Schedelsche Weltchronik · Blatt 87

Fünftes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 87, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 87, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das funft alter | Florencia die edel vnd fuernamste statt vnder den stetten Etrurie wirdt irs vrsprungs halben auff die zukunft der Sillanischen ritterschaft (den dieselb gegent von Silla dem roemischen ratherrnn zugeaigent wardt) gezogen. vnd nachdem sie sich erstlich daselbst bey dem fluss Arni nider gesetzt haben. So maynen ettlich das dise statt von dem fluss erstlich fluencia genant worden sey. Dann plinius (der erstlich von demselben end meldung tuot) heißt dieselben lewt Fluentiner. als bey dem fuerfließenden Arno wonende. Nw sind dieselben ritterschaften daselbsthin komen. nach erpawung der statt Rom. vic. lxvij. iar. Auß dem erscheint das dise stat bey. lxxxiij iarn vor zukunft cristi vnßers gottes einen anfang gehabt hat. Dise statt Florencia ist von den Fesulianernn an den gestadt des fluss Arni gepawen. vnd die alten haben sie Fluenciam gehaißen. nach dem sie aber an gluecksaligem wesen vnd zugefalligen dingen andere stett in der nachtpawrschafft daselbstumb gelegen zeuebertreffen. vnd irnn gewalt kraft vnnd vermuegen wunderperlicher weiß zeerpraiten begunde. so ist dise statt vil billicher Florencia. als ein plueende. dann Fluencia ein fließende genant. Dise statt ist zu den zeiten der Gotier mit vil beschwerden angefochten worden. dann Totila het sie verheeret vnd verwuestet. die doch der groß Karolus widerauffrichtet vnd mit eim groessern vmbkrais vnd zinnen einfienge vnd mit loblichen freiheiten vnd burgerlichen rigimenten begabet. Als aber Florencia mit gewalt vnd sunst die Fesulanier an sich bracht. nach der gepurt Cristi tausent vnd in dem. xxiiij. iar hat sie an reichthuemern vnd eren fast zugenomen. Desselben iars hat keiser Henrich der erst sancti Miniatis kirchen bey der mawr zu Florentz gepawen. Von derselben zeit her ist die statt durch die vordern der kunst vnd panyertrager der gerechtigkeit. die man zu latein priores arcium et vexillifferos iusticie nennt. als yetzo bischiht geregirt worden. In diser statt sind außerhalb andrer vnglewplicher zierden ein beruombter thumbkirch. mit eim wunderwirdigen schwinbogen oder gewelb gezieret. vnd in der ere der hohgelobten gloriwirdigen iunckfrawen Marie geweyhet. darnach imm vierden iar wardt ein hoher pallast. darinn die voerdern des regiments wonen zepawen angefangen vnd nach Blat LXXXVII der werlt | folgend imm fuenften iar. das ist das jm. lxxi. iar nach cristi gepurt ein pawmgart gepflantzt. die statt an zinnen erweytert vnd vber sand Lorentzen kirchen an dem getadt des fluss mit ewigem vmbgang gelaytet. vnnd darnach im xxxi. iar ein koestlicher marmorsteininer glocken thurn auffgerichtet. alda dann der zaiger finger des vorlawfers cristi in großer ererbietung gehalten wirdt. in des ere ein koestlicher tempel. den sie baptisterium nennen. an eim gelegnern ende der statt geweihet ist. daran die thore von fester glocken speiß oder ertze gemacht. vnnd die historien des neven vnd alten testaments mit vnaußsprechlichem werck darein ergraben sind. vnd nachdem aber Florencia ein pluom aller welschen stett genant wirdt. so hat sie außerhalb irer huebscheit vnnd irer burger holdseligkeit. auch man in allem geslecht oder tugend fuertreffenlich gehabt. nemlich zwen poeten Dantem aldegerium vnd Franciscum petrarcham. Item vnlang darnach Jothum den hohberuemsten maler in kunst Appelli dem preyßwirdigen maler wol zegleichen. Item Accursium den fuersten der rechtgelerten. vnd einen fuerpuendigen außleger der werltlichen recht. Item Tadeum einen hohberuembten artzt. Item Cosmum medicum. der an zufluessigkeit der reichthuemer holdseligkeit vnd miltigkeit alle burgere in Europa vbertroffen hat. sein suen vnd enigklein sameln auch nochmaln sein gluecksaligkeit. die dann auch der statt Florentz vil zierde zugelegt haben. vnd sunderlich ein loeblich closter sancti Marci darinn schoene gepew vnd ein librarey. die andern all vbertreffende. Das feld darinn Florencia ligt tregt fast guoten wein. die fuersichtigkeit der Florentiner ist in vil dingen loblich vnd preyßlich. vnnd sunderlich in außerlesung irer cantzler vnd schreiber. dann des sind sie hohgeflißen allweg zeerwelen vnd bey ine zehaben die ihenen die in erfarung weißheit vnd kunst des gedichtes vnd wolredens vor andern hohberuembt. gelert. geuebt vnd fuertreffenlich sind. demnach haben sie ettwen Leonhardum vnnd Karolum die Aretiner. auch Poggium. vnnd vor denselben Collucium bey ine gehabt. die von art des schreibens vnd dichtens außpuendig gewesen sind.

