Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4°
Weiße Streiblen, paarweise aufgesetzt
Moderne Übersetzung
Nimm das Eiweiß von den Eiern und entferne das Eigelb. Gib einen Löffel voll Wasser und Mehl hinzu und verrühre alles gut miteinander, bis es glatt ist. Gib Zucker in den Teig, sodass er sehr süß wird. Mache den Teig dicker als einen üblichen Streiblen-Teig und rühre ihn sehr gut.
Nimm ein kleines Häflein (ein Gefäß) und mache acht oder zehn Löcher hinein, die ungefähr eine bestimmte Weite haben (wie in der Skizze gezeigt). Gieße den Teig in das heiße Schmalz und forme lange Streifen, so breit wie die Pfanne ist. Gieße den Teig dünn ein. Nimm ein kleines, drei Finger breites Stäbchen; dieses Stäbchen muss gebogen sein, sodass man das gebackene Gut darüber biegen kann. Wende es damit um und nimm es damit heraus.
Wenn du das Gebäck herausnimmst, greife es mit der Hand und biege es über das Stäbchen, sodass es fast ganz zusammengeht. Setze es dann einzeln auf ein Brett. Wenn das Schmalz zu heiß wird, setze die Pfanne auf eine kühlere Stelle des Herds, damit das Gebäck nicht braun wird. Setze dann immer zwei Gebäckstücke gegeneinander in eine Schüssel, sodass sie die Höhe eines Zuckerhuts erreichen.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| das weiss von den Ayren | Eiweiß | - | - | - |
| den dottor dauon | Eigelb (entfernt) | - | - | - |
| ein leffell vol wasser | 1 Löffel Wasser | 1 EL | Leitung | - |
| mel | Mehl | - | - | - |
| ein zucker | Zucker | - | - | - |
| haiss schmaltz | Heißes Schmalz | - | Supermarkt, Metzger | Pflanzenöl (für eine vegetarische Variante) |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht/Konfekt ist das? Ein gezuckertes Schmalzgebäck: ein dünner Eiweiß-Wasser-Mehl-Teig wird durch ein kleines gelochtes Gefäß (Hafelin) in parallelen Strängen ins heiße Schmalz gegossen, über ein gebogenes Stäbchen geformt und zu einem "Zuckerhut" gestapelt. Das FWB belegt "Streiblen" direkt als Vorform von "Straube" - bis heute als bayerisch-österreichische "Strauben" (etwa zur Kirchweih) bekanntes Fettgebäck. Die heutige Alltagsform ist meist eine einzelne runde Scheibe pro Portion; die hier beschriebene Mehrfachstrang-Technik mit Lochgefäß und Zuckerhut-Stapelung ist eine aufwendigere, eigene Ausprägung.
Was ist das "Scheifelin"? Nicht, wie eine ältere Lesart annahm, ein Scheibchen oder eine dünne Platte: das Wörterbuchnetz führt "scheifelin" auf die Grundform "schiufelin" zurück, Diminutiv zu "schûfel" (=Schaufel) - also ein kleines, gebogenes Holzstäbchen. Der textnahe Zwilling saw-185 (Sabina Welserin, "Weiße Streiblen für Torten") bestätigt das unabhängig: an derselben Stelle im Verfahren steht dort ein "Heltzlin", ausdrücklich als kleines rundes Hölzchen geglosst, über das der warme Teigstreifen gerollt wird.
Warum die Pfanne herabsetzen? Wird das Schmalz zu heiß, wandert die Pfanne auf eine kühlere Stelle des Herds - nicht vom Feuer herunter -, damit das Gebäck weiß bleibt. Das passt zur ausdrücklichen Ansage "Weissen Streiblen": nur Eiweiß, kein Eigelb, vermeidet zusätzlich jede Gelbfärbung.
Praxis. Eiweiß mit Wasser und Mehl glattrühren, Zucker einrühren, den Teig etwas dicker anrühren als sonst für Streiblen üblich. Durch die 8-10 Löcher des Hafelin in langen Strängen (so breit wie die Pfanne) ins heiße Schmalz gießen. Noch warm und biegsam jeden Strang um das gebogene Stäbchen legen, bis er fast geschlossen ist, dann herausnehmen und einzeln auf ein Brett setzen. Wird das Schmalz zu heiß, die Pfanne an eine kühlere Stelle des Herds rücken. Zum Schluss je zwei Stücke gegeneinander stapeln, bis ein kegelförmiger "Zuckerhut" entsteht.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/wo10-109/
fyndling.de/rezepte/wo10-109/