Schedelsche Weltchronik · Blatt 44 · Venedig

Zweites Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 44, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 44, rechte Seite
📖 Im interaktiven Viewer öffnen

Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das drit alter Venedig zu vnsern zeiten die beruembtst stat. ein edels gewerbhaws welscher lannd. die mechtigst zu land vnd wasser. hat (als ettlich schreiben) iren anfang von Eneto oder veneto den Troyaner gehabt. dann nach der zerstoerung Troye kome anthenor auff dem Adriatischen meer mit schiffung dahin. vnd was bey ime ein große menige der die veneti genant vnd auß Paflagonia vertriben waren vnd ine ein gegent suchten darinn sie wonen wolten. von denselben venetis ist das land Venetia genant worden. vnd begreyft nach der lenge das land Histriam. vnd von dannen hin bis an den fluss Padus. vnd die praite von demselben fluss hin bis an das gepirg. das welsche vnd teuetschen landen schaydet. Vnd diss land Venecia hat seinen namen ob anderhalb tausent iar behabt. Dasselb land ist offt von seinen nachtpawrnn auch den Galliernn vnd den teuetschen. vnd allergrawsamlichst von dem plutigen wueetrich Attila dem koenig der hungern angefochten vnd verwuestet worden. dann derselb Attila kome mit großen heer doselbst hin vnd bestritte die stett. vil ließ er außprennen vnd ettliche in den grund zeruedten. do nw Padua von disem koenig gewonnen vnd verprent. vnd Aquilegia vnd Altinum die stett zerstoert waren do sein die fuernemsten des Venetischen namens vnd geslechts mit irn kindern. weibern. habe vnd guetternn disem wueettrich zeentweychen in die nehsten inseln geflohen vnd haben dise stat fuer das lannd Venidig geheyßen. vnd die stettleuet die auch daselbsthin gewichen sind haben mancherley gepew vnd ye ein stat ein sunders darinn auffgerichtet. vnd sunderlich gleicherweis als die von Altino ir stat in sechs pforten geteilt hetten. also haben sie auch sechs stet in den innseln der see gepawen. nemlich Torcellum. Maiorbum. Burianum. amoriacum. Constanciacum vnnd annanum. aber die stat Venedig hat vomm anfang irer erpawung zugenomen vnd gewachsen auß anfengklicher innwonung der reichisten vnd mechtigisten des lannds Venecie. Item der hertzogisch stuol ist erstlich zu Eraclea. darnach zu Methamauco gewest. vnnd zu letst auß gemeiner verwilligung auf Realt gewendt worden. dann dasselb ende wider die feind sicher vnd fest vnd zu groeßerer vnd weyttrer erpawung der stat fuegelich vnd schickerlich angesehen ward vnd das land hat nach zerstoerung der stett den namen verwandelt. vnd ist darnach nit meer Venedig sunder eins Blat XLIIII der werlt teyls Lompardia. eins teyls Ternisermarck. eins teys Foriaul vnnd eins teyls Histria genant worden. vnnd doch den inseln der name des lannds bliben. Dise stat ist nach der gepurt Cristi. iiijc. lvi. iar gepawt worden. in welchem iar der obgenant Atila die stat Aquilegiam erstoeret. aber dannenher hat sich die stat an aufrichtung großer koestlicher gepew vnd gotzhewser mercklich gemeret. Item nach der gepurt Cristi. viijc. xxvij. iar ist der leichnam sand Marci auß Asia daselbsthin gebracht. vnnd in dem nachfolgenden iar desselben sand Marxen kierch an dem fuernemsten ende der statt gepawt. daselbstinnen dann auß der massen koestliche vnd schier vnerschetzliche klainat behalten werden. dann der Venediger macht vnd reichthuemer mereten sich teglich mit wunderperlicher zunemung. Wann als man zelet. jm. ijc. iiij. iar haben sich die Venediger in einen krieg zu den Frantzosen gesellet. vnd in demselben krieg die herrschung der stat Constantinopel erobert. vnd darnach