Libro de arte coquinaria · Norditalien · 1465
Nimm wilde Maulbeeren, die in den Hecken wachsen, und ein paar gut zerstoßene Mandeln mit etwas Ingwer. Diese Zutaten verrühre mit Verjus (unreifem Traubensaft) und passiere sie anschließend durch ein feines Tuch oder Sieb.
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| de li moroni salvatiche che nascono in le fratte | Wilde Maulbeeren | Wochenmarkt, Wald | kultivierte Maulbeeren oder Brombeeren |
| un poche de amandole ben piste | Mandeln, fein gemahlen | - | - |
| un pocho di zenzevero | Ingwer, gemahlen | - | - |
| agresto | Verjus (unreifer Traubensaft) | Feinkostladen, Online-Shop | Apfelessig oder Zitronensaft, stark verdünnt |
Nein. Das ist einer der hartnäckigsten Mittelalter-Küche-Mythen: Sapor celeste heißt zwar wörtlich „himmlisch/himmelblau“ (celeste ist im Italienischen doppeldeutig), aber im kulinarischen Sprachgebrauch des 15. Jahrhunderts steht sapore celeste als Geschmacks-Lobpreisung, „göttlich gut“, „paradiesisch“, vergleichbar mit dem modernen italienischen sapore divino. Ballerini 2005 (University of California Press) übersetzt korrekt mit „heavenly sauce“. Die tatsächliche Farbe dieser Sauce ist purpurrot bis dunkelviolett durch die wilden Maulbeeren, mit braunlichen Tönen, wenn der Verjus oxidiert. Echtes Blau als Speisenfarbe ist im Mittelalter übrigens kaum nachweisbar: die Standard-Färbemittel waren Safran (gelb), Petersilie (grün), Sandelholz und Maulbeeren (rot/purpur), Mandelmilch (weiß) und verbranntes Brot oder Blut (schwarz). Blaue Lebensmittelfarbe (Kornblume) wurde höchst selten erwähnt und gibt einen sehr schwachen Ton; Indigo war Textil-Farbstoff, kein Lebensmittel.
Im späten Sommer (Juli-September) wachsen schwarze Maulbeeren (Morus nigra) tatsächlich noch in alten Hecken und Wegrändern, besonders im Südwesten Deutschlands, Italien und an mediterranen Küsten. Türkische und arabische Wochenmärkte führen sie regelmäßig. Falls nicht erhältlich: Brombeeren (Rubus fruticosus) liefern einen ähnlichen Säure-Süße-Kontrast und sind gut greifbar; eine Mischung aus Brombeeren und ein paar Heidelbeeren kommt der Maulbeer-Note nahe.
Sapor (auch sapore) bedeutet im modernen Italienisch „Geschmack“, aber in mittelalterlichen Kochbüchern (Anonimo Toscano, Martino, Anonimo Veneziano) ist es ein stehender Sauce-Begriff, eine kalte oder warme Tafelsauce, die zu Fleisch oder Fisch gereicht wird. Vergleichbar mit dem mittelfranzösischen saulse oder dem mittelenglischen sawse. Bei Martino siehst du eine ganze Reihe: Sapor camellino (mar-102), Sapor de uva (mar-108), Sapor celeste (dieses Rezept), alles eigenständige Saucen-Rezepte, keine Geschmacks-Beschreibungen.
Ja, dieses Rezept ist sehr gut für die Lagerküche geeignet. Die Zutaten sind leicht zu transportieren. Mandeln können bereits gemahlen mitgebracht werden. Das Zerstoßen der Maulbeeren und das Mischen mit Verjus und Ingwer lässt sich schnell mit einem Mörser oder einem kleinen Mixer erledigen. Das Passieren durch ein Tuch oder Sieb ist ebenfalls unkompliziert.
Dieses Rezept stammt aus dem berühmten Kochbuch „Libro de Arte Coquinaria“ von Maestro Martino da Como, verfasst um 1465 in Norditalien. Martino gilt als einer der bedeutendsten Köche des 15. Jahrhunderts und seine Rezepte spiegeln die gehobene Küche der italienischen Renaissance wider.
Wörtlich „himmlischer Geschmack“, eine Geschmacks-Lobpreisung, KEINE Farbangabe. Die italienische Doppelbedeutung von celeste („himmlisch“ und „himmelblau“) hat zu einer der hartnäckigsten Mittelalter-Küche-Mythen geführt: in älterer Reenactment-Literatur und populärwissenschaftlichen Büchern wird sapor celeste gerne als „himmelblaue Sauce“ übersetzt, mit dem Beleg, die Mittelalter-Hofkultur habe pittoreske blaue Speisen gekannt. Das ist falsch. Im kulinarischen Sprachgebrauch des 15. Jh. (Martino, Anonimo Toscano, Anonimo Veneziano) steht sapore celeste immer im Sinne von „göttlich gut“, “paradiesisch”, vgl. modern italienisch sapore divino. Ballerini 2005 übersetzt korrekt mit „heavenly sauce“. Die tatsächliche Farbe dieser Sauce ist purpurrot bis dunkelviolett durch die wilden Maulbeeren, mit braunlichen Tönen durch den Verjus.
Wilde Maulbeeren (Morus nigra, Schwarze Maulbeere). Wurden im 15. Jh. in Hecken und an Wegen geerntet, daher salvatiche (wild). Heute schwerer zu finden; ersetzbar durch Brombeeren oder eine Mischung aus Brombeeren und kultivierten Maulbeeren.
Zerstoßen, gemahlen, im Mörser.
Verrühren, vermischen, im Sinne von „die zerstoßenen Zutaten mit einer Flüssigkeit auflockern“.
Verjus, der Saft unreifer Trauben, eine fast vergessene Säure-Komponente der mittelalterlichen Küche.
Seihtuch oder feines Sieb aus Wollstoff.
Aus unseren ersten Übersetzungen. Dieses Rezept gehört zu unseren früh erschlossenen Texten und wird vielleicht noch einmal überprüft. Wir gehen die Rezepte gelegentlich erneut durch, wenn wir neue Erkenntnisse gewinnen.
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