Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger
Das sechst alter Straßburg die fast alt vnd machtig statt bey den schweitzern am reyn gelegen ist erstlich vnder der herrschung tryer der hawbrstatt im niderland die zu den zeiten abrahe zepawen angefengt wardt gewesen. die hat Julius der kaiser ime mitsambt allem schweitzerland vnd der anstoßenden gegent vnderworffen. vnd in der selben statt ein kamer der roemer zu bezalung der tribut. zins oder steuer gemacht. Von dannen her ist diser statt der namen Argentina. das ist nach dein latein souil als silbergruob entstanden. Als aber der wueetrich athila nachfolgend mit heerßkraft von der gegent mitternacht aß. vnd erstlich die kriechischen land angegriffen. vnd darnach schier alles teutschland durchschwayft. vnd alle stett vnd schloeßer vnderwegen zerstoeret hat da ist er zu letzt in das konigreich constancie komen. vnd irne konig Sigmund ein fuersr desselben lands bey Basel mit großem heer entgegen gezohen. aber er wardt nach zertrennung vnd flucht alles seins heers von athila ernidergelegt. do rayset athila von dannen vnd hat dise feste statt Straßburg (die kain roemischer kaiser ganz bestreyten mocht) belegert. bestritten vnd die mawrnn an manchen enden zerruedet das meniglicher on muee freyen weg vnd offen eingang daselbsthinein haben mocht. Vnd athila gepote ernstlich das die mawer bey seinem leben mit gepawet werden solt. Dieselb statt solt auch nit mer silbergruob oder silberburg. sunder von der vile wegen der eingend vnd straßen durch die mawr straßburg genant werden. Als nw nach ettlichen zeiten die konig zu franckreich bey den schweitzern herrschung erlangten haben sie in diser statt ir wonung vnd anwesen gehabt. vnd darnach herzogen daselbsthin gesetzt. Als denn sant otilien vater das herzogthumb nit allain der statt sunder auch des lannds gehabt vnd hohenburg vnd anders gepawt hat. So haben nach ime albertus sein sun vnd sein nachkomen geregiret. Nachfolgend hat dise statt durch die roemischen kaiser zu freyheit vnd an das roemisch reich gelangt. vnd von sant matern der von sant peter zu den reymischen steten gesanndt wardt den cristenlichen rechten glawben empfangen. Dise statt hat außerhalh irer lustperkeit vnd der burger zuht vnd hoeflichkeit ein fast groß gotzhaws vnd allerschoensten thurn in sanderer fuertreffenlichen hoehe gepawt. vnd den adel auß nahenden schloessern vnd stetten in großer einigkeit daselbst zusamen gesammelt. Daselbst ist auch ein edels bistumb. dem auch fuersten vorgewesen sind. So hat auch dise statt on den reyn sunst zwen schiffreich fluess die der reyn sich nymbt. Blat CXL der werlt Von absterben athile des konigs hunorum Als der konig Athila (wie vorstect) von heymend außgerayset vnd in die norgkawischen art. eins teils oesterreich eins teils bayern genant komen was do hat honoria die schwester des kaisers valentiniani durch einen irer gehaymen wartter denselben Athilam angeraytzt sie ime zu eim ee gemahel mit bitte oder bedroung von irem bruder zeerwerben. Des vnderstund sich athila mit großem fleiß also das er sein begerung erlanget vnd honoriam erwarb Aber er wad also ein vnkeueschgirich mensch das er sich von weibern nicht mocht enthalten; sunder fueret alweg vil weiber mit inne in dem heer. Der eine hieß Jldiconi. mit vermischung derselben bracht er sich zum tod. Dann als er auff ein zeit ein vberfluessige vnd froeliche wirtschaft gehabt het vnd darnach in einen tieffen schlaff ruegkling entruet wz do warden ime sein luftadern also verschoppt das ine sein pluet zu den naßloechern außschießende erstecket. Als dann der kaiser marcianus zu constantinopel durch einen trawm (als vil geschihtbeschreiber setzen) in derselben nacht einen bogen (dergleichen sich dann die huin erstlich zur waffen geprauchten) zerbrochen gesehen haben sol. Innerhalb derselben zeit dann das ruomisch reich. nit allain das gantz teuetsch land. daciam vnd sarmaciam vnd andere land an der thonaw vnd an dem reyn gelegen. sunder auch hispaniam vnd andere gegent in galliam wartz hynein verlorn hat. Evtices der ketzer vnd abt zu constantinopel hat diser zeit seinen irthumb außgesaet. vnd auff das er nit gesehen wuerd als er mit dem ketzer nestorico einer meynung wer. so sprach er das die goettlich mit der menschlichen natur eins zusamen komen vnd ein ding worden wer vnd in einichen weg vnder ine nit zerteilt werden solten. Als nw flauianus der constantinopolitanisch bischoff dise ketzerey verdambt het. mit verhencknus des kaisers theodosii. Do wardt das ephesinisch concili fuergenomen. dar inn diser Eutices verdambt vnnd in das ellend geschickt wardt. Straßburg
Das sechste Zeitalter. Straßburg, die sehr alte und mächtige Stadt, am Rhein bei den Schweizern gelegen, stand ursprünglich unter der Herrschaft von Trier, der Hauptstadt im Niederland, die zu Abrahams Zeiten zu bauen begonnen wurde. Kaiser Julius unterwarf sie ihm zusammen mit dem gesamten Schweizerland und der angrenzenden Gegend und richtete in derselben Stadt eine Kammer der Römer zur Bezahlung der Tribute, Zinsen oder Steuern ein. Von daher entstand für diese Stadt der Name Argentina, was nach dem Lateinischen so viel wie 'Silbergrube' bedeutet. Als aber der Wüterich Attila nachfolgend mit Heereskraft aus der Gegend des Mitternachts kam und erstlich die griechischen Länder angriff und danach schier ganz Deutschland durchstreifte und alle Städte und Schlösser unterwegs zerstörte, da kam er zuletzt in das Königreich Konstanz, und dessen König Sigismund, ein Fürst desselben Landes, zog ihm bei Basel mit großem Heer entgegen. Aber er wurde nach Zerstörung und Flucht seines gesamten Heeres von Attila niedergemacht. Da reiste Attila von dannen und hat diese feste Stadt Straßburg (die kein römischer Kaiser ganz bezwingen konnte) belagert, bekämpft und die Mauern an manchen Enden zerrüttet, sodass jedermann ohne Mühe freien Weg und offenen Eingang dorthin haben konnte. Und Attila gebot ernstlich, dass die Mauer zu seinen Lebzeiten wieder aufgebaut werden sollte. Dieselbe Stadt sollte auch nicht mehr 'Silbergrube' oder 'Silberburg', sondern wegen der vielen Eingänge und Straßen durch die Mauer 'Straßburg' genannt werden. Als nun nach etlichen Zeiten die Könige von Frankreich bei den Schweizern die Herrschaft erlangten, hatten sie in dieser Stadt ihren Wohnsitz und ihre Anwesenheit und setzten danach Herzöge dorthin ein. Als dann der Vater der heiligen Odilia das Herzogtum nicht allein der Stadt, sondern auch des Landes innehatte und Hohenburg und anderes baute, so haben nach ihm Albertus, sein Sohn, und seine Nachkommen regiert. Nachfolgend gelangte diese Stadt durch die römischen Kaiser zu Freiheit und zum Römischen Reich und empfing von dem heiligen Maternus, der vom heiligen Petrus zu den rheinischen Städten gesandt wurde, den christlichen, rechten Glauben. Diese Stadt hat außerhalb ihrer Annehmlichkeit und der Zucht und Höflichkeit der Bürger ein sehr großes Gotteshaus und den allerschönsten Turm in besonderer, vortrefflicher Höhe gebaut und den Adel aus nahen Schlössern und Städten in großer Einigkeit daselbst versammelt. Daselbst ist auch ein edles Bistum, dem auch Fürsten vorgestanden sind. So hat auch diese Stadt außer dem Rhein sonst zwei schiffbare Flüsse, die der Rhein aufnimmt. Blatt CXL der Welt. Vom Absterben Attilas, des Königs der Hunnen. Als König Attila (wie vorsteht) von daheim ausgereist und in die norische Art, teils Österreich, teils Bayern genannt, gekommen war, da hat Honoria, die Schwester des Kaisers Valentinian, durch einen ihrer geheimen Wärter denselben Attila angereizt, sie ihm zur Ehegemahlin mit Bitte oder Bedrohung von ihrem Bruder zu erwerben. Dessen unterstand sich Attila mit großem Fleiß, sodass er sein Begehren erlangte und Honoria erwarb. Aber er war ein so unkeuschgieriger Mensch, dass er sich von Weibern nicht enthalten konnte; sondern führte stets viele Weiber mit sich im Heer. Die eine hieß Ildico. Mit der Vermischung derselben brachte er sich zum Tod. Denn als er auf eine Zeit ein üppiges und fröhliches Gelage gehabt hatte und danach in einen tiefen Schlaf rücklings entrückt war, da wurden ihm seine Luftadern so verstopft, dass ihn sein Blut, zu den Nasenlöchern ausschießend, erstickte. Als dann Kaiser Marcian zu Konstantinopel durch einen Traum (wie viele Geschichtsschreiber berichten) in derselben Nacht einen Bogen (dergleichen die Hunnen erstlich zur Waffe gebrauchten) zerbrochen gesehen haben soll. Innerhalb derselben Zeit hat dann das Römische Reich nicht allein das ganze Teutschland, Daciam und Sarmaciam und andere Länder an der Donau und am Rhein gelegen, sondern auch Hispaniam und andere Gegenden in Galliam hinein verloren. Eutyches, der Ketzer und Abt zu Konstantinopel, hat dieser Zeit seinen Irrtum ausgesät. Und auf dass er nicht gesehen würde, als wäre er mit dem Ketzer Nestorius einer Meinung, so sprach er, dass die göttliche mit der menschlichen Natur eins zusammengekommen und ein Ding geworden wäre und in keiner Weise unter ihnen nicht zerteilt werden sollten. Als nun Flavian, der konstantinopolitanische Bischof, diese Ketzerei verdammt hatte, mit Zustimmung des Kaisers Theodosius, da wurde das ephesinische Konzil vorgenommen, darin dieser Eutyches verdammt und in das Elend geschickt wurde.