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Civet vom Wild (Hase, Kaninchen)

Le Viandier de Guillaume Tirel, dit Taillevent · Frankreich · 1300

WildHauptspeise · WildLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10Höfische KücheHofkücheHülsenfrüchteHülsenfrüchte
Zubereitungszeit120 Min.Portionen4-6 PersonenBuchLe Viandier de Taillevent (~1300)

Brate das Wildfleisch, sei es Hase oder Kaninchen, am Spieß noch roh oder auf dem Grill an, ohne es zu stark zu garen. Teile es dann in Stücke und lasse es in Schweineschmalz mit fein gehackten Zwiebeln schmoren. Nimm anschließend geröstetes Brot vom Grill, löse es in Wein, Rinderbrühe und Erbsenpüree auf. Lasse diese Mischung mit deinem Fleisch aufkochen. Verfeinere das Gericht dann mit Ingwer, Zimt, Nelken, Paradieskörnern und Safran, um ihm Farbe zu verleihen. Löse die Gewürze in Verjus und Essig auf und würze kräftig.

Für Hasencivet: Es soll schwarz sein und auf die gleiche Weise zubereitet werden, doch wasche das Fleisch nicht.

Für Kaninchencivet: Es soll kräftig säuerlich sein und wie das Hasencivet zubereitet werden.

OriginalModern / MengeWo kaufenAlternative
Ciue soit hale en broche tout cru ou sur le gril Wildfleisch (Hase oder Kaninchen) Metzger, Wildhändler -
sain de lart Schweineschmalz - -
oignons menus mainces Zwiebeln - -
pain halle sur le gril Geröstetes Brot - -
vin Wein - -
bouillon de beuf Rinderbrühe - -
puree de poys Erbsenpüree - -
gingembre Ingwer - -
canelle Zimt - -
girofle Nelken - -
graine de paradis Paradieskörner Online (Gewürzhändler) Schwarzer Pfeffer mit einem Hauch Kardamom
saffran Safran gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
vertius Verjus Feinkostladen, Online (Spezialitätenhändler) Weißweinessig oder Zitronensaft
vinaigre Essig - -
fort despices Gewürzmischung - -

Welches Gericht ist das? Ein civet - ein dunkles, kräftig gewürztes Wildragout - vom Hasen oder Kaninchen. Es ist der direkte Vorfahr des heutigen französischen civet de lièvre: angebratenes Wild, in Wein geschmort, mit Brot gebunden und am Ende oft mit Blut zur charakteristischen dunklen Farbe abgezogen. Sehr eng verwandt mit dem hellen Kalbs-Civet (men-115) und dem Hasenragout (men-116) im Korpus.

Das Verfahren ist mehrstufig: Erst wird das Fleisch am Spieß oder Rost halb angebraten (hale) - nicht durchgegart -, dann zerteilt und in Schweineschmalz mit fein gehackten Zwiebeln geschmort (souffrir heißt hier sanft garen, nicht "leiden"). Gebundenen wird mit geröstetem Brot, das in Wein, Rinderbrühe und Erbsenpüree aufgelöst (deffaictes) wird. Gewürzt wird mit Ingwer, Zimt, Nelken, Paradieskörnern und Safran für die Farbe, das Ganze mit Verjus und Essig gesäuert.

Grain meint hier nicht Getreide, sondern die Fleischstücke. Die Anweisung zum Hasen, ihn "nicht zu waschen" (ne fault point lauer la chair), zielt darauf, das Blut am Fleisch zu belassen - es bindet und färbt das Ragout dunkel. Das Kaninchen-Civet soll dagegen betont säuerlich (aigre fort) sein.

Praxis. Hase oder Kaninchen zerteilen, am Feuer kurz anbräunen. In Schmalz mit reichlich gehackten Zwiebeln schmoren. Geröstetes Brot in Wein, Brühe und Erbsenpüree einweichen, dazugeben, aufkochen. Mit Ingwer, Zimt, Nelke, Paradieskörnern und Safran kräftig würzen, mit Verjus und Essig abschmecken. Wer original arbeiten will, zieht zum Schluss etwas aufgefangenes Blut ein (nicht mehr kochen lassen) - andernfalls genügt das Brot zur Bindung und der Safran/Gewürze zur Farbe.

Wo bekomme ich Paradieskörner?

