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Kalbs- oder Rinderkopf zubereiten

Libro de arte coquinaria · Norditalien · 1465

RindHauptspeise · RindLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit60 Min.Portionen8-12 PersonenBuchLibro de Arte Coquinaria (~1465)

Ist das Kalb oder Rind geschlachtet, nimm den Kopf und enthaare ihn mit heißem Wasser, wie man es bei Spanferkeln tut. Reinige ihn sehr gut und siede ihn dann. Als Sauce dazu nimm agliata (Knoblauchsauce). Willst du ihn aber braten, so brate ihn im Ofen und fülle ihn mit Knoblauch, guten Kräutern und anderen guten Gewürzen, die für eine Füllung passen. Auf diese Weise ist er sehr gut.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
testa de vitello o bove 1 Kalbs- oder Rinderkopf Metzger -
acqua calda Heißes Wasser Leitung -
agliata Agliata (Knoblauchsauce) - -
aglio Knoblauch - -
bone herbe Frische Kräuter (z.B. Petersilie, Salbei, Rosmarin) - -
altre bone [spetie] Gewürze (z.B. Pfeffer, Ingwer, Nelken) - -

Welches Gericht ist das? Ein klassischer Kalbs- oder Rinderkopf, wie er bis heute auf bäuerlichen und süddeutsch-österreichischen Tischen lebt - der direkte Vorfahr von Kalbskopf in Vinaigrette und der Wiener Beuschel-Tradition rund um Innereien. Martino bietet zwei Wege an: gekocht mit Knoblauchsauce, oder im Ofen gebraten und gefüllt. Dieselbe Doppelung (sieden, dann am Rost/Spieß bräunen) findet sich fast wortgleich in der deutschen Küche bei m384-067 und m5919-053 („Kalbskopf vom Rost").

Enthaaren wie beim Spanferkel. Das pelare con acqua calda como le porchette meint nicht „häuten", sondern das Brühen und Abschaben der Borsten/Haare mit heißem Wasser - genau wie beim Spanferkel. Die Haut bleibt dran, nur die Behaarung kommt weg. Eine handfeste Schlachthof-Vorarbeit, die heute der Metzger übernimmt.

Sieden, dann braten. Erst wird der Kopf weich gesotten (allesso), das macht ihn überhaupt erst mürbe und essbar. Wer ihn braten will, bringt ihn danach im Ofen auf Farbe - das Vorkochen verhindert, dass die dicke Partie außen verbrennt, bevor sie innen gar ist. Die Füllung aus Knoblauch, Kräutern und Gewürzen (far il pieno) kommt vor dem Braten in die Hirn- und Maulhöhlen.

Agliata - die Knoblauchsauce. Zur gekochten Variante reicht Martino agliata als Sauce: zerstoßener Knoblauch mit Salz, gebunden mit eingeweichtem Brot oder Mandeln, abgeschmeckt mit Verjus oder Essig und etwas Brühe. Die scharfe, säuerliche Sauce kontert das fette, gelatinöse Kopffleisch - dieselbe Logik wie Apfelmus zur Gans. Vgl. die Knoblauchsaucen ant-047 und koe-024.

Praxis. Beim Metzger einen vorgereinigten, halbierten Kalbskopf bestellen (ein ganzer Rinderkopf sprengt jeden Haushaltstopf). In viel gesalzenem Wasser mit Lorbeer, Zwiebel und Pfefferkörnern 2,5-3 Stunden leise sieden, bis das Fleisch von den Knochen fällt. Für die Bratvariante danach mit Knoblauch und Kräutern füllen und bei 200 Grad 30-40 Minuten bräunen. Zur gekochten Version eine agliata reichen: 4-6 Knoblauchzehen mit Salz im Mörser, eine eingeweichte Semmel oder eine Handvoll geriebene Mandeln, mit Verjus oder mildem Weinessig und etwas Garbrühe glatt rühren.

Was bedeuten 'allesso' und 'rostire'?

'Allesso' bedeutet ‚gesotten‘ oder ‚pochiert‘, also in Flüssigkeit gegart. ‚Rostire‘ hingegen bedeutet ‚braten‘ oder ‚rösten‘, typischerweise am Spieß oder im Ofen.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, die Zubereitung eines ganzen Kalbs- oder Rinderkopfes, insbesondere das Braten im Ofen, ist für die typischen Bedingungen einer Lagerküche ungeeignet. Das Sieden erfordert einen sehr großen Topf und viel Brennmaterial. Bereite dieses Gericht besser zu Hause vor.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Libro de Arte Coquinaria‘, verfasst um 1465 von Maestro Martino da Como, einem der bedeutendsten Köche des 15. Jahrhunderts. Es repräsentiert die norditalienische Hofküche der Frührenaissance.

Was ist eine 'agliata'?

Agliata ist eine pikante Knoblauchsauce, die im Mittelalter weit verbreitet war. Sie wird typischerweise aus zerstoßenem Knoblauch, Brot, Essig, Öl oder Brühe und Gewürzen zubereitet.

Was bedeutet der fehlende Begriff '[spetie]'?

Der Originaltext hat hier eine Lücke. Basierend auf dem Kontext und der mittelalterlichen Kochpraxis ist anzunehmen, dass ‚spetie‘ (Gewürze) gemeint ist. Typische Gewürze für eine solche Füllung wären Pfeffer, Ingwer oder Nelken.

Per cocer una testa de vitello o bove. Morto lo vitello overo lo bove, togli la testa et pelala con acqua calda como le porchette et nettala molto bene et poi la coci allesso. Et per suo sapore togli agliata. Se tu la vorrai rostire arrostila nel forno et impiela di aglio et de bone herbe et altre bone [spetie] condecente a far il pieno. Et in questo modo è molto bona.
allesso

Gesotten, pochiert; in Flüssigkeit gegart.

agliata

Eine scharfe Knoblauchsauce, im Mittelalter weit verbreitet: zerstoßener Knoblauch mit Salz, gebunden mit Brot oder Mandeln, abgeschmeckt mit Verjus oder Essig. Lebt heute in der provenzalischen Aioli und der ligurischen agliata weiter.

rostire

Braten, rösten; typischerweise am Spieß oder im Ofen.

far il pieno

Eine Füllung herstellen oder füllen.

Handschrift
Libro de arte coquinaria
Folio
Fol. 10v
Sprache
Frühitalienisch (15. Jh.)
Entstehung
Norditalien, 1465

Originalwerk (~1465) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 10v, Library of Congress, Rare Book and Special Collections Division, Washington MS (TX723 .M3 1460), Public Domain
Transkription
Uni Giessen (Gloning/Romanelli, Digitale Edition 2004, Basis: Faccioli 1966) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Ein ganzer Kalbs- oder Rinderkopf braucht einen sehr großen Kessel, viel Brennmaterial und lange Garzeit, um ihn weich zu sieden - und für die Bratvariante einen regelbaren Ofen samt Füllarbeit. Das Enthaaren mit heißem Wasser ist eine handfeste Schlachthof-Vorarbeit. Nichts davon lässt sich am Lagerfeuer sauber und sicher abbilden. Besser zu Hause oder in einer festen Küche vorbereiten.
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