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Der Biber: Tierbeschreibung und Castoreum

Koch vnd Kellermeysterey von allen Speisen vnd Getrencken · Frankfurt am Main · 1574

Sonstiges ⚠ Viel Interpretationsspielraum Einfach
📖 Koch und Kellermeisterei (~1574)

Original — Frühneuhochdeutsch

Der Biber: Tierbeschreibung und Castoreum — Originalseite aus Koch und Kellermeisterei
Koch und Kellermeisterei, S. 019

Transkription (Frühneuhochdeutsch)

Vom Biber.

DEr Biber ist ein Thier, wie ein Meerhund, lang vnd schwanger, hat sehr lange Zeen, er mag nicht lang leben, er hab dann den Schwantz im Wasser, dann er ist halb Fleisch, vnd das ander theil am Schwantz ist Fisch, der Schwantz ist etwan einer Elen lang, vnd hat viel fettigkeit in jm, hat hinden Füss wie ein Gans, die fördern als ein Hund. Solchs hat jn [>jm] die Natur geben, das er hinden wie ein Fisch im Wasser schwimmet, vnd mit den förderen wie ein ander Thier gehen mag.
Des Bibers Hoden abgeschnitten, vnd an ein dunckele statt auffgehencket, vnd behalten zu der Artzney, genandt Castorium, das sein die Biberhoden, die sein gut wider den fallenden Siechtag des Haubts, wider den Schlag der Zungen, sein Pulffer gelegt vnter die Zung, daruon es zergehet vnd verstöret wird. Es benimpt auch das stechend Bauwehe [>Bauchwehe] mit Essig getruncken, vnd vertreibt die blest im leibe, bringt der Frawen Zeit, vnd dringt aus die ander Geburt.

Uni Giessen (Gloning, Digitale Edition 2000)

Moderne Übersetzung

🏕 Lagerküche-Tipp: Zuhause vorbereiten.

Der Biber ist ein Tier, ähnlich einem Seehund, lang und massig gebaut. Er besitzt sehr lange Zähne. Er kann nicht lange leben, es sei denn, er hat seinen Schwanz im Wasser, denn er ist halb Fleisch, und der andere Teil am Schwanz ist Fisch. Der Schwanz ist etwa eine Elle lang und hat viel Fett in sich. Er hat hinten Füße wie eine Gans, die vorderen wie ein Hund. Solches hat ihm die Natur gegeben, dass er hinten wie ein Fisch im Wasser schwimmt und mit den vorderen Füßen wie ein anderes Tier gehen kann. Die Hoden des Bibers werden abgeschnitten, an einem dunklen Ort aufgehängt und zur Arznei, genannt Castoreum, aufbewahrt. Dies sind die Biberhoden, die gut sind gegen den fallenden Siechtag des Hauptes (Epilepsie) und gegen den Schlag der Zunge (Zungenlähmung oder Schlaganfall). Als Pulver unter die Zunge gelegt, zergeht es und vertreibt die Krankheit. Es nimmt auch das stechende Bauchweh, wenn es mit Essig getrunken wird, und vertreibt die Blähungen im Leibe. Es bringt der Frau die Zeit (Menstruation) und treibt die Nachgeburt aus.

Zutaten

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
DEr Biber Biber (Tier) ⚠ Artenschutz: Biber sind in Deutschland und der EU streng geschützt und dürfen nicht gejagt oder gehandelt werden. Eine Verwendung ist nicht zulässig.
Des Bibers Hoden / Castorium Biberhoden (Castoreum) ⚠ Artenschutz: Biber sind streng geschützt. Castoreum ist heute nicht mehr als Arzneimittel zugelassen und schwer legal zu beschaffen. Es wird in der Parfümindustrie synthetisch oder aus Drüsen von Farmtieren gewonnen.
Essig Essig

Anmerkungen

Meerhund
Historische Bezeichnung für Seehund oder Robbe.
schwanger
Im frühneuhochdeutschen Kontext hier: dick, schwer, massig gebaut (nicht 'trächtig' im modernen Sinne).
Elen
Elle, ein historisches Längenmaß, das je nach Region zwischen 50 und 70 cm variierte.
fallenden Siechtag des Haubts
Epilepsie.
Schlag der Zungen
Zungenlähmung, oft im Kontext eines Schlaganfalls.
Bauwehe
Bauchweh.
blest im leibe
Blähungen, Winde im Leib.
der Frawen Zeit
Die Menstruation der Frau.
die ander Geburt
Die Nachgeburt.

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten — mit den plausiblen Alternativen.

schwanger

Gewählte Lesart: Übersetzt als 'massig gebaut', um die physische Erscheinung des Bibers zu beschreiben.

Andere mögliche Lesart:

  • Könnte auch 'trächtig' bedeuten. — Obwohl 'schwanger' im Frühneuhochdeutschen auch 'trächtig' bedeuten konnte, ist im Kontext einer allgemeinen Tierbeschreibung die Bedeutung 'dick, schwer, massig' plausibler, um die Statur des Tieres zu beschreiben, anstatt seinen Fortpflanzungszustand hervorzuheben.

jm

Gewählte Lesart: Als 'ihm' übersetzt, da es sich um einen häufigen Schreibfehler für 'ihm' handelt.

Bauwehe

Gewählte Lesart: Als 'Bauchweh' übersetzt, da dies die korrekte Form des Wortes ist und 'Bauwehe' ein offensichtlicher Schreibfehler darstellt.

Häufige Fragen

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dies ist kein Kochrezept, sondern eine historische Beschreibung des Bibers und seiner medizinischen Verwendung. Es gibt keine Zubereitungsschritte für Speisen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieser Text stammt aus dem Werk 'Koch und Kellermeisterei', das um 1574 in der frühen Neuzeit verfasst wurde. Es handelt sich um eine naturkundliche Beschreibung, die auch medizinische Anwendungen des Bibers thematisiert.

Warum wurde der Biber als 'Fisch' bezeichnet?

Im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen christlichen Fastenrecht galt alles, was im Wasser lebte, als 'Fisch' und war somit in der Fastenzeit erlaubt. Der Biber, der viel Zeit im Wasser verbringt, wurde aufgrund dieser Auslegung, insbesondere wegen seines Schwanzes, als fastentaugliche Speise angesehen.

Was ist Castoreum und ist es heute noch relevant?

Castoreum sind die getrockneten Drüsen (oft fälschlicherweise als Hoden bezeichnet) des Bibers, die ein stark riechendes Sekret enthalten. Historisch wurde es als vielseitiges Arzneimittel eingesetzt. Heute ist Castoreum in Deutschland und der EU nicht mehr als Medikament zugelassen und Biber sind streng geschützt. Es findet noch in der Parfümindustrie Verwendung, meist als synthetischer Ersatz oder aus nachhaltigeren Quellen.

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