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Süß-saure Pfefferbrot-Sauce (Vorfahr der Lebkuchensauce)

Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v) · Mittelrhein · 1445

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10BrotBrot / BackwerkHöfische KücheHofkücheVegetarischVegetarisch
Zubereitungszeit20 Min.Portionen4-6 Personen (als Sauce)BuchRheinfränkisches Kochbuch (~1445)

Nimm Essig, Wein, Honig und Pfefferbrot. Stoße alles untereinander und schlage es durch ein Tuch. Mache es dünn, würze es und lass es aufkochen. Gib es kalt, wenn du willst. Nimm gesottenen oder gebratenen Fisch, Fleisch oder Wildbret dazu.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
eszig Essig - -
wyn Wein - -
honig Honig - -
pefferbrot Pfefferbrot (Pfefferkuchen) - Ungeglaster Lebkuchen / Pfefferkuchen (der genuine Erbe) oder ein kräftig mit Pfeffer, Ingwer, Nelken und Zimt gewürztes dunkles Roggenbrot
wurcze isz Gewürze - -

Welches Gericht ist das? Eine vielseitige süß-saure Würzsauce - im mittelalterlichen Sinn ein Pfeffer: eine dunkle, mit Gewürzbrot gebundene Sauce zu Fisch, Fleisch oder Wild, wahlweise warm oder kalt serviert. Essig und Wein geben Säure, der Honig die Süße, das Pfefferbrot bindet und würzt zugleich. Damit ist dieses Rezept ein direkter Vorfahr der bis heute lebendigen deutschen Lebkuchensauce - jener mit Lebkuchen gebundenen, süß-sauren Soße, die klassisch zum Sauerbraten gehört.

Die dritte Sauce in Folge. rfk-055 schließt einen kleinen Saucen-Block des Manuskripts ab: rfk-053 (Leber-Brot-Sauce, herzhaft), rfk-054 (dieselbe Sauce süß mit Honig) und nun rfk-055 (Essig-Wein-Honig mit Pfefferbrot). Alle drei gehören zur mittelalterlichen Pfeffer-Familie - dicken, durch Brot oder Innereien gebundenen Würzsaucen - und werden über gebratenes oder gesottenes Fleisch, Wild oder Fisch gegeben. Wer 053-055 zusammen liest, hat ein komplettes kleines Saucen-Repertoire des Spätmittelalters.

Pfefferbrot - der Vorfahr des Lebkuchens. ‚Pfeffer' meinte im Mittelalter nicht nur schwarzen Pfeffer, sondern die ganze Gewürzmischung (Pfeffer, Ingwer, Nelken, Zimt, Muskat). Pfefferbrot bzw. Pfefferkuchen ist damit der direkte sprachliche und kulinarische Vorläufer des heutigen Lebkuchens. Als Ersatz eignet sich deshalb ungeglaster Lebkuchen oder Pfefferkuchen am besten - oder ein kräftig gewürztes dunkles Roggenbrot. Das Brot ist hier Bindemittel und Geschmacksträger in einem, lange bevor sich die Mehlschwitze (Roux) durchsetzte (vgl. die Brotbindung in rfk-053).

Süß-sauer und kalt servierbar. Das ausdrückliche gib isz kalt ab du wilt ('gib es kalt, wenn du willst') macht aus der Sauce auch eine kalte Beilage - eine Art mittelalterliches Relish zu kaltem Braten oder Fisch. Die süß-saure Achse (Honig gegen Essig und Wein) hat zahlreiche lebende Verwandte: die Lebkuchensauce zum Sauerbraten, die englische Cumberland-Sauce zu Wild, die italienische Mostarda di frutta.

Schreiber-Idiome. slage isz durch (durchschlagen = durch ein Tuch passieren) entspricht dem czuge isz dorch aus rfk-053; erwelle isz (aufkochen) begegnet ebenso in rfk-050 und rfk-051; wurcze isz ist die übliche offene Würzanweisung des Schreibers. Diese stehenden Wendungen ziehen sich durch den ganzen Manuskript-Abschnitt.

Praxis. Essig, Wein und Honig mit zerbröseltem Pfefferbrot (oder ungeglastem Lebkuchen) verrühren, glatt passieren, bei Bedarf mit etwas Brühe oder Wein dünner stellen, abschmecken, kurz aufkochen. Warm oder kalt zu gesottenem oder gebratenem Fisch, Fleisch oder Wild reichen. Das Verhältnis Essig zu Wein nach Geschmack - mehr Wein macht die Sauce milder, mehr Essig schärfer.

Was ist 'Pfefferbrot' und woher bekomme ich es?

