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Solothurner Küchenmeisterei (Solothurn, Zentralbibliothek, Cod. S 490)

Oberdeutscher/alemannischer Sprachraum (Entstehungsort unbekannt, Schönherr vermutet Freiburg im Üechtland ohne Beleg); Handschrift heute Zentralbibliothek Solothurn, um 1487 · Frühneuhochdeutsch (alemannisch, vermutlich elsässisch, spätestens um 1487)

Gewürzwein zur Stärkung und Erwärmung

Moderne Übersetzung

Bereite dir ein kleines Fässchen vor.

Nimm allerlei gute Gewürze aus den Krämerläden, so viel, wie du für ausreichend hältst. Stoße sie fein in einem Mörser. Gib ebenso viel Zucker hinzu, wie Gewürze vorhanden sind.

Schütte alles in ein kleines Säckchen, das die Form eines langen Sacks hat. Hänge den Zipfel des Säckchens mit den Gewürzen in eine Kanne oder wohin du möchtest. Gieße guten Wein hinein und lass ihn zwei- oder dreimal durchseihen, damit der Wein die ganze Kraft der Gewürze in sich aufnimmt.

Gieße den Wein dann in das zuvor gut gereinigte Fässchen. Verschließe es sehr gut, damit die Kraft des Weins nicht entweicht. So hast du einen Wein, der dem verkälteten Leibe sicherlich natürliche Wärme zurückbringt und ihn kräftigt.

Zutaten

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ein win Wein - Supermarkt -
ein kleins feslin kleines Fass 1 Fasshandel, Online-Handel Große Glasflasche mit Bügelverschluss
allerlei guoter wurtz vss denn kramenn Verschiedene gute Gewürze - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel Zimt, Nelken, Ingwer, Kardamom
zucker Zucker - - Honig
ein secklin gemacht in einer gestalt eines langenn sacks langes Stoffsäckchen 1 Haushaltswarenladen, Online-Handel Teefilterbeutel, Mulltuch
ein kandel Kanne oder Krug 1 - -

Zubereitungshinweis

Welches Getränk ist das?

Kein Most, kein Honigwasser und keine Neuvergärung: Ein bereits fertiger, ausgegorener Wein wird kalt mit einer Gewürz-Zucker-Mischung aromatisiert. Die fein gestoßenen Gewürze werden mit gleich viel Zucker vermischt, in ein langes Säckchen gefüllt, dessen Zipfel in ein Gefäß mit Wein gehängt wird. Der Wein wird zwei- bis dreimal durch dasselbe Säckchen durchgeseiht, bis er die Kraft der Gewürze aufgenommen hat - danach wird er ins gereinigte Fässchen umgefüllt und fest verschlossen. Das ist die Machart, die später oft als Hippocras bezeichnet wurde (das Wort selbst steht nicht in diesem Text). Lebende, eher entfernte Verwandte sind Wermut/Vermouth und handelsübliche Glühwein-Ansätze - dort wird meist erhitzt, hier wird kalt gezogen.

Warum kein Kochschritt in der Zubereitung steht

Im gesamten Verfahren kommt kein Feuer, kein Sieden und keine Hefezugabe vor - vom Stoßen der Gewürze bis zum Verschließen des Fasses ist alles ein Kaltauszug. Ein früherer Zubereitungshinweis, das Getränk sei „im Topf am Feuer in 30 Minuten fertig", war durch den Transkripttext nicht gedeckt und wurde entfernt.

Was die Wirkungsaussage am Schluss bedeutet

Der Schlusssatz ordnet den fertigen Gewürzwein in die mittelalterliche Humoralpathologie ein: Er soll „verkälteten" Leibern - also Körpern mit Mangel an innerer Wärme - ihre natürliche Hitze zurückgeben und sie kräftigen. Das ist eine zeittypische Wirkungszuschreibung, keine geprüfte medizinische Aussage; die Übersetzung gibt sie deshalb wörtlich wieder, ohne sie in moderne Gesundheitssprache zu übertragen.

Für Metmacher: die Zahlen

Der Text nennt für Wein, Zucker und Gewürze keine einzige Maßzahl ("so vil als dich dunckt gnuog", "also uil der wurtzen ist") - jede absolute Mengenangabe wäre erfunden. Die folgende Tabelle rechnet daher nur die Parameter des eingesetzten Basisweins selbst durch, für zwei mögliche Fasslin-Größen an den Enden der Schätzung. Sie ist ein Modell aus Literaturwerten (must_model.rb), keine Messung an diesem Rezept.

VarianteZucker g/lSG (OG)°Oe°BrixSäure g/lABV
Fässchen, unteres Ende (~5,2-6,8 l / 4 Maß)2-50 (Restzucker Basiswein)1,001-1,0191-190,3-4,85,9-13,38,0-12,0 %
Fässchen, oberes Ende (~9,1-11,9 l / 7 Maß)2-50 (Restzucker Basiswein)1,001-1,0191-190,3-4,85,9-13,38,0-12,0 %

Die Werte sind für beide Fasslin-Größen identisch, weil Konzentrationen volumenunabhängig sind - nur die Fasslin-Größe selbst ist eine Schätzung (siehe unten). Der °Brix-Wert ist eine grobe Umrechnung aus der SG-Spanne, keine eigene Messgröße. Eine Gärverlaufs-Tabelle entfällt: Der Text beschreibt keine Neuvergärung, sondern einen bereits fertigen Wein, der nur gewürzt und versiegelt wird.

Unbelegte Annahmen in dieser Rechnung: - Alkoholgehalt des Basisweins (8-12 %) - für 1487 nicht belegt, nur ein plausibler Rahmen für einheimischen Landwein. - Restzucker/Süße des Basisweins - für einen Wein des 15. Jahrhunderts nicht belegt. - Die Fasslin-Größe ("ca. 5-10 Liter") stammt aus einer Serves-Schätzung, nicht aus dem Originaltext ("ein kleins feslin"). - Ob der eingesetzte Wein bereits vollständig durchgegoren ist oder noch Resthefe enthält, sagt der Text nicht.

Praxis

Die Menge von Zucker und Gewürzen bleibt im Text bewusst dem Ermessen überlassen ("so viel, wie du für ausreichend hältst") - eine 1:1-Mischung nach Volumen oder Gewicht ist ein plausibler Startpunkt und wird durch den Zwilling k1-166 gestützt, der dieselbe Formulierung fast wortgleich verwendet. Weil dicht verschlossen wird, ohne dass zuvor gekocht oder sterilisiert wurde, sollte das Fässchen nach dem Befüllen in den ersten Tagen beobachtet werden: Falls Resthefe im Wein oder im nur gereinigten (nicht sterilisierten) Fassholz eine ungewollte Nachgärung auslöst, baut sich in einem dicht verschlossenen Gefäß ohne Spundloch Druck auf.

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