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Der Biber: Tierbeschreibung und Castoreum

Koch vnd Kellermeysterey von allen Speisen vnd Getrencken · Frankfurt am Main · 1574

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10Bürgerliche KücheBürgerlichFischFastenspeise
BuchKoch und Kellermeisterei (~1574)

Der Biber ist ein Tier, ähnlich einem Seehund, lang und massig gebaut. Er besitzt sehr lange Zähne. Er kann nicht lange leben, es sei denn, er hat seinen Schwanz im Wasser, denn er ist halb Fleisch, und der andere Teil am Schwanz ist Fisch. Der Schwanz ist etwa eine Elle lang und hat viel Fett in sich. Er hat hinten Füße wie eine Gans, die vorderen wie ein Hund. Solches hat ihm die Natur gegeben, dass er hinten wie ein Fisch im Wasser schwimmt und mit den vorderen Füßen wie ein anderes Tier gehen kann.

Die Hoden des Bibers werden abgeschnitten, an einem dunklen Ort aufgehängt und zur Arznei, genannt Castoreum, aufbewahrt. Dies sind die Biberhoden, die gut sind gegen den fallenden Siechtag des Hauptes (Epilepsie) und gegen den Schlag der Zunge (Zungenlähmung oder Schlaganfall). Als Pulver unter die Zunge gelegt, zergeht es und vertreibt die Krankheit. Es nimmt auch das stechende Bauchweh, wenn es mit Essig getrunken wird, und vertreibt die Blähungen im Leibe. Es bringt der Frau die Zeit (Menstruation) und treibt die Nachgeburt aus.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
DEr Biber Biber (Tier) ⚠ Artenschutz: Biber sind in Deutschland und der EU streng geschützt und dürfen nicht gejagt oder gehandelt werden. Eine Verwendung ist nicht zulässig. Nutria (Sumpfbiber, Myocastor coypus), invasive Art, in DE legal erhältlich, ähnliche Textur, leicht milderes Fleisch. Nicht historisch, aber praktisch nächster verfügbarer Ersatz. Zweite Wahl: Kaninchen.
Des Bibers Hoden / Castorium Biberhoden (Castoreum) ⚠ Artenschutz: Biber sind streng geschützt. Castoreum ist heute nicht mehr als Arzneimittel zugelassen und schwer legal zu beschaffen. Es wird in der Parfümindustrie synthetisch oder aus Drüsen von Farmtieren gewonnen. -
Essig Essig - -

Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern ein Bestiarium-Eintrag mit Heilkunde: eine naturkundliche Beschreibung des Bibers und der Arznei Castoreum aus seinen Drüsen. Das eigentliche Biber-Gericht steht woanders im Korpus, etwa der gekochte Biberschwanz in Wein-Gewürz-Sauce (vgl. sev-060).

Warum der Biber als Fisch galt. Der Text teilt das Tier kurzerhand in halb Fleisch, halb Fisch und betont den fetten, ellenlangen Schwanz. Das ist kein Irrtum, sondern Fasten-Logik: was im Wasser lebte, durfte in der Fastenzeit gegessen werden. Der Biberschwanz war damit ein gefragter Fasten-Braten, und genau deshalb steht der Biber in einem Kochbuch.

Castoreum. Das Bibergeil - in Wahrheit ein Drüsensekret, nicht die Hoden, auch wenn der Text sie so nennt - galt als Allheilmittel: gegen Fallsucht, Lähmung, Bauchweh und zur Geburtshilfe. Pharmazeutisch ist es heute bedeutungslos; in der Parfümerie lebt es als (meist synthetischer) Duftstoff weiter.

Praxis. Nichts nachzukochen. Biber sind in Deutschland und der EU streng geschützt und tabu. Wer die Textur des historischen Schwanzbratens probieren will, weicht auf die invasive Nutria (Sumpfbiber) aus, die der Wildhändler legal führt; zweite Wahl ist Kaninchen. Die Zubereitung steht bei sev-060.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dies ist kein Kochrezept, sondern eine historische Beschreibung des Bibers und seiner medizinischen Verwendung. Es gibt keine Zubereitungsschritte für Speisen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieser Text stammt aus dem Werk 'Koch und Kellermeisterei', das um 1574 in der frühen Neuzeit verfasst wurde. Es handelt sich um eine naturkundliche Beschreibung, die auch medizinische Anwendungen des Bibers thematisiert.

