Regensburger Kochbuch (Cgm 5919) (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 5919)
Gefüllter Kapaunhals mit Honig-Safran-Sauce
Moderne Übersetzung
Fülle den Kapaunhals oder den Hals eines anderen Vogels. Nimm dazu Schweinefleisch, hartgekochte Eier, Salbei und Kräuter. Hacke das alles zusammen und fülle damit den Hals.
Siede die gefüllten Hälse. Wenn sie gar gekocht sind, lege sie heiß auf den Rost. Bestreiche sie mit Eiern oder mit Teig und beträufle sie mit Schmalz.
Nimm dann Safran, Petersilie und Honig. Zerstoße das zu einem Kondiment, das am besten schmeckt, und gib es dazu.
Zutaten
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| kappenn hals oder ander fogel | Kapaunhals oder Hals eines anderen Vogels | Metzger, Geflügelhändler | Gänsehals oder Entenhals |
| schbeines fleisch | Schweinefleisch | Metzger | - |
| herte ayr | Hartgekochte Eier | - | - |
| salua | Salbei | - | - |
| kraut | Kräuter | - | - |
| ayren oder mit taig | Eier (zum Bestreichen, optional) | - | - |
| taig | Teig (zum Bestreichen, optional) | - | Blätterteig oder einfacher Brotteig |
| smalcz | Schmalz | - | Butter oder Pflanzenöl |
| saffran | Safran | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| petersill | Petersilie | - | - |
| honig | Honig | - | - |
Zubereitungshinweis
Welches Gericht ist das? Ein gefüllter Geflügelhals: die Haut des Halses wird als Hülle für eine Farce aus Schweinefleisch, hartgekochten Eiern und Kräutern genutzt, gesotten und dann auf dem Rost überbacken. Das ist eine Vorform der Galantine, und die lebende Verwandtschaft ist bis heute regional greifbar - der gefüllte Gänse- oder Entenhals als Schlacht- und Weihnachtsgericht (im südwestfranzösischen Raum als cou farci). Das Rezept ist generisch gemeint: die Rubrik nennt den Kapaunhals zuerst, der Text sagt aber ausdrücklich oder ander fogel - jeder kräftige Geflügelhals (Gans, Ente, Huhn) passt. Ein nahezu wortgleicher Zwilling steht bei Meister Hans (Gänsehals, mha-225); im selben Manuskript behandeln m5919-068 und m5919-069 denselben Kapaunhals mit abweichender Technik.
Die Schreiberhand notiert am Rand zum Wort rost ein fragendes "Rost ?!" - die Lesart ist also schon im Original als auffällig markiert. Sinngemäß ist ein Rost zum Bräunen über Glut gemeint; ob es der im Spätmittelalter verbreitete hölzerne Rost oder ein Metallrost war, lässt der Text offen.
Eine echte Lesart-Unsicherheit liegt bei graus mal das: mal = mahlen/zerstoßen ist klar, graus (zu mhd. grūʒ/grus = Korn, Krümel) deutet adverbial auf "fein zerrieben, zu Grieß" - also das Kondiment fein zerstoßen. Denkbar wäre graus auch als verstärkendes "ganz/durchaus". Für Cgm 5919 gibt es keine deutsche Eich-Edition zum Gegencheck, aber das Grimm'sche Wörterbuch bestätigt 'grausz/gräusz' unabhängig als bairisch-österreichisches Dialektwort für Grütze/Graupe (enthülste Getreidekörner) - die gewählte Lesart ist damit außerhalb des Korpus lexikalisch verankert, nicht nur eine plausible Vermutung.
Praxis. Für einen Kapaun- oder Gänsehals: rund 150 g Schweinehack oder -brät, 1-2 gehackte hartgekochte Eier, 4-6 fein geschnittene Salbeiblätter, gehackte Petersilie und weitere Würzkräuter, Salz - alles vermengen und in die abgezogene Halshaut füllen, Enden verschließen. Den gefüllten Hals etwa 20-30 Minuten in Brühe sieden (gart die Füllung sicher durch und fixiert die Form). Dann auf dem Rost über Glut mit verquirltem Ei oder dünnem Teig bestreichen und mit Schmalz beträufeln - das ergibt eine gebräunte, knusprige Hülle (die frühneuzeitliche doré-Technik). Für das Kondiment Safran in wenig warmem Sud ziehen lassen und mit gehackter Petersilie sowie 1-2 EL Honig im Mörser zu einer süß-würzigen Sauce stoßen, dazu reichen.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/m5919-072/
fyndling.de/rezepte/m5919-072/