Schedelsche Weltchronik · Blatt 61

Viertes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 61, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 61, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

| Das vierd alter Amos tet vbel vor dem herren vnd wardt von seinen knechten geslagen. vnd starb in seinem aigen haws getoedtet. vnd sie begruoben ine bey seinem vater. Iosias der konig Jude hat als er acht iar alt was das reich empfangen. gar wol geregiert. die abgoettereyer verfolget. die priester zu auffrichtung des tempels angelaytet. das volck zu haltung des gesetzs vnd zu der forcht gottes vnd zu loblicher begencknus dess hohzeitlichen fests der ostern angewysen. Zu letst zohe diser Josias wider den willen des herren auß zekriegen wider den konig egypti. do wardt er schwerlich verwundt vnd gein Jheusalem gefuert vnd starb. vber desselben konigs Josie tod hat Jheremias claggesang gemacht. dann er was in allen dingen also hohberuembt dz mit ime der Juden glori vnd ere schier entsprungen vnnd auch außgeloescht gewesen wer. Diser Josias suchet in seiner kintheit den herren. vnd verharret bis in dz ende. vnd er ist also andechtiglich vnd vleyßiglich gewandert in dem gesetz des herren dz er (als man sagt) keinen im gleichen vnder den konigen iude gehabt hat. Ioathas tet vbel vor dem herren darumb hat ine got gegeben in die hennd Pharaonis nechao des konigs der ine gefangen in egypten fueret. vnd seinem eltern bruder mit namen Eliachim das reich vbergabe. verwanndlente ime den namen Joachim. 170px Zaleucus ein gar gerechter man het vil gesetz gemacht vnd vnder amdern geordnet. welcher dz laster des eepruchs begienge der solt beder awgen berawbt werden. Nw wardt sein sun imm eebruch betretten darumb hieß er ime die awgen außbrechen. aber die gantz stat bate fuer den sun. vnd wiewol der vatter amm letsten auß stettigem fuerbitte des volcks zu barmhertzigkeit bewegt wardt. yedoch damit sein gesetz nit verletzt wurdt so ließ er imm erstlich ein awg vnd darnach dem sun auch ains außbrechen Ein wunderperliche massigung nit vnloblicher gleichheit zwischen eim barmhertzigen vater vnd eim gerechter gesetzgeber erzaigende. darumb (o cristen mensch) lerne hiebey mit was vleis du die heiligen gepot deins gots bewaren solt dieweil diser heydnisch man liber wolt nach seynem gesetze selbs gestraft werden dann seins suns begangne vbeltat wider das gesetz vngerochen lassen. Ieconias auch ein sun Josie wardt gesetzt zu eim konig von Pharaone das er geben solt hundert pfund silbers. aber er tet vbel vor dem herren. darumb styge Nabuchodonosor wider ine auff. dess knecht ward er drey iar. vnd als er darnach abermals widerspennstig wardt do erhuobe sich Nabuchodonosor widerumb gegen ime vnd ersluge ine zu iherusalem vnd hieß seinen leichnam auß der mawer werffen. Ioachim was ein sun Jeconie vnd tet vbel vor dem herren darumb wardt er pald das er nit regiret verhindert. vnd gepunden gein Babiloniam gepracht. Diser ioachim blib bey den Caldeern. xxxvij. iar imm kercker vnnd sein sun erlediget ine auß den panden nach dem tod des vaters Nabuchodonosor. Sedechias wz der drit sun Josie vnd der letst konig Juda vnd Jherusalem vnd boeßhaftig. vnd hoeret nit den propheten Jheremiam. darumb vergienge er vnnd alles Juda mit ime gefuert in Babiloniam. vnnd ime warden seine awgen außgegraben vnd sein sun getoedtet. diss hetten Jheremias vnd Ezechiel geweyssagt das er gepunden zu dem babilonischen konig gefueret werden solt. do nw der konig gefangen wardt do erwuergten die caldei alles volck. vnd die dem schwert empflohen die warden hingefuert den Caldeern zedienen. 