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Kapon und Kalb mit Kräutern

Le Ménagier de Paris · Paris · 1393

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Bürgerliche KücheBürgerlich
Zubereitungszeit120 Min.Portionen4-6 PersonenBuchMénagier de Paris (~1393)

Für Kapone mit Kräutern und Kalb mit Kräutern: Im Winter töte die Kapone, weiche sie ein und lege sie dann sechs Tage lang in die Kälte. Im Sommer lasse sie zwei Tage lang ohne Sonne liegen, oder ersticke sie im Sommer unter einer Decke, um sie zart zu machen. Koche sie in Wasser und gib Speck dazu, um den Appetit anzuregen. Füge Petersilie, Salbei, Frauenminze und Ysop hinzu, ein wenig Verjus zum Schärfen, und sehr wenig Ingwer sowie Safran, um Farbe zu geben. Dies ist ein passender Potage, wenn es kalt ist. Doch wenn es heiß ist, ist weder für das Kapon noch für das Kalb etwas anderes als Speck und Safran geeignet - die Kräuter, den Verjus und den Ingwer lässt du dann weg.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
Chappons 1 Kapon Geflügelhändler 1 großes Huhn
veel 500 g Kalbfleisch Metzger -
eaue Wasser - -
lart 100 g Speck oder Schweineschmalz Metzger / Supermarkt -
percil Petersilie - -
sauge Salbei - -
coq Frauenminze (Balsamkraut) Kräutergärtnerei etwas Minze plus Salbei
ysope Ysop Wochenmarkt / Kräuterladen Thymian oder Majoran
ung petit de vertjus 50 ml Verjus Feinkostladen / Online-Weinhandel Weißweinessig oder Zitronensaft
gingembre bien petit 10 g frischer Ingwer - -
saffran 1 Prise Safranfäden Supermarkt / Gewürzhändler -

Welches Gericht ist das? Ein gebundener Kräuter-potage aus dem Ménagier de Paris: Kapaun (oder Kalb) in Wasser mit Speck gegart und mit grünen Küchenkräutern, etwas Verjus, wenig Ingwer und Safran abgeschmeckt. Es ist der direkte Verwandte des deutschen 'Grüne-Soße'-Gedankens und des Hühnerfrikassees - mageres Geflügel in würziger Brühe, kräutergrün, leicht säuerlich. Eng verwandt mit den Kalbs-Kräuter-Eintöpfen des Viandier (via-126).

Coq in der Kräuterliste ist die zentrale Lesefalle: Es bezeichnet hier nicht den Hahn, nicht Koriander und nicht die Quitte, sondern die Frauenminze (auch Balsamkraut/Marienblatt, Tanacetum balsamita) - im Mittelfranzösischen 'herbe coq' oder 'coq des jardins', ein klassisches Würzkraut mit minzig-bitterem Aroma, das im Ménagier wiederholt neben Petersilie, Salbei und Ysop steht. Genau diese Begleitkräuter stehen auch hier, was die Lesart sichert.

Die Vorbehandlung des Geflügels - vi jours a la gelee (sechs Tage in der Kälte), mors de deux jours (zwei Tage abgehangen) oder estouffiz soubz une couste (unter einer Decke erstickt) - ist mittelalterliche Fleischreifung: Abhängen macht das Fleisch zarter. Gelee meint hier den Frost, nicht Gelatine.

Die Sommer/Winter-Unterscheidung ist Diätetik: bei Hitze reduziert man auf Speck und Safran, lässt die 'erhitzenden' Kräuter und den sauren Verjus weg - das galt als der Jahreszeit angemessen.

Praxis. Kapaun (ersatzweise ein großes Suppenhuhn) oder Kalbfleisch mit einem Stück durchwachsenem Speck in Wasser sanft gar ziehen lassen. Gegen Ende reichlich gehackte Petersilie, Salbei, Ysop und - wenn erhältlich - Frauenminze zugeben (sonst etwas Minze plus Salbei als Annäherung), mit einem Schuss Verjus säuern, wenig frischen Ingwer reiben und ein paar Safranfäden für die Farbe. Nicht lange mitkochen, damit die Kräuter frisch bleiben.

Was bedeutet 'Verjus' und wo bekomme ich ihn?

