Schedelsche Weltchronik · Blatt 195

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 195, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 195, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das sechst alter Ein cristenlicher heerzug Jherusalem zeentledigen beschehen zur zeit babst vrbani des andern im iar des herren tausent.xciiij. IN zeitten des babsts Vrbani nach gehaltem concilic zu Claromonte sind die cristenlichen fuersten in gallia zu widererobrung der statt Jherusalem. die die sarracen lang zeit inngehabt hetten durch denselben babst mit schoener red also vermanet worden das allermenigclicher mit eim eynhelligen munnd ruoeffet. Got wil es. got wil es. Dieweil nw der babst mitsambt den bischoffen vnd prelaten von einem heerhawbtman zeerwelen ratschlagten ließen sich vil tausent menschen mit dem creuetz bezaichnen vnd ruesteten sich innerhalb wenig monaten bey dreymalhunderttausent menschen in solchen zug auff den weg vnd zohen auff constantinopel zu. Der erst heerfuerrer Petrus genant ain aysidler nam den weg mit vil volcks durch teuetsche vnd hungrische land. zu demselben geselleten sich drey mechtig grafen. nemlich Gotfredus Eustachius vnd Balduinus vnd zohen auch mit demselben heer. Aber die mechtigsten fuersten vnnd der adel. der Padiensisch bischoff als hawbtman dess zugs. auch des koenigs zu franckreich brueder. Hugo der gross genant. auch Raymundus Robertus vnd Stephanus die grafen mitsambt vil anderen treffenlichen grafen vnd edeln. zohen durch welschs land sich in drey hawffen taylende. So zohe Boemundus mit .xiim. außerleßen weppnern welscher iugent auch zu. Als nw Petrus obgenant mit seinem volck gein constantinopel kome vnd sich in die vorstett gelegert het do kund er die seinen nit also halten das sie die constantinopolitaner nit angriffen mit berawbung heilliger ding. Auß dem wardt Alexius der constantinopolitanisch kaiser bewegt das er von stundan Petrum bedrannget sich mit den seinen vor zeittiger weyle von dannen zethun. also zohe er erstlich in Nicomediam. vnd belegeret die wolbewartten statt Niceam. die dann die tuercken als der cristen zukunft vorwissende dauor mit volck vnd aller notturft zu widerstand der belegerung versorget vnnd befestigt hetten. aber nach dem die im geleger zugangs mangelten vnd die ritter bey ayntzling abfieln vnnd die christen in haymlicher verwarttung ernidergelegt wurden do muoßten sie von solcher belegerung ablaßen vnd empfiengen in der flucht einen solchen großen abbruch das Reinaldus der teuetschen heerhawbtman des cristenlichen glawbens verlawgnet vnd sich mitt ettlichen weppnern den vnglawbigen ergaben. vnd petrus wider gein constantinopel keret. Aber Boemundus bedrannge kaiser alexium mit bedroungen vnd verheißungen durch die gegent des kayserthumbs ziehen zelaßen. vnnd also komen die cristen wider fuer die statt Niceam. Nw was dieselb statt schwerlich zeerobern dann man mocht durch einen see zu verwarttung der zufart geschickt werden. do muoßten die burger auß gebruch vnd mangel aller ding erniderligen vnnd sich nach .lij. tagen vom anfang der belegerung ergeben. Als nw die statt besetzt wardt vnd man durch wueest stett ziehen solt do taylet sich dz heer auff zwu rott. vnd als Boemundus bey eim fließenden bach einen wurtzligen waydreichen erdpoden seine pferd vnd vihe wayden wolt do komen die sarracen an ine. den hetten sie ernidergelegt wo ime Hugo vnnd Gottfredus die zwen grafen alsopald 600px mit. xlm. geraysigen zu hilff vnd rettung komen wern. alda wardt beder seytten kreftigclich gestritten. In demselben streyt (darinn dann medi. tuercken. syrii. caldei. sarracen vnd arabier gewesen sind) sollen bey den. xlm. menschen vmbbracht vnd erschlagen worden sein. Aber Solimannus ir hertzog oder hawbtman kome in der flucht dauon. Nw behulffen sich die cristen des zeittigenden samens vnd frucht bis sie on vnfuog gein Iconium die hawbtstatt Licaonie komen. vnd dieselben mitsambt den stetten Heraclea vnd Tarso eroberten. alßdenn erlanget Balduinus ein man fuertreffenlichs gemueets vnnd synnreichigkeit erster die herrschung in asia mit der statt Tarso begabet. Darnach nayget sich das groeßer heer in Ciliciam. das klainer armenia genant. vnd komen nach erobrung der statt cesarea in dem land Capadocia gelegen vber hohe berg fuer antiochiam vnd machten ir heergeleger ettlich tawsent schrit von der statt an eim fluss durch den man on geferlichkeit nit geen mocht. vnd die hawbtlewt beschaweten die statt vnd fragten die gefangnen von gestalt derselben. die antwurteten sprechende. der koenig diser statt haißt Cassianus. vnnd als die hebreysch schrift anzaigt so ist dise statt erstlich Reblata vnnd darnach von Antiocho dem herrscher des aufgangs nach ime Antiochia genannt worden. sie ist mit zwifacher mawer vmbfangen. die inner von ziegelstaynen. die ewßer von quaderstaynen gepawt. vnnd hat in hoher gestalt. iiiic. lx thuern. vnd vier berg in ir. Auff derselben einem gegen dem aufgang ligende ist ein solche von natur befestigte purg das sie allem geschoß. allem kriegßzeueg vnd allem sturm leichtlich vorsteen mag. Die inwoner haißen dise gegent Celisyriam. Das geleger der statt ist an flueßen vnd prunnen befeuechtet. das feld vnd der erdpodem darumb fruchtper vnd waydreich. der see da bey vol guoter fisch. Dise statt ligt. xiim. schritt vom meer. alda dann der obgenant fluss fuer antiochiam rinnende ein pforten hat. Dise statt hat vom anfang der ersten kirchen große zierde empfangen dann Petrus der fuerst der appostell hat daselbst den ersten patriarchischen stuol auffgerichtet vnd gehalten. So hat Theophilus der sibend prelat daselbst nach petro zu abtilgung des namens des oeden koenigs anthiochi dise statt nach ime Theophiliam genennt. Dise statt ist vnder dem cristenlichen namen in solcher plueung gestanden das sie dreyundfuenftzig bischoff. hundert weyhbischoff vnd dreyhundert vnd sechtzig kirchen gehabt hat Als nw die cristen verstunden das man dise wolbefestigte statt lanngzeit belegern mueeßt do ward durch die hawbtlewt mancherlay weyß geratschlagt. vnd im iar vnßers hails tawsent.xcvii. mit großem gezeuege belegert vnd von Boamundo normano hertzog Roberts zu apulia sun dem gar hohberuembten man nach schwerer belegerung erobert durch einlassung Pirthi eins mechtigen burgers daselbst. der sich in verwunderung der krafft Boamundi verwilliget den cristen die statt einzegeben wenn sie denselben Boamundum vber die statt herrschen laßen wolten. Als die cristen in die statt komen do verschoneten sie schier allermenigclichs. Der koenig Cassianus fluhe in die gepirge vnd wardt von den Armeniern ertoedt. aber es kome Corbane der fuerst der ritterschafft des koenigs Persarum mit Sensadolo dem sun Cassiani. als aber sich der mangel aller nottuerftiger ding erewget do setzet ime Boemundus fuer wider sie in einen streyt zetreten. left Nw waren die sachen der cristen zu Antiochia also