Erstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger
Das erst alter | prunnen des paradis. vnd gepern vier fluess. nemlich phison oder ganges. geon oder nilus. tigris vnd eufrates: vnd das paradis ist die allerbastgemessigst stat schier vnder der wag vnd dem wider gelegen in dem aufgang. daruemb durchgeet die sunn ierlich zwaymal das mittel das paradis. do ist der allersubtilst vnd vnzerstoert lufft vnd alweg gleiche nacht. Helias vnnd Enoch sehen bede polos. die pawm bringen ierlich zwaymal frucht. denn da sind in einem iar zwen suemer vnnd winter. vnd vnser lengster tag vnd kuertzste nacht ist ir tieffster winter vnd bede vnser gleich tag vnd nacht ist ir tiefster sumer. darumb sagt Marcianus in indier land seyen zwen suemer vnd schnyt. also erscheint dz dise statt die allerhoehst der erden. die allerheimlichst. allergemessigst. wunsamst. ordenlichst vnd fruchtperst. vnd wol ein gartten aller wollustperkeit ist. dann do sind gruonung der stat. lustperkeit der plumen. wolsmack der krewter. feuechtung der prunnen beschatung der pawm. ueberfluessigkeit der frucht. vnd der foegel gefangk Got machet auch zu zier vnd schoenheit des paradis dreyerley holtz. als ysidorus vnd Augustinus sagen. ains zu aufenthalt des lebens durch die narung. do von gepote got vnd sprach. Auß allem holtz des paradis solt du essen. Das ander zubewerung der gehorsam. als das hotz des wissens guots vnd boess. von dem verpote got zeessen. aber vnnser erste eltern hielten das nit. daruemb nach versuchung des apfels sind ine ir augen aufgetan. nemlich aneinander zebegeren zu dem ine die dauor nit offen waren. als Augustinus spricht. vnd als sie nw die anraytzung des fleischs vnd der begirlichkeit in ine. vnd sich der gnaden berawbt erkanten da machten sie kosten von feygen plettern. sich damit zebedecken vnd zebeschuetzen. doch ist nit zeuersteen das die suend ade vnd eue gewesen sey der fruchthalb des holtzs oder seiner nyessung. als Augustinus sagt. sunder auß vnordenlicher begirde die sich dem goetlichen verpot widersetzet. dann es ist ein anders so ein ding verpotten ist. als ein suend. vnd ist ein anders so ein ding suend ist darumb das es verbotten ist. Also ist es hie gewesen. vnd heist das holtz des wissens des guottn vnd boesen auß dem das auß seiner nyessung gefolgt hat. dann pald nach der nyessung empfunden sie des uebels der kranckheit. swachheit vnnd widerstrebung des fleischs wider die vernunft. vnd also begunnen sie zeerkennen das guet der gesuntheit. stercke vnnd gehorsam. als der artzt den seuechen baß erkennt so er nit allein die krancken heymsucht sunder auch darzu die kranckheit selbs leidet: vnd was er vor erkent durch kunst das lernet er darnach durch erfarung dann wer das bitter nit versucht der hat sich des fuesseß bald verruocht. Das drit vnnd edelst holtz was das holtz des lebens in dreyerlay weyß. zum ersten von seiner krafft wegen. dann es gabe dem der es aße die sach der vntoetlichkeit. vnd verhuettet die sach der kranckheit vnd schwachheit. doch nit auß | | natuerlicher krafft leueterlich. sunder mer gnediglich von wegen der tugent der got gehorsamen sel. die dann die vornemlich sach der vntoetlichkeit des lebens was. als Thomas setzt. dann als offt der mensch kranck worden wer so het er von disem holtz genomen vnd gesuntheit wider empfangen. vnd hett das also getan bis zu erfuellung der außerwelten zal alßdenn weren alle menschen miteinander in den himel genomen worden. Zum andern von der gelegenheit wegen. dann diss holtz stuond in dem mittel des paradis als das koestlicher vnd wirdiger. wie das hertz des thiers enmitten des leibs ligt. vnnd den gantzen leib lebendig macht. in