Schedelsche Weltchronik · Blatt 160

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 160, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 160, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das sechst alter HERBIPOLIS der werlt Blat CLX WVrtzburg die vornemlich vnd beruembt statt des orientischen franckreichs, Franckenland genant, ist an dem fluss des Mayins, der auß dem behmischen gepirg entspringt gelegen, darinn die abgoettin diana geeret wardt, bis zu den zeiten sant Kilians des martrers, der den hertzogen Gozbertum vnd sein vnderthanen des christlichen glawbens vnderwisen hat. So hat sein sun Hetanus der hertzog auff dem berg Wuertzburg zu eren der gloriwirdigen iunckfrawen Marie die ersten kirchen gepawt. Diss franckenland ist eins teils eben, eins teils bergig. Die berg sind nit hoh, so ist der erdpoden nit fast faist, sunst zumm mereren teil sandig. An vil enden sind die berg mit weingarten besetzet, die guten wein gepern, vnd allermaist bey Wuertzburg. Und wiewol diss land in vil herrschaft geteylt ist so haißt man doch den Wuertzburgischen bischoff einen hertzog zu Francken. Nach dem dieselb edel statt des bischoffs stuel ist. Der dann auch ein hertzog der francken gehalten wirdt. Vnnd wenn er das goettlich ambt helt so hat er vor ime auff dem altar ein ploß schwert. Auch ist bey der statt auff eim hohen berg (den man vnßer frawen berg hayßt) ein geschloss mit kunst vnnd gepew gefestigt, vnd anschawens wirdig. Allda dann der bischoff sein anwesen gewoenlich hat. Nw ist das geschloß auff einem hohen berg erpawt, vnd von dreyen oertern auß der ebne vbersich auff gerichtet vnd auß sein selbs natur beschirmt. Das vierdt ort hat ein prugken vnd einen fast tieffen graben, an demselben ort ist ein thurn allenthalben mit erckern und prust weer bewaret. In der hoehe desselben thurns wo net ein hueter der des hornplaßens fleißigclich wartet. Darinn ist auch ein capell zu goettlicher ere gezieret, allda sind geweiht altar. Daselbst sind auch vil weytte und gezierte wonung. Auch vnder dem geschloß fast weyt keler, vnd vil stallung. Dise loeblich statt hat drey chorherrisch kirchen, on die bischoflichen thumkirchen, und die vier petl oerden. Auch sant Benedicten orden, zu sant Stephan, vnd carthewßer, teuetsch herren, vnd sant iohansen, mit den schotten. Auch funff frawen cloester. In diser statt sind auch funff pfarr vnnd zway spitall. Auch der iunckfrawen Marie capell mit eim thurn wunderwirdigs gepews. Vnd fast schoene hewßer vnd hoefe der thumherren vnnd burger, yetzo ist in verwesung diss wuertzburgischen stuels der edel vnd hohfuertreffenlich bischof Rudolf von schernberg der das newntzigst iar seins alters fuerraicht, vnd das bischofthumb mit unzallichen reichthuemern vnd mancherlay guettern geauffet vnd gemeret hat. Wurtzburg

Moderne Übersetzung

Das sechste Zeitalter der Welt. Blatt 160. Würzburg, die vornehmlich und berühmte Stadt des östlichen Frankenreichs, Frankenland genannt, liegt am Fluss des Mains, der aus dem böhmischen Gebirge entspringt. Darin wurde die Abgöttin Diana geehrt, bis zu den Zeiten des heiligen Kilian, des Märtyrers, der den Herzog Gozbert und seine Untertanen im christlichen Glauben unterwiesen hat. Sein Sohn, Herzog Hetan, hat dann auf dem Berg Würzburg zu Ehren der glorwürdigen Jungfrau Maria die ersten Kirchen gebaut. Dieses Frankenland ist teils eben, teils bergig. Die Berge sind nicht hoch, und der Erdboden ist nicht sehr fruchtbar, sondern zum größeren Teil sandig. An vielen Orten sind die Berge mit Weingärten besetzt, die guten Wein hervorbringen, und allermeist bei Würzburg. Und obwohl dieses Land in viele Herrschaften geteilt ist, so nennt man doch den Würzburger Bischof einen Herzog zu Franken, nachdem dieselbe edle Stadt der Bischofsstuhl ist. Er wird dann auch als ein Herzog der Franken angesehen. Und wenn er das göttliche Amt zelebriert, so hat er vor sich auf dem Altar ein bloßes Schwert. Auch ist bei der Stadt auf einem hohen Berg (den man Unser Frauen Berg nennt) ein Schloss mit Kunst und Bauwerk befestigt und sehenswert. Dort hat dann der Bischof gewöhnlich seinen Wohnsitz. Nun ist das Schloss auf einem hohen Berg erbaut und von drei Seiten aus der Ebene nach oben gerichtet und durch seine eigene Natur geschützt. Die vierte Seite hat eine Brücke und einen sehr tiefen Graben; an derselben Seite ist ein Turm, allenthalben mit Erkern und Brustwehren bewehrt. In der Höhe desselben Turms wohnt ein Hüter, der fleißig auf das Hornblasen achtet. Darin ist auch eine Kapelle zu göttlicher Ehre geziert; dort sind geweihte Altäre. Daselbst sind auch viele weite und geziert Wohnungen. Auch unter dem Schloss gibt es sehr weite Keller und viele Stallungen. Diese löbliche Stadt hat drei Chorherrenkirchen, ohne die bischöflichen Domkirchen, und die vier Bettelorden. Auch der Orden des heiligen Benedikt zu Sankt Stephan, und Kartäuser, Deutschherren und Sankt Johannes mit den Schotten. Auch fünf Frauenklöster. In dieser Stadt sind auch fünf Pfarreien und zwei Spitäler. Auch die Kapelle der Jungfrau Maria mit einem Turm wunderwürdigen Bauwerks. Und sehr schöne Häuser und Höfe der Domherren und Bürger. Jetzt ist in der Verwaltung dieses Würzburger Stuhls der edle und hochvortreffliche Bischof Rudolf von Schernberg, der das neunzigste Jahr seines Alters erreicht hat und das Bistum mit unzähligen Reichtümern und mancherlei Gütern ausgestattet und vermehrt hat. Würzburg.