400px | 130px | Blat LXI der werlt Massilia die stat hinder dem gepirg Gallie ist in dem ersten iar des regiments Sedechie von den Phocensischen anderßwo vertriben vnd daselbsthin komenden gepawt worden. wann zu den zeitten Tarquini des konigs komen auß Asia iungling Phocenses genant in schiffen auff der Tyber vnd haben mit den Roemernn freuendschaft gemacht sich darnach in das land Gallie gezogen vnd Massiliam vnder den Liguriernn dem grausamen volck Galie gepawt. vnd große ding (mit waffen vnd streitten wider die Gallicos. oder die dy sie vormals vberwunden hetten) begangen. Dieselben Phocenses suchten von wegen vnfruchtperkeit des ertreichs mit vischen kauffmanschatz auch zu merermalen mit rawberey (die zu den zeiten ein ere was) mer auff dem wasser denn auff dem ertreich ir narung. vnd sein also durch den eingang des wassers Rhodani in gallicum in das hintterteyl des meers gegen dem nidergang gezogen. als sie nw daselbst die lustperkeit der gegent besichtigt vnd das dahaym widerumb verkuendigt hetten do vrsachten sie vil lewt dahin zeschiffen. vnd Furius vnd Peranus waren fuerer derselben schiffung. Massilia ist auff felsen gepawt bey dem einfluss Rhodani als in einen winckel des meers vorzeitten garachtperlich geschatzt vnd treffenlicher groeß gewesen. Die hat einen schoenen port oder eingang vnd darauff ein fastweerliche purg. in den vorzeiten der allerschoenst tempel Apollinis delphia gepawt wz. aber die Ligures fachten die statt auß neyde do sie also zunam mit streitten stettiglich an. vnd do sie vil farligkeit erliden vnd ir feind vberwunden hetten. do machten sie vil newer wonung. von den lerntten die Galli den geprauch eins gezierten lebens. gepew der egker. der stett bewarung mit mawren. vnd tetten sich irer grobheit ab. vnd lebten nit nach den waffen sunder nach den gesetzen. sie brachten in gewonheit den wein zepawen vnd oelpawm zepflantzen. vnd was also beruembt von den menschen als ob Gallia in Grecia vnd nicht Grecia in Galliam verwandelt wer. In diße statt warden vil auß den edeln roemern zu der lernung gesant. vnd wiewol sie ye zu zeiten manigfeltige herrschaft vnd tyrannen hetten von den sie angefochten worden sein so haben sie dennoch kein fremds gesetz angenomen noch einich vnttersturtz. den allein von den Chathelaniernn erliden. Diser statt ist Lazerus den der herr vom tod erweckt auß den aposteln zu erst als ein bischoff zugesand. vnd sein heiltum pißher in grosser ere alda gehalten. Man sagt auch das Maria magdalena ein swester Lazari doselbist begraben. vnd achtpar mann. als Saluianus vnd Museus die briester in goetlichen dingen gelerte. Gennadius auch ein briester in grecischer vnd lateinischer zunge erkuendigt. der dann wie Jheronimus ein buoch von dem durchleuechtigen mannen gemacht hat. auch Coruinus orator. Victorinus rhetor vnd ander vil mer gewesen sein.