bedeuedtnus des creuetzs cristi. der die gantzen werlt lebendig macht vnd alle ding an sich zeueht. Zum drytten von heiliger bedeuedtnus wegen als Augustinus spricht. dz bey dem holtz des wissens guots vnd boess die frey wilkuer des willens. vnd bey dem holtz des lebens cristus bedeuetet werd. Aber der zugang diser stat ist nach des menschen suend verstoßen vnd allenthalb mit einer fewrin mawr vmbschrenckt also dz die schier an den himel ruert. vnd cherubin das ist der engel beschutzung ist auf der selben mawrn geordent den boesen geysten zeweeren das die flammen die menschen vnd die gutten engel die boeßen von dannen treyben fuellen. also das keinem fleisch nach gayst der uebertrettung. diser zugang des paradis geoeffent soll sein. Zweyerlay sach der vntoetlichkeit des menschen warn in dem stand der vnschuld. als die inwenndige enthaltende krafft der sel. vnd die was von got. Die ander ein außwenndige. als nyeßung des holtzs. diss holtz het auch dem menschen ein langs leben gegeben. nach der suend. als Augustinus setzt. Aber dem menschen wardt die versuchung desselben holtzs verpotten nach der suend. daruemb am dritten capittell des buchs der geschoepff wirdt zu den engeln gesprochen. Secht das villeicht Adam nit neme von dem holtz des lebens. vnd lebe ewiglich. das ist gar lang. vnd hie mit comcordirt auch sanctus Thomas. Blat IX der werlt Adam der heilig man leuechtet alle tag seins lebens mit den gaist der prophecey vnd tet große vnd lange buoßwertigkeit. vnd gab seinen kinden gepot der gerechtigkeit. vnd schaffet das sie sich von der gemainschafft cayn vnd seiner kinder ganzt enthalten. vnd mit ine nit vereelichen solten. Diser vnser erster vater hat vns mit einer ainigen suend vom paradis auß getriben. vnd vns doch mit seinen heiligen wanderel vnd bußwertigkeit ein ebenpild gegeben zu den freueden des himelreichs widerzekeren. wer aber den nit folgt von den mag rechtlich nit geclagt werden. Adam hat als der Comestor setzt. xxx. suen vnd souil toechter geporn on Cayn vnd Abel. Adam was cayns vater vnd sweher. dann er nam calmana sein swester. Augustinus spricht. Adam starb. ixc. xxx. iar alt. als er geporn het. xxx. suen etc. vnd ist begraben an der stat Caluarie bey iherusalam do hat er etwyelang geruet vnd ist darnach sein leib gepracht in ebron die erden. von der er genomen ist. diser maynung ist auch Anastasius vnd die hebreyschen. dann sich gezimet wol dz allda cristus seinen leib in den tod gebe da das hawbt menschlichs geschlechts zerstoeret ward. vnd das die vnzerstoerlichkeit allda entspruenge do die zerstoerlichkeit gesaet was. vnd das also die ertzney dem seuechen antwurtet. Augustinus spricht got hat das menschlich geslecht daruemb auß einen einigen menschen eingestift das er erzaigte wie angeneme im wer die einigkeit in vilen. dise betrachtung ist gar nuetz den außerwelten die den heilligen engeln in dem ewigen frid zugesellet soellen werden. aber die menschen haben durch so grosse grawsamkeit der suend abgenomen das die vnuernuenftigen thier sichrer vnd fridlicher vndereinander leben. die leoben vnd tracken haben auch vnder ineselbs nye solich krieg als die menschen gefuert. das pand der einigkait hat got lieb. Nw lebten adam vnd eua vnnser allererste eltern. ixc. xxx. iar vnd geparen on Cayn Abel vnd Seth mit irn swestern. der die schrifft gedenckt. xxx. ander suen. vnd do adam zulerst mit kranckheit beladen ward verbote er dem Seth seinem sun vnd andern. das sein kinder mit den kindern caym sich nit vermischten. vnnd denselben hat er (als sie sagen) vmb erwerbung des oels der barmhertzigkeit zu dem paradeis gsendet zu letst starb er vnd ward in ebron begraben. doch sind ettlich sprechende das er an der stat caluarie begraben sey.