Pfefferbrot ist ein kräftig gewürztes Brot, das als Bindemittel und Geschmacksträger für Saucen diente. ‚Pfeffer' stand dabei für die ganze Gewürzmischung (Pfeffer, Ingwer, Nelken, Zimt, Muskat), nicht nur für schwarzen Pfeffer. Pfefferbrot bzw. Pfefferkuchen ist der direkte Vorläufer des heutigen Lebkuchens - am einfachsten nimmst du daher ungeglasten Lebkuchen oder Pfefferkuchen. Alternativ würzt du ein dunkles Roggenbrot selbst kräftig mit Pfeffer, Ingwer, Nelken und Zimt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, dieses Rezept ist ein Goldstandard für die Lagerküche. Es ist schnell zubereitet (ca. 20 Minuten), benötigt nur einfache Utensilien (Topf, Mörser oder Schüssel, Sieb) und die Zutaten sind robust und benötigen keine Kühlung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Rheinfränkischen Kochbuch', das um 1445 verfasst wurde. Es gehört zu den ältesten erhaltenen Kochbüchern im deutschen Sprachraum und gibt Einblicke in die bürgerliche Küche des Spätmittelalters.

Welche Gewürze soll ich für die Sauce verwenden?

Das Rezept nennt keine spezifischen Gewürze außer dem Pfeffer im Brot. Typisch für die Zeit wären jedoch Pfeffer, Ingwer, Nelken, Zimt oder Muskat. Wähle eine Mischung, die dir schmeckt und zum Hauptgericht passt.

Nim eszig wyn vnd honig vnd pefferbrot vnd stoisz vnder ein ander vnd slage isz durch vnd mach isz dunne vnd wurcze isz vnde erwelle isz vnd gib isz kalt ab du wilt Nim fische adir fleische adir wiltbrait gesodens adir gebradens darczu
pefferbrot

Ein kräftig gewürztes Brot, das als Bindemittel und Geschmacksträger für Saucen diente. ‚Pfeffer' meinte hier die ganze Gewürzmischung (Pfeffer, Ingwer, Nelken, Zimt, Muskat), nicht nur schwarzen Pfeffer. ‚Pfefferbrot'/‚Pfefferkuchen' ist der direkte sprachliche und kulinarische Vorläufer des heutigen Lebkuchens - ungeglaster Lebkuchen oder Pfefferkuchen ist daher der genuine Ersatz, nicht nur eine Annäherung.

stoisz vnder ein ander

Dies bedeutet, die Zutaten miteinander zu zerstoßen oder zu vermischen, um eine homogene Masse zu erhalten.

slage isz durch

Die Sauce durch ein Tuch oder Sieb passieren, um eine feine, glatte Konsistenz zu erzielen.

wurcze isz

Die Anweisung, die Sauce allgemein mit Gewürzen abzuschmecken. Typisch für die Zeit wären Pfeffer, Ingwer, Nelken, Zimt oder Muskat.

erwelle isz

Die Sauce kurz aufkochen oder erwärmen, um die Aromen zu verbinden und die Konsistenz zu festigen.

Handschrift
Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v)
Folio
Fol. 292v
Sprache
Rheinfränkisch (Mittelhochdeutsch, Mittelrhein, ca. 1445)
Entstehung
Mittelrhein, 1445

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartpefferbrot

Gewählte Lesart: Gewürztes Brot (Pfefferkuchen) als Bindemittel und Geschmacksträger - der Vorläufer des heutigen Lebkuchens.

Andere mögliche Lesart:

  • Brot und Pfeffer als separate Zutaten. - Die Konjunktion ‚vnd‘ könnte hier auch eine Aufzählung von Brot und Pfeffer als Einzelzutaten bedeuten. Die Verwendung von ‚Pfefferbrot‘ als Kompositum ist jedoch in mittelalterlichen Rezepten für gewürzte Brote gut belegt und kulinarisch sinnvoller als die Zugabe von losem Pfeffer zu Brot.

Lesartwurcze isz

Gewählte Lesart: Die Anweisung, die Sauce allgemein mit Gewürzen abzuschmecken.

Originalwerk (~1445) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 292v, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 244 (um 1445), fol. 285r-294v - Public Domain Mark 1.0 (Digitalisierung 2014, gefördert durch DFG) Quelle öffnen
Transkription
Primäre wissenschaftliche Vergleichs-Edition: Böhm, A. & Klug, H. W. (2021): CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, ms. B1 (Berlin, Staatsbibliothek, Ms. germ. fol. 244). Hyperdiplomatische Transkription, Universität Graz, FWF I 3614, hdl:11471/562.10.1791, CC BY 4.0. Zusätzlich: Thomas Gloning, Sample-Edition (Universität Gießen, rfk1.htm) mit den ersten 5 Rezepten. Volltext-Print-Edition Adelmann/Ehlert/Gloning 1998 (Auer Verlag, ISBN 3-403-03131-4, Tupperware-Stiftungsausgabe, vergriffen). Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
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