Moderne Übersetzung

Das fünfte Zeitalter. Florenz, die edle und vornehmste Stadt unter den Städten Etruriens, wird hinsichtlich ihres Ursprungs auf die Ankunft der Sullanischen Ritterschaft zurückgeführt (denn diese Gegend wurde von Sulla, dem römischen Ratsherrn, zugeeignet). Und nachdem sie sich erstlich dort am Fluss Arno niedergelassen haben, so meinen etliche, dass diese Stadt vom Fluss her zuerst Fluencia genannt worden sei. Denn Plinius (der zuerst von diesem Ort Erwähnung tut) nennt dieselben Leute Fluentiner, als am vorüberfließenden Arno wohnend. Nun sind dieselben Ritterschaften dorthin gekommen, 667 Jahre nach der Erbauung der Stadt Rom. Daraus erscheint, dass diese Stadt etwa 83 Jahre vor der Ankunft Christi, unseres Gottes, einen Anfang gehabt hat. Diese Stadt Florenz ist von den Fiesolanern am Gestade des Flusses Arno erbaut, und die Alten haben sie Fluencia geheißen. Nachdem sie aber an glückseligem Wesen und zufälligen Dingen andere Städte in der Nachbarschaft, die dort gelegen waren, zu übertreffen und ihren Gewalt, Kraft und Vermögen auf wunderbare Weise auszubreiten begann, so ist diese Stadt viel passender Florencia, als eine blühende, denn Fluencia, eine fließende, genannt. Diese Stadt ist zu den Zeiten der Goten mit vielen Beschwerden angefochten worden, denn Totila hatte sie verheert und verwüstet; die doch der große Karl wiederaufrichtete und mit einem größeren Umkreis und Zinnen einfing und mit loblichen Freiheiten und bürgerlichen Regimenten begabte. Als aber Florenz mit Gewalt und sonst die Fiesolaner an sich brachte, 1024 Jahre nach der Geburt Christi, hat sie an Reichtümern und Ehren fast zugenommen. Desselben Jahres hat Kaiser Heinrich der Erste die Kirche Sankt Miniatis bei der Mauer zu Florenz erbaut. Von derselben Zeit her ist die Stadt durch die Vorsteher der Künste und Bannerträger der Gerechtigkeit, die man zu Latein priores arcium et vexillifferos iusticie nennt, wie es jetzt geschieht, regiert worden. In dieser Stadt sind, außerhalb anderer unglaublicher Zierden, eine berühmte Domkirche, mit einem wunderwürdigen Schwibbogen oder Gewölbe geziert, und in der Ehre der hochgelobten, glorwürdigen Jungfrau Maria geweiht. Danach, im vierten Jahr, wurde ein hoher Palast, darin die Vorsteher des Regiments wohnen, zu bauen angefangen, und nach Blatt 87 der Weltchronik folgend, im fünften Jahr, das ist im 71. Jahr nach Christi Geburt, ein Baumgarten gepflanzt, die Stadt an Zinnen erweitert und über Sankt Lorenz' Kirche am Gestade des Flusses mit ewigem Umgang geleitet. Und danach, im 31. Jahr, ein köstlicher marmorsteinerner Glockenturm aufgerichtet, alda dann der Zeigefinger des Vorläufers Christi in großer Ehrerbietung gehalten wird, in dessen Ehre ein köstlicher Tempel, den sie Baptisterium nennen, an einem gelegeneren Ende der Stadt geweiht ist, daran die Tore von fester Glockenspeise oder Erz gemacht und die Historien des Neuen und Alten Testaments mit unaussprechlichem Werk darein eingegraben sind. Und nachdem aber Florenz eine Blume aller welschen Städte genannt wird, so hat sie, außerhalb ihrer Hübschheit und ihrer Bürger Holdseligkeit, auch Männer in allem Geschlecht oder Tugend