Moderne Übersetzung

Das vierte Zeitalter. Amos tat Böses vor dem Herrn und wurde von seinen Knechten geschlagen und starb in seinem eigenen Haus getötet. Und sie begruben ihn bei seinem Vater. Josias, der König von Juda, empfing das Reich, als er acht Jahre alt war. Er regierte sehr gut, verfolgte die Abgötterei, leitete die Priester zur Aufrichtung des Tempels an, wies das Volk zur Einhaltung des Gesetzes und zur Furcht Gottes sowie zur lobenswerten Begehung des hochzeitlichen Osterfestes an. Zuletzt zog dieser Josias gegen den Willen des Herrn aus, um Krieg gegen den König von Ägypten zu führen. Dort wurde er schwer verwundet und nach Jerusalem gebracht und starb. Über den Tod desselben Königs Josias hat Jeremias Klaggesänge gemacht, denn er war in allen Dingen so hochberühmt, dass mit ihm die Glorie und Ehre der Juden beinahe entstanden und auch ausgelöscht gewesen wäre. Dieser Josias suchte in seiner Kindheit den Herrn und verharrte bis ans Ende. Und er wandelte so andächtig und fleißig im Gesetz des Herrn, dass er (wie man sagt) keinen Seinesgleichen unter den Königen Judas gehabt hat. Joachas tat Böses vor dem Herrn, darum gab ihn Gott in die Hände Pharaos Necho, des Königs, der ihn gefangen nach Ägypten führte und seinem älteren Bruder namens Eljakim das Reich übergab, wobei er dessen Namen in Jojakim verwandelte. Zaleukos, ein sehr gerechter Mann, hatte viele Gesetze gemacht und unter anderem angeordnet: Wer das Laster des Ehebruchs begeht, der soll beider Augen beraubt werden. Nun wurde sein Sohn beim Ehebruch ertappt, darum hieß er ihm die Augen ausbrechen. Aber die ganze Stadt bat für den Sohn. Und obwohl der Vater am Ende durch das stetige Fürbitten des Volkes zur Barmherzigkeit bewegt wurde, ließ er dennoch, damit sein Gesetz nicht verletzt würde, ihm erstlich ein Auge und danach dem Sohn auch eines ausbrechen. Eine wunderbare Mäßigung, nicht unloblicher Gleichheit zwischen einem barmherzigen Vater und einem gerechten Gesetzgeber zeigend. Darum (o christlicher Mensch) lerne hierbei, mit welchem Fleiß du die heiligen Gebote deines Gottes bewahren sollst, da dieser heidnische Mann lieber wollte, nach seinem Gesetz selbst bestraft zu werden, als die begangene Übeltat seines Sohnes wider das Gesetz ungerächt zu lassen. Jojachin, auch ein Sohn Josias, wurde von Pharao als König eingesetzt, damit er hundert Pfund Silber geben sollte. Aber er tat Böses vor dem Herrn. Darum stieg Nebukadnezar gegen ihn auf. Dessen Knecht wurde er drei Jahre. Und als er danach abermals widerspenstig wurde, da erhob sich Nebukadnezar wiederum gegen ihn und erschlug ihn zu Jerusalem und hieß seinen Leichnam aus der Mauer werfen. Jojakim war ein Sohn Jojachins und tat Böses vor dem Herrn, darum wurde er bald daran gehindert, zu regieren, und gebunden nach Babylon gebracht. Dieser Jojakim blieb bei den Chaldäern siebenunddreißig Jahre im Kerker, und sein Sohn befreite ihn aus den Banden nach dem Tod des Vaters Nebukadnezar. Zedekia war der dritte Sohn Josias und der letzte König Judas und Jerusalems und bösartig. Und er hörte nicht auf den Propheten Jeremias. Darum verging er und ganz Juda wurde mit ihm nach Babylon geführt. Und ihm wurden seine Augen ausgegraben und sein Sohn getötet. Dies hatten Jeremias und Ezechiel geweissagt, dass er gebunden zu dem babylonischen König geführt werden sollte. Als nun der König gefangen wurde, da erwürgten die Chaldäer alles Volk. Und die, die dem Schwert entflohen, die wurden hingeführt, um den Chaldäern zu dienen. Blatt 61 der Weltchronik. Die Stadt Massilia, hinter dem Gebirge Galliens, wurde im ersten Jahr der Regierung Zedekias von den Phokäern, die anderswo vertrieben und dorthin gekommen waren, erbaut. Denn zu den Zeiten des Königs Tarquinius kamen Jünglinge, Phokäer