Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger
Das sechst alter ERffurt die groß vnnd gedechtnußwirdig statt ein hawbt Thueringer lannds von den alten Erphesfurt genant hat einen hohen berg den man sant peters nennet. dann als von den zeitten theodosij des kaisers vnder archadio vnd honorio den kaisern die naygung des kaiserthumbs vrsprung het do haben die franckreichischen die verweser oder anwelt der roemer vomb rein gegen welschen landen wartz abgeworffen vnd sich einem aignen koenig vndertanig gemacht. Als die Thuering solchs vernamen do erweleten sie inen vomb andern tayl des Reyns gegen dem auffgang auß rat des koenigs zu franckreich Merwigum seinen freuend zu eim koenig. Derselb pawet ein burg auff demselben berg vnd ein geschloß bey erffurt das yetzo sant dionisien kirch ist. das der gemayn man Nerwißburg nennet. Nach diss koenigs absterben empfieng Bassinus in thueringen das reich. Dess weib darnach Hildericus der koenig zu franckreich ime vermehlet. Zu denselben zeitten stund das dorff schildinrode an dem ende do yetzo sant Andreßen kirch ist. So het in dem prueel bey dem wasserfluss Gera (der yetzo durch die statt vnd schier neben der halben stat hinfleueßt. von dess geprewchlichkeit die gantz statt gerainigt vnd fast geziert wirdt ein namhafftger wolberuembter muuelner sein durchfart. derselb muelner hieß erpff. so was ettwen bey seiner muel ein durchgang oder furt. Vnd als nw nach der gepurt christi .iiiic. iar zu den zeiten Clodouei des koenigs zu franckreich dise statt iren anfang gehabt hat do ist sie von des muelners namen vnd von dem furt Erphesfurt genannt worden. Dieweil darnach der edel Franckreichisch koenig Dagobertus regiret hat derselb auß der burg auff dem berg ein schoens closter sant benedicten ordens in sant peters ere (dannnenher es sant peters berg genant ist) gepawen. vnd auch sant Gangolfs kirchen begabet. Als aber nachfolgend der ertzbischof zu maintz bonifacius vnder pipino dem franckreichischen koenig thueringer land zum glawben bekeret het do pawet er der gloriwirdigen vnd alweg iunckfrawen marie kirchen vnd ordnet daselbst ein bischofthumb das alßpald dem stuol zu mayntz gewichen hat. Dise statt ligt in eim gar guoten fluor vnd fruchtpern erdpodein. der tregt ein krawt waydt genant. zu ferbung der tuecher fast dienstlich. Durch des felder fließen die gera vnd andere wasserfluess die die gegent fruchtperlich befeuechtigen. Darumb ist auch alda ein vberflueßige vihwayd. Dise statt ist nachfolgend nach dem tausentisten vnd sechßundsechtzigsten iar mit mawrn vmbfangen vnd mit thuernen bewaret worden. Vnd hat an wonungen. hewßern vnd hoefen der burger. vnd an gezierden der cloester vnd kirchen wunderperlich zuogenomen. Dise statt ist auch ein gewoenlicher stuol der thuering gewest. als die. die schier in dem mittel dess lands gelegen vnd an getraydt vnd andern nottuerftigen dingen vberflueßig ist. vnd nach dem dise gegent vnd statt der zehenden gefreyet was so hat sie derselben sachhalben vil widerwillens vnd angst von iren nahend geseßnen fuersten erlidden. vnnd sunderlich zu den zeitten kaiser heinrichs des dritten. Derselb pawet auff alle berg vnd hoehe in sachßen vnd thueringen große be- der werlt Blat CLVI festigung vnd geschloeßlein. vnnd leget darzu ein stewr auff. aber do die nit genuogsam waren do verhenget er das man auß den nahsten doerffern vnd feldern feyntlicher weiß angreiffen vnd die lewt allenthalben daselbst vmb wonende zu bewarung vnd befestigung der fuergenomen gepewe bezwingen solt. vnd auff das er an offenlicher wueetterey nit verlupft wuerde vnd sein vngueetigkeit in gestalt eins guoten bedecken moecht. so raytzet er den mayntzischen ertzbischof in alle weg das er die zehenden zu thueringen (als er vormals offt fuergenomen het) erfordern solt dar zu wolt er ime hilff vnd beystand thun vnd die widerspenigen mit koenigclichem gewalt dar zu zwingen. doch mit dem geding das er ime zu volziehung der fuergenomnen gepew einen teil solcher zehenden geben solt. dem nach berueeffet der bischoff ein versamlung gein Erphesfurt. daselbsthin