Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger
Das sechst alter left right Die vierd verfolgung der kirchen ist geschehen zu den zeiten Marci antonini vnd Lucij aurelij vnd sind vil mit der marter gekroenet worden. aber nach diser verfolgung kom ein eylender großer iamer und sterben. der do vil land vnd prait verwueestet. und allermaist Welsche land also verheeret das ettliche doerffer vnd felder on inwoner und pawrn bliben. darzu wz auch in den waffen kein ruoe. sunder schwebten durch den auffgang kriechenlannd Welscheland vnd Galliam krieg. alda warn erdpidem mit versenckung der stett. ertrenckung der wasser vnd beschedigung der hewschrecken an den feldern. Sophia die edel fraw kome mit iren dreyen toechtern Glawb Hoffnung vnd Lieb gein Rom vnd bekeret mit dem ebenpild irer geistlichkeit und nuechterkeit vil edler frawen zu Christo. do das an Adrianum den kaiser gelanget hieß er sie zu ime fuerenn. die warn fast schoen und in der heiligen schrift gelert. und nach langem kampff endeten sie ir leben mit marter durch mancherlay peynigung. als die muter darnach irer toechter leichnam. xviij. meyl von der statt begruobe. unnd mit zehern sprach. O mein toechter nembt mich zu euch. do ruoet sie gleich als schlaffende im frid. Seraphia die Antiochisch iunckfraw hat diser zeit zu Rom umb Christus willen gelidden. die wardt in ein finstere statt zu zwayen fuerwitzigen mannen sie zeenteren getan vnd doch von ine vnuerletzt. darnach mit fewr gepeynigt vnd auß befelhe des richters mit kolben geschlagen vnd zu lest mit dem schwert getoedt. vnd durch sabinam die sie bekert het in irem grab bestattet. amm. xxix. tag des monats Julij. Sabina dz durchleuechtigst weib ettwan des hohberuembten Valentini hawßfraw. vnd Herodis metallarij tochter was von seraphia im cristenlichin glawben underwisen vnd stund in vbung der werckt der barmhertzigkeit vnd wardt zu Rom darumb dz sie den goettern nit opffern wolt mit dem schwert gerichtet. vnnd also auch mit der kron der marter begabet. Quadratus ein bischoff zu Athenis vnd ein iunger der appostel gar ein hohgelerter man. hat in diser vngestuemigkeit die kirchen die mit großer forcht zerstrewet wz wider gesamelt vnd zu beschirmung des cristenlichen stands ein buoch vol glawbens vnd vernunft vnd wol wirdig der appostolischen lere gemacht. vnnd zu letst auch die marter gelidden am. xxvi. tag des monats may. QVirinus erstlich ein richter nachfolgend ein bischof wardt diser zeit in dem windischen land in der statt Sciscia am vierdten tag der monats iunij gemartert vnnd ime ein muelstayn an sein hand gepunden vnd ertrencket. Zenon ein Roemischer ratgeb ist zu Rom mit. xm. vnd. ijc. bruedern in diser aufruor vmb christus willen erschlagen worden Achacius primicerius ist mit. xm. menschen auf dem berg Araraht von Adriano dem kaiser in Armenia gemartert worden. dann als sie durch den engel bekeret den syge wider die feind behielten. vnd Adrianus vnd Antoninus erfuoren das sie christen worden weren do wayneten sie vnd hießen die erstlich gaiseln. vnd darnach vil trispitziger nagel. xx. roßlawff weit auff der erden strewen das die hailigen mit ploßen fueßen darauff geen solten. aber der engel gottes gieng vor in hin. vnnd samelt die nagel auff das sie nit verletzet wurden. darnach haben sie zu gleichnus christi die marter gelidden vnnd sind ir seln zu himel genomen. Papias der iheropolitanisch bischoff ein iunger Johannis des appostels wz also ein hohgelerter man dz ime von seiner kunst vnd lere wegen vil andere gelert mann in iren gedichte nachgefolgt haben. als Hereneus. Appollinaris Terculianus Victorinus Lactancius vnnd der vorgenannt Quadratus. Aristides ein Athenischer naturlicher maister vnd vnder den vorigen wesen ein iunger christi hat ein buoch von innhalt vnßer lere zu der zeit. wie Quadratus dem kaiser Adriano zugeschickt. auß denselben buechern ward Adrianus geursachet dz er fuer vnbillich vnd vnrecht achtet dz die christen allenthalben solten erschlagen werden vnd darauf schribe er Minucio fundano dem verweser Asie nimant zetoedten eß wer dann ein anclager vnd die mißtat vorawgen und wissentlich. der werlt Blat CXIII left Secundus ein atheniensischer naturlicher maister ist diser zeit in achtung gewest. der alweg das schweigen haltende ein Pitagorisch leben fueret. Die vrsach seins sweygems was die. Als er auff ein zeit sein aigne muter vnzimlichs beyschlaffens angemuotet vnd sie ime vnwissende das er ir sun was verwilligt het. vnnd do sie nw erkennet das es ir sun was gewesen do starb sie vor scham. als Secundus das mercket do setzet e imselbs die straff zu peen das er hinfuero nimant mer zu reden wolt. do solchs an den kaiser Adrianum zu Athenis deßmals wesende gelanget. berueffet er ine. aber do er ine weder mit gruoß. vermanung noch bedroung vomm fuersatz des schweigens nit entziehen mocht do verwundert er sich seiner schweygung vnd bestendigkeit. vnd begeret an ine das er doch seinen fragen mit der hannd antwurten wolt. darauff fraget er ine. was ist got. do schreib er im pald. Got ist ein vntoedlicher syn. ein vnbeschewliche hoehe. ein vilfoermige form. ein manigfeltiger gaist. ein vnerdenckliche erforschung alle ding begreiffende. ein vngeprechlichs liecht vnnd das hoehst guot. Tiburtina die stat welscher land die noch hewt die alt Tibur genant wirdt ist zu disen zeiten durch den kayser Adrianum (als Helius sparcianus bezeuegt) mit wunderperlicher darlegung erpawt vnd auß eim dorff zu einer statt gemacht worden vnd ligt. xvim. schrit von Rom bey dem fluss Anienne an einem nidern vneben ende. Dise statt hat (als Strabo und Virgilius woellen) lang vor Rom von den kriechischen vrsprung vnd aigenschaft gehabt. Ettlich sprechen ir erster stifter sey gewesen Tiburtus der bruder Coracis vnd Catilli. dann dieselben brueder waren Thebanier. die nach zerstoerung der Thebanier vomm vater in welschen landen geporn. darnach die statt auß irem namen paweten. Dess ist ein zeuegnus der berg nahend dabey noch hewt Catillus genant. So hat der ander bruder Corax ein andere beruembte statt under den Volscos aufgerichtet. also ist dise stat Tiburtina etwen edel gewest. als solchs die nahendt noch vor awgen wesende große und machtige nidergefalne gepew diser alten statt anzaigen vnnd die gewesen wirdigkeit diser statt bedewten. An demselben ende grebt man den starcken Tiburtinischen stayn der zu erpawung vnd enthaltung der statt Rom fast hiflich gewest ist. dann kayser Friderich barbarossa hat dise statt. die dauor von andern teuetschen zerruedet was wider erpawen. So haben darnach vil bebst vnd cardinel dieselben statt gemeret vnd mit vil gepewen erleuechtet. Auß diser stat haben babst Simplicius vnnd andere an kunst vnnd wirdigkeit hohberuembt menner iren vrsprung gehabt. Tiburtina die statt
Das sechste Zeitalter. Die vierte Verfolgung der Kirche geschah zu den Zeiten des Marcus Antoninus und Lucius Aurelius, und viele wurden mit dem Martyrium gekrönt. Aber nach dieser Verfolgung kam ein schneller, großer Jammer und Sterben, das viele Länder weit verwüstete und vor allem die welschen Länder so verheerte, dass etliche Dörfer und Felder ohne Einwohner und Bauern blieben. Dazu gab es auch in den Waffen keine Ruhe, sondern Kriege schwebten durch den Osten, Griechenland, Welschland und Gallien. Dort waren Erdbeben mit Versenkung der Städte, Überschwemmungen der Gewässer und Schäden durch Heuschrecken auf den Feldern. Sophia, die edle Frau, kam mit ihren drei Töchtern Glaube, Hoffnung und Liebe nach Rom und bekehrte mit dem Vorbild ihrer Geistlichkeit und Nüchternheit viele edle Frauen zu Christus. Als das dem Kaiser Hadrianus zu Ohren kam, hieß er sie zu sich führen. Sie waren sehr schön und in der Heiligen Schrift gelehrt. Und nach langem Kampf beendeten sie ihr Leben mit dem Martyrium durch mancherlei Peinigung. Als die Mutter danach die Leichname ihrer Töchter achtzehn Meilen von der Stadt begrub und mit Tränen sprach: „O meine Töchter, nehmt mich zu euch!“, da ruhte sie gleichsam schlafend im Frieden. Seraphia, die antiochenische Jungfrau, hat zu dieser Zeit in Rom um Christi willen gelitten. Sie wurde in eine finstere Stätte zu zwei vorwitzigen Männern gegeben, um sie zu entehren, und blieb doch von ihnen unverletzt. Danach wurde sie mit Feuer gepeinigt und auf Befehl des Richters mit Kolben geschlagen und zuletzt mit dem Schwert getötet. Und durch Sabina, die sie bekehrt hatte, wurde sie in ihrem Grab bestattet, am neunundzwanzigsten Tag des Monats Juli. Sabina, die durchlauchtigste Frau, einst die Hausfrau des hochberühmten Valentinus und Tochter des Herodes Metallarius, war von Seraphia im christlichen Glauben unterwiesen worden und stand in Übung der Werke der Barmherzigkeit. Sie wurde in Rom, weil sie den Göttern nicht opfern wollte, mit dem Schwert gerichtet und so auch mit der Krone des Martyriums begabt. Quadratus, ein Bischof zu Athen und ein Jünger der Apostel, ein sehr hochgelehrter Mann, hat in dieser Ungestümigkeit die Kirche, die mit großer Furcht zerstreut war, wieder gesammelt und zum Schutz des christlichen Standes ein Buch voller Glauben und Vernunft und wohl würdig der apostolischen Lehre verfasst. Und zuletzt auch das Martyrium erlitten, am sechsundzwanzigsten Tag des Monats Mai. Quirinus, erstlich ein Richter, nachfolgend ein Bischof, wurde zu dieser Zeit im windischen Land in der Stadt Siscia am vierten Tag des Monats Juni gemartert, und ihm wurde ein Mühlstein an seine Hand gebunden und er ertränkt. Zenon, ein römischer Ratgeber, ist zu Rom mit zehntausendzweihundert Brüdern in dieser Aufruhr um Christi willen erschlagen worden. Achatius Primicerius ist mit zehntausend Menschen auf dem Berg Ararat von Kaiser Hadrianus in Armenien gemartert worden. Denn als sie durch den Engel bekehrt den Sieg wider die Feinde behielten. Und als Hadrianus und Antoninus erfuhren, dass sie Christen geworden waren, da weinten sie und hießen sie erstlich geißeln. Und danach viele dreispitzige Nägel zwanzig Rossläufe weit auf der Erde streuen, damit die Heiligen mit bloßen Füßen darauf gehen sollten. Aber der Engel Gottes ging vor ihnen hin und sammelte die Nägel auf, damit sie nicht verletzt wurden. Danach haben sie in Gleichnis Christi das Martyrium erlitten und ihre Seelen sind in den Himmel aufgenommen worden. Papias, der hierapolitanische Bischof, ein Jünger Johannes des Apostels, war ein so hochgelehrter Mann, dass ihm wegen seiner Kunst und Lehre viele andere gelehrte Männer in ihren Schriften nachgefolgt sind, als Irenäus, Apollinaris, Tertullian, Victorinus, Laktanz und der vorgenannte Quadratus. Aristides, ein athenischer Naturphilosoph und unter den Vorigen ein Jünger Christi, hat zu der Zeit, wie Quadratus, dem Kaiser Hadrianus ein Buch über den Inhalt unserer Lehre zugeschickt. Aus denselben Büchern wurde Hadrianus dazu veranlasst, dass er es für unbillig und unrecht erachtete, dass die Christen allenthalben erschlagen werden sollten, und daraufhin schrieb er Minucius Fundanus, dem Verweser Asiens, niemanden zu töten, es sei denn, es gäbe einen Ankläger und die Missetat sei offenkundig und wissentlich. Blatt 113. Secundus, ein athenischer Naturphilosoph, war zu dieser Zeit in Ansehen. Er führte, stets das Schweigen haltend, ein pythagoreisches Leben. Die Ursache seines Schweigens war diese: Als er einst seine eigene Mutter zu unziemlichem Beischlaf anmutete und sie ihm, unwissend dass er ihr Sohn war, zugestimmt hatte. Und als sie nun erkannte, dass es ihr Sohn gewesen war, da starb sie vor Scham. Als Secundus das merkte, da setzte er sich selbst die Strafe zur Buße, dass er hinfort niemandem mehr reden wollte. Als solches dem Kaiser Hadrianus, der damals in Athen weilte, zu Ohren kam, berief er ihn. Aber als er ihn weder mit Gruß, Ermahnung noch Bedrohung von seinem Vorsatz des Schweigens nicht abbringen konnte, da verwunderte er sich über sein Schweigen und seine Beständigkeit. Und begehrte von ihm, dass er doch seinen Fragen mit der Hand antworten wollte. Darauf fragte er ihn: „Was ist Gott?“ Da schrieb er ihm bald: „Gott ist ein unsterbliches Wesen, eine unüberschaubare Höhe, eine vielgestaltige Form, ein mannigfaltiger Geist, eine unerdenkliche Erforschung, alle Dinge begreifend, ein unvergängliches Licht und das höchste Gut.“ Tiburtina, die Stadt im welschen Land, die noch heute das alte Tibur genannt wird, ist zu diesen Zeiten durch den Kaiser Hadrianus (wie Aelius Spartianus bezeugt) mit wunderbarer Darlegung erbaut und aus einem Dorf zu einer Stadt gemacht worden und liegt sechzehntausend Schritte von Rom entfernt beim Fluss Aniene an einem niedrigen, unebenen Ende. Diese Stadt hat (wie Strabon und Vergil wollen) lange vor Rom ihren griechischen Ursprung und ihre Eigenart gehabt. Etliche sprechen, ihr erster Stifter sei Tiburtus, der Bruder des Corax und Catillus, gewesen. Denn dieselben Brüder waren Thebaner, die nach der Zerstörung Thebens vom Vater in welschen Ländern geboren wurden. Danach bauten sie die Stadt aus ihrem Namen. Dessen ist ein Zeugnis der Berg nahe dabei, der noch heute Catillus genannt wird. So hat der andere Bruder Corax eine andere berühmte Stadt unter den Volskern aufgerichtet. Also ist diese Stadt Tiburtina einst edel gewesen, wie solches die nahen, noch vor Augen befindlichen großen und mächtigen niedergefallenen Gebäude dieser alten Stadt anzeigen und die gewesene Würdigkeit dieser Stadt bedeuten. An demselben Ort gräbt man den starken tiburtinischen Stein, der zum Bau und zur Erhaltung der Stadt Rom sehr hilfreich gewesen ist. Denn Kaiser Friedrich Barbarossa hat diese Stadt, die zuvor von anderen Deutschen zerstört worden war, wieder aufgebaut. So haben danach viele Päpste und Kardinäle dieselbe Stadt vermehrt und mit vielen Gebäuden verschönert. Aus dieser Stadt haben Papst Simplicius und andere an Kunst und Würdigkeit hochberühmte Männer ihren Ursprung gehabt. Tiburtina, die Stadt.