vortrefflich gehabt, nämlich zwei Poeten, Dante Alighieri und Francesco Petrarca. Ebenso, unlängst danach, Giotto, den hochberühmtesten Maler, in Kunst Apelles, dem preiswürdigen Maler, wohl zu gleichen. Ebenso Accursius, den Fürsten der Rechtsgelehrten und einen vorbildlichen Ausleger der weltlichen Rechte. Ebenso Thaddäus, einen hochberühmten Arzt. Ebenso Cosimo de' Medici, der an Zuflüssigkeit der Reichtümer, Holdseligkeit und Milde alle Bürger in Europa übertroffen hat. Seine Söhne und Enkel sammeln auch nochmals seine Glückseligkeit, die dann auch der Stadt Florenz viel Zierde zugelegt haben, und besonders ein lobliches Kloster Sankt Markus, darin schöne Gebäude und eine Bibliothek, die andere alle übertreffend. Das Feld, darin Florenz liegt, trägt fast guten Wein. Die Fürsichtigkeit der Florentiner ist in vielen Dingen loblich und preislich, und besonders in der Auswahl ihrer Kanzler und Schreiber, denn dessen sind sie hochbeflissen, allweg zu erwählen und bei ihnen zu haben diejenigen, die in Erfahrung, Weisheit und Kunst des Dichtens und Wohlredens vor anderen hochberühmt, gelehrt, geübt und vortrefflich sind. Demnach haben sie etwann Leonardo und Carlo die Aretiner, auch Poggio und vor denselben Coluccio bei ihnen gehabt, die von Art des Schreibens und Dichtens außerordentlich gewesen sind.

Anmerkungen

Das funft alter
historisches dt. für 'Das fünfte Zeitalter', eine Epoche in der mittelalterlichen Geschichtsschreibung
Florencia
Florenz (ital. Firenze), Stadt in Italien
Etrurie
Etrurien, historische Landschaft in Mittelitalien
Sillanischen ritterschaft
Sullanische Ritterschaft, Anhänger des römischen Feldherrn Sulla
Silla dem roemischen ratherrnn
Sulla (Lucius Cornelius Sulla Felix), römischer Feldherr und Staatsmann
Arni
Arno, Fluss in der Toskana
fluencia
Fluencia, alter Name für Florenz, abgeleitet vom lateinischen 'fluentia' (fließend)
plinius
Plinius der Ältere (Gaius Plinius Secundus), römischer Gelehrter und Naturforscher
meldung tuot
historisches dt. für 'Erwähnung tut'
fuerfließenden
historisches dt. für 'vorüberfließenden'
vic. lxvij.
römisch für 667 (VI C LX VII)
zukunft cristi
historisches dt. für 'Ankunft Christi'
lxxxiij
römisch für 83
Fesulianernn
Fiesolaner, Einwohner der antiken Stadt Fiesole (lat. Faesulae) nahe Florenz
gestadt
historisches dt. für 'Gestade, Ufer'
gluecksaligem wesen
historisches dt. für 'glückseligem Wesen, Wohlstand'
zugefalligen dingen
historisches dt. für 'zufälligen Dingen, Ereignissen'
nachtpawrschafft
historisches dt. für 'Nachbarschaft'
zeuerpraiten
historisches dt. für 'auszubreiten'
billicher
historisches dt. für 'gerechter, passender'
plueende
historisches dt. für 'blühende'
Gotier
Goten, ostgermanischer Volksstamm
Totila
Totila, König der Ostgoten (reg. 541–552)
der groß Karolus
Karl der Große (lat. Carolus Magnus), fränkischer König und Kaiser
vmbkrais
historisches dt. für 'Umkreis, Stadtmauer'
zinnen
Zinnen, Zacken auf einer Mauer
rigimenten
historisches dt. für 'Regimenten, Verwaltungsformen'
tausent vnd in dem. xxiiij. iar
Jahr 1024
keiser Henrich der erst
Kaiser Heinrich II. (der Heilige), römisch-deutscher Kaiser (reg. 1014–1024). Heinrich I. war nie Kaiser.
