Mondseer Kochbuch (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1))
Wildschweinkopf mit höllischen Flammen
Moderne Übersetzung
Willst du einen Wildschweinkopf zubereiten, sodass höllische Flammen daraus fahren, so siede ihn zuerst auf der Stelle. Wenn er gesotten ist, nimm ihn heraus und röste ihn schön, bis er braun wird.
Schneide ihn würfelförmig ein, sodass er noch ganz bleibt. Bestreue ihn außen überall mit Ingwer. Nimm eine Sauce in eine Schüssel voll gebrannten Weins und Ingwer darin. Schütte die Hälfte davon in den Hals des Kopfes und träufle die andere Hälfte außen darum.
Nimm ein trockenes Stück Brot, so groß wie eine Nuss, und mache ein kleines Loch mitten hinein. Tue ein glühendes Zündmaterial hinein, so groß wie eine Bohne. Wenn du den Kopf servieren willst, so stoße Nüsse in den Hals hinein und sperre ihm das Maul mit einem roten Apfel auf.
Lass ihn fest hintragen. Wenn man ihn anrührt und essen will, so entzündet er sich von dem Wein und dem Zündmaterial, sodass höllische Flammen daraus fahren, grün und blau. Er schmeckt wie ein Veilchen und ist prächtig anzusehen.
Zutaten
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| eins wildens Swein choppf | 1 Wildschweinkopf | Metzger, Wildhändler | Frischer Schweinekopf vom Metzger |
| ymber | Ingwer | - | - |
| geprancz wein | Branntwein | Supermarkt | Hochprozentiger Alkohol (z.B. Rum, Wodka) |
| ein durr pratt sain | Trockenes Brot | - | Ein nussgroßes Stück altbackenes Brot |
| ein glinden bisling | Glühendes Zündmaterial | Outdoor-Geschäft (Zunderpilz, Feuerstarter) | Ein Stück Baumwolle, getränkt in Salpeterlösung und getrocknet |
| nuß | Nüsse | - | - |
| ein rotten appffel | 1 roter Apfel | - | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Dies ist kein Alltagsgericht, sondern ein Schauessen (entremet) für die Festtafel - vergleichbar mit den englischen sotelties oder den „Wundergerichten“ der spätmittelalterlichen Hofküche: ein Wildschweinkopf, der bei Tisch scheinbar von selbst Feuer speit. Der lebende Nachfahr dieses Prinzips ist die moderne Tisch-Flambage (Crêpes Suzette, Feuerzangenbowle) - Alkohol plus versteckte Zündquelle als Spektakel am Tisch. Verwandt ist auch die Familie der feuerspeienden Schaugerichte aus Pastetenteig (Drachen, Pfauen), die demselben Grundprinzip folgen: verstecktes Glutmaterial und hochprozentiger Alkohol ergeben Spektakel, keine echte Magie. Der Wildschweinkopf selbst - gesotten, geröstet, mit Nüssen im Rachen und Apfel im aufgesperrten Maul - steht in der bekannten Tradition des herrschaftlichen „Boar's Head“-Festgerichts, hier aber ganz zur Bühnenrequisite für den Flammeneffekt umfunktioniert.
Was ist das Zündmaterial? Der Zwillingstext mha-231 (Meister Hans, Basel, um 1460) überliefert nahezu denselben Ablauf und benennt den Zündkörper explizit als glühenden, haselnussgroßen Kieselstein, den man in ein nussgroßes Stück trockenes Brot steckt. Das stützt die Lesart „glühendes Zündmaterial“ und liefert eine konkrete Vorstellung: ein erhitzter Stein oder ähnlicher Glutträger, kein Zunderpilz im eigentlichen Sinn. Der Mondseer Text bemisst den Stein selbst mit „so groß wie eine Bohne“ (CoReMA glossiert „pann“ hier ausdrücklich als Ackerbohnen-Vergleich, nicht als Pfannkuchen) - eine ähnliche Größenordnung wie der haselnussgroße Stein im Basler Zwilling, nur mit einem anderen Vergleichsobjekt.
Praxis. Den Wildschweinkopf zunächst sieden, dann im Ofen rösten, bis die Haut braun ist. Anschließend würfelförmig einschneiden, ohne das Fleisch zu durchtrennen - das hält die Form für die spätere Inszenierung zusammen und vergrößert die Oberfläche für die Ingwerkruste. Außen großzügig mit Ingwer bestreuen. Eine Mischung aus hochprozentigem Alkohol (Rum oder Doppelkorn als heutiges Äquivalent zum Branntwein) und Ingwer zur Hälfte in den Hals gießen, die andere Hälfte außen aufträufeln. Ein nussgroßes Stück trockenes Brot mit einem kleinen Loch versehen und darin einen stark erhitzten, haselnussgroßen Stein platzieren - dieser hält die Glut lange genug, um den Alkohol beim Anzünden am Tisch sicher zu entzünden. Der Originaltext beschreibt es so, als entzünde bereits das bloße Berühren des Kopfes die Flammen - tatsächlich ist es der vorbereitete, glühende Stein, der beim Kontakt mit dem alkoholgetränkten Brot zündet, keine durch Berühren ausgelöste Reaktion. Vor dem Servieren Nüsse in den Hals stecken und einen roten Apfel ins aufgesperrte Maul klemmen. Die Flammenshow gehört ausschließlich ins Freie oder unter professionelle Brandschutzaufsicht - offener Alkohol-Flambé an der Festtafel ist eine ernstzunehmende Brandgefahr, kein Kinderspiel.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mon-085/
fyndling.de/rezepte/mon-085/