Schedelsche Weltchronik · Blatt 32

Zweites Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 32, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 32, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das drit alter Als nw moyses nach dreyen monaten des außgangs auf den perg Synai gestigen was. vnd daselbst. xl. tag vnd. xl. nacht gefastet vnd verdient het. das gesetz des herren zeempfahen. do gepote im der herr. dz er solt machen von den vnfaulenden hoeltzern sethim ein archen drithalb elnpogen lang vnd anderhalb elnpogen prait vnd des gleichen hoh. vnd gantz innen vnd außen mit allerrainisten gold bedeckt. vnd darueber ein guldine kron. vnd ein guldeins gebetthewßlin. oder tafeln derselben prait vnd lenge wie die arch das es die archen zebedecken genugsam wer. Nw wz ein uebersich auffgerichts fuerscheinends ding der archen als ein decklein das nennet man ein gnaden sarchlein. vnd an yeder seitten der lennge warn zwen gueldein rinng durch dz gantz holtz geende. vnd guldein stangen vom sethim holtz hindurch mit den man die archen truoge vnd die nimmer herauß gezogen wurden. vnd an beden oertern des gnaden sarchleins als in den zweien voerdern winckelen waren zwen guldein cherubin einer sahe den andern an. mit angesihten in dz gebetthewslein gekert die bedeckten dz gnaden sarchlein mit zwaien außgepraiten vnd aneinander ruerenden fluegeln. vnd die fluegel streckten sie auß geineinander ueber. vnd dise ding het man in sancta sanctorum. aber in der archen lagen der guldein eimer mit dem himel prot. die ruot Aarons. vnnd die zwu tafeln der zehen gepott. center Gleicherweis sprach der her zu moysen wirstu machen einen tisch von sethim holtz mit guldein plechen bedeckt. auff vier stollen oder fueßen. in yedem fueß was ein guldeiner rinng. vnd in den ringen guldein stangen. mit den der tisch getragen wardt. Nw was daran ein lesten geringsuemb als an der archen. vnnd an die leisten geheftet ein guldine kron vier finger hoh: also das der halbteil auff dem tisch fuerschine. das die daraufgesetzte ding nit herab fieln. der ander halbteil hienge vnden herab zu einer zierde. auff demselben tisch warden. xij. vngeseuerte prot. vi. zu der rechten. vi. zu der lingken hand gesetzt. vnd auff yeds ein guldiner becher oder kelch mit weyrach gelegt des morgens frue amm sabbath legten sie frische vnnd warme prot daruff die bliben vnbewegt bis an den nachfolgenden sabbath wenn die von dannen genomen wurden so assen allain die briester dieselben prot. darumb hießen sie die briesterlichen prot. dz sie die briester machten. buochen. auff dem tisch. vnd wider douon legten. wiewol sie das nit hielten: man nennet sie auch die prot der fuerlegung. dann sie warden gelegt vor dem herren zu ewiger gedechtnus der. xij. geslecht der kinder israhel. center Blat XXXII der werlt Der herr gepote auch zewerden einen leuechter auß allerrainstem gold gegoßen. des schefft oder stamm was dem leuechterstock oder fueß angehefftet. vnd eyßnin. vnd gezieret mit guldein roern: geknoepfft in gestalt eins rors. vnnd wa sich die hawbter der roern zu einander fueegten do waren als zwen knoepff oder kelch in gestalt einer nuss vnd auß dem grund des knopfs raichten gepogen plumen gerfuer als die lilien. vnd in dem selben grund zwischen dem knopff vnd den lilien was ein vmlawffends knoepflein. vnd so denn also in dem scheft oder stemmen fuenff roern in dise gestalt zu einander gefueegt warn. so waren daselbst vier fuegen der yede het als zwen zusamen gefueegt koepf vnd die knoepflein beyeinander vnd die lilien. Aber der leuechterstock gienge gestracks auff in die hoehe vnd het vnden drey stollen oder fueß. vnd oben sechs roern auß dem stammen. drey auff einer vnd drey auff der andern seyten gepogen uebersich aufraichende bis an die hoehe des stammen. vnd an dem stammen vier knoepff gleich einer nuss die ettlich appfelein nennen. also das zwen knoepff einer gegen dem andern gelegt ein appfelein machten. Rabi salomon schreibt das dise knoepff lenngelet in die lennge geformet vnd also geschickt weren das ein ror durch mittel des knopfs wer gegangen. vnd die knoepflein beyeinander vnd die lilien vnd das appfelein vnnd die pluem (als die hebreyschen sprechen) sind imm leuechter zu zierde gesetzt. vnd diser leuechter was (als Josephus setzt) auß. lxx. zusamen gesetzten stucken in einem stock aufgerichtet. vnnd wie er ymmer gemacht was so het er oben syben gleiche