genannt, aus Asien in Schiffen auf dem Tiber und schlossen Freundschaft mit den Römern. Danach zogen sie in das Land Gallien und erbauten Massilia unter den Ligurern, dem grausamen Volk Galliens. Und sie vollbrachten große Taten (mit Waffen und Kämpfen gegen die Gallier oder diejenigen, die sie vormals überwunden hatten). Dieselben Phokäer suchten wegen der Unfruchtbarkeit des Erdreichs ihre Nahrung mehr auf dem Wasser als auf dem Land, mit Fischfang, Handel und auch mehrmals mit Räuberei (die zu jenen Zeiten eine Ehre war). Und so zogen sie durch den Eingang des Flusses Rhône in Gallien in den hinteren Teil des Meeres gegen den Westen. Als sie nun dort die Annehmlichkeit der Gegend besichtigt und dies daheim wieder verkündet hatten, da veranlassten sie viele Leute, dorthin zu schiffen. Und Furius und Peranus waren Führer derselben Schiffahrt. Massilia ist auf Felsen gebaut, beim Einfluss der Rhône, wie in einem Winkel des Meeres, in früheren Zeiten sehr achtbar geschätzt und von trefflicher Größe gewesen. Sie hat einen schönen Hafen oder Eingang und darauf eine sehr wehrhafte Burg, in früheren Zeiten war dort der allerschönste Tempel des delphischen Apollon gebaut. Aber die Ligurer griffen die Stadt aus Neid, als sie so zunahm, stetiglich mit Kämpfen an. Und als sie viele Gefahren erlitten und ihre Feinde überwunden hatten, da machten sie viele neue Wohnungen. Von ihnen lernten die Gallier den Gebrauch eines zivilisierten Lebens, den Bau der Äcker, die Bewahrung der Städte mit Mauern. Und sie legten ihre Grobheit ab und lebten nicht nach den Waffen, sondern nach den Gesetzen. Sie brachten es in Gewohnheit, Wein anzubauen und Ölbäume zu pflanzen. Und sie war so berühmt bei den Menschen, als ob Gallien in Griechenland und nicht Griechenland in Gallien verwandelt wäre. In diese Stadt wurden viele aus den edlen Römern zur Bildung gesandt. Und obwohl sie je zu Zeiten mannigfaltige Herrschaften und Tyrannen hatten, von denen sie angefochten worden sind, so haben sie dennoch kein fremdes Gesetz angenommen noch irgendeinen Untersturz, den sie allein von den Chathelaniern erlitten. Dieser Stadt ist Lazarus, den der Herr vom Tod erweckte, als erster Bischof aus den Aposteln zugesandt worden. Und sein Heiligtum wird bis heute dort in großer Ehre gehalten. Man sagt auch, dass Maria Magdalena, eine Schwester des Lazarus, daselbst begraben ist. Und achtbare Männer wie Salvianus und Museus, die Priester, gelehrt in göttlichen Dingen; Gennadius, auch ein Priester, kundig in griechischer und lateinischer Zunge, der dann wie Hieronymus ein Buch von den durchlauchtigen Männern gemacht hat; auch Corvinus, der Redner, Victorinus, der Rhetor, und viele andere mehr gewesen sind.

Anmerkungen

Das vierd alter
Das vierte Zeitalter (Bezug auf eine historische Epoche in der Weltchronik)
Amos
Amos, König von Juda (2. Könige 21,19-26)
tet vbel vor dem herren
tat Böses vor dem Herrn (biblische Redewendung)
aigen haws
eigenes Haus
begruoben ine
begruben ihn
Iosias
Josias, König von Juda (2. Könige 22-23)
Jude
Juda (Königreich)
abgoettereyer
Abgötterei, Götzendienst
auffrichtung des tempels
Wiederherstellung des Tempels
angelaytet
angeleitet
begencknus dess hohzeitlichen fests der ostern
Begehung des hochzeitlichen Osterfestes (feierliche Begehung des Passahfestes)
konig egypti
König von Ägypten (Pharao Necho II.)
Jheusalem
Jerusalem
Jheremias
Prophet Jeremias
claggesang
Klaggesang, Lamento (Bezug auf das Buch der Klagelieder Jeremias)
hohberuembt
hochberühmt
kintheit
Kindheit
verharret bis in dz ende
verharrte bis ans Ende
andechtiglich vnd vleyßiglich gewandert
andächtig und fleißig gewandelt (im Sinne von gelebt)
Ioathas
Joachas (oder Jehoachas), König von Juda, Sohn Josias (2. Könige 23,31-34)
Pharaonis nechao
Pharao Necho II.
