Fünftes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger
Das funft alter Augspurg ein loebliche hohberuembte. vnd obrer teutscher land gar alte statt. dann ettlich die diser statt fast alten vrsprung anzaigen woellen. sagen. das das schwabisch volck vonn Japhet dem sun Noe herkom. der erstlich diss land bewonet. vnd alda dise stat erpawen hab. da man vberfluessigkeit der wasser. gesunden luft vnd andere bequemliche vnd nottuerftige ding leichtlich haben moecht. dann als die schwaben in das rieß komen vnnd daselbst von wegen dess zusamanlawfs zwayer schneller fluess. der Synckelt vnd des Lechs. ein schicklichs vnd zu beschirmung auß natur befestigts ort vermerckten. haben sie erstlich dise statt daselbst gepawen vnd die nach denselben zwayen wassern Vindelicam genent. wann dieselb gegent hieß dauor bis an das gepirg hinauff Vindelica. vnnd alles gepirg gein dem aufgang vnd mittemtag wardt von den Riessern vnnd Lechfeldernn beseßen. als strabo setzt. Dieselben statt vmbfiengen sie (nach altem sitten) mit einer anschuett oder graben. Nach dem nw die streypern weyber Amazones genant Europam verfolgten. haben sie vnder irer koenigin Marsepia die schwaben mit vngewoenlichen waffen vnd scharpffen helmparten auß diser statt bis an das gepirg zeweichen gezwungen vnnd die statt wuest gelassen. wo dise ding vor der zerstoerung Troye geschehen sind. so maynt man das dise statt vor Troya gewesen. vnd zu den zeiten des außgangs der kinder israhel von Egypto vor Rom. vc. vnd. I. iar gezimmert sey. Ettlich sagen die sey von den Troyanernn gepawen. Nw erwelten sie ine die goettin Zizam. die maynen sie Cererem gewesen sein. Von derselben goettin wardt die stat Zizaria genambt. vnd ist ir tempel bis an die zeit der Roemer vnuerletzt bliben. vnd darnach auß veraltung eingefaln. vnd hat behabt den namen eins bergs den die inwoner zu Augspurg noch hewt den Eysenberg heyßen. Als nw dise statt darnach durch die Lechfelder vnnd Riesser mit mawrnn. ergkernn vnnd schirmwer bewaret wardt hat sie vonn den Roemernn vil krieg erlidden. Dann die begertten alweg der freyheit. darumb empfremdeten sie sich vonn den Roemernn. Dem nach schicket Augustus Octauianus Titum Ennium den Roemer mit der Marcianischen schar vnnd andernn heerfuerernn wider die Augspurger. in derselben schar waren die hohachtpernn mann Auar. Bogudis des koenigs sun ein iungling in der wer vnd waffen bey den kriechyschen vnd lateinischen geuebt. vnd Varro ein hawbtman der ritterschafft Dieselben belegerten dise statt in dem ende des sumers mit großer menig der Roemer. vnd bekuemerten sie mit mancherlay vnfuog vnd beschwerden. in derselben stuermung wardt Auar der kriech erslagen. vnd bey dem dorff kriech sawrn begraben. vnd bey im ein lateinische schrifft. seinen vrsprung vnd ende anzaigen gefunden. Diser vorgenant Titus vergieng auch mitsampt der Marcianischen schar. also das in derselben niderlage wenig vberbliben. die gehandelte ding ansagten. vnnd die verlorn schar. zu latein perdita legio gab dem ort do die niderlag beschah den Blat XCII der werlt namen von den ersten zwayen silben yedes lateinischen worts. als per vnd leg. das yetzo enmitten in der statt. vnd der perlech genant ist. aber Varro (den sie Verrem nennen) empflohe vber das wasser verbarge sich in den huelen vnd starb nachfolgend vnselligclig. vnd Swetonius schreibet das Octauianus alle schwere vnd schentlich niderlag vnd zwu geferlichkeit. eine Loliana. die ander Varriana genant. vnnd doch nyndert dann in teutschen land empfangen hab. also das die Varrianischen mit dreyen scharn irem heerfürer vnd gemaynen senndbotten vnnd gehilffen schier gar erschlagen warden. Darnach hat Augustus durch Tiberium neronem (dieweil sich Drusus sein bruder an die Reinischen gegent richtet) nach