Mondseer Kochbuch (Graz, Universitätsbibliothek, Ms. 1609 (CoReMA GR1))
Imitierte Fischeier aus Hechtbrät
Moderne Übersetzung
Willst du Fischeier zubereiten, so nimm das Brät von Hechten und stoße es in einem Mörser. Nimm danach Ingwer und erhitze das Brät, bis es dotterähnlich (wie kleine Dotter) wird.
Brich danach das Ei an beiden Enden auf und entnimm den Dotter. Bereite das gestoßene Brät mit guten Gewürzen zu und fülle es in die leeren Eierschalen. Lege die gefüllten Eierschalen in ein Gefäß [die Quelle sagt wörtlich »Mörser«] und erhitze sie noch einmal. Schäle sie danach, stecke sie auf einen Spieß, salze und brate sie so.
Zutaten
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| geprat von hechten | Hechtbrät | Metzger, Fischhändler | Brät von anderem festfleischigem Fisch (z.B. Zander) |
| ymber | Ingwer | - | - |
| ay | Eier | - | - |
| gburcz | Gewürze | - | Pfeffer, Zimt, Nelken, Muskat |
| salcz | Salz | - | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Ein spätmittelalterliches Schau-Ei: gewürztes Hechtbrät wird in echte, an beiden Enden geöffnete und entleerte Hühnereierschalen gefüllt, in der Schale gestockt, dann gepellt, aufgespießt, gesalzen und gebraten. Das Endprodukt sieht aus wie ein riesiges Ei beziehungsweise Fischei. Lebende Verwandtschaft: der direkte Vorfahr der gefüllten Eier, und ein Geschwister des als Rebhuhn geformten Fischbräts (ri15632-001) - dieselbe Lust an der Verwandlung gewöhnlicher Zutaten in ein optisch täuschendes Tafelstück.
Das Brät stammt vom Hecht, und das ist genau das richtige Material: mager, festfleischig, neutral genug fürs Würzen. Beim Stoßen im Mörser schließt das Fischeiweiß auf und wird bindefähig, sodass die Masse später formbar ist und in der Schale von selbst stockt - kein Fremdbinder, kein Ei und keine eingeweichte Semmel nötig.
Zweimal erhitzen. Die Quelle benutzt für beide Hitzeschritte dasselbe Wort (vber prenn / vber prens, also »überbrennen« im Sinne von erhitzen, anziehen lassen) - kein Übergießen mit Wasser, denn an dieser Stelle ist keine Flüssigkeit im Spiel. Beim ersten Mal zieht die gewürzte Masse leicht an, bis sie dotterfarben und fest genug zum Einfüllen ist. Beim zweiten Mal stockt die in die Schalen gefüllte Farce vollends durch, sodass sie sich schälen und aufspießen lässt. Ein Backofen ist nicht zwingend - das Stocken gelingt am offenen Feuer in Glut oder heißer Asche genauso.
Mörser oder Gefäß? Im zweiten Schritt steht in der Quelle abermals »Mörser«. Entweder ist tatsächlich ein standfester Steinmörser gemeint, in dem die Schalen aufrecht stehen und über Hitze stocken, oder es ist ein Schreiber-Echo des Mörsers aus dem ersten Satz (die Schwesterfassung nennt hier gar kein Gefäß). In der Praxis genügt jedes hitzebeständige Standgefäß, in dem die einseitig gefüllten Schalen aufrecht und unbeschädigt garen.
Praxis. Hechtfarce knapp würzen und glatt stoßen, leicht erhitzen bis sie anzieht. Eier an beiden Enden öffnen, ausblasen, Schale ausspülen und trocknen. Farce ohne Lufteinschlüsse einfüllen, die Schalen aufrecht in ein Standgefäß setzen und bei sanfter Hitze durchstocken (Glut, heiße Asche oder ein abgedeckter Topf am Feuer). Heikel ist das Schälen ohne die gestockte Füllung zu zerbröseln und das Aufspießen der noch weichen Masse - das ist filigrane Vorführ-Arbeit mit spürbarer Ausschussquote, kein Mengengericht. Zuletzt am Spieß scharf braten, das gibt Bräune und Röstaromen und macht aus dem Brät-»Ei« das fertige Schaustück.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mon-031/
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