den Reallt gepawen. Aber kuertzlich ein wenig von vil dingen zemelden so ist sich von diser stat Venedig vnd von irem geleger vnd gepew mer zeuerwundern. dann douon zesagen oder zeschreiben. dann dise stat ligt geringßuemb imm meer. also das allerlay kaufmanschatz vnd notturft zu menschlicher enthaltung nit allein auff dem meer sunder auch auff andern dohin zufließenden wassern. auß den nahend vmbgelegnen landen vnd gegeten daselbsthin gebracht werden. daruemb ist es wol ein wunderperlich ding das in diser stat darinn schier gar nichts wechst dannoch aller zu menschlicher enthaltung noturftiger ding ein ueberfluessigkeit oder genugsamkeit gefunden wirdt. ich wil gesweigen der weyten hewßer. der hohen thuern vnd zierde der gotzhewßer vnd gepewe enmitten in den wassern gegruendet vnd aufgerichtet. die den ihenen die die ding nit gesehen haben kawm glauplich sind. Was ist denn zesagen von den großen vnzelichen schiffen vnnd irem gezeuege. vnd von der zal der ratspersone. iren ordnungen vnd loeblichen sitten. die ytzo ob tausent iarn geregirt vnd allermeniglichem ire guetige vnd freye schoß vnd zugang aufgethan haben

Moderne Übersetzung

Das dritte Zeitalter. Venedig ist zu unseren Zeiten die berühmteste Stadt, ein edles Handelshaus welscher Länder, die mächtigste zu Land und zu Wasser. Sie hat (wie etliche schreiben) ihren Anfang von Eneto oder Veneto, den Trojanern, genommen. Denn nach der Zerstörung Trojas kam Anthenor auf dem Adriatischen Meer mit Schiffen dorthin. Und es war bei ihm eine große Menge derer, die Veneter genannt und aus Paphlagonien vertrieben worden waren und die eine Gegend suchten, in der sie wohnen wollten. Von denselben Venetern ist das Land Venetien genannt worden. Und es umfasst der Länge nach das Land Istrien und von dort bis an den Fluss Po, und der Breite nach von demselben Fluss bis an das Gebirge, das welsche und deutsche Länder scheidet. Und dieses Land Venetien hat seinen Namen über anderthalbtausend Jahre behalten. Dasselbe Land ist oft von seinen Nachbarn, auch den Galliern und den Deutschen, und am grausamsten von dem blutigen Wüterich Attila, dem König der Hunnen, angefochten und verwüstet worden. Denn derselbe Attila kam mit großem Heer dorthin und bekämpfte die Städte. Viele ließ er ausbrennen und etliche bis auf den Grund zerstören. Als nun Padua von diesem König erobert und verbrannt und die Städte Aquileia und Altinum zerstört waren, da sind die Vornehmsten des venezianischen Namens und Geschlechts mit ihren Kindern, Weibern, Hab und Gut diesem Wüterich auszuweichen in die nächsten Inseln geflohen und haben diese Stadt für das Land Venedig geheißen. Und die Stadtleute, die auch dorthin ausgewichen sind, haben mancherlei Bauten und je eine Stadt ein Besonderes darin aufgerichtet. Und besonders, gleichermaßen wie die von Altinum ihre Stadt in sechs Pforten geteilt hatten, so haben sie auch sechs Städte auf den Inseln des Meeres gebaut, nämlich Torcello, Maiorbo, Burano, Ammiana, Costanziaco und Anno. Aber die Stadt Venedig hat vom Anfang ihrer Erbauung zugenommen und ist gewachsen aus anfänglicher Einwohnung der reichsten und mächtigsten des Landes Venetien. Ferner war der Herzogssitz zuerst in Heraclea, danach in Malamocco und zuletzt aus allgemeiner Zustimmung auf Rialto verlegt worden. Denn derselbe Ort wurde gegen die Feinde sicher und fest und zu größerer und weiterer Erbauung der Stadt geeignet und schicklich angesehen. Und das Land hat nach Zerstörung der Städte den Namen gewandelt. Und ist danach nicht mehr Venedig, sondern ein Teil der Welt Lombardei, ein Teil Steiermark, ein Teil Friaul und ein