Eliachim
Eljakim, der von Pharao Necho in Jojakim umbenannt wurde
Joachim
Jojakim, der neue Name für Eljakim, Sohn Josias
Zaleucus
Zaleukos von Lokroi, ein legendärer Gesetzgeber der griechischen Stadt Lokroi Epizephyrioi in Unteritalien
eepruchs
Ehebruchs
beder awgen berawbt werden
beider Augen beraubt werden
betretten
ertappt
hieß er ime die awgen außbrechen
hieß er ihm die Augen ausbrechen
stettigem fuerbitte
stetigem Fürbitten
massigung
Mäßigung, Kompromiss
nit vnloblicher gleichheit
nicht unloblicher Gleichheit (im Sinne von: einer lobenswerten Ausgewogenheit)
vleis
Fleiß
gepot deins gots
Gebote deines Gottes
heydnisch man
heidnischer Mann
vngerochen lassen
ungerächt, ungesühnt lassen
Ieconias
Jojachin (oder Jechonja), König von Juda. Der Text vermischt hier Ereignisse und Personen: Die Einsetzung durch Pharao und die Silberzahlung beziehen sich eher auf Joachas (Jehoahaz), während die Auseinandersetzung mit Nebukadnezar und die Tötung in Jerusalem auf Jojakim (Jehoiakim) zutreffen. Jojachin selbst wurde nach kurzer Herrschaft nach Babylon exiliert.
hundert pfund silbers
hundert Pfund Silber (Maßeinheit)
Nabuchodonosor
Nebukadnezar II., König von Babylon
dess knecht ward er drey iar
dessen Knecht wurde er drei Jahre
widerspennstig
widerspenstig, rebellisch
Ioachim
Jojakim. Der Text behauptet, er sei ein Sohn Jeconias (Jojachins), was historisch falsch ist; Jojakim war der Vater Jojachins. Die Beschreibung der 37-jährigen Gefangenschaft und Freilassung bezieht sich auf Jojachin, nicht auf Jojakim. Auch die Freilassung erfolgte nicht durch seinen Sohn, sondern durch Evil-Merodach, den Sohn Nebukadnezars.
gepunden gein Babiloniam gepracht
gebunden nach Babylon gebracht
Caldeern
Chaldäer (Volk in Mesopotamien, das das babylonische Reich beherrschte)
xxxvij. iar
siebenunddreißig Jahre (römische Zahl)
imm kercker
im Kerker
Sedechias
Zedekia, letzter König von Juda (2. Könige 24,18-25,7)
drit sun Josie
dritter Sohn Josias
boeßhaftig
bösartig
Ezechiel
Prophet Ezechiel
geweyssagt
geweissagt, prophezeit
erwuergten die caldei alles volck
erwürgten die Chaldäer alles Volk (töteten)
Blat LXI der werlt
Blatt 61 der Weltchronik (LXI = 61)
Massilia
Massilia, der antike Name für Marseille
gepirg Gallie
Gebirge Galliens (bezieht sich auf die Region Gallien, das heutige Frankreich)
Phocensischen
Phokäer, Bewohner der antiken griechischen Stadt Phokaia in Kleinasien
Tarquini des konigs
König Tarquinius (vermutlich Tarquinius Superbus, der letzte König Roms, oder Tarquinius Priscus)
iungling Phocenses
junge Männer, Phokäer
Tyber
Tiber (Fluss in Italien)
Roemernn
Römern
land Gallie
Land Gallien
Liguriernn
Ligurer, ein antikes Volk in Nordwestitalien und Südfrankreich
grausamen volck Galie
grausames Volk Galliens
Gallicos
Gallier
vnfruchtperkeit des ertreichs
Unfruchtbarkeit des Erdreichs
vischen kauffmanschatz
Fischfang, Handel
rawberey (die zu den zeiten ein ere was)
Räuberei (die zu jenen Zeiten eine Ehre war)
Rhodani in gallicum
Rhône in Gallien (lat. Rhodanus)
hintterteyl des meers gegen dem nidergang
