Das Kochbuch des Balthasar Staindl (Ein künstlichs vnd nutzlichs Kochbuch, vormahlens nie so leicht Mann vnd Frawen personen von jnen selbst zülernen ...)
Milde Weinbeer-Suppe für Kranke
Moderne Übersetzung
Nimm Weinbeeren und lies sie sauber aus. Stoße sie in einem Mörser, bis sie ganz breiig werden. Stoße ein geröstetes Roggenbrotschnitzel dazu. Passiere es mit süßem Wein. Danach würze es mit milden Gewürzen, wie Zimt, Nelken und Muskat. Gib etwas Wasser unter den Wein, wenn du es passierst, so ist es nicht so stark für kranke Leute.
Zutaten
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| weinbeerlin | Weinbeeren | - | Supermarkt | Rosinen |
| ain rugkens baͤhts ſchnittel | Geröstetes Roggenbrot | - | - | Semmelbrösel |
| wein der ſuͤß ſey | Süßer Wein | - | - | Süßwein, z.B. Portwein oder Dessertwein |
| zimetroͤꝛn | Zimt | - | - | - |
| naͤgelin | Nelken | - | - | - |
| muſcat | Muskatnuss | - | - | - |
| waſſer | Wasser | - | Leitung | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Eine milde, gesüßte Weinbeer- (Rosinen-)Suppe: im Mörser zerstoßene Rosinen werden mit geröstetem Roggenbrot gebunden, durch ein Tuch mit süßem Wein passiert und zuletzt mit wenig Zimt, Nelken und Muskat gewürzt. Der Zusatz von Wasser zum Wein macht die Suppe ausdrücklich für Kranke bekömmlicher. Verwandt ist das Rosinenmus saw-050 aus dem Kochbuch der Sabina Welserin, das dieselbe Grundtechnik zeigt - Weinbeeren mit gutem Wein durchgetrieben, mild gewürzt.
Zur Lesart „kochig werden“. Wörtlich heißt „kochig“ in oberdeutschen Dialektwörterbüchern „kochend, siedend“; ein anderes Staindl-Rezept (std-278) nutzt es genau so. Im Mörser, ohne Feuer, ergibt das wörtlich keinen Sinn - wir übersetzen darum funktional als „breiig werden“. Eine endgültige Klärung steht aus.
Zur Lesart „geröstetes Roggenbrot“. „Rugkens“ ist die flektierte Form von Roggen, nicht von „Rücken“ - die Zutat ist ein Stück Roggenbrot, keine Brotkruste. Die Zweitausgabe von 1569 stützt zusätzlich die Lesart „geröstet“.
Praxis. Weinbeeren (Rosinen) verlesen und im Mörser zu einem groben Brei stoßen. Eine Scheibe Roggenbrot rösten, dazugeben und mitstoßen. Die Masse mit süßem Wein durch ein feines Tuch oder Sieb passieren, bis sie klumpenfrei und löffelbar ist. Sehr sparsam mit Zimt, Nelken und Muskat würzen - „lindem gewürtz“ spricht für eine deutlich zurückhaltendere Würzung, als man bei Festtagsgerichten dieser Zeit erwarten würde. Zum Schluss einen moderaten Schuss Wasser unterrühren, der den Wein spürbar streckt, ohne Aroma und Süße zu verlieren.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/std-032/
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