Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger
Das sechst alter Wienn ist ein weitberuembte statt in oesterreich an dem fluss der Thonaw gelegen. Derselb fluss taylet Bayerland. oesterreich vnd Hungern vnd steyget durch Rasciam vnd Bulgariam mit. lx. schiffreichen wassern ab in Euxinum vnnd beruert vil treffenlicher stett. vnder den ist kein habhaftigere. kein volckreichere. kein eltere dann Wienn. die hawbtstatt der oesterreichischen stett vnd lands. Dise statt ist ettwen (als man in den alten freyhaiten der hertzog findet) Flauianum genant worden. nach Flauio dem landfogt der diser gegent vor was vnnd die statt anfienge. Oder aber nach Flauio dem keyser der an die Thonaw zohe gemercke zu zil des roemischen reichs zesetzen vnd daselbst sol dise statt auß den gemercken den namen erlangt haben. Wenn nw die teuetschen Flauianum nennen so sprechen sie mit verzugktem wort Flawienn. so ist nit on vrsach durch lennge der zeit der erst silb Fla (als sunst oft geschiht) hingelegt vnd also Wienn bliben. vnd dise statt dauon Wienn genant worden. Wiewol ettlich maynen dz die statt von dem klaynen fluss Wienna genant der zwischen den vorstetten fleueßt irnn namen hab. Dise großmachtig statt ist in irem vmbkrays der mawrn zwaytausent schrit weit vmbfangen. hat auch groß vnd weyt vorstett mit eim graben vnd schuet bewaret. so hat die statt auch einen großen graben vnd daran ein fast hohe auffgeworffne schuett. vnd dick vnd hoh zinnen. vil thuern vnd vorweer zum krieg geschickt. daselbst sind weyte vnd zierliche burgerßhewser. feste. hohe vnd starcke gepew. allain ist das ein vnzierde das der hewßer vil mit schindeln vnd wenig mit ziegeln gedeckt sein. Die andern gepew sind von stayneim gemeuere. so sind die hewßer gemalet. also das sie innen vnd außen scheinen. wo du in eins yeden hawß eingeest so mainest du seyest in eins fuersten wonung komen. Der edeln vnd prelaten hewßer daselbst sind frey. Alda sind auch dem hoehsten got vnd den heiligen weyte vnd scheinpere von gehawen stainen gepawte liechte. vnd an ordnunge der sewln wunderwirdige gottzßhewßer geweihet. Item vil vnd koestlich heilthumb mit gold silber vnd edelm gestayn beklaidet. vnd ein großer machtiger zier der gotzßhewßer. Dise stat ist in dem Passawischen bisthumb gelegen. vnnd die tochter groeßer dann die muter. Daselbst sind die vier oerden der pettlenden. Auch die Schotten. Vnd sant Augustins Canonici regulares. gar reich geachtet. Auch iunckfrawen cloester. Alda ist auch ein closter zu sant Jheronimus genant. darein bekert gemayn suendig frawen genomen werden. die tag vnd nacht in teuetschem gezuenge gotloeblichs gesanng singen. Welche dann in widerkerung der suend begriffen wirdt. die wirdt in die Thonaw gestuertzt. Aber sie fueren daselbst also ein zuechtig vnd heilig leben das von ine gar selten ein boeß geruecht oder lewmat erhoert werdt. In diser statt ist auch ein hohe schul der freyen kuenst. Auch der heiligen schrifft vnd geistlichs rechtens. aber doch new. vnd von babst Vrbano dem sechsten fuer Blat XCIX der werlt genomen. daselbst komt ein merckliche große anzal der studenten auß Hungern vnd oebern teuetschen landen zusamen. Man maynt das der die zum heiligen sacrament geen bey fuenftzigtausent gefunden werden. So werden. xviij. mann zum rat gewelet. Auch ein richter der gerichtlichen sachen vnd hendeln vor ist. darnach ein burger maister der gemayner statt sorg tregt. sunst sind nit ander oebern alda. dann allain die die den wein zol einfordern. auff dieselben hat man in allen sachen ein auffsehen. vnd ir gewalt weret von iar zu iar. Es ist vnglewplich zesehen wieuil vnd mancherlay dings zu menschlicher speyß vnd narung teglich in dise stat gebracht wirdt. Daselbsthin komen vil