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Konzentrierte Brühe vom Kapaun oder Wild

Libro de arte coquinaria · Norditalien · 1465

RezeptSonstigesLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10Höfische KücheHofküche
Zubereitungszeit435 Min.Portionen2 Portionen konzentrierte BrüheBuchLibro de Arte Coquinaria (~1465)

Nimm eines dieser Tiere und reinige es sehr gut. Willst du einen Kapaun zu zwei Portionen Brühe verkochen, so nimm einen Topf, der vier Boccali Wasser fasst, und gib den besagten Kapaun hinein. Alle Knochen des Kapauns sollen zerbrochen sein. Setze den Topf auf das Feuer. Danach füge eine Unze mageres Pökelfleisch hinzu, dreißig oder vierzig zerstoßene Pfefferkörner, ein wenig zerbrochenen Zimt, drei oder vier Nelken, fünf oder sechs Salbeiblätter, in drei Stücke gebrochen, und zwei Lorbeerblätter. Lasse diesen Topf sieben Stunden lang kochen, sodass nur noch zwei Portionen Brühe oder weniger übrig bleiben, wenn du möchtest, dass sie gut ist. Hüte dich davor, Salz hinzuzufügen. Wird diese Brühe für einen Kranken zubereitet, so gib kein Pökelfleisch hinzu und nur sehr wenige Gewürze. Auf diese Weise wird sie gut sein, für Gesunde wie für Kranke.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
capponi, o de fasiani, o starne, o caprioli, o pipioni, o columbi salvatichi 1 Kapaun, Fasan, Rebhuhn, Rehkitz, junge Taube oder Wildtaube (nach Wahl) Metzger, Wildhändler 1 Hähnchen (mit Knochen)
quattro bocchali d'acqua 4 Boccali Wasser - -
una oncia de carne salata magra 1 Unze mageres Pökelfleisch Metzger magerer geräucherter Speck
trenta o quaranta granelli di pepe rotto 30-40 zerstoßene Pfefferkörner - -
un pocha di canella rotta etwas zerbrochener Zimt - -
tre o quattro garofoli 3-4 Nelken - -
cinque o sei foglie di salvia rotta in tre pezzi 5-6 Salbeiblätter, in drei Stücke gebrochen - -
doi de làvoro 2 Lorbeerblätter - -

Welches Gericht ist das? Eine klassische Kraftbrühe - der direkte Vorfahr der modernen Consommé und der „Hühnersuppe für Kranke“, die wir bis heute kochen. Maestro Martino nennt sie brodo consumato, also wörtlich eine „verkochte“, auf ein Konzentrat reduzierte Brühe. Aus einem ganzen Kapaun (oder Fasan, Rebhuhn, Rehkitz, junger Taube) und vier bocchali Wasser werden über Stunden nur noch zwei Portionen. Der Clou ist die Doppelnatur: dieselbe Grundbrühe dient Gesunden als kräftiger Genuss und Kranken - dann ohne Pökelfleisch und nur ganz sparsam gewürzt - als leichte Schonkost.

Knochen zerbrechen. Die Anweisung rotte tutte le ossa („alle Knochen zerbrochen“) ist kein Beiwerk: aufgebrochene Knochen geben Mark, Gelatine und Mineralien an die Brühe ab und machen sie kräftiger und nahrhafter. Genau das tut man heute bei einer guten Knochenbrühe noch immer, indem man Markknochen aufschlagen lässt.

Kein Salz - aber Pökelfleisch. Martino warnt ausdrücklich: guardati de mettergli sale - „hüte dich, Salz zuzugeben“. Die eine Unze mageres Pökelfleisch (carne salata magra) bringt genug Salz und Umami mit; beim siebenstündigen Einkochen würde jede zusätzliche Prise sich mitkonzentrieren und die Brühe versalzen. Erst am Schluss, am Teller, nachsalzen - die alte Regel jeder reduzierten Brühe.

Praxis. Ein ganzes Suppenhuhn oder einen Kapaun (mit angeschlagenen Knochen) mit rund 3 Litern kaltem Wasser aufsetzen, dazu ca. 30 g mageren, ungesalzenen Schinken oder mageren Räucherspeck, 30-40 zerstoßene Pfefferkörner, ein Stück Zimtstange, 3-4 Nelken, ein paar Salbeiblätter und 2 Lorbeerblätter. Bei kleinster Hitze ganz sanft simmern (nie sprudeln, sonst wird die Brühe trüb) und beim ersten Aufkochen abschäumen. Über mehrere Stunden auf etwa ein Drittel reduzieren, bis eine klare, kräftige Tasse Bouillon bleibt. Für die Schonkost-Variante das Pökelfleisch weglassen und die Gewürze stark zurücknehmen. Salz erst auf dem Teller.