Verjus ist der Saft unreifer Weintrauben. Er ist sauer wie Essig, aber fruchtiger und milder. Du findest ihn in gut sortierten Feinkostläden oder bei Online-Händlern für Wein und Spezialitäten. Alternativ kannst du einen milden Weißweinessig oder Zitronensaft verwenden, wobei der Geschmack leicht abweichen wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist nicht direkt für die Lagerküche geeignet. Die im Rezept beschriebenen Methoden zur Zartmachung des Fleisches (sechs Tage in der Kälte oder zwei Tage ohne Sonne liegen lassen) erfordern eine längere Vorbereitungszeit und kontrollierte Bedingungen, die am Lager kaum umsetzbar sind. Bereite das Gericht am besten zu Hause vor.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem 'Ménagier de Paris', einem französischen Haushaltsbuch, das um 1393 verfasst wurde. Es bietet detaillierte Anweisungen für die Haushaltsführung, Gartenarbeit und vor allem eine umfangreiche Sammlung von Kochrezepten, die das Leben des Pariser Bürgertums im späten Mittelalter widerspiegeln.

Was ist mit 'coq' in der Kräuterliste gemeint?

Der Begriff 'coq' in der Kräuterliste ist in diesem Kontext ungewöhnlich und wird als Schreibfehler oder Abkürzung für eine andere Pflanze interpretiert. Die plausibelste Lesart im Kontext der anderen Kräuter (Petersilie, Salbei, Ysop) ist 'coriandre' (Koriander). Eine andere Möglichkeit wäre 'coquelicot' (Mohn), dessen Blätter ebenfalls verwendet wurden, aber seltener in solchen herzhaften Mischungen. 'Coq' im Sinne von Hahn ist in einer Kräuterliste nicht sinnvoll.

Chappons aux herbes, veel aux herbes. En yver chappons tuez, moulliez et puis mis vi jours a la gelee, et en esté mors de deux jours sans soleil, ou estouffiz soubz une couste en esté. Mectez cuire en eaue, et du lart avec pour donner appetit, et mectez percil, sauge, coq et ysope, ung petit de vertjus pour aguisier, et du gingembre bien petit, et saffran pour donner couleur. C'est potage propre s'il fait froit, maiz s'il fait chault, il ne couvient ne en l'un ne en l'autre fors lart et saffran.
Chappons

Kapone - kastrierte Masthähne mit besonders zartem, fettreichem Fleisch.

coq

Frauenminze/Balsamkraut (Tanacetum balsamita), mfr. 'herbe coq' - ein Würzkraut, NICHT Hahn, Koriander oder Quitte. Steht im Ménagier regelmäßig neben Petersilie, Salbei und Ysop.

gelee

Hier Frost/Kälte, nicht Gelatine - sechs Tage Kälte als Methode zur Fleischreifung.

estouffiz soubz une couste

Wörtlich 'unter einer Decke erstickt' - eine historische Methode, Geflügel zu töten und dabei das Fleisch zarter zu machen.

potage

Ein dicker, gebundener Eintopf, nicht eine klare Suppe.

vertjus

Saft unreifer Weintrauben - Säuerungsmittel ähnlich Essig, aber fruchtiger und milder.

Handschrift
Le Ménagier de Paris
Folio
Fol. 140r
Sprache
Moyen Français
Entstehung
Paris, 1393

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartcoq

Gewählte Lesart: Frauenminze/Balsamkraut (Tanacetum balsamita), mfr. 'herbe coq' bzw. 'coq des jardins'. Diese Lesart ist im Ménagier gesichert, weil 'coq' dort mehrfach in genau dieser Kräutergesellschaft (Petersilie, Salbei, Ysop, Majoran) auftritt - so auch hier.

Andere mögliche Lesart:

  • Koriander (coriandre) - Im Korpus stellenweise so übersetzt, aber 'coriandre' ist im Mittelfranzösischen das eigene Wort; 'coq' als Verschreibung dafür ist nicht belegt. Weniger wahrscheinlich als die etablierte Frauenminze-Lesart.

Originalwerk (~1393) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 140r, Scan: Bibliothèque nationale de France, Gallica (BnF Manuscrit Français 12477)
Transkription
Base de Français Médiéval (BFM), ENS Lyon - TEI P5, Lizenz Etalab Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Das eigentliche Kochen ist ein einfacher Brühen-Topf am Feuer, gut am Lager machbar. Nur die mehrtägige Fleischreifung muss vorab zuhause passieren - frisches Geflügel mitbringen.
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