der Varrianischen niderlag vber drey iar die Lechfelder ernider gelegt vnd ir statt verwuestet. Vnd als die wort Strabonis anzaigen so hat keyser Augustus dreytausenten daselbsthin gesandten roemern die stat zebesitzen eingeantwurter. da dann Varro sein heergeleger gehabt het. Aber Claudius drusus hat dise statt darnach baß geauffent vnd mit mawrnn vnd thuernen erweitert. vnd nach dem sie dann auß den anfengen Augusti vberwunden vnnd gemeret was so ist dise statt Augusto Octauiano zu eren Augusta genant worden. Als aber nw die Schwaben (die dann an machtigkeit vnd volck andere fuertreffen) inen dise stat als fuer ein allersichersts ort erwelt hetten. do ist von dannnenher dieselb statt an dem roemischen reich bestendig vnd getrew bliben vnd hat groß zugenomen. vnd sind vil anzeigung irs alters darinn bliben. Aber do in dem. ixc. liiij. iar der gepurt Cristi die Hungern vber teuetsche land vnd Schwoben gezogen sind haben sie dise statt belegert vnnd die Norgkewer. Rießer vnd Schwaben mit mancherlay beschwerden bekuemert. Keyser Ott der erst krieget vil tag wider sie. vnd zu letst tilget er sie bey Augspurg gar ab. In deselben streit ist todt bliben graff Diepolt sant Vlrichs bruder. vnd Regnibaldus seiner schwester sun. Darnach machet sant Vlrich der bischoff dise statt erleuechter vnd richtet sant Affra kirchen wideranf. die dann dauor von Attila vnd yetzo von den Hunyern verletzet wardt. Dise kayserliche statt ist auch gezieret mit einem wieten bischoflichen thumstift vnd kirchen in der eren der seligen iunckfrawen Marie geweihet. Auch mit sant Vlrichs closter sant Benedicten ordens. dar in die leichnam desselben sant Vlrichs. vnd sant Simprechts. Auch sant Affre der martrerin. vnd sunst vil andere heiligen in sunderer ere gehalten werden. die dann der statt Augspurg mit irer marter gegen got vil verdient haben Augspurg
Das fünfte Zeitalter. Augsburg, eine lobenswerte, hochberühmte und in den oberen deutschen Landen sehr alte Stadt. Denn etliche, die den sehr alten Ursprung dieser Stadt aufzeigen wollen, sagen, dass das schwäbische Volk von Japhet, dem Sohn Noahs, abstamme, der dieses Land zuerst bewohnte und dort diese Stadt erbaut habe, wo man Überfluss an Wasser, gesunde Luft und andere bequeme und notwendige Dinge leicht haben konnte. Als die Schwaben ins Ries kamen und dort wegen des Zusammenflusses zweier schneller Flüsse, der Singold und des Lechs, einen geeigneten und von Natur aus zur Verteidigung befestigten Ort bemerkten, haben sie zuerst diese Stadt dort gebaut und sie nach denselben zwei Gewässern Vindelica genannt. Denn dieselbe Gegend hieß zuvor bis hinauf ins Gebirge Vindelica, und das gesamte Gebirge gegen Osten und Süden wurde von den Riesern und Lechfeldern besiedelt, wie Strabo berichtet. Dieselbe Stadt umfingen sie (nach altem Brauch) mit einem Wall oder Graben. Nachdem nun die streitbaren Frauen, genannt Amazonen, Europa verfolgten, haben sie unter ihrer Königin Marsepia die Schwaben mit ungewöhnlichen Waffen und scharfen Hellebarden gezwungen, aus dieser Stadt bis an das Gebirge zu weichen, und die Stadt wüst gelassen. Wenn diese Dinge vor der Zerstörung Trojas geschehen sind, so meint man, dass diese Stadt vor Troja existierte und zu den Zeiten des Auszugs der Kinder Israels aus Ägypten, 501 Jahre vor Rom, erbaut wurde. Etliche sagen, sie sei von den Trojanern erbaut worden. Nun erwählten sie sich die Göttin Zizam, die sie für Ceres halten. Von derselben Göttin wurde die Stadt Zizaria genannt, und ihr Tempel blieb bis an die Zeit der Römer unversehrt und verfiel danach aus Altersschwäche. Und hat den Namen eines Berges behalten, den die Einwohner zu Augsburg noch heute den Eysenberg nennen. Als nun diese Stadt danach durch die Lechfelder und Rieser mit Mauern, Erkern und Schirmwehren befestigt wurde, hat sie von den Römern viele Kriege erlitten. Denn sie begehrten stets die Freiheit, darum entfremdeten sie sich von den Römern. Demnach schickte Augustus Octavianus den Römer Titus Ennius mit der Marcianischen Schar und anderen Heerführern gegen die Augsburger. In derselben Schar waren die hochachtbaren Männer Auar, Bogudis, der Königssohn, ein Jüngling, geübt in Krieg und Waffen bei den Griechen und Lateinern, und Varro, ein Hauptmann der Ritterschaft. Dieselben belagerten diese Stadt am Ende des Sommers mit einer großen Menge Römer und bekümmerten sie mit mancherlei Unbill und Beschwerden. In derselben Stürmung wurde Auar der Grieche erschlagen und bei dem Dorf Kriechsaurn begraben, und bei ihm wurde eine lateinische Inschrift gefunden, die seinen Ursprung und sein Ende anzeigte. Dieser vorgenannte Titus verging auch mitsamt der Marcianischen Schar, sodass in derselben Niederlage wenige übrig blieben, die die geschehenen Dinge berichten konnten. Und die verlorene Schar, lateinisch *perdita legio*, gab dem Ort, wo die Niederlage geschah, den Namen von den ersten zwei Silben jedes lateinischen Wortes, nämlich *per* und *leg*, das jetzt inmitten der Stadt liegt und der Perlach genannt wird. Aber Varro (den sie Verres nennen) floh über das Wasser, verbarg sich in den Höhlen und starb nachfolgend unseliglich. Und Suetonius schreibt, dass Octavian alle schweren und schändlichen Niederlagen und zwei Gefährlichkeiten, eine Loliana, die andere Varriana genannt, und doch nirgends anders als in deutschen Landen erlitten habe, sodass die Varrianer mit drei Legionen, ihrem Heerführer und gemeinen Sendboten und Gehilfen schier ganz erschlagen wurden. Danach hat Augustus durch Tiberius Nero (während sich Drusus, sein Bruder, an die Rheinische Gegend richtete) nach der Varrianischen Niederlage, über drei Jahre, die Lechfelder niedergeworfen und ihre Stadt verwüstet. Und wie die Worte Strabos anzeigen, so hat Kaiser Augustus dreitausend dorthin gesandten Römern die Stadt zur Besetzung übergeben, wo dann Varro sein Heerlager gehabt hätte. Aber Claudius Drusus hat diese Stadt danach besser befestigt und mit Mauern und Türmen erweitert. Und nachdem sie dann aus den Anfängen Augusts überwunden und vermehrt war, so ist diese Stadt zu Ehren Augusts Octavianus Augusta genannt worden. Als aber nun die Schwaben (die dann an Macht und Volk andere übertrafen) sich diese Stadt als einen allersichersten Ort erwählt hatten, da ist von dannen her dieselbe Stadt dem römischen Reich beständig und treu geblieben und hat groß zugenommen. Und es sind viele Anzeichen ihres Alters darin geblieben. Aber als im Jahre 954 nach Christi Geburt die Ungarn über deutsche Lande und Schwaben gezogen sind, haben sie diese Stadt belagert und die Norgkewer, Rieser und Schwaben mit mancherlei Beschwerden bekümmert. Kaiser Otto der Erste kriegte viele Tage gegen sie, und zuletzt tilgte er sie bei Augsburg ganz aus. In demselben Streit ist Graf Diepold, der Bruder des heiligen Ulrich, und Regnibald, der Sohn seiner Schwester, tot geblieben. Danach machte der heilige Bischof Ulrich diese Stadt erleuchteter und richtete die Kirche der heiligen Afra wieder auf, die zuvor von Attila und jetzt von den Ungarn verletzt worden war. Diese kaiserliche Stadt ist auch geziert mit einem weiten bischöflichen Domstift und einer Kirche, geweiht zu Ehren der seligen Jungfrau Maria. Auch mit dem Kloster des heiligen Ulrich des Benediktinerordens, darin die Leichname desselben heiligen Ulrichs und des heiligen Simperts, auch der heiligen Afra der Märtyrerin und sonst vieler anderer Heiliger in besonderer Ehre gehalten werden, die dann der Stadt Augsburg mit ihrem Martyrium vor Gott viel verdient haben.