Anmerkungen

HERBIPOLIS
lat. Name für Würzburg
CLX
römisch für 160
orientischen franckreichs
östliches Frankenreich, Bezeichnung für das Herzogtum Franken
Mayins
alter Name für den Fluss Main
behmischen gepirg
Böhmisches Gebirge, heute meist Böhmerwald
abgoettin diana
die heidnische Göttin Diana
sant Kilians des martrers
Heiliger Kilian, irischer Wanderbischof und Märtyrer, Schutzpatron Würzburgs
hertzogen Gozbertum
Herzog Gozbert, fränkischer Herzog, von Kilian bekehrt
Hetanus
Herzog Hetan (auch Heden II.), fränkischer Herzog, Sohn Gozberts
gloriwirdigen iunckfrawen Marie
glorwürdige Jungfrau Maria
faist
frühneuhochdeutsch für 'fett', 'fruchtbar' (bezogen auf den Boden)
gepern
frühneuhochdeutsch für 'gebären', 'hervorbringen'
Wuertzburgischen bischoff
der Bischof von Würzburg
bischoffs stuel
Bischofsstuhl, hier: Bischofssitz, Diözese
goettlich ambt helt
das göttliche Amt hält, d.h. die Messe zelebriert
ploß schwert
bloßes Schwert, ein Zeichen der weltlichen Macht des Bischofs als Herzog
vnßer frawen berg
Unser Frauen Berg, heute Marienberg, Standort der Festung Marienberg in Würzburg
kunst vnnd gepew
Kunst und Bauwerk, hier im Sinne von 'kunstvoll gebaut'
oertern auß der ebne ubersich auff gerichtet
Seiten, die sich aus der Ebene nach oben erheben, was eine natürliche Verteidigung darstellt
erckern und prust weer
Erker und Brustwehren, Verteidigungselemente einer Festung
hornplaßens fleißigclich wartet
aufmerksam auf das Hornblasen achtet (als Wächter)
chorherrisch kirchen
Kirchen, die von Chorherren (Kanonikern) verwaltet werden
thumkirchen
Domkirchen, Kathedralkirchen
petl oerden
Bettelorden (z.B. Franziskaner, Dominikaner, Augustiner, Karmeliter)
sant Benedicten orden, zu sant Stephan
Benediktinerorden, hier das Kloster St. Stephan in Würzburg
carthewßer
Kartäuser, ein kontemplativer Orden
teuetsch herren
Deutschherren, Mitglieder des Deutschen Ordens
sant iohansen, mit den schotten
Johanniter (Orden des Heiligen Johannes) und die Schotten (Schottenkloster St. Jakob)
pfarr vnnd zway spitall
Pfarreien und zwei Spitäler
wunderwirdigs gepews
wunderwürdigen Bauwerks, beeindruckendes Gebäude
thumherren
Domherren, Kanoniker des Domkapitels
in verwesung diss wuertzburgischen stuels
in der Verwaltung dieses Würzburger Bischofsstuhls (Diözese)
Rudolf von schernberg
Rudolf von Schernberg, Fürstbischof von Würzburg (1482–1495)
newntzigst iar seins alters fuerraicht
das neunzigste Jahr seines Alters erreicht, d.h. er ist 89 Jahre alt oder im 90. Lebensjahr
geauffet
frühneuhochdeutsch für 'ausgestattet', 'bereichert'