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Kochbuch des Meisters Hans (Maister Hannsen des von Wirtenberg Koch)

Württemberg / Basel, 1460 · Frühneuhochdeutsch (alemannisch-schwäbisch, 1460)

Schichtkonfekt in sieben Farben, Schau-Gebäck ohne Feuer

Moderne Übersetzung

Ein ungewöhnliches Gebäck. Für dieses ungewöhnliche Schau-Konfekt benötigst du dünne, scheibenförmige Oblaten und eine süße, mit Zucker gerührte Grundmasse, ein weißes Mus (klassisch aus Mandeln, Reismehl oder Eiweiß), das du in sieben Portionen aufteilst und mit sieben verschiedenen Farben einfärbst. Jede Farb-Portion bekommt zusätzlich gute Gewürze.

Nimm vier Oblaten und bestreiche sie mit der ersten Farbe, die Mus-Schicht soll dünn sein, sonst quillt sie heraus. Lege die vier bestrichenen Blätter übereinander. Nimm dann die zweite Farbe, bestreich vier weitere Oblaten und lege sie auf die erste Schicht. Verfahre so mit allen sieben Farben, sodass jede Farbe vier Oblaten trägt und alle sieben Farb-Schichten übereinander liegen.

Sollte dir der Stapel zu klein sein, beginne mit der ersten Farbe wieder von vorn und arbeite die Reihe nochmal durch, bis die gewünschte Höhe erreicht ist.

Lege den fertigen Stapel auf einen Tisch oder ein Brett. Beschwere ihn mit zwei Ziegelsteinen und lasse ihn eine Nacht so unter Druck liegen, dadurch wird er hart, fest und kalt. Er soll süß sein, mit Zucker. So machst du ihn süß, wie du willst, und du kannst ihn aufbewahren, so lange du willst, oder weggeben, wann du willst.

Zum Servieren mit einem scharfen Messer in Scheiben schneiden, wie du willst, so siehst du die Farben in voller Pracht. Ein Gebäck ohne Feuer, und du sollst alle sieben Farben haben. Das kannst du das ganze Jahr über zubereiten, weil alle Zutaten ganzjährig verfügbar sind.

Zutaten

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
oblat die duenn vnd scheiblig sein dünne, scheibenförmige Oblaten - Backbedarf-Fachhandel, Online-Backbedarf (dünne Waffelblätter/Oblaten - nicht die dickeren Lebkuchen-Trägeroblaten aus dem Supermarkt) -
yeder farb - gelb Safran-Fäden, in warmem Wasser eingeweicht - gut sortierter Gewürzhandel, Online-Gewürzhandel ersatzweise Ringelblumenblüten oder Eigelb
yeder farb - rot rotes Sandelholz (saunders), alternativ historisch: Krapp (Färberröte) oder Alkannawurzel - Gewürzhandel (Sandelholz), Färbergewächs-Händler (Krapp) Kermes/Cochenille
yeder farb - grün frisch gepresster Petersilien-, Spinat- oder Mangoldsaft - Wochenmarkt, Supermarkt frisch gepresster Mangoldsaft
yeder farb - blau/violett Heidelbeer-, Holunder- oder Schwarze-Johannisbeer-Saft - Supermarkt, Reformhaus Kornblumen-Blütensaft (für Blau)
yeder farb - schwarz Rekonstruktion - der Text nennt nur „farb“. Zerstoßene Holzkohle mit Eiweiß ist als schwarzes Speisen-Farbmittel belegt; gerösteter Honig/verbrannte Brotkrume geben nur Braun. - Selbst herstellen aus Standard-Zutaten Kakao-Pulver oder Sepiapulver für tiefes Schwarz
yeder farb - rosa rote Rosenblütenblätter ausgekocht, oder verdünnter Krapp-Saft - Bio-Markt (Rosenblüten), Spezialhandel (Krapp) stark verdünntes rotes Sandelholz
yeder farb - weiß (Grundfarbe) eine der sieben Portionen bleibt ungefärbt als helle Schicht - - -
guotem gewurcz gute Gewürze - - -
zucker Zucker - - -

