Mondseer Kochbuch (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1))
Ganzes Huhn im Glas
Moderne Übersetzung
Brühe das Huhn schön ab. Löse die Haut vom Hals beginnend vorsichtig zwischen Fleisch und Haut ab, und zwar vollständig bis zu den Füßen. Schneide die Füße ein wenig ab, sodass sie noch an der Haut hängen bleiben. Mache ein stumpfes Hölzlein und blase in die Haut; wo sie dabei zerbrochen ist, nähe sie zusammen.
Nimm dann einen Fuß und stoße ihn in das Glas, danach den anderen. Nimm dann das stumpfe Hölzlein und stoße die Haut Stück für Stück hinein. Wenn du die Haut bis zum Hals hineingestoßen hast, halte den Hals oben, stülpe die Haut über das Glas und binde es dann mit einem Faden zu.
Nimm dann das Huhn und gib es in eine Fleischbrühe, lass es sieden. Wenn es dann gar gekocht ist, hacke Eier, Salbei und Petersilie fein und mische es mit Gewürzpulver, und blase in das Glas, sodass sich die Hühnerhaut darin öffnet. Fülle dann die Füllung hinein.
Wenn die Haut voll ist, verschließe sie gut, damit sie nicht ins Glas fällt und auch kein Wasser eindringen kann. Decke es dann zu und lass es sieden. So wird es sich im Glas strecken, sodass man seine Flügel, seinen Hals, seine Füße und seine ganze Gestalt sehen kann.
Zutaten
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| huenn ganczen | 1 ganzes Huhn | Metzger, Supermarkt | - |
| chraclas clas | 1 Glasgefäß | - | Hitzebeständiges Glasgefäß (z.B. Einmachglas mit weitem Hals) |
| stumphacz holczlin | Stumpfes Holzstäbchen | - | - |
| vaden | Faden | Supermarkt | - |
| air | Eier | - | - |
| saluan | Salbei | - | - |
| pettersill | Petersilie | - | - |
| guecz stupp | Gewürzpulver | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | Pfeffer, Ingwer, Zimt, Nelken |
Zubereitungshinweis
Kuriosum, kein Nachkoch-Rezept. Ein extravagantes Schau-Huhn für die Tafel - aufwendig, halb illusionär und nichts, was man heute ernsthaft nachkocht. Das Huhn wird gehäutet, die leere Haut in ein Glas hineingestoßen und so gegart, dass sie sich darin wieder zur ganzen, prallen Vogelgestalt streckt.
Die Technik. Das gebrühte Huhn vorsichtig zwischen Haut und Fleisch lösen, die Haut ganz abziehen (bis zu den Füßen, deren Knochen man kappt). Mit einem stumpfen Hölzchen in die Haut blasen, um sie aufzublähen - dabei entstehende Risse zunähen. Dann die Haut mit demselben Hölzchen in das Glas hineinstoßen, Füße zuerst, bis nur noch der Hals herausschaut; den Halsrand über die Glasöffnung stülpen und mit Faden festbinden. Das Fleisch separat in Fleischbrühe sieden, mit gehackten Eiern, Salbei und Petersilie zu einer Farce verarbeiten und mit Gewürzpulver würzen. Nochmals in das Glas blasen, damit sich die Haut öffnet, dann die Farce einfüllen und die Haut oben dicht verschließen. Verschlossen im Topf mit Wasser garen - die gefüllte Haut streckt sich dabei im Glas, sodass Flügel, Hals, Füße und die ganze Gestalt wieder sichtbar werden.
Drei Textzeugen, ein Verfahren. Dieselbe Anleitung findet sich nahezu wortgleich in Huhn im Glas, als Schaugericht (Regensburg) und im fragmentarischen Huhn im Glasgefäß (Meister Eberhard). Der Vergleich klärt zwei Mondsee-eigene Unschärfen: das hier zunächst als „formen“ gelesene plast/plas ist tatsächlich „blasen“ (beide Zwillinge haben an der Parallelstelle unzweideutig plos/plas), und die Schluss-Formulierung pottich (Gestalt/Körper) ist mit meb-018 zusammen die Mehrheitslesart gegenüber dem vereinzelten vermugen in m5919-001.
Schaustück - oder Scherzrezept? Nichts zum Nachkochen. Entweder maßlose Tafel-Angeberei (ein „wiederbelebtes“, neu in Form gegartes Huhn) - oder ein Prahl-/Unmöglich-Rezept: ein ganzes Huhn im Glas, das man weder herausbekommt noch daraus essen kann. Wir geben es als historisches Kuriosum wieder, ohne einen praktikablen Trick zu erfinden.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mon-126/
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