Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger
Das sechst alter Constantinopel die kaiserlich vnd aller hohberuembst statt ist ettwen dieweil sie noch klain was Bizancium vnd darnach Constantinopolis genant worden. dann als der groß Constantinus im fuergenomen het den kaiserlichen stuol zu schichkerlicher gegenweer wider die Parthos auß Rom in den oriennt zewenden. do ist er (als ettlich geschihtbeschreiber setzen) gein Troiadem (do weylund Agamenon vnd ander kriechisch fuersten wider priamum ire gezelte geheftet haben) gezogen. vnd hat daselbst die grundfeste einer koniglichen statt fuergenomen. vnd doch dasselb end auß vermanung christi unßers hailands der ime in dem schlaff ein anders ort anzaiget den angefengten paw (des langzeit anzaigung bliben sind) vnuerbracht gelassen. vnd in Traciam gein Bisancium geschiffet die statt alßpaldt erweytert. newe zinnen aufgerichtet. hohe thuern gepawet vnd mit großtatigen gemaynen vnd sundern gepewen so huebsch vnnd schoen gezieret das sie das ander Rom nit vnbillich genant werden moecht. Die alte geschihtbeschreiber die dise statt in irem plueenden wesen gesehen haben. dieselben statt mer ein wonung der goetter auff erden dann der kaiser geschatzt. Diser kaiser hieß dise statt das new Rom. aber nach dem gemaynen ruoff ist sie nach irem erpawer Constantinopel genant bliben. Dise statt haben die nachkomen kaiser von weil zu weil mit gemaynen vnd sundern fasthohen fuertreffenlichen gepewen also gezieret das die eueßern daselbsthin komende in verwundrung diser stat scheinperkeit dieselben statt ein behawsung nit allain der toedlichen suender auch der himlischen zesein vermaynten. Die mawrn diser statt warnn an hoehe vnd dicke in der gantzen werlt beruembt vnd die vorwere schickerlicherweis bewaret. Sie schreiben dise stat dreyegket gewesen sein. an zwayen oertern rueret das meer daran. sie ist an mawrn zu gegenweer des schiffsturms geschickt. Das ander ort gegen dem land gelegen ist außerhalb der zinnen vnd vorweer mit eim großen graben beslossen. Dise statt hat aylff pforten die die zierde der statt fuerzaigten. Außerhalb andern großmechtigen gepewen ist daselst der tempel. Sophie Justiniani des kaisers paw. in gantzer werlt gedechtnus wirdig ettwen mit. ixc. briestern besorget. mit wunderperlicher arbait vnnd koestlicher materi auffgerichtet. Dise statt ist ein besuchung des gantzen orients vnd einige wonung des gelerteten kriechischen lands gewesen. Daselbst sind drey große concili gehalten worden. Diser statt haben von irer wirdigkeit vnd wolstands wegen die Tuercken neyd vnd grammschaft getragen. vnd darumb dieselben statt nach der gepurt cristi vnßers hails imm. iar mit großem gewalt belegert vnd darnach erobert. Nachfolgend haben die Gallier mit den venedigern dise statt. lv. iar besessen. darnach hat das edel geschlecht der Jenueser palealogorum genant dise statt von den Galliern an sich gebracht vnd inngehabt bis in dz. iar. darinn Machomet ottomannus Blat CXXX der werlt der Tuercken kaiser die statt erobert vnnd zerruedet hat. also ist dise aller edelste statt nach irer erpawung tausent hundert vnd dreyssig iar oder dabey in die hend der vnglawbigen komen vnd elter dann Rom gestanden. Athalaricus hat von erpawung der statt Rom im. iar dieselben stat Rom zerruedet. vnd doch dabey verpoten die kirchen der heiligen nit zeerstoeren. aber die wueetend tobheit vnd vihisch vnsinnigkeit der Tuercken hat nichtz hailigs. nichtz rayns in diser konigklichen statt gelassen. sunder die hailigen tempel daselbst dem schnoeden machmetischen mißprauch vnderworffen. Wir lesen von vil wunderperlichen hohberuombten großmechtigen geschihten vnd taten der Thebanier Lacedemonier Athenier Corinthier vnd vil gedechtnus wirdiger stett der doch ietzo kain anzaigung irs gelegers auff erdpodem beschehen mag. aber allain dise stat. Constantinopel vbertrift auß so großem fal irs alters. die souil wunderperlicher gepew. souil waffen. souil schrift. souil vnd groß glori vnd ere gehabt hat das allain dise stat den schaden aller stett zeuergleichen erscheint. vnd wiewol Constantinopel nach wendung des kaiserthumbs auff die Frantzosen in die die hend der feind komen ist so sind doch nye die kirchen der hailigen zerprochen. noch die librarey verprent. noch die cloester gantz berawbt worden. sunder die anzaigungen der alten weißheit zu Constantinopel bis in dis iar bliben. kein lateinischer mocht nit gelert gnuog gesehen werden er het denn ettliche zeit zu Constantinopel gelernet. Von dannen her ist vns Plato gegeben. von dannen her sind vns die schriften vnd lere Aristotilis. Demostenis. xenophontis. Thucididis. Basilij. Dionisij. Origenis vnnd vil andrer zu vnßern tagen geoffenbart. aber yetzo wirdet es anders gestalt vnder dem kaiserthumb der Tuercken der grymmigen menschen der feind guotter sitten vnd lere. yetzo ist der fluss der lere abgegraben vnd der prunn der weißheit versigen. Ich bekenn das bey den lateinischen an vil enden. als zu Rom Parys Bononia Padua Senis Perus Koeln Wienn Leiptzk Erfurt vnd anderßwo treffenlich hohschuln sind. aber dise sind als bachlein auß kriechischen prunnen gefloßen. Wie aber dise statt vnder den gewalt des Tuerckischen kaisers vnd durch ine mit sturm vnd geschoss komen sey des alles beschiht hienach vnder kaiser Friderichen dem dritten beschreibung vnd anzaigung. Constantinopel
Das sechste Zeitalter. Konstantinopel, die kaiserliche und allerhöchstberühmte Stadt, wurde einst, als sie noch klein war, Byzantium und danach Konstantinopel genannt. Denn als der große Konstantin sich vorgenommen hatte, den kaiserlichen Stuhl zur geschickten Gegenwehr gegen die Parther von Rom in den Orient zu verlegen, da ist er (wie etliche Geschichtsschreiber berichten) nach Troas gezogen (wo einst Agamemnon und andere griechische Fürsten gegen Priamus ihre Zelte aufgeschlagen hatten) und hat daselbst die Grundfeste einer königlichen Stadt in Angriff genommen. Und doch dieses Vorhaben auf Ermahnung Christi, unseres Heilands, der ihm im Schlaf einen anderen Ort anzeigte, den angefangenen Bau (dessen lange Zeit Anzeichen blieben) unvollendet gelassen. Und nach Thrakien, nach Byzantium, geschifft, die Stadt alsbald erweitert, neue Zinnen errichtet, hohe Türme gebaut und mit großartigen öffentlichen und privaten Bauten so hübsch und schön geziert, dass sie nicht unbillig das zweite Rom genannt werden mochte. Die alten Geschichtsschreiber, die diese Stadt in ihrem blühenden Zustand gesehen haben, schätzten dieselbe Stadt mehr als eine Wohnung der Götter auf Erden denn der Kaiser. Dieser Kaiser nannte diese Stadt das neue Rom, aber nach dem allgemeinen Ruf ist sie nach ihrem Erbauer Konstantinopel genannt geblieben. Diese Stadt haben die nachkommenden Kaiser von Zeit zu Zeit mit öffentlichen und privaten, fast hochragenden, vortrefflichen Bauten so geziert, dass die Fremden, die dorthin kamen, in Verwunderung über die Pracht dieser Stadt dieselbe Stadt für eine Behausung nicht allein der Sterblichen, sondern auch der Himmlischen zu sein meinten. Die Mauern dieser Stadt waren an Höhe und Dicke in der ganzen Welt berühmt und die Vorwerke geschickterweise bewahrt. Sie schreiben, diese Stadt sei dreieckig gewesen. An zwei Orten rührt das Meer daran; sie ist an Mauern zur Gegenwehr des Schiffsturms geschickt. Der andere Ort, gegen das Land gelegen, ist außerhalb der Zinnen und Vorwerke mit einem großen Graben umschlossen. Diese Stadt hat elf Pforten, die die Zierde der Stadt darstellten. Außer anderen großmächtigen Gebäuden ist daselbst der Tempel Sophia, der Bau Kaiser Justinians, in ganzer Welt des Gedächtnisses würdig, einst mit neunzig Priestern besorgt, mit wunderbarer Arbeit und köstlicher Materie aufgerichtet. Diese Stadt ist eine Besuchs- und einzige Wohnstätte des gelehrten griechischen Landes gewesen. Daselbst sind drei große Konzilien gehalten worden. Dieser Stadt haben wegen ihrer Würdigkeit und ihres Wohlstands die Türken Neid und Groll entgegengebracht. Und darum dieselbe Stadt nach der Geburt Christi, unseres Heils, im Jahr 1203 mit großem Gewalt belagert und danach erobert. Nachfolgend haben die Gallier mit den Venezianern diese Stadt 55 Jahre besessen. Danach hat das edle Geschlecht der Genueser, Palaiologen genannt, diese Stadt von den Galliern an sich gebracht und innegehabt bis in das Jahr 1453, darin Mehmed Ottomanus, Kaiser der Türken, die Stadt erobert und zerstört hat. Also ist diese alleredelste Stadt nach ihrer Erbauung tausendhundertunddreißig Jahre oder dabei in die Hände der Ungläubigen gekommen und älter als Rom gestanden. Athalarich hat seit der Erbauung der Stadt Rom im Jahr 410 dieselbe Stadt Rom zerstört und doch dabei verboten, die Kirchen der Heiligen nicht zu zerstören. Aber die wütende Tollheit und viehische Unsinnigkeit der Türken hat nichts Heiliges, nichts Reines in dieser königlichen Stadt gelassen, sondern die heiligen Tempel daselbst dem schnöden mohammedanischen Missbrauch unterworfen. Wir lesen von vielen wunderbaren, hochberühmten, großmächtigen Geschichten und Taten der Thebaner, Lakedämonier, Athener, Korinther und vieler des Gedächtnisses würdiger Städte, deren doch jetzt kein Anzeichen ihres Standortes auf Erdboden geschehen mag. Aber allein diese Stadt Konstantinopel übertrifft aus so großem Fall ihres Alters, die so viele wunderbare Gebäude, so viele Waffen, so viele Schriften, so viel und große Glorie und Ehre gehabt hat, dass allein diese Stadt den Schaden aller Städte zu vergleichen erscheint. Und obwohl Konstantinopel nach der Wendung des Kaisertums auf die Franzosen in die Hände der Feinde gekommen ist, so sind doch nie die Kirchen der Heiligen zerbrochen, noch die Bibliothek verbrannt, noch die Klöster gänzlich beraubt worden, sondern die Anzeichen der alten Weisheit zu Konstantinopel bis in dieses Jahr geblieben. Kein Lateiner mochte nicht gelehrt genug gesehen werden, er hätte denn etliche Zeit zu Konstantinopel gelernt. Von dannen her ist uns Plato gegeben, von dannen her sind uns die Schriften und Lehren des Aristoteles, Demosthenes, Xenophon, Thukydides, Basilius, Dionysius, Origenes und vieler anderer zu unseren Tagen offenbart. Aber jetzt wird es anders gestaltet unter dem Kaisertum der Türken, der grimmigen Menschen, der Feinde guter Sitten und Lehre. Jetzt ist der Fluss der Lehre abgegraben und der Brunnen der Weisheit versiegt. Ich bekenne, dass bei den Lateinern an vielen Orten, wie zu Rom, Paris, Bologna, Padua, Siena, Perugia, Köln, Wien, Leipzig, Erfurt und anderswo treffliche Hochschulen sind. Aber diese sind als Bächlein aus griechischen Brunnen geflossen. Wie aber diese Stadt unter die Gewalt des türkischen Kaisers und durch ihn mit Sturm und Geschoss gekommen sei, dessen alles Beschreibung und Anzeigung geschieht hiernach unter Kaiser Friedrich dem Dritten.