Rheinfränkisches Kochbuch (Rheinfränkisches Kochbuch (ohne Originaltitel; Ms. germ. fol. 244, fol. 285r-294v))
Gefülltes Spanferkel am Spieß mit zweierlei Füllung (klassisches Schaugericht)
Moderne Übersetzung
Willst du ein Spanferkel gut und sauber braten, so nimm Eier in Schmalz gerührt, und hacke die Lunge darunter, und würze es gut, und fülle es damit, und brühe es in einem Kessel ab, und brate es dann am Spieß, und ziehe ihm eine Wurst der Länge nach durch den Mund. Auch ist gut, mit Wacholder und Knoblauch zu füllen, wer das gern hat.
Zutaten
| Original | Modern / Menge | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|
| spinferkelen | Spanferkel | Metzger (auf Bestellung) | - |
| eyer | Eier | - | - |
| smalcze | Schweineschmalz | Metzger | Butterschmalz (nicht fastenkonform) |
| lungen | Lunge - vom Spanferkel selbst (vom Metzger mitgeliefert) oder zusätzliche Schweine-/Kalbslunge | Metzger (auf Bestellung) - heute kein Standardprodukt mehr im Supermarkt | Kalbslunge (vgl. mha-019) oder andere magere Innereien; modern oft ersetzt durch Brät / Hackfleisch (verändert aber den Charakter) |
| wurcze | Gewürze | - | - |
| worst | Wurst | Metzger | - |
| wacholder | Wacholderbeeren | - | - |
| knobelauch | Knoblauch | - | - |
Zubereitungshinweis
Das mittelalterliche Spanferkel-am-Spieß-Schaugericht - das vielleicht klassischste Festmahl-Bild überhaupt, mit doppelter Füllvariante und Theater-Detail (Wurst im Maul). Direkte Schwester von rfk-050 (rekonstruiertes Huhn / Galantine) in der Schau-Speisen-Sektion des Schreibers.
‚Wol vnd suber braden‘ - der Schreiber verwendet ‚suber‘ konsistent als Stil-Idiom für ‚sauber/gleichmäßig‘ (bei rfk-050 auf die klare Brühe bezogen, hier auf das gleichmäßige Bratergebnis ohne Verbrennungen und ungare Stellen). Bei einem ganzen Tier am Spieß über offenem Feuer ist das eine echte handwerkliche Herausforderung: verlangt ständige Spieß-Drehung und Aufsicht über mehrere Stunden.
Doppelte Füllvariante: - Variante A (Hauptfüllung): Eier in Schmalz verrührt + fein gehackte Lunge + Gewürze. Reichhaltige, bindende, würzige Hackfüllung - vergleichbar einer modernen Pasteten-Brät-Füllung. Schmalz statt nur Eier macht das Brät reichhaltiger und besser bindend; die Lunge ist mager-schwammig und nimmt das Aroma sehr gut auf. - Variante B (Alternative): Wacholder + Knoblauch - klassische Wild-/Schweinekräuter, kräftig-harzig-aromatisch. Wird vermutlich nicht als Hack, sondern als ‚Stopf‘-Füllung (ganze Beeren und Knoblauchzehen) in die Bauchhöhle gegeben.
Das lockere ‚der isz gern hait‘ (‚wer das gern hat‘) gibt dem Koch Wahl - ungewöhnlich für den Schreiber, der sonst meist eine feste Anweisung gibt.
‚Erwelle isz in einem kessel‘ - der überraschend moderne Schritt: Das gefüllte Tier wird erst in heißem Wasser bzw. Brühe vorgegart, dann erst an den Spieß. Kulinarisch genau die heutige Sous-Vide-/Niedrigtemperatur-Spanferkel-Technik, in mittelalterlicher Variante! Praktische Gründe: - Innere Garzeit am Spieß deutlich kürzer (kein Risiko, dass die Haut verbrennt, bevor das Innere durch ist - bei 8-12 kg Tier ein echtes Problem) - Haut schrumpft leicht an, wird fester (knuspert später besser) - Vor allem die dichte Hackfüllung wird sicher durchgegart
Größe-Realität für Nachkocher: ein Kessel groß genug für ein ganzes Spanferkel (~8-12 kg) ist nicht trivial - mittelalterliche Klosterküchen hatten solche Kessel, heute praktisch nur in spezialisierten Lager-/Profiküchen. Wer’s im Ofen vorbacken kann (90-110 °C, ca. 2-3 h), bekommt das gleiche Ergebnis.
‚Czuch yme ein worst nach der lenge dorch den munt‘ - die Wurst im Schweinemaul: Eine Wurst wird durch den Mund des fertig gebratenen Spanferkels gezogen, sodass sie nach vorne aus dem Maul herausschaut und entlang der Körperachse liegt. Schau-Detail erster Klasse - und mit hoher Wahrscheinlichkeit der direkte Schau-Vorfahre der heute noch lebenden Tradition, einen Apfel in das Maul des fertigen Spanferkels zu stecken. Wurst statt Apfel, identisches Konzept: das Tier soll auf der Tafel nicht nur gebraten wirken, sondern inszeniert.
Lungen-Beschaffung: Heute kein Standardprodukt im Supermarkt - beim Metzger auf Bestellung. Cross-Ref zu mha-019 (Kalbslunge): dasselbe Innereien-Material in einer anderen Verarbeitung.
Heutiges Spanferkel-Lagerkochen: Wer das auf einem Mittelaltermarkt nachkocht, kann das Abbrühen weglassen, wenn er niedriger und länger brät (90-110 °C über 4-6 Stunden auf einem stabilen Drehspieß). Das ist die heute übliche Profi-Technik und ergibt knusprige Haut + saftiges Inneres ohne den Vorgar-Schritt.
Vollständige Version mit Originaltext, Glossar und Anmerkungen: fyndling.de/rezepte/rfk-051/
fyndling.de/rezepte/rfk-051/