wegen vnd karren mit ayern vnnd krebsen. dahin bringt man gepachen prot. flaisch. fisch foegel on zal. vmb vesperzeit findst du nichtz mer derselben ding fail. da verzeueht sich das weinlesen viertzig tag. An keinem tag werden nit bey drey hundert mit wein geladen wegen zway vnnd dreymal hineingefuert. Bey zwolfhundert pferden gepraucht man taglich zum werck des weinlesens. Es ist vnglewplich zesagen wieuil weins in dise statt gefuert. vnd entweders daselbst außgetruncken oder außer lands auff der Thonaw auffwartz wider den fluss mit grosser muee vnd arbait geschickt wirdt. Die weinkeller sind also tieff vnd weit. das (als man maynt) zu Wienn nit minder gepews vnder der erden dann darob sein sol. Die gassen vnd strassen daselbst sind auch also mit hertten stayn gepflastert das das pflaster mit den raden der geladen wagen nit leichtlich zertriben werden mag. In den hewsern ist vil vnd rayns hawßgeschirr. weyte stallung der pferdt. vnd allerlay thier. allenthalben schwinbogen. gewelb vnd weyte lustgemach vnd stuben darinn man sich wider die scherpffe des winters entheltet. allenthalben durchscheinen glaserine fenster. so sind die thuer gewoenlich eyßnein. do hoert man vil foegel gesangs. Bey den Wiennern sind selten alte geslecht sunder sie sind schier alle entweders daselbsthin einkomen oder frembt inwonere. dieweil am iungsten keyser Friderich der drit gegen Mathia dem Hungrischen konig in feintschafft vnd krieg gestanden ist hat dise statt Wienn als die fuernemst der erblichen land desselben keyser Friderichs vil kriegs. vnfugs widerwertigkeit vnd beschwerde darunter gelidden von demselben Hungrischen konig. der dann den Wienern vil schadens vnd dem kayser vil vnrats zugezogen vnd ime dise statt zu lest abgedrungen hat. Aber nach absterben konigs Mathie hat keyser Friderich der drit yetz also alter dise statt Wienn widerumb durch seinen sun konig Maximilianum in seinen gewalt gebracht.
Das sechste Zeitalter. Wien ist eine weithin berühmte Stadt in Österreich, am Fluss der Donau gelegen. Derselbe Fluss teilt Bayern, Österreich und Ungarn und strömt durch Raszien und Bulgarien mit sechzig schiffbaren Gewässern hinab in das Euxinum und berührt viele bedeutende Städte. Unter diesen ist keine wohlhabender, keine bevölkerungsreicher und keine älter als Wien, die Hauptstadt der österreichischen Städte und Länder. Diese Stadt ist einst (wie man in den alten Freiheitsbriefen der Herzöge findet) Flavianum genannt worden, nach Flavius, dem Landvogt, der zuvor in dieser Gegend war und die Stadt begonnen habe. Oder aber nach dem Kaiser Flavius, der an die Donau zog, um Grenzzeichen als Ziel des Römischen Reiches zu setzen, und davon soll diese Stadt ihren Namen erhalten haben. Wenn nun die Deutschen Flavianum nennen, so sprechen sie mit verändertem Wort Flawienn; so ist nicht ohne Grund im Laufe der Zeit die erste Silbe "Fla" (wie es sonst oft geschieht) weggefallen, und so ist Wien geblieben und danach benannt worden. Obwohl einige meinen, die Stadt habe ihren Namen von dem kleinen Fluss Wienna, der zwischen den Vorstädten fließt. Diese großmächtige Stadt ist im Umfang ihrer Mauern zweitausend Schritte weit umschlossen. Sie hat auch große und weite Vorstädte, mit einem Graben und einer Schanze befestigt. Ebenso besitzt die Stadt einen großen Graben und daran eine sehr hohe aufgeworfene Schüttung sowie dicke und hohe Zinnen, viele Türme und Befestigungen, zum Krieg geeignet. Dort sind weite und prächtige Bürgerhäuser, feste, hohe und starke Gebäude. Allein ist es ein Mangel, dass viele Häuser mit Schindeln und wenige mit Ziegeln gedeckt sind. Die übrigen Gebäude sind aus steinernem Mauerwerk; die Häuser sind bemalt, sodass sie innen und außen glänzen. Wenn du in ein beliebiges Haus eintrittst, meinst du, in eine fürstliche Wohnung gekommen zu sein. Die Häuser der Edlen und Prälaten sind dort frei. Dort sind auch dem höchsten Gott und den Heiligen große und herrliche, aus gehauenen Steinen erbaute, lichte und in der Anordnung der Säulen wunderbare Gotteshäuser geweiht. Ebenso viele kostbare Heiligtümer, mit Gold, Silber und Edelsteinen geschmückt, und ein großer Zierat der Kirchen. Diese Stadt liegt im Bistum Passau und ist als Tochter größer als die Mutter. Dort sind die vier Orden der Bettelmönche, auch die Schotten und die regulierten Chorherren des heiligen Augustinus hoch angesehen, ebenso Klöster für Jungfrauen. Dort ist auch ein Kloster zu Sankt Hieronymus genannt, in das bekehrte gemeine sündige Frauen aufgenommen werden, die Tag und Nacht in deutscher Sprache lobgesang singen. Welche aber im Rückfall der Sünde ergriffen wird, die wird in die Donau gestürzt. Doch führen sie dort ein so züchtiges und heiliges Leben, dass von ihnen selten ein böses Gerücht gehört wird. In dieser Stadt ist auch eine hohe Schule der freien Künste sowie der Heiligen Schrift und des geistlichen Rechts, jedoch noch neu und von Papst Urban dem Sechsten eingerichtet. Dorthin kommt eine merklich große Anzahl von Studenten aus Ungarn und den oberen deutschen Ländern zusammen. Man meint, dass diejenigen, die zum heiligen Sakrament gehen, etwa fünfzigtausend seien. Es werden achtzehn Männer in den Rat gewählt, auch ein Richter für gerichtliche Sachen und Händel, danach ein Bürgermeister, der für die allgemeine Stadt Sorge trägt. Sonst gibt es dort keine weiteren Obrigkeiten als jene, die den Weinzoll einfordern. Auf diese hat man in allen Dingen Aufsicht, und ihre Gewalt dauert von Jahr zu Jahr. Es ist kaum zu glauben, wie viel und wie mancherlei Dinge zur menschlichen Speise und Nahrung täglich in diese Stadt gebracht werden. Dorthin kommen viele Wagen mit Eiern und Krebsen; man bringt gebackenes Brot, Fleisch, Fisch und Geflügel ohne Zahl. Zur Vesperzeit findest du nichts mehr davon feil, so schnell wird es verbraucht. Die Weinlese dauert vierzig Tage. An keinem Tag werden nicht etwa dreihundert mit Wein beladene Wagen zwei- oder dreimal hineingeführt. Etwa zwölfhundert Pferde werden täglich zum Werk der Weinlese gebraucht. Es ist kaum zu sagen, wie viel Wein in diese Stadt geführt wird und entweder dort getrunken oder außer Landes auf der Donau flussaufwärts mit großer Mühe verschifft wird. Die Weinkeller sind so tief und weit, dass man meint, in Wien sei nicht weniger Bau unter der Erde als darüber. Die Gassen und Straßen sind so mit hartem Stein gepflastert, dass das Pflaster durch die Räder der beladenen Wagen nicht leicht zerstört wird. In den Häusern ist viel und reines Hausgerät, weite Stallungen für Pferde und allerlei Tiere, überall Schwibbögen, Gewölbe und weite Lustgemächer und Stuben, in denen man sich gegen die Schärfe des Winters schützt. Überall sind durchscheinende gläserne Fenster; die Türen sind gewöhnlich eisern. Man hört dort viel Vogelgesang. Unter den Wienern gibt es selten alte Geschlechter; sie sind fast alle entweder zugezogen oder fremde Einwohner. Als der jüngste Kaiser Friedrich der Dritte gegen Matthias, den ungarischen König, in Feindschaft und Krieg stand, hat diese Stadt Wien als die vornehmste der erblichen Länder desselben Kaisers viel Krieg, Unfug, Widerwärtigkeit und Beschwerde von demselben ungarischen König erlitten, der den Wienern großen Schaden und dem Kaiser viel Nachteil zugefügt und ihm die Stadt zuletzt entrissen hat. Aber nach dem Tod des Königs Matthias hat Kaiser Friedrich der Dritte, nun im Alter, diese Stadt Wien wieder durch seinen Sohn, König Maximilian, in seine Gewalt gebracht.