hinterer Teil des Meeres gegen den Westen (westlicher Teil des Mittelmeeres)
lustperkeit der gegent
Annehmlichkeit, Reiz der Gegend
verkuendigt hetten
verkündet hatten
vrsachten sie vil lewt dahin zeschiffen
veranlassten sie viele Leute, dorthin zu schiffen
Furius vnd Peranus
Furius und Peranus (Anführer der phokäischen Siedler, möglicherweise legendäre Figuren)
schiffung
Schiffahrt, Expedition
einfluss Rhodani
Einfluss der Rhône (Mündung)
winckel des meers
Winkel des Meeres (Bucht)
garachtperlich geschatzt vnd treffenlicher groeß
sehr achtbar geschätzt und von trefflicher Größe
fastweerliche purg
sehr wehrhafte Burg
Apollinis delphia
des delphischen Apollon (Tempel des Apollon von Delphi)
fachten die statt auß neyde do sie also zunam mit streitten stettiglich an
griffen die Stadt aus Neid, als sie so zunahm, stetiglich mit Kämpfen an
farligkeit
Gefahren
wonung
Wohnungen, Siedlungen
geprauch eins gezierten lebens
Gebrauch eines zivilisierten, kultivierten Lebens
gepew der egker
Bau der Äcker (Ackerbau)
stett bewarung mit mawren
Bewahrung der Städte mit Mauern (Städtebau, Befestigung)
tetten sich irer grobheit ab
legten ihre Grobheit ab
oelpawm zepflantzen
Ölbäume zu pflanzen
Gallia in Grecia vnd nicht Grecia in Galliam verwandelt wer
Gallien in Griechenland und nicht Griechenland in Gallien verwandelt wäre (Metapher für den starken griechischen Kultureinfluss in Gallien durch Massilia)
zu der lernung gesant
zur Bildung, zum Studium gesandt
manigfeltige herrschaft vnd tyrannen
mannigfaltige Herrschaften und Tyrannen
angefochten worden sein
angefochten, angegriffen worden sind
einich vnttersturtz
irgendeinen Untersturz, Umsturz
Chathelaniernn
Chathelanier (möglicherweise eine Verballhornung oder alter Name für ein Volk, das Massilia bedrohte oder eroberte; die genaue Identifikation ist unsicher, könnte sich auf Karthager oder spätere germanische Völker beziehen)
Lazerus
Lazarus (der von Jesus auferweckt wurde; die Legende von Lazarus als erstem Bischof von Marseille ist eine lokale Tradition)
heiltum pißher in grosser ere alda gehalten
Heiligtum bis heute dort in großer Ehre gehalten
Maria magdalena ein swester Lazari
Maria Magdalena, eine Schwester des Lazarus (gemäß lokaler Legende)
Saluianus
Salvianus von Marseille, christlicher Schriftsteller des 5. Jahrhunderts
Museus
Museus von Marseille, Priester und Schriftsteller des 5. Jahrhunderts
Gennadius
Gennadius von Marseille, Priester und Kirchenhistoriker des 5. Jahrhunderts
grecischer vnd lateinischer zunge erkuendigt
kundig in griechischer und lateinischer Zunge
Jheronimus ein buoch von dem durchleuechtigen mannen gemacht hat
Hieronymus ein Buch von den durchlauchtigen Männern (De viris illustribus) gemacht hat (Gennadius schrieb eine Fortsetzung zu Hieronymus' Werk)
Coruinus orator
Corvinus, der Redner (möglicherweise Valerius Corvinus, römischer Konsul, oder ein anderer, weniger bekannter Redner)
Victorinus rhetor
Victorinus, der Rhetor (möglicherweise Gaius Marius Victorinus, römischer Rhetor und Philosoph des 4. Jahrhunderts)