Warum wurde der Biber als 'Fisch' bezeichnet?

Im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen christlichen Fastenrecht galt alles, was im Wasser lebte, als 'Fisch' und war somit in der Fastenzeit erlaubt. Der Biber, der viel Zeit im Wasser verbringt, wurde aufgrund dieser Auslegung, insbesondere wegen seines Schwanzes, als fastentaugliche Speise angesehen.

Was ist Castoreum und ist es heute noch relevant?

Castoreum sind die getrockneten Drüsen (oft fälschlicherweise als Hoden bezeichnet) des Bibers, die ein stark riechendes Sekret enthalten. Historisch wurde es als vielseitiges Arzneimittel eingesetzt. Heute ist Castoreum in Deutschland und der EU nicht mehr als Medikament zugelassen und Biber sind streng geschützt. Es findet noch in der Parfümindustrie Verwendung, meist als synthetischer Ersatz oder aus nachhaltigeren Quellen.

Vom Biber. DEr Biber ist ein Thier/ wie ein Meerhund/ lang vnd schwanger/ hat sehr lange Zeen/ er mag nicht lang leben/ er hab dann den Schwantz im Wasser/ dann er ist halb Fleisch/ vnd das ander theil am Schwantz ist Fisch/ der Schwantz ist etwan einer Elen lang/ vnd hat viel fettigkeit in jm/ hat hinden Füss wie ein Gans/ die fördern als ein Hund. Solchs hat jn [>jm] die Natur geben/ das er hinden wie ein Fisch im Wasser schwimmet/ vnd mit den förderen wie ein ander Thier gehen mag. Des Bibers Hoden abgeschnitten/ vnd an ein dunckele statt auffgehencket/ vnd behalten zu der Artzney/ genandt Castorium/ das sein die Biberhoden/ die sein gut wider den fallenden Siechtag des Haubts/ wider den Schlag der Zungen/ sein Pulffer gelegt vnter die Zung/ daruon es zergehet vnd verstöret wird. Es benimpt auch das stechend Bauwehe [>Bauchwehe] mit Essig getruncken/ vnd vertreibt die blest im leibe/ bringt der Frawen Zeit/ vnd dringt aus die ander Geburt.
Meerhund

Historische Bezeichnung für Seehund oder Robbe.

schwanger

Im frühneuhochdeutschen Kontext hier: dick, schwer, massig gebaut (nicht 'trächtig' im modernen Sinne).

Elen

Elle, ein historisches Längenmaß, das je nach Region zwischen 50 und 70 cm variierte.

fallenden Siechtag des Haubts

Epilepsie.

Schlag der Zungen

Zungenlähmung, oft im Kontext eines Schlaganfalls.

Bauwehe

Bauchweh.

blest im leibe

Blähungen, Winde im Leib.

der Frawen Zeit

Die Menstruation der Frau.

die ander Geburt

Die Nachgeburt.

Handschrift
Koch vnd Kellermeysterey von allen Speisen vnd Getrencken
Sprache
Frühneuhochdeutsch
Entstehung
Frankfurt am Main, 1574

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartschwanger

Gewählte Lesart: massig, schwer gebaut - im Frühneuhochdeutschen ein gängiger Sinn von schwanger (schwer beladen), hier auf die Statur des Tieres bezogen.

Originalwerk (~1574) gemeinfrei.

Bildquelle
Koch und Kellermeisterei, S. 019
Transkription
Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 2000) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Kein Gericht - ein naturkundlich-medizinischer Eintrag ohne Zubereitung. Das zugehörige Biber-Gericht (Schwanz in Wein-Gewürz-Sauce) findet sich bei [sev-060](/rezepte/sev-060/).
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