Das Kochbuch der Maria Stenglerin (Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen)
Brühe über gekochtes Wildbret
Moderne Übersetzung
Nimm ein Stück Roggenbrot, das trocken ist, und wenn es geröstet ist, so weiche es in einen guten Wein. Gib ein Tröpflein Essig daran, passiere es durch ein Tuch oder Sieb.
Nimm einen Löffel oder drei voll Wildbret-Brühe, je nachdem wie dick du es gerne hast, und lass es gut sieden. Gib Zucker, Gewürznelken und gestoßene Zimtstangen daran, und auch eine Salse, damit es schwarz werde.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| ain proſmen Ruggins brot | Altbackenes Roggenbrot | - | Supermarkt | - |
| ain guten wein | Guter Wein | - | - | - |
| ain troͤpfflin eſſig | Ein Tröpflein Essig | - | - | - |
| wilbredt prie | Wildbret-Brühe | - | - | - |
| zucker | Zucker | - | - | - |
| negele | Gewürznelken | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| rerla | Gestoßene Zimtstangen | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| ain ſeltz | Eine Kirsch-Sülze | - | Selten fertig erhältlich - am ehesten aus eingekochten dunklen Kirschen oder Pflaumen selbst herstellen | Dunkles Kirsch- oder Pflaumenmus, ersatzweise ein dunkler Fruchtsirup |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Eine dickflüssige, süß-säuerliche, dunkel gewürzte Sauce für bereits gekochtes Wildbret - kein eigenständiger Brei und keine Pastete. Grundlage ist geröstetes und in Wein eingeweichtes Roggenbrot, mit einem Schuss Essig gesäuert und durch ein Tuch oder Sieb getrieben; die entstehende Brühe wird mit Zucker, Gewürznelken, gestoßenem Zimt und einer dunklen, wahrscheinlich fruchtigen Sülze geschwärzt und gesüßt. Lebende Verwandte sind die rheinische Sauerbraten-Soße (ebenfalls mit geröstetem Gebäck gebunden, süß-sauer und dunkel) und die Pfeffersauce-Tradition zu Wildbret. Im Buch steht das Rezept nicht allein: mst-040 (eine ähnliche Sauce für Schweinskopf oder Rehschlegel) gehört zur selben Saucenfamilie für gekochtes Fleisch.
Was mit »Brühe« gemeint ist. Der Titel übersetzte bislang fälschlich mit »Brei«. Das buchinterne Schwesterrezept mst-042 trägt die fast wortgleiche Titelformel »Ain prue vber die hauſen« - »Brühe über den Stör« - und zeigt, dass »vber« hier räumlich (»über«, nicht »für«) gemeint ist: Die Brühe wird ÜBER das servierte Wildbret gegeben, sie ist keine eigene Beilage-Speise. Die im Text erwähnte einstellbare Dicke (»wies du geren dick haſt«) passt zu einer sämigen Sauce, nicht zu einem festen Brei.
Was mit »Wildbret-Brühe« gemeint ist. Der Ausdruck bezeichnet keinen separat zu kaufenden Fleisch-Brei vom Metzger. Titel und Fließtext verwenden denselben Ausdruck für dieselbe Sache: die zu Beginn selbst hergestellte, geröstete, in Wein und Essig eingeweichte und durchgesiebte Brotmasse, hier nur noch einmal unter ihrem Verwendungszweck (»für das Wildbret«) genannt.
Die schwärzende Sülze. »Seltz« ist im Rezept vermutlich keine allgemeine dunkle Würzsoße, sondern eine Kirsch-Sülze oder ein eingekochtes dunkles Fruchtmus - so liest das Korpus dasselbe Wort in einem anderen Buch. Ein solches Fruchtmus würde die Sauce gleichzeitig schwärzen, süßen und leicht säuern. Ganz sicher ist diese Übertragung auf mst-055 noch nicht, da der Beleg aus einem anderen Buch stammt.
Praxis. Roggenbrot (am besten die Krume) rösten, bis es Farbe annimmt, dann in gutem Rotwein einweichen. Einen Schuss Essig zugeben und die Masse durch ein feines Sieb oder Tuch streichen. Einen bis drei Löffel dieser Brühe aufkochen und je nach gewünschter Dicke länger einkochen lassen. Zucker, Gewürznelken und gestoßenen Zimt einrühren, dazu die dunkle Fruchtsülze, bis die Sauce schwarz-braun und glänzend ist. Über bereits gekochtes, gut durchgegartes Wildbret geben - auf sichere Kerntemperatur des Fleischs achten, auch wenn der historische Begriff »gesotten« ohnehin ein längeres, durchgegartes Kochen meint.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/mst-055/
fyndling.de/rezepte/mst-055/