Moderne Übersetzung

Das dritte Zeitalter. Als nun Moses nach drei Monaten des Auszugs auf den Berg Sinai gestiegen war und daselbst vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet und verdient hatte, das Gesetz des Herrn zu empfangen, da gebot ihm der Herr, dass er eine Arche aus den unverweslichen Hölzern Sethim machen sollte, dreieinhalb Ellen lang und anderthalb Ellen breit und ebenso hoch, und ganz innen und außen mit allerreinstem Gold bedeckt, und darüber eine goldene Krone und ein goldenes Gebetshäuschen oder Tafeln derselben Breite und Länge wie die Arche, damit es die Arche zu bedecken genügend wäre. Nun war ein nach oben aufgerichtetes, hervorstehendes Ding der Arche, als ein Deckelchen, das nannte man ein Gnadensärchlein. Und an jeder Seite der Länge waren zwei goldene Ringe, die durch das ganze Holz gingen, und goldene Stangen vom Sethim-Holz hindurch, mit denen man die Arche trug, und die niemals herausgezogen wurden. Und an beiden Orten des Gnadensärchleins, als in den zwei vorderen Winkeln, waren zwei goldene Cherubim, einer sah den anderen an, mit Angesichtern in das Gebetshäuschen gekehrt, die das Gnadensärchlein mit zwei ausgebreiteten und aneinander rührenden Flügeln bedeckten. Und die Flügel streckten sie aus gegeneinander über. Und diese Dinge hatte man in sancta sanctorum. Aber in der Arche lagen der goldene Eimer mit dem Himmelbrot, die Rute Aarons und die zwei Tafeln der zehn Gebote. Gleichermaßen sprach der Herr zu Moses: 'Wirst du einen Tisch aus Sethim-Holz mit goldenen Blechen bedeckt machen?' Auf vier Stützen oder Füßen. In jedem Fuß war ein goldener Ring, und in den Ringen goldene Stangen, mit denen der Tisch getragen wurde. Nun war daran ein umlaufender Leisten-Ringsum, wie an der Arche, und an die Leisten geheftet eine goldene Krone, vier Finger hoch, so dass der halbe Teil auf dem Tisch hervorstünde, damit die daraufgesetzten Dinge nicht herabfielen. Der andere halbe Teil hing unten herab zu einer Zierde. Auf demselben Tisch wurden zwölf ungesäuerte Brote, sechs zur rechten, sechs zur linken Hand gesetzt, und auf jedes ein goldener Becher oder Kelch mit Weihrauch gelegt. Des Morgens früh am Sabbat legten sie frische und warme Brote darauf, die unberührt blieben bis an den nachfolgenden Sabbat. Wenn die von dannen genommen wurden, so aßen allein die Priester dieselben Brote. Darum hießen sie die priesterlichen Brote, dass sie die Priester machten, buchten auf dem Tisch und wieder davon legten, wiewohl sie das nicht hielten. Man nannte sie auch die Brote der Vorlegung, denn sie wurden gelegt vor dem Herrn zu ewiger Gedächtnis der zwölf Geschlechter der Kinder Israels. Blatt XXXII der Welt. Der Herr gebot auch, einen Leuchter aus allerreinstem Gold gießen zu lassen. Dessen Schaft oder Stamm war dem Leuchterstock oder Fuß angeheftet und fest und geziert mit goldenen Röhren, geknöpft in Gestalt eines Rohrs. Und wo sich die Häupter der Röhren zueinander fügten, da waren als zwei Knöpfe oder Kelche in Gestalt einer Nuss, und aus dem Grund des Knopfes reichten gebogene Blumen hervor, als die Lilien. Und in demselben Grund zwischen dem Knopf und den Lilien war ein umlaufendes Knöpflein. Und so denn also in dem Schaft oder Stamm fünf Röhren in dieser Gestalt zueinander gefügt waren, so waren daselbst vier Fugen, deren jede als zwei zusammengefügte Köpfe und die Knöpflein beieinander und die Lilien hatte. Aber der Leuchterstock ging geradewegs auf in die Höhe und hatte unten drei Stollen oder Füße, und oben sechs Röhren aus dem Stamm, drei auf einer und drei auf der anderen Seite, gebogen, nach oben aufreichend bis an die Höhe des Stammes. Und an dem Stamm vier Knöpfe gleich einer Nuss, die etliche Äpfelchen nennen, also dass zwei Knöpfe, einer gegen den anderen gelegt, ein Äpfelchen machten. Rabbi Salomon schreibt, dass diese Knöpfe länglich in die Länge geformt und also gestaltet wären, dass ein Rohr durch die Mitte des Knopfes gegangen wäre. Und die Knöpflein beieinander und die Lilien und das Äpfelchen und die Blume (als die Hebräischen sprechen) sind im Leuchter zu Zierde gesetzt. Und dieser Leuchter war (als Josephus setzt) aus siebzig zusammengesetzten Stücken in einem Stock aufgerichtet. Und wie er immer gemacht war, so hatte er oben sieben gleiche [Lichter].