Das erste Zeitalter. Die Quellen des Paradieses entspringen und gebären vier Flüsse, nämlich Phison oder Ganges, Geon oder Nil, Tigris und Euphrat. Und das Paradies ist der allerbestgemäßigste Ort, fast unter dem Äquator und dem Wendekreis gelegen, im Osten. Darum durchläuft die Sonne jährlich zweimal die Mitte des Paradieses. Dort ist die allerfeinste und unzerstörte Luft und immerwährend gleiche Nacht. Elias und Enoch sehen beide Pole. Die Bäume bringen jährlich zweimal Früchte, denn dort gibt es in einem Jahr zwei Sommer und Winter. Und unser längster Tag und kürzeste Nacht ist ihr tiefster Winter, und unsere Tag- und Nachtgleiche ist ihr tiefster Sommer. Darum sagt Marcianus, dass es in den Ländern Indiens zwei Sommer und Ernten gibt. So erscheint es, dass diese Stadt die höchste der Erde, die geheimnisvollste, gemäßigste, wünschbarste, ordentlichste und fruchtbarste ist und wohl ein Garten aller Wollust. Denn dort gibt es das Grün der Stadt, die Lustbarkeit der Blumen, den Wohlgeschmack der Kräuter, die Feuchtigkeit der Quellen, die Beschattung der Bäume, die Überflüssigkeit der Früchte und den Gesang der Vögel. Gott schuf auch zur Zier und Schönheit des Paradieses dreierlei Holz, wie Isidor und Augustinus sagen: Eines zum Erhalt des Lebens durch die Nahrung, davon gebot Gott und sprach: „Von jedem Baum des Paradieses sollst du essen.“ Das andere zur Bewährung des Gehorsams, als das Holz des Wissens von Gut und Böse, von dem Gott verbot zu essen. Aber unsere ersten Eltern hielten das nicht. Darum, nach dem Versuch des Apfels, wurden ihnen ihre Augen aufgetan, nämlich einander zu begehren, wozu sie zuvor nicht offen waren, wie Augustinus spricht. Und als sie nun die Anreizung des Fleisches und der Begierlichkeit in sich und sich der Gnade beraubt erkannten, da machten sie sich Röcke aus Feigenblättern, um sich damit zu bedecken und zu schützen. Doch ist nicht zu verstehen, dass die Sünde Adams und Evas wegen der Frucht des Holzes oder dessen Genusses gewesen sei, wie Augustinus sagt, sondern aus ungeordneter Begierde, die sich dem göttlichen Verbot widersetzte. Denn es ist etwas anderes, wenn ein Ding verboten ist als eine Sünde, und es ist etwas anderes, wenn ein Ding Sünde ist, darum, weil es verboten ist. So ist es hier gewesen, und es heißt das Holz des Wissens des Guten und Bösen, weil es aus dessen Genuss gefolgt ist. Denn bald nach dem Genuss empfanden sie das Übel der Krankheit, Schwachheit und Widerstreben des Fleisches wider die Vernunft. Und so begannen sie zu erkennen das Gut der Gesundheit, Stärke und Gehorsam, wie der Arzt den Kranken besser erkennt, wenn er nicht allein die Kranken heimsucht, sondern auch dazu die Krankheit selbst leidet. Und was er zuvor durch Kunst erkannte, das lernte er danach durch Erfahrung, denn wer das Bittere nicht versucht, der hat sich des Süßen bald beraubt. Das dritte und edelste Holz war das Holz des Lebens in dreierlei Weise: Zum ersten wegen seiner Kraft, denn es gab dem, der es aß, die Ursache der Unsterblichkeit und verhütete die Ursache der Krankheit und Schwachheit, doch nicht aus natürlicher, lebenserhaltender Kraft, sondern mehr gnädiglich wegen der Tugend der Gott gehorsamen Seele, die dann die vornehmliche Ursache der Unsterblichkeit des Lebens war, wie Thomas setzt. Denn sooft der Mensch krank geworden wäre, so hätte er von diesem Holz genommen und Gesundheit wieder empfangen. Und hätte das also getan bis zur Erfüllung der auserwählten Zahl, alsdann wären alle Menschen miteinander in den Himmel aufgenommen worden. Zum anderen wegen der Lage, denn dieses