Das Kochbuch der Maria Stenglerin (Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen)
Karamellisierte Jakober-Äpfel vom Rost
Moderne Übersetzung
Wenn du eine gute Apfelspeise machen willst, in einer Schüssel: Nimm gute Jakober[-Äpfel], schäle sie und schneide sie in feine dünne Schnitzchen. Gib heißes Schmalz in eine Zinnschüssel und stelle sie auf einen Rost mit einer Glut darüber. Gib Zucker auf den Boden der Schüssel und gestoßene Zimtstangen darauf. Gieße oft heißes Schmalz darüber und lasse es dann wieder absengen, bis es braun wird. So ist es bereit.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| gut Jacober ſchels | Jakober-Äpfel | - | Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt (saisonabhängig) | Feste, säuerliche Äpfel wie Boskoop oder Elstar |
| ain Haiſs ſchmaltz | Heißes Schmalz | - | Metzger, Supermarkt | Butterschmalz oder Pflanzenöl für eine vegetarische Variante |
| Zuckers | Zucker | - | - | - |
| Rerla | Zimtstangen, gestoßen | - | Supermarkt, Gewürzhandel | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Dünn geschnittene Apfelschnitzchen werden in einer Zinnschüssel mit Schmalz und Zucker unter Ober- UND Unterhitze karamellisiert und gebräunt - kein Mus im Sinn von zerkochtem Brei, auch wenn der Buchtitel genau das verspricht. Am ehesten vergleichbar mit heute bekannten karamellisierten Apfelspalten, etwa als Tarte-Tatin-Belag oder warmes Apfel-Zimt-Dessert - die Äpfel garen frei in der Schüssel auf dem Rost.
Der fehlende Schälschritt. Der Text nennt drei Arbeitsschritte hintereinander: ‚nimb gut Jacober ſchels, ſchneid feine dinne ſchnitzlen‘ - ‚schels‘ ist dabei nicht Teil des Apfelnamens, sondern der Imperativ ‚schäle sie‘. Zwei Zwillingsrezepte im Korpus (saw-140, saw-073) zeigen exakt dasselbe Muster ‚nim [Frucht], schäle sie, schneide...‘. Die Äpfel werden also vor dem Schneiden geschält - küchentechnisch relevant, weil geschälte Schnitzchen gleichmäßiger bräunen und karamellisieren als ungeschälte.
Die Ober- und Unterhitze-Konstruktion. Die Zinnschüssel steht auf einem Rost über dem Feuer, zusätzlich liegt Glut auf einem weiteren Rost darüber - im Ergebnis eine Art Salamander- oder Grillwirkung von beiden Seiten zugleich. Zinn leitet Wärme gut, was die Methode am offenen Feuer praktikabel macht. Wie stark und wie lange diese Glut von oben brennen soll, sagt der Text nicht - ‚bis es praun wuͤrt‘ benennt nur das Ergebnis. Der Wortlaut setzt dem Bräunen keine erkennbare Grenze, sodass ein beherztes Übergaren offenbar kein Problem war, das die Zeit benannt hätte.
Praxis. Äpfel schälen und in feine, dünne Schnitzchen schneiden. Heißes Schmalz in eine schwere Pfanne oder einen Topf geben, auf einen Rost über die Glut stellen. Zucker auf den Boden geben, gestoßene Zimtstangen darüberstreuen, dann die Apfelschnitzchen einlegen - der Originaltext springt hier elliptisch vom Zucker direkt zum Übergießen, ohne diesen Schritt eigens zu benennen. Wiederholt mit heißem Schmalz übergießen. Für die Oberhitze eignet sich moderne Ersatzweise der Grill-/Oberhitzemodus des Backofens oder ein Deckel mit eigener Glut darauf. Mit moderater Glut arbeiten und den Bräunungsgrad regelmäßig prüfen, damit die Zuckerkruste nicht verbrennt, bevor die Äpfel fertig sind.
⚠️ Nicht in echtem Zinngeschirr nachkochen. Der Text nennt eine Zinnschüssel ohne jede Materialwarnung, aber die Kombination ist heikel: Zinn schmilzt legierungsabhängig schon ab ca. 170-230°C, die hier beschriebene Ober- und Unterhitze mit Glut liegt für eine Zuckerkaramellisierung in genau diesem Bereich. Dazu kommt die Säure der Äpfel, die aus historischen, oft bleihaltigen Zinnlegierungen Blei lösen kann. Für den Nachbau eignet sich stattdessen hitzebeständiges, unbedenkliches Geschirr aus Edelstahl oder Gusseisen - am Material hängt hier nichts historisch Wesentliches, das Prinzip der Ober-/Unterhitze bleibt gleich.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mst-022/
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