Paradieskörner (Aframomum melegueta) sind ein pfeffrig-kardamomartiges Gewürz, das im Mittelalter oft als Pfefferersatz diente. Du findest sie heute in gut sortierten Gewürzläden oder online bei Spezialitätenhändlern. Als Alternative kannst du schwarzen Pfeffer mit einem Hauch Kardamom verwenden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein, dieses Rezept ist aufgrund der komplexen Zubereitungsschritte, der benötigten Zutaten (wie Erbsenpüree und spezielle Gewürze) und der Implikation, Blut für die dunkle Farbe zu verwenden, nicht ideal für die Lagerküche. Die Zubereitung erfordert mehr Kontrolle und Hygiene, als am offenen Feuer im Lager üblich ist. Zuhause vorbereiten.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus 'Le Viandier de Taillevent', einem der ältesten und einflussreichsten französischen Kochbücher. Es wird dem Koch Guillaume Tirel, genannt Taillevent, zugeschrieben und entstand in verschiedenen Versionen ab dem späten 14. Jahrhundert (um 1393). Es repräsentiert die höfische Küche des französischen Adels.

Was bedeutet 'Verjus' und wo bekomme ich ihn?

Verjus (französisch 'vert jus' = grüner Saft) ist der Saft unreifer Weintrauben. Er wurde im Mittelalter als Säuerungsmittel ähnlich wie Essig oder Zitrone verwendet, hat aber ein fruchtigeres, weniger stechendes Aroma. Du findest ihn in Feinkostläden, Weinhandlungen oder online. Alternativ kannst du Weißweinessig oder Zitronensaft verwenden, wobei der Geschmack leicht abweichen wird.

Welche Gewürzmischung passt zu 'espices'?

Wenn im mittelalterlichen Kontext von 'espices' (Gewürzen) die Rede ist, ist oft eine Mischung aus wärmenden und scharfen Gewürzen gemeint. Typisch für die französische Küche dieser Zeit wären Ingwer, Zimt, Nelken, langer Pfeffer, Muskatnuss und Paradieskörner. Das Rezept listet bereits einige davon auf; 'fort despices' bedeutet, diese kräftig einzusetzen und eventuell weitere hinzuzufügen.

Was bedeutet die Anweisung, das Hasenfleisch nicht zu waschen?

Die Anweisung, das Hasenfleisch für den Civet nicht zu waschen, dient dazu, das Blut und die dunkle Farbe des Fleisches zu erhalten. Civets sind traditionell dunkle, oft mit Blut gebundene Eintöpfe, die ihren charakteristischen Geschmack und ihre Farbe durch diese Zubereitung erhalten. Dies ist ein wichtiger Schritt für die Authentizität des Gerichts.

Ciue soit hale en broche tout cru ou sur le gril sans laisser trop cuyre puis despeces par pieces & mettes souffrir en sain de lart auec oignons menus mainces puis prenez pain halle sur le gril deffaictes de vin & de bouillon de beuf & de puree de poys faictes bouillir auec vostre grain puis affines gingembre / canelle / girofle / graine de paradis & saffran pour donner couleur deffaictes de vertius & de vinaigre & fort despices. Ciue de lieure doit estre noir & soit fait pareillement mais ne fault point lauer la chair. Ciue (Page 36) de connins doit estre aigre fort & fait comme celluy de lieure. Chapitre
Ciue (Civet)

Ein dunkles, kräftig gewürztes Wildragout, traditionell mit Blut gebunden.

hale

Angebraten/geröstet, aber noch nicht durchgegart - das Fleisch wird nur vorgebräunt.

souffrir

Hier "sanft garen lassen, schmoren" - nicht das gleichlautende "leiden".

deffaictes

Aufgelöst, zerrieben - das geröstete Brot wird in Flüssigkeit zerteilt und bildet die Bindung.

grain

Hier die Fleischstücke, nicht Getreide.

graine de paradis

Paradieskörner, ein pfeffrig-kardamomartiges westafrikanisches Gewürz, oft als Pfefferersatz.

ne fault point lauer la chair

Das (Hasen-)Fleisch nicht waschen - damit das Blut erhalten bleibt, das das Civet dunkel färbt und bindet.

Handschrift
Le Viandier de Guillaume Tirel, dit Taillevent
Folio
Fol. 014r
Sprache
Moyen Français (ca. 1300-1400)
Entstehung
Frankreich, 1300

Originalwerk (~1300) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 014r, Bibliothèque nationale de France, Manuscrit Français 19791, Gallica (ark:/12148/btv1b10501680z) - Domaine public Quelle öffnen
Transkription
Pichon & Vicaire 1892 (kritische Edition), Project Gutenberg #26567 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Anbraten am Feuer und Schmoren im Topf - klassische Lagerarbeit. Erbsenpüree und Gewürze vorbereiten; eine etwaige Blutbindung verlangt frisches, gekühltes Blut.
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