Anmerkungen

drit alter
Frühneuhochdeutsch für 'drittes Zeitalter'
nw
Frühneuhochdeutsch für 'nun'
außgangs
Frühneuhochdeutsch für 'Auszugs' (hier: Auszug aus Ägypten)
perg Synai
Frühneuhochdeutsch für 'Berg Sinai'
xl.
römisch für 40
zeempfahen
Frühneuhochdeutsch für 'zu empfangen'
gepote
Frühneuhochdeutsch für 'gebot'
dz
Frühneuhochdeutsch für 'dass'
vnfaulenden hoeltzern sethim
Unverwesliche Hölzer Sethim (Akazienholz, das im Alten Testament für den Bau der Stiftshütte und ihrer Geräte verwendet wurde)
archen
Frühneuhochdeutsch für 'Lade' oder 'Arche' (hier: Bundeslade)
drithalb elnpogen
Dreieinhalb Ellen (Elle: altes Längenmaß, ca. 45-60 cm)
anderhalb elnpogen
Anderthalb Ellen (Elle: altes Längenmaß, ca. 45-60 cm)
prait
Frühneuhochdeutsch für 'breit'
hoh
Frühneuhochdeutsch für 'hoch'
allerrainisten
Frühneuhochdeutsch für 'allerreinste'
gebettewßlin
Frühneuhochdeutsch für 'Gebetshäuschen', hier im Kontext der Bundeslade als 'Deckel' oder 'Sühneplatte' zu verstehen
zebedecken
Frühneuhochdeutsch für 'zu bedecken'
genugsam
Frühneuhochdeutsch für 'genügend'
wz
Frühneuhochdeutsch für 'war'
uebersich auffgerichts fuerscheinends ding
Frühneuhochdeutsch für 'nach oben aufgerichtetes, hervorstehendes Ding'
decklein
Frühneuhochdeutsch für 'Deckelchen'
gnaden sarchlein
Frühneuhochdeutsch für 'Gnadenstuhl' oder 'Sühneplatte' (der Deckel der Bundeslade)
yeder
Frühneuhochdeutsch für 'jeder'
warn
Frühneuhochdeutsch für 'waren'
geende
Frühneuhochdeutsch für 'gehend'
truoge
Frühneuhochdeutsch für 'trug'
nimmer
Frühneuhochdeutsch für 'niemals'
beden oertern
Frühneuhochdeutsch für 'beiden Orten'
voerdern winckelen
Frühneuhochdeutsch für 'vorderen Winkeln'
angesihten
Frühneuhochdeutsch für 'Angesichtern'
außgepraiten
Frühneuhochdeutsch für 'ausgebreiteten'
ruerenden
Frühneuhochdeutsch für 'rührenden'
geineinander ueber
Frühneuhochdeutsch für 'gegeneinander über'
sancta sanctorum
lat. das Allerheiligste (der innerste Raum der Stiftshütte und später des Tempels)
himel prot
Frühneuhochdeutsch für 'Himmelbrot' (Manna)
ruot Aarons
Frühneuhochdeutsch für 'Rute Aarons' (die im Alten Testament erblühte Rute)
zwu tafeln der zehen gepott
Frühneuhochdeutsch für 'zwei Tafeln der zehn Gebote'
center
Absatzmarkierung im Originaltext, nicht zu übersetzen
plechen
Frühneuhochdeutsch für 'Blechen'
stollen
Frühneuhochdeutsch für 'Stützen' oder 'Füße'
wardt
Frühneuhochdeutsch für 'wurde'
lesten geringsuemb
Frühneuhochdeutsch für 'umlaufende Leiste'
kron
Frühneuhochdeutsch für 'Kranz' oder 'Rand'
finger hoh
Altes Längenmaß, 'Finger hoch' (ein Fingerbreit, ca. 1,5-2 cm)
fuerschine
Frühneuhochdeutsch für 'hervorstünde' oder 'sichtbar wäre'
nit herab fieln
Frühneuhochdeutsch für 'nicht herabfielen'
xij.