Was ist ein 'Boccali' und eine 'menestre'?

Ein ‚Boccali‘ war ein regionales Flüssigkeitsmaß, dessen Volumen stark variierte, typischerweise zwischen 0,5 und 1 Liter. Für dieses Rezept kann man von etwa 0,75 Litern ausgehen, sodass vier Boccali etwa 3 Liter Wasser entsprechen. ‚Menestre‘ bedeutet wörtlich ‚Portionen‘ oder ‚Schüsseln‘ und wird hier als Mengenangabe für die fertige Brühe verwendet.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist aufgrund der sehr langen Kochzeit von sieben Stunden nicht für die Zubereitung direkt am Lagerfeuer geeignet. Bereite die Brühe zu Hause vor und bringe sie fertig mit. Wichtiger Hinweis: Mittelalterliche Krankenkost ist ein historisch-kulinarisches Konzept und kein medizinisches Therapeutikum. Bei akuten Beschwerden am Markt sind die Sanitäter und Marktwachen die erste Adresse - dieses Rezept ersetzt keine ärztliche Versorgung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem ‚Libro de Arte Coquinaria‘, verfasst um 1465 von Maestro Martino da Como, einem der bedeutendsten Köche des 15. Jahrhunderts. Es ist ein frühes Beispiel für die norditalienische Hofküche der Renaissance.

Was ist 'carne salata magra'?

‚Carne salata magra‘ bezeichnet mageres, gesalzenes oder gepökeltes Fleisch, ähnlich einem mageren Räucherspeck oder einem mild gesalzenen Rindfleisch. Es diente im Mittelalter nicht nur der Konservierung, sondern auch als wichtiger Geschmacksgeber für Brühen und Eintöpfe. Du bekommst es beim Metzger oder kannst es durch mageren, mild geräucherten Speck ersetzen.

Per far un brodo consumato de capponi, o de fasiani, o starne, o caprioli, o pipioni, o columbi salvatichi. Piglia de queste cose et nettale molto bene. Et se vorrai consumare un cappone et farne doi menestre, togli una pignatta che tenga quattro bocchali d'acqua, et mittivi dentro questo dicto cappone, lo quale vole havere rotte tutte le ossa, et ponilo al focho, dapoi mettevi una oncia de carne salata magra et trenta o quaranta granelli di pepe rotto, et un pocha di canella rotta, et tre o quattro garofoli et cinque o sei foglie di salvia rotta in tre pezzi et doi de làvoro, et lassa bollire questa pignatta per spatio de sette hore in modo che gli resti solamente doe menestre de brodo, o mancho, se voi che scia bono; et guardati de mettergli sale. Et se questo brodo si farrà per infirmo non gli mettere carne salata, et mettigli pochissime spetie; et in questo modo serà bono, per sani et per infirmi.
brodo consumato

konzentrierte Brühe

capponi

Kapaun (kastrierter Hahn)

fasiani

Fasan

starne

Rebhuhn

caprioli

Rehkitz

pipioni

junge Taube

columbi salvatichi

Wildtaube

pignatta

irdener Kochtopf

bocchali

historisches Flüssigkeitsmaß, ca. 0,5-1 Liter je nach Region

oncia

historisches Gewichtsmaß, Unze (ca. 28 Gramm)

carne salata magra

mageres Pökelfleisch

canella

Zimt

garofoli

Nelken

làvoro

Lorbeerblatt

menestre

Portionen

Handschrift
Libro de arte coquinaria
Folio
Fol. 14r
Sprache
Frühitalienisch (15. Jh.)
Entstehung
Norditalien, 1465

Originalwerk (~1465) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 14r, Library of Congress, Rare Book and Special Collections Division, Washington MS (TX723 .M3 1460), Public Domain
Transkription
Uni Giessen (Gloning/Romanelli, Digitale Edition 2004, Basis: Faccioli 1966) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Sieben Stunden auf kleinster Flamme am offenen Feuer durchzuhalten und dabei die Reduktion zu kontrollieren ist auf dem Lager kaum machbar - das frisst Holz, Zeit und Aufmerksamkeit, und ein zu heißes Feuer lässt die Brühe trüb werden statt klar einzukochen. Besser zu Hause auf dem Herd ansetzen und fertig mitbringen. **Wichtiger Hinweis:** Mittelalterliche Krankenkost ist ein historisch-kulinarisches Konzept und kein medizinisches Therapeutikum. Bei akuten Beschwerden am Markt sind die Sanitäter und Marktwachen die erste Adresse - dieses Rezept ersetzt keine ärztliche Versorgung.
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