre Aufgabe ist die Säure, die das fette Speck-Geflügel ausbalanciert.

wacholteren

Wacholderbeeren - das klassische Würzpaar zum Speck für fettes Geflügel und Wild. Derselbe Wacholder gibt im selben Manuskript der ‚Wacholderdrossel' (rfk-053) ihren Namen.

sij

Das Pronomen ‚sij' (sie) bezieht sich auf das zu füllende Gericht, das im Rezept selbst nicht genannt wird. Da rfk-057 direkt hinter dem Gänse-Rezept rfk-056 steht und feminin/plural ‚sie' ist, ist am wahrscheinlichsten die Gans bzw. Geflügel gemeint.

Handschrift
Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v)
Folio
Fol. 292v
Sprache
Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)
Entstehung
Mittelrhein, 1445

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsij

Gewählte Lesart: ‚sij' (sie) ist das zu füllende Gericht - am wahrscheinlichsten die Gans aus dem unmittelbar vorhergehenden Rezept rfk-056 bzw. Geflügel allgemein. Dafür sprechen die Stellung direkt hinter dem Gänse-Rezept, das grammatische feminin/plural ‚sie' und das Wacholder-Speck-Profil, das klassisch zu fettem Geflügel gehört.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚sij' meint die Füllung selbst, die mit weiteren Zutaten angereichert wird. - Weniger plausibel: ‚fülle sie mit' bezeichnet üblicherweise das Befüllen eines Behältnisses/Bratens, nicht das Anreichern einer Masse.

Lesartspecke ... vnd fulle sij mit czwibollen vnd peter silgen vnde speck

Gewählte Lesart: Alle genannten Zutaten bilden eine einzige Füllung. Die doppelte Nennung von Speck und Petersilie ist die lockere, aufzählende Art des Schreibers, keine zwei getrennten Zutatenlisten.

Andere mögliche Lesart:

  • Die erste Liste ist die Grundfüllung, die zweite Liste sind zusätzliche Komponenten beim Füllen. - Möglich, aber gekünstelt: Speck und Petersilie tauchen in beiden ‚Listen' auf, was gegen eine bewusste Trennung spricht. Wahrscheinlicher ist eine redundante Aufzählung derselben Mischung.

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 292v, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), fol. 285r-294v - Public Domain Mark 1.0 (Digitalisierung 2014, gefördert durch DFG) Quelle öffnen
Transkription
Primäre wissenschaftliche Vergleichs-Edition: Böhm, A. & Klug, H. W. (2021): CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, ms. B1 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. fol. 244). Hyperdiplomatische Transkription, Universität Graz, FWF I 3614, hdl:11471/562.10.1791, CC BY 4.0. Zusätzlich: Thomas Gloning, Sample-Edition (Universität Gießen, rfk1.htm) mit den ersten 5 Rezepten. Volltext-Print-Edition Adelmann/Ehlert/Gloning 1998 (Auer Verlag, ISBN 3-403-03131-4, Tupperware-Stiftungsausgabe, vergriffen). Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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