Zubereitungshinweis

Welches Gericht ist das? Ein hitzefreies Schau-Konfekt: dünne Oblaten, sieben Portionen einer süßen Grundmasse in sieben Farben eingefärbt, gestapelt und über Nacht unter Ziegelstein-Gewicht gepresst, dann in Scheiben geschnitten, damit der farbige Schichtquerschnitt sichtbar wird. Weder die Oblaten (die wie Hostien andernorts gebacken werden, nicht in diesem Rezept) noch das Mus (das nirgends erhitzt wird) durchlaufen in diesem Prozess selbst einen Backschritt - daher "gepachens an fewr", ein Gebäck ohne Feuer. Die konkrete lebende Verwandtschaft sind heutige Neapolitanerschnitten: dünne Waffelblätter mit mehreren Cremeschichten, kalt zusammengepresst statt gemeinsam gebacken - kein Backwerk trotz des Namens, sondern reine Press-Konditorei.

Die Grundmasse. Der Text nennt nur „ain weiss muos“ mit Zucker, ohne genaue Zusammensetzung. Klassisch kommen dafür Mandeln, Reismehl oder Eiweiß in Frage - alles Basen, die sich zu einer streichfähigen, süßen Paste verarbeiten lassen. Diese eine Grundmasse wird in sieben Portionen geteilt, erst danach kommen die Farben hinzu.

Die Farben. Der Text selbst nennt an keiner Stelle, welche Farbmittel verwendet wurden - nur das abstrakte Wort „farb“, sieben Mal. Für den Nachkoch bieten sich period-treue pflanzliche Farbquellen an, etwa Safran für Gelb oder Petersiliensaft für Grün; das bleibt aber eine moderne Rekonstruktion, keine Angabe aus der Quelle.

Das Schichten. Jede der sieben Farb-Portionen bestreicht dünn vier Oblaten, die dann übereinandergelegt werden; danach folgt die nächste Farbe. Der Text warnt ausdrücklich, die Füllung nicht zu dick aufzutragen, sonst quillt sie beim späteren Pressen seitlich heraus - reine Mechanik, keine Kochtechnik. Wird der Stapel zu niedrig, wiederholt man die Farbreihe von vorn.

Das Pressen. Der fertige Stapel kommt auf ein Brett, wird mit zwei Ziegelsteinen beschwert und bleibt eine Nacht so liegen. Dadurch wird er fest; kalt ist er schlicht, weil er über Nacht an einem ungeheizten Ort liegt, nicht weil das Pressen selbst kühlt. Das Gewicht hat zwei Aufgaben: Es presst die Luft aus den Schichten, sodass Oblaten und Mus fest aneinanderhaften statt lose übereinanderzuliegen, und es drückt Feuchtigkeit aus dem Mus in die trockenen Oblaten, die sie aufsaugen - genau wie bei modernen Neapolitanerschnitten oder Waffeltorten, die ebenfalls durch Auskühlen und Anpressen fest werden, nicht durch Backen. Zusätzlich verfestigt sich die zuckerreiche Grundmasse beim Auskühlen selbst etwas, ähnlich wie erkaltende Zuckermassen oder Marzipan fester werden.

Praxis. Nachkochbar mit gekauften dünnen Waffelblättern oder Oblaten aus dem Backbedarf-Fachhandel (nicht die dickeren Lebkuchen-Trägeroblaten aus dem Supermarkt, die für einen anderen Zweck gedacht sind); als Grundmasse eignet sich eine einfache Mandel-Zucker-Paste. Für die Farben reichen kleine Mengen konzentrierter Säfte oder Pulver, damit die Konsistenz nicht zu stark verdünnt wird. Statt der Ziegelsteine tut es ein schwerer Topf oder ein Backstein, gepresst über Nacht an einem kühlen Ort. Zum Schneiden ein scharfes, dünnes Messer verwenden, damit die Schichten im Anschnitt saubere Linien zeigen.

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