Holz stand in der Mitte des Paradieses als das köstlichere und würdigere, wie das Herz des Tieres inmitten des Leibes liegt und den ganzen Leib lebendig macht, in Bedeutung des Kreuzes Christi, der die ganze Welt lebendig macht und alle Dinge an sich zieht. Zum dritten wegen heiliger Bedeutung, als Augustinus spricht, dass bei dem Holz des Wissens von Gut und Böse die freie Willkür des Willens und bei dem Holz des Lebens Christus bedeutet wird. Aber der Zugang dieser Stadt ist nach der Sünde des Menschen verstoßen und allenthalben mit einer feurigen Mauer umschränkt, so dass sie fast an den Himmel rührt. Und Cherubim, das ist der Engel Schutz, ist auf derselben Mauer geordnet, den bösen Geistern zu wehren, dass die Flammen die Menschen und die guten Engel die Bösen von dannen treiben fühlen, so dass keinem Fleisch noch Geist der Übertretung dieser Zugang des Paradieses geöffnet sein soll. Zweierlei Ursachen der Unsterblichkeit des Menschen waren in dem Stand der Unschuld: als die inwendige, enthaltende Kraft der Seele, und die war von Gott. Die andere eine auswendige, als Genuss des Holzes. Dieses Holz hätte auch dem Menschen ein langes Leben gegeben nach der Sünde, als Augustinus setzt. Aber dem Menschen ward die Versuchung desselben Holzes verboten nach der Sünde. Darum im dritten Kapitel des Buches der Geschöpfe wird zu den Engeln gesprochen: „Seht, dass vielleicht Adam nicht nehme von dem Holz des Lebens und lebe ewiglich“, das ist sehr lang. Und hiermit konkordiert auch der heilige Thomas. Blatt IX der Welt. Adam, der heilige Mann, lebte alle Tage seines Lebens mit dem Geist der Prophezeiung und tat große und lange Bußfertigkeit und gab seinen Kindern Gebote der Gerechtigkeit und schaffte, dass sie sich von der Gemeinschaft Kains und seiner Kinder ganz enthalten und mit ihnen nicht verehelichen sollten. Dieser unser erster Vater hat uns mit einer einzigen Sünde aus dem Paradies ausgetrieben und uns doch mit seinem heiligen Wandel und Bußfertigkeit ein Ebenbild gegeben, zu den Freuden des Himmelreiches wiederzukehren. Wer aber dem nicht folgt, von dem mag rechtlich nicht geklagt werden. Adam hat, wie der Comestor setzt, dreißig Söhne und so viele Töchter geboren, ohne Kain und Abel. Adam war Kains Vater und Schwäher, denn er nahm Calmana, seine Schwester. Augustinus spricht: Adam starb 930 Jahre alt, als er 30 Söhne etc. geboren hatte, und ist begraben an der Stätte Kalvarien bei Jerusalem. Dort hat er etwelang geruht und ist darnach sein Leib gebracht in Hebron, die Erde, von der er genommen ist. Dieser Meinung ist auch Anastasius und die Hebräer, denn es geziemt wohl, dass allda Christus seinen Leib in den Tod gebe, wo das Haupt menschlichen Geschlechts zerstört ward, und dass die Unzerstörlichkeit allda entspränge, wo die Zerstörlichkeit gesät war, und dass also die Arznei dem Kranken antwortet. Augustinus spricht, Gott hat das menschliche Geschlecht darum aus einem einzigen Menschen eingesetzt, dass er zeigte, wie angenehm ihm wäre die Einheit in vielen. Diese Betrachtung ist sehr nützlich den Auserwählten, die den heiligen Engeln in dem ewigen Frieden zugesellt werden sollen. Aber die Menschen haben durch so große Grausamkeit der Sünde abgenommen, dass die unvernünftigen Tiere sicherer und friedlicher untereinander leben. Die Löwen und Drachen haben auch unter sich selbst nie solchen Krieg geführt wie die Menschen. Das Band der Einigkeit hat Gott lieb. Nun lebten Adam und Eva, unsere allerersten Eltern, 930 Jahre und gebaren, ohne Kain, Abel und Seth mit ihren Schwestern, 30 andere Söhne, derer die Schrift gedenkt. Und als Adam zuletzt mit Krankheit beladen ward, verbot...