komen auff den ernenten tag. der koenig. der ertzbischoff vnd bischoff herman von bamberg. vnd andere. die zu außtrag vnd entschyde der sachen berueeft waren. do stund der thuering hoffnung vnd zuuersyht allermaist in dem abbt zu fulden vnd zu hernelden die dann vil zehendperer kirchen vnd gueetter in thueringen hetten. vnd als dieselben zu raichung der zehenden offenlich angefordert warden do baten sie erstlich vmb gots willen den ertzbischoff das er das. das vor alter den cloestern gegeben worden wer vnuerruckt bleiben ließ. das dann auch der bebstlich stuol mit alten vnd newen schriften mermals bestettigt het. vnd auch sein vorfarn ertzbischoff zu maintz zeuerletzen nye fuergenomen hetten. Als aber der ertzbischoff von seinem fuernemen nit absteen wolt do berueffeten sich die thuering an den bebstlichen stuol. aber der koenig verbote es bey straff des leibs mit tod. Darnach entstund der sachsisch krieg vnd beschahe hinnach kein forderung einichs zehenden. do freweten sich die thuering das sie vrsach hetten gefunden das sie die gesetze inen von iren eltern gegeben mit ritterlicher hand beschirmeten. dess bekuemeret sich der koenig also hart dz er schier dz koenigreich mit dem leben verlorn het. In diser statt sind vil leichnam der heilligen durch hohberuembt mann bestattet. Nemlich der heilligen bischoff Adolarii Eobani Seueri vnd vincencie. den sie auch weyt kirchen vnd tempel gepawt haben. Nach der gepurt christi tausent .iiic. vnd in dem .xcii. iar hat die loeblich hoh schuol daselbst anfang gehabt. Von dannnenher yezuzeiten vil treffenlicher vnd hohgelerter mann der heilligen schrift. der rechten. der ertzney vnd philozophey gefloßen sind. Dise beruembt statt hat mermaln große beschedigung vnd farlichkeit durch prunst erlidden. Vnd sunderlich in dem iar christi tausent .iiiic. lxxii. an sant Gernasii tag ist dise statt mit fewr an der gloriwirdigen iunkfrawen marie vnd sant Seuers kirchen auff der kremer prugken amm ruoben marckt vnd vor den graden den also beschedigt worden das schier der dritteil durch prunst vergienge.
Das sechste Zeitalter. Erfurt, die große und denkwürdige Stadt, eine Hauptstadt des Thüringer Landes, von den Alten Erphesfurt genannt, hat einen hohen Berg, den man Petersberg nennt. Denn als zu den Zeiten Kaiser Theodosius' unter den Kaisern Arcadius und Honorius der Niedergang des Kaisertums seinen Anfang nahm, da haben die Franken die Verwalter oder Anwälte der Römer vom Rhein in Richtung der romanischen Länder vertrieben und sich einem eigenen König untertan gemacht. Als die Thüringer solches vernahmen, da erwählten sie sich vom anderen Teil des Rheins, gegen Osten, auf Rat des Königs von Frankreich, Merwig, seinen Freund, zu einem König. Derselbe baute eine Burg auf demselben Berg und ein Schloss bei Erfurt, das jetzt die Kirche St. Dionysius ist und das der gemeine Mann Nerwißburg nennt. Nach dem Absterben dieses Königs empfing Bassinus in Thüringen das Reich. Dessen Frau heiratete danach Childerich, der König von Frankreich. Zu denselben Zeiten stand das Dorf Schildinrode an dem Ort, wo jetzt die Kirche St. Andreas ist. So hatte in der Aue beim Wasserfluss Gera (der jetzt durch die Stadt und fast neben der halben Stadt hinfließt, von dessen Brauchbarkeit die ganze Stadt gereinigt und fast geziert wird) ein namhafter, wohlberühmter Müller seine Furt. Derselbe Müller hieß Erpff. So war ehedem bei seiner Mühle ein Durchgang oder eine Furt. Und als nun nach der Geburt Christi im Jahre 400, zu den Zeiten Chlodwigs, des Königs von Frankreich, diese Stadt ihren Anfang genommen hat, da ist sie vom Namen des Müllers und von der Furt Erphesfurt genannt worden. Während danach der edle fränkische König Dagobert regiert hat, hat derselbe aus der Burg auf dem Berg ein schönes Kloster des Benediktinerordens zu Ehren des heiligen Petrus (daher es Petersberg genannt ist) gebaut und auch die Kirche St. Gangolf begabt. Als aber nachfolgend der Erzbischof von Mainz, Bonifatius, unter Pippin, dem fränkischen König, das Thüringer Land zum Glauben bekehrt hatte, da