Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Wenn du eine gute Apfelspeise machen willst, in einer Schüssel: Nimm gute Jakober[-Äpfel], schäle sie und schneide sie in feine dünne Schnitzchen. Gib heißes Schmalz in eine Zinnschüssel und stelle sie auf einen Rost mit einer Glut darüber. Gib Zucker auf den Boden der Schüssel und gestoßene Zimtstangen darauf. Gieße oft heißes Schmalz darüber und lasse es dann wieder absengen, bis es braun wird. So ist es bereit.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| gut Jacober ſchels | Jakober-Äpfel | - | Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt (saisonabhängig) | Feste, säuerliche Äpfel wie Boskoop oder Elstar |
| ain Haiſs ſchmaltz | Heißes Schmalz | - | Metzger, Supermarkt | Butterschmalz oder Pflanzenöl für eine vegetarische Variante |
| Zuckers | Zucker | - | - | - |
| Rerla | Zimtstangen, gestoßen | - | Supermarkt, Gewürzhandel | - |
Welches Gericht ist das? Dünn geschnittene Apfelschnitzchen werden in einer Zinnschüssel mit Schmalz und Zucker unter Ober- UND Unterhitze karamellisiert und gebräunt - kein Mus im Sinn von zerkochtem Brei, auch wenn der Buchtitel genau das verspricht. Am ehesten vergleichbar mit heute bekannten karamellisierten Apfelspalten, etwa als Tarte-Tatin-Belag oder warmes Apfel-Zimt-Dessert - die Äpfel garen frei in der Schüssel auf dem Rost.
Der fehlende Schälschritt. Der Text nennt drei Arbeitsschritte hintereinander: ‚nimb gut Jacober ſchels, ſchneid feine dinne ſchnitzlen‘ - ‚schels‘ ist dabei nicht Teil des Apfelnamens, sondern der Imperativ ‚schäle sie‘. Zwei Zwillingsrezepte im Korpus (saw-140, saw-073) zeigen exakt dasselbe Muster ‚nim [Frucht], schäle sie, schneide...‘. Die Äpfel werden also vor dem Schneiden geschält - küchentechnisch relevant, weil geschälte Schnitzchen gleichmäßiger bräunen und karamellisieren als ungeschälte.
Die Ober- und Unterhitze-Konstruktion. Die Zinnschüssel steht auf einem Rost über dem Feuer, zusätzlich liegt Glut auf einem weiteren Rost darüber - im Ergebnis eine Art Salamander- oder Grillwirkung von beiden Seiten zugleich. Zinn leitet Wärme gut, was die Methode am offenen Feuer praktikabel macht. Wie stark und wie lange diese Glut von oben brennen soll, sagt der Text nicht - ‚bis es praun wuͤrt‘ benennt nur das Ergebnis. Der Wortlaut setzt dem Bräunen keine erkennbare Grenze, sodass ein beherztes Übergaren offenbar kein Problem war, das die Zeit benannt hätte.
Praxis. Äpfel schälen und in feine, dünne Schnitzchen schneiden. Heißes Schmalz in eine schwere Pfanne oder einen Topf geben, auf einen Rost über die Glut stellen. Zucker auf den Boden geben, gestoßene Zimtstangen darüberstreuen, dann die Apfelschnitzchen einlegen - der Originaltext springt hier elliptisch vom Zucker direkt zum Übergießen, ohne diesen Schritt eigens zu benennen. Wiederholt mit heißem Schmalz übergießen. Für die Oberhitze eignet sich moderne Ersatzweise der Grill-/Oberhitzemodus des Backofens oder ein Deckel mit eigener Glut darauf. Mit moderater Glut arbeiten und den Bräunungsgrad regelmäßig prüfen, damit die Zuckerkruste nicht verbrennt, bevor die Äpfel fertig sind.
⚠️ Nicht in echtem Zinngeschirr nachkochen. Der Text nennt eine Zinnschüssel ohne jede Materialwarnung, aber die Kombination ist heikel: Zinn schmilzt legierungsabhängig schon ab ca. 170-230°C, die hier beschriebene Ober- und Unterhitze mit Glut liegt für eine Zuckerkaramellisierung in genau diesem Bereich. Dazu kommt die Säure der Äpfel, die aus historischen, oft bleihaltigen Zinnlegierungen Blei lösen kann. Für den Nachbau eignet sich stattdessen hitzebeständiges, unbedenkliches Geschirr aus Edelstahl oder Gusseisen - am Material hängt hier nichts historisch Wesentliches, das Prinzip der Ober-/Unterhitze bleibt gleich.
Jakober-Äpfel sind eine alte, frühreife Apfelsorte, die um den Jakobstag (25. Juli) reif wird. Sie sind bekannt für ihre feste Textur und oft säuerlichen Geschmack, was sie ideal zum Braten und Karamellisieren macht. Im Rezept werden sie zuerst geschält und dann in dünne Schnitzchen geschnitten. Als moderne Alternative eignen sich andere feste, säuerliche Apfelsorten wie Boskoop, Elstar oder Granny Smith.