sancti Miniatis kirchen
Kirche San Miniato al Monte, eine Basilika in Florenz
vordern der kunst vnd panyertrager der gerechtigkeit
historisches dt. für 'Vorsteher der Künste und Bannerträger der Gerechtigkeit', Bezeichnungen für florentinische Amtsträger
priores arcium et vexillifferos iusticie
lat. priores artium et vexilliferi iustitiae – 'Prioren der Zünfte und Bannerträger der Gerechtigkeit', die höchsten Ämter in der Florentiner Republik
yetzo bischiht
historisches dt. für 'jetzt geschieht'
vnglewplicher zierden
historisches dt. für 'unglaublicher Zierden, außergewöhnlicher Schönheiten'
thumbkirch
historisches dt. für 'Domkirche'
schwinbogen oder gewelb
historisches dt. für 'Schwibbogen oder Gewölbe'
hohgelobten gloriwirdigen iunckfrawen Marie
historisches dt. für 'hochgelobten, glorwürdigen Jungfrau Maria'
Blat LXXXVII der werlt
Blatt 87 der Schedelschen Weltchronik
lxxi.
römisch für 71
pawmgart
historisches dt. für 'Baumgarten, Park'
sand Lorentzen kirchen
Kirche San Lorenzo, eine der ältesten Kirchen in Florenz
ewigem vmbgang gelaytet
historisches dt. für 'mit ewigem Umgang geleitet', möglicherweise eine dauerhafte Prozessionsroute oder eine durchgehende Stadtmauer
xxxi.
römisch für 31
zaiger finger des vorlawfers cristi
Zeigefinger des Vorläufers Christi (Johannes des Täufers)
baptisterium
lat. Baptisterium – Taufkirche, hier das Baptisterium San Giovanni in Florenz
glocken speiß oder ertze
historisches dt. für 'Glockenspeise oder Erz', eine Bronzelegierung
vnaußsprechlichem werck
historisches dt. für 'unaussprechlichem Werk, unübertrefflicher Kunstfertigkeit'
pluom
historisches dt. für 'Blume'
welschen stett
historisches dt. für 'welsche Städte, italienische Städte'
huebscheit
historisches dt. für 'Hübschheit, Schönheit'
holdseligkeit
historisches dt. für 'Holdseligkeit, Anmut'
geslecht oder tugend
historisches dt. für 'Geschlecht oder Tugend, Art von Tugend'
Dantem aldegerium
Dante Alighieri, berühmter italienischer Dichter (1265–1321)
Franciscum petrarcham
Francesco Petrarca, berühmter italienischer Dichter und Humanist (1304–1374)
Jothum
Giotto di Bondone, berühmter italienischer Maler und Architekt (um 1267–1337)
Appelli
Apelles, berühmter Maler des antiken Griechenlands
Accursium
Accursius (Francesco Accursio), berühmter italienischer Jurist (um 1182–1263)
fuerpuendigen außleger
historisches dt. für 'vorbildlichen Ausleger'
Tadeum
Taddeo Alderotti, berühmter italienischer Arzt (1223–1295)
Cosmum medicum
Cosimo de' Medici (der Ältere), florentinischer Bankier und Staatsmann (1389–1464)
zufluessigkeit der reichthuemer
historisches dt. für 'Zuflüssigkeit der Reichtümer, Reichtum'
enigklein
historisches dt. für 'Enkel'
closter sancti Marci
Kloster San Marco, ein Dominikanerkloster in Florenz
fuersichtigkeit
historisches dt. für 'Fürsichtigkeit, Weitsicht'
preyßlich
historisches dt. für 'preislich, preiswürdig'
hohgeflißen
historisches dt. für 'hochbeflissen, sehr bemüht'
kunst des gedichtes vnd wolredens
historisches dt. für 'Kunst des Dichtens und Wohlredens, Rhetorik'
Leonhardum vnnd Karolum die Aretiner
Leonardo Bruni (um 1370–1444) und Carlo Marsuppini (1399–1453), beide Humanisten aus Arezzo und Kanzler von Florenz
Poggium
Poggio Bracciolini, italienischer Humanist (1380–1459)
Collucium
Coluccio Salutati, italienischer Humanist und Kanzler von Florenz (1331–1406)
außpuendig
historisches dt. für 'außerordentlich, hervorragend'