Teil Istrien genannt worden. Und doch ist den Inseln der Name des Landes geblieben. Diese Stadt ist nach der Geburt Christi im Jahre 456 gebaut worden, in welchem Jahr der obgenannte Attila die Stadt Aquileia zerstörte. Aber von da an hat sich die Stadt durch die Errichtung großer, kostbarer Bauten und Gotteshäuser merklich vermehrt. Ferner ist nach der Geburt Christi im Jahre 827 der Leichnam des heiligen Markus aus Asien dorthin gebracht worden, und im nachfolgenden Jahr ist die Kirche desselben heiligen Markus am vornehmsten Ende der Stadt gebaut worden. Darin werden dann außerordentlich kostbare und schier unschätzbare Kleinode aufbewahrt, denn die Macht und Reichtümer der Venezianer mehrten sich täglich mit wunderbarer Zunahme. Als man zählt, im Jahre 1204 haben sich die Venezianer in einem Krieg den Franzosen zugesellt und in demselben Krieg die Herrschaft der Stadt Konstantinopel erobert. Und danach den Rialto gebaut. Aber um kurz ein Weniges von vielen Dingen zu erwähnen, so ist von dieser Stadt Venedig und von ihrer Lage und ihren Bauten mehr zu bewundern als davon zu sagen oder zu schreiben. Denn diese Stadt liegt ringsum im Meer, sodass allerlei Kaufmannsgüter und Notwendigkeiten zur menschlichen Erhaltung nicht allein auf dem Meer, sondern auch auf anderen dorthin zufließenden Gewässern aus den nahe umliegenden Ländern und Gegenden dorthin gebracht werden. Darum ist es wohl ein wunderbares Ding, dass in dieser Stadt, in der schier gar nichts wächst, dennoch eine Überflüssigkeit oder Genügsamkeit aller zur menschlichen Erhaltung notwendigen Dinge gefunden wird. Ich will schweigen von den weiten Häusern, den hohen Türmen und der Zierde der Gotteshäuser und Bauten, inmitten der Gewässer gegründet und aufgerichtet, die denjenigen, die diese Dinge nicht gesehen haben, kaum glaublich sind. Was ist denn zu sagen von den großen, unzähligen Schiffen und ihrer Ausrüstung, und von der Zahl der Ratsherren, ihren Ordnungen und löblichen Sitten, die jetzt über tausend Jahre regiert und jedermann ihren gütigen und freien Schutz und Zugang aufgetan haben?

Anmerkungen

drit alter
Drittes Zeitalter, bezieht sich auf die historische Periodisierung der Schedelschen Weltchronik.
gewerbhaws
Handelshaus, Handelszentrum.
welscher lannd
Romanische Länder, hier insbesondere Italien.
Eneto oder veneto
Mythologischer Gründer Venedigs, oft mit den Venetern oder Aeneas in Verbindung gebracht.
Troyaner
Trojaner, Bewohner der antiken Stadt Troja.
zerstoerung Troye
Zerstörung Trojas, bezieht sich auf den Trojanischen Krieg.
Anthenor
Antenor, mythologischer Gründer Paduas und Venedigs, ein Trojaner.
Adriatischen meer
Adria, Adriatisches Meer.
schiffung
Schifffahrt, Schiffe.
menige
Menge.
veneti
Veneter, ein antiker Volksstamm, der in Nordostitalien siedelte.
Paflagonia
Paphlagonien, antike Landschaft an der Nordküste Kleinasiens.
Venetia
Venetien, historische Region in Nordostitalien.
Histriam
Istrien, Halbinsel an der Adria.
Padus
Po, der längste Fluss Italiens.
gepirg
Gebirge, hier die Alpen.
welsche vnd teuetschen landen
Romanische und deutsche Länder.
anderhalb tausent iar
Anderthalbtausend Jahre.
nachtpawrnn
Nachbarn.
Galliernn
Gallier, keltische Völker.
teuetschen
Deutsche.
allergrawsamlichst
Am grausamsten.
plutigen wueetrich
Blutiger Wüterich, Tyrann.
Attila
Attila (um 406–453), König der Hunnen.
hungern
Hunnen, ein zentralasiatisches Reitervolk.
heer
Heer, Armee.
bestritte
Bekämpfte, belagerte.
außprennen
Ausbrennen, niederbrennen.
zeruedten
Zerstören, verwüsten.
Padua
Padua, Stadt in Norditalien.
Aquilegia
Aquileia, antike römische Stadt in Norditalien.