Diese Methode erzeugt Oberhitze. Die Zinnschüssel wird auf einen Rost über einer Feuerstelle platziert, und zusätzlich wird eine Schicht glühender Kohlen auf einen weiteren Rost über der Schüssel gelegt. Dies sorgt für eine gleichmäßige Bräunung und Karamellisierung von oben, ähnlich einem modernen Grill oder Salamander. Achte darauf, dass die Glut nicht zu heiß ist, um ein Verbrennen der Zuckerkruste zu vermeiden.
Ja, gut geeignet. Die Zutaten sind robust und benötigen keine besondere Kühlung. Die Zubereitung erfordert lediglich einen Rost und Glut, die auch von oben auf die Zinnschüssel gelegt werden muss. Dies erfordert etwas Geschick bei der Hitzeregulierung, ist aber am Lagerfeuer gut umsetzbar.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Die ‚Jakober-Äpfel‘ sind eine alte, frühreife Apfelsorte, die um den Jakobstag (25. Juli) geerntet wird. Sie sind oft säuerlich und fest, was sie ideal zum Braten oder Karamellisieren macht. Die zugehörige Wikipedia-Verlinkung wurde entfernt: der frühere Link führte auf die französische Tafelapfelsorte ‚Jakob Lebel‘ (19. Jahrhundert), die mit dem hier gemeinten, dialektal breit belegten ‚Jakobsapfel/Jakoberapfel‘ nichts zu tun hat.
‚Schels‘ ist keine Endung des Apfelnamens, sondern der Imperativ ‚schäle‘ mit enklitischem Pronomen ‚-s‘ (=sie), wie in schwäbisch-alemannisch ‚gibs‘/‚machs‘. Belegt über BMZ (Benecke/Müller/Zarncke: ‚schel swv. schäle‘) sowie zwei Korpus-Zwillinge mit identischem Satzmuster ‚nim [Frucht] vnd schels vnnd schneid...‘: saw-140 (‚Nim gút epffel, schels vnnd schneidt 4 schnitz daraús‘) und saw-073 (‚nim biren vnd schels vnnd schneid dinne fledlen‘).
Der Fließtext derselben Datei schreibt eindeutig ‚oͤpffel muſs‘ (=Apfelmus).
Eine Schüssel aus Zinn, einem Metall, das gute Wärmeleiteigenschaften besitzt und im Mittelalter häufig für Kochgeschirr verwendet wurde. Die Lesart ist über den Korpus mehrfach abgesichert (vgl. ka1-052 'Zinnschüsseln', m5919-003 'zinene kandel', m384-015 'in czinny'). Praktisch ist das Material hier aber heikel: Zinn schmilzt legierungsabhängig schon ab ca. 170-230°C, und historisches Zinngeschirr enthielt häufig Blei, das durch Säure - hier die Äpfel - ausgelöst werden kann (vgl. die Warnung bei m5919-003).
Diese Anweisung beschreibt eine Kochmethode, bei der die Hitze nicht nur von unten, sondern auch von oben auf das Gericht einwirkt. Die Zinnschüssel wird auf einen Rost über einer Feuerstelle gestellt, und zusätzlich wird Glut auf einen weiteren Rost über der Schüssel gelegt. Dies erzeugt eine Art Oberhitze, ähnlich einem modernen Salamander oder Grill.
Bezeichnet hier Zimtstangen, die in dieser Zeit oft als ‚Röhrlein‘ oder ‚Rerla‘ bezeichnet wurden, da sie die Form kleiner Röhrchen haben. Bei Speiserezepten dieser Sammlung werden Zimtstangen durchgängig gestoßen verwendet, anders als bei Getränken.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| ain Haiſs ſchmaltz | animal fat Q1423543 |
| Zuckers | unrefined cane sugar Q57656231 |
| Rerla | cinnamon Q28165 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
abgeſechnet
Gewählte Lesart: ‚absengen‘ - Dies bezieht sich auf das Anbräunen oder leichte Verbrennen der Oberfläche durch die direkte Oberhitze der Glut, was zum gewünschten ‚braun werden‘ führt.
Andere mögliche Lesarten:
Hitze- und Säurebelastung der Zinnschüssel
Gewählte Lesart: Der Text nennt weder ein Materialrisiko noch eine Vorsichtsmaßnahme - Ober- und Unterhitze mit Glut direkt an einer Zinnschüssel voller säurehaltiger Äpfel wird ohne erkennbare Einschränkung beschrieben.
Andere mögliche Lesart:
Glutintensität beim Bräunen
Gewählte Lesart: Der Text nennt weder Zeit noch Temperatur für die Glut von oben - ‚bis es praun wuͤrt‘ beschreibt nur das gewünschte Ergebnis, nicht den Weg dahin.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 13.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.