römisch für 12
vngeseuerte prot
Frühneuhochdeutsch für 'ungesäuerte Brote' (Matzen, Schaubrote)
vi.
römisch für 6
lingken hand
Frühneuhochdeutsch für 'linken Hand'
yeds
Frühneuhochdeutsch für 'jedes'
weyrach
Frühneuhochdeutsch für 'Weihrauch'
frue amm sabbath
Frühneuhochdeutsch für 'früh am Sabbat'
bliben vnbewegt
Frühneuhochdeutsch für 'blieben unberührt' oder 'blieben liegen'
allain
Frühneuhochdeutsch für 'allein'
briester
Frühneuhochdeutsch für 'Priester'
buochen
Frühneuhochdeutsch für 'buchten' oder 'legten auf' (im Sinne von 'platzierten')
douon
Frühneuhochdeutsch für 'davon'
wiewol
Frühneuhochdeutsch für 'obwohl'
prot der fuerlegung
Frühneuhochdeutsch für 'Brote der Vorlegung' (Schaubrote, die vor Gott gelegt wurden)
gedechtnus
Frühneuhochdeutsch für 'Gedächtnis'
geslecht der kinder israhel
Frühneuhochdeutsch für 'Geschlechter der Kinder Israels' (die zwölf Stämme Israels)
Blat XXXII der werlt
Frühneuhochdeutsch für 'Blatt 32 der Weltchronik' (Verweis auf die Seitenzahl im Originalwerk)
XXXII
römisch für 32
zewerden
Frühneuhochdeutsch für 'zu werden' oder 'zu lassen' (hier: gießen zu lassen)
leuechter
Frühneuhochdeutsch für 'Leuchter' (hier: die Menora)
schefft
Frühneuhochdeutsch für 'Schaft'
eyßnin
Frühneuhochdeutsch für 'eisern', hier im Kontext von Goldleuchtern wohl eher im Sinne von 'fest', 'stabil' oder 'massiv' zu verstehen, nicht aus dem Material Eisen
roern
Frühneuhochdeutsch für 'Röhren'
geknoepfft
Frühneuhochdeutsch für 'geknöpft' oder 'mit Knäufen versehen'
hawbter
Frühneuhochdeutsch für 'Häupter' oder 'Enden'
fueegten
Frühneuhochdeutsch für 'fügten'
gerfuer
Frühneuhochdeutsch für 'hervor'
vmlawffends knoepflein
Frühneuhochdeutsch für 'umlaufendes Knöpfchen'
fuenff
Frühneuhochdeutsch für 'fünf'
fuegen
Frühneuhochdeutsch für 'Fugen' oder 'Verbindungen'
yede
Frühneuhochdeutsch für 'jede'
gestracks
Frühneuhochdeutsch für 'geradewegs'
hoehe
Frühneuhochdeutsch für 'Höhe'
sechs
Frühneuhochdeutsch für 'sechs'
uebersich aufraichende
Frühneuhochdeutsch für 'nach oben aufreichend'
ettlich appfelein
Frühneuhochdeutsch für 'etliche Äpfelchen'
Rabi salomon
Rabbi Salomon (Salomon ben Isaak, 1040-1105), bekannt als Raschi, ein bedeutender jüdischer Kommentator der Tora und des Talmuds
lenngelet
Frühneuhochdeutsch für 'länglich'
geschickt weren
Frühneuhochdeutsch für 'gestaltet wären'
pluem
Frühneuhochdeutsch für 'Blume'
hebreyschen
Frühneuhochdeutsch für 'Hebräischen' (hier: die Hebräer)
Josephus
Flavius Josephus (ca. 37-100 n. Chr.), jüdischer Historiker, dessen Werke wichtige Quellen zur jüdischen Geschichte sind
lxx.
römisch für 70
stucken
Frühneuhochdeutsch für 'Stücken'
syben
Frühneuhochdeutsch für 'sieben'
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Textabbruch im Original