Altinum
Altinum, antike römische Stadt in der Lagune von Venedig.
fuernemsten
Vornehmsten, Adligsten.
geslechts
Geschlechts, Familie.
habe vnd guetternn
Hab und Gut, Besitz.
zeentweychen
Ausweichen, entfliehen.
geheyßen
Genannt, bezeichnet.
stettleuet
Stadtleute, Bürger.
gewichen
Ausgewichen, geflohen.
gepew
Bauten, Gebäude.
sunders
Besonderes, Eigenes.
pforten
Tore, hier im Sinne von Stadtteilen oder Bezirken.
innseln der see
Inseln des Meeres, hier der Lagune.
Torcellum
Torcello, Insel in der Lagune von Venedig.
Maiorbum
Maiorbo, Insel in der Lagune von Venedig (heute Teil von Burano).
Burianum
Burano, Insel in der Lagune von Venedig.
amoriacum
Ammiana, verschwundene Insel in der Lagune von Venedig.
Constanciacum
Costanziaco, verschwundene Insel in der Lagune von Venedig.
annanum
Anno, verschwundene Insel in der Lagune von Venedig.
erpawung
Erbauung, Gründung.
innwonung
Einwohnung, Besiedlung.
Item
Ferner, Des Weiteren.
hertzogisch stuol
Herzogssitz, hier der Sitz des Dogen von Venedig.
Eraclea
Heraclea, antike Stadt in der Lagune von Venedig, erster Herzogssitz.
Methamauco
Malamocco, Insel in der Lagune von Venedig, zweiter Herzogssitz.
verwilligung
Zustimmung, Einverständnis.
Realt
Rialto, Inselgruppe in Venedig, später das Handelszentrum der Stadt.
ende
Ort, Gegend.
fuegelich
Geeignet, passend.
schickerlich
Schicklich, angemessen.
Blat XLIIII
Blatt 44, Verweis auf eine Seite in der Schedelschen Weltchronik, wahrscheinlich eine Karte oder Beschreibung.
Lompardia
Lombardei, Region in Norditalien.
Ternisermarck
Steiermark, historisches Herzogtum, heute Bundesland in Österreich und Region in Slowenien.
Foriaul
Friaul, Region in Nordostitalien.
gepurt Cristi
Geburt Christi, Zeitrechnung nach Christus.
iiijc. lvi.
Römische Zahl für 456.
dannenher
Von da an, seitdem.
gotzhewser
Gotteshäuser, Kirchen.
viijc. xxvij.
Römische Zahl für 827.
sand Marci
Heiliger Markus, Schutzpatron Venedigs.
Asia
Asien, hier wohl Ägypten, wo der Leichnam des Heiligen Markus angeblich gefunden wurde.
sand Marxen kierch
Markuskirche, der Markusdom in Venedig.
auß der massen
Außerordentlich, über die Maßen.
vnerschetzliche
Unschätzbare, von unermesslichem Wert.
klainat
Kleinode, Kostbarkeiten, Schmuckstücke.
zunemung
Zunahme, Wachstum.
jm. ijc. iiij.
Römische Zahl für 1204.
Frantzosen
Franzosen.
Constantinopel
Konstantinopel, die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches (heute Istanbul).
zemelden
Zu erwähnen, zu berichten.
geleger
Lage, Standort.
zeuerwundern
Zu bewundern, sich zu verwundern.
geringßuemb
Ringsherum, ringsum.
kaufmanschatz
Kaufmannsgüter, Handelswaren.
notturft
Notwendigkeit, Bedarf.
enthaltung
Erhaltung, Lebensunterhalt.
gegeten
Gegenden.
schier
Fast, beinahe.
ueberfluessigkeit
Überfluss.
genugsamkeit
Genügsamkeit, Ausreichendsein.
gesweigen
Schweigen, nicht erwähnen.
weyten hewßer
Weite Häuser, große Häuser.
zierde
Zierde, Schmuck.
enmitten
Inmitten.
kawm glauplich
Kaum glaublich, schwer zu glauben.
vnzelichen
Unzähligen.
gezeuege
Ausrüstung, Takelage (von Schiffen).
ratspersone
Ratsherren, Senatoren.
ytzo
Jetzt.
allermeniglichem
Jedermann, allen Menschen.
schoß
Schutz, Zuflucht (hier im Sinne von Schutz und Gastfreundschaft).
zugang
Zugang, Zutritt.