Registrum Coquine quomodo et qualiter preparantur cibaria per integrum annum · Päpstliche Kurie, Rom / Konstanz · 1433
Beginne damit, ein hervorragendes Gericht zuzubereiten. Nimm Mandeln und stoße sie gut in einem Mörser zu einer feinen Paste. Verrühre die Mandelpaste dann mit guter Hühnerbrühe und gekochten Kalbshoden. Ist Sommerzeit, füge Verjus hinzu. Ist jedoch Winterzeit, nimm Nelken und Zimt. Schneide das Gericht in kleine Stücke und richte diese in einer Schale an. Bestreue es reichlich mit Zimt und Zucker. Dieses Gericht wird für Magnaten und Edle als vorzüglich gelten.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| Amigdala | Mandeln | - | - |
| bono brodio gallinarum | Hühnerbrühe | - | - |
| uitulorum ouorum | Kalbshoden | Metzger (auf Bestellung) | Kalbsbries (geschmacklich anders, aber ähnliche Textur und Luxusstatus) |
| agrestum | Verjus | Feinkostladen, Online-Spezialitätenhandel | Apfelessig (verdünnt), Zitronensaft (verdünnt) |
| gariofolos | Nelken | - | - |
| cinamomo | Zimt | - | - |
| zucharo | Zucker | - | - |
Welches Gericht ist das? Ein weißes, püriertes Luxusgericht aus der Blancmange-Familie - Mandeln, in Brühe aufgelöst, mit edlem Fleisch verbunden und süß bestäubt. Es steht in einer Reihe mit der gelben Mandelcreme mit Kapaun (mar-097) und dem Hühnchen in weißer Mandelsauce (sev-055): gestoßene Mandeln plus Fleisch plus Brühe, am Ende Zimt und Zucker. Das Besondere hier ist die saisonale Verzweigung und die Edelzutat Kalbshoden.
Uitulorum ouorum heißt wörtlich „Kalbs-Eier" und meint die Hoden - im Spätmittelalter ein geschätztes Festtags-Innereiengericht, kein Tabu. Wer sie nicht bekommt, nimmt Kalbsbries: andere Drüse, ähnlich zart, gleicher Luxusrang.
Agrestum ist Verjus, der Saft unreifer Trauben. Er kommt nur im Sommer dazu (saure Frische, wenn das Mahl leicht sein soll); im Winter ersetzen ihn gariofolos (Nelken) und cinamomo (Zimt) - warme Gewürze statt Säure. Dieselbe Sommer/Winter-Logik wie bei vielen höfischen Gerichten.
Fac paruas petias - „mach kleine Stücke" - bezieht sich am ehesten auf die gegarten Hoden, die man vor dem Anrichten in mundgerechte Würfel schneidet, nicht auf die Gewürze. Die Mandel-Brühe-Mischung bleibt cremig drumherum.
Praxis. Mandeln blanchieren, häuten, im Mörser (oder Mixer) zu feiner Paste stoßen. Mit kräftiger Hühnerbrühe glattrühren. Kalbshoden (beim Metzger vorbestellen) vorab in Salzwasser garen, häuten, würfeln. Im Sommer mit einem Schuss Verjus abschmecken, im Winter mit einer Prise Nelke und Zimt. In Schalen anrichten, großzügig mit Zimt und Zucker bestreuen.
Kalbshoden sind heute eine seltene Spezialität und müssen meist beim Metzger vorbestellt werden. Eine geschmacklich andere, aber texturell ähnliche und ebenfalls als Delikatesse geltende Alternative ist Kalbsbries.
Ja, mit Vorbereitung. Mandeln mörsern, Brühe und Hoden im Topf am Feuer garen und alles in Schalen anrichten ist gut machbar. Die frischen Kalbshoden besorgst du am besten morgens am Markttag beim Metzger und garst sie zügig durch.
Aus dem „Registrum Coquine“ des Johannes von Bockenheim, verfasst um 1433. Johannes war Koch am Hof von Papst Martin V. Das Werk ist eine wichtige Quelle für die höfische Küche des frühen 15. Jahrhunderts.
Wörtlich ‚Kalbs-Eier‘, gemeint sind Kalbshoden - im Spätmittelalter eine geschätzte Festtags-Delikatesse.
Verjus, der Saft unreifer Trauben, als Säuerungsmittel. Hier nur im Sommer.
Ein vorzügliches Gericht, gedacht für ‚Magnaten und Edle‘ - ein höfisches Repräsentationsgericht.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
fac paruas petias
Gewählte Lesart: Wir lesen ‚fac paruas petias‘ als Anweisung, die gegarten Kalbshoden vor dem Anrichten in kleine, mundgerechte Stücke zu schneiden.
Andere mögliche Lesart:
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