baute er die Kirche der glorwürdigen und allzeit jungfräulichen Maria und ordnete daselbst ein Bistum an, das alsbald dem Stuhl zu Mainz unterstellt wurde. Diese Stadt liegt in einer sehr guten Aue und fruchtbaren Erde, die ein Kraut namens Waid trägt, das zur Färbung der Tücher sehr dienlich ist. Durch dessen Felder fließen die Gera und andere Wasserflüsse, die die Gegend fruchtbar befeuchten. Darum ist auch allda eine überflüssige Viehweide. Diese Stadt ist nachfolgend nach dem Jahre 1066 mit Mauern umfangen und mit Türmen bewahrt worden. Und hat an Wohnungen, Häusern und Höfen der Bürger sowie an Zierden der Klöster und Kirchen wunderbarlich zugenommen. Diese Stadt ist auch ein gewöhnlicher Sitz der Thüringer gewesen, da sie fast in der Mitte des Landes gelegen und an Getreide und anderen notwendigen Dingen überflüssig ist. Und nachdem diese Gegend und Stadt vom Zehnten befreit war, so hat sie derselben Sache halber viel Widerwillen und Bedrängnis von ihren nahe ansässigen Fürsten erlitten, und sonderlich zu den Zeiten Kaiser Heinrichs des Dritten. Derselbe baute auf alle Berge und Höhen in Sachsen und Thüringen große Befestigungen und Schlösslein und legte dazu eine Steuer auf. Aber da diese nicht genügsam waren, da verhängte er, dass man aus den nächsten Dörfern und Feldern feindlicherweise angreifen und die Leute, die allenthalben daselbst umher wohnten, zur Bewahrung und Befestigung der vorgenommenen Gebäude zwingen sollte. Und auf dass er an offener Wüterei nicht überführt würde und seine Ungütigkeit in Gestalt eines Guten bedecken möchte, so reizte er den Mainzer Erzbischof in jeder Hinsicht, dass er die Zehnten in Thüringen (wie er vormals oft vorgenommen hatte) einfordern sollte; dazu wollte er ihm Hilfe und Beistand leisten und die Widerspenstigen mit königlichem Gewalt dazu zwingen. Doch mit der Bedingung, dass er ihm zur Vollziehung der vorgenommenen Bauten einen Teil solcher Zehnten geben sollte. Demnach berief der Bischof eine Versammlung nach Erfurt. Daselbsthin kamen auf den ernannten Tag der König, der Erzbischof und Bischof Hermann von Bamberg und andere, die zur Austragung und Entscheidung der Sache berufen waren. Da stand die Hoffnung und Zuversicht der Thüringer allermeist in dem Abt zu Fulda und zu Hersfeld, die dann viele zehntpflichtige Kirchen und Güter in Thüringen hatten. Und als dieselben zur Entrichtung der Zehnten öffentlich angefordert wurden, da baten sie erstlich um Gottes willen den Erzbischof, dass er das, was vor alters den Klöstern gegeben worden wäre, unberührt bleiben ließ. Das dann auch der päpstliche Stuhl mit alten und neuen Schriften mehrmals bestätigt hatte und auch seine Vorfahren, Erzbischöfe zu Mainz, zu verletzen nie vorgenommen hatten. Als aber der Erzbischof von seinem Vorhaben nicht abstehen wollte, da beriefen sich die Thüringer an den päpstlichen Stuhl. Aber der König verbot es bei Todesstrafe. Darnach entstand der sächsische Krieg und geschah danach keine Forderung irgendeines Zehnten. Da freuten sich die Thüringer, dass sie Ursache gefunden hätten, die ihnen von ihren Eltern gegebenen Gesetze mit ritterlicher Hand zu beschirmen. Dessen bekümmerte sich der König so hart, dass er schier das Königreich mit dem Leben verloren hätte. In dieser Stadt sind viele Leichname der Heiligen durch hochberühmte Männer bestattet, nämlich der heiligen Bischöfe Adolar, Eoban, Severus und Vincenz, denen sie auch weite Kirchen und Tempel gebaut haben. Nach der Geburt Christi im Jahre 1392 hat die löbliche Hohe Schule daselbst ihren Anfang gehabt. Von dannen sind zuzeiten viele treffliche und hochgelehrte Männer der Heiligen Schrift, der Rechte, der Arznei und Philosophie hervorgegangen. Diese berühmte Stadt hat mehrmals große Beschädigung und Gefahr durch Brand erlitten. Und sonderlich im Jahre Christi 1472, am Tag des heiligen Gervasius, ist diese Stadt durch Feuer an der glorwürdigen Jungfrau Maria und St. Severi Kirchen, auf der Krämerbrücke, am Roßmarkt und vor den Graden so beschädigt worden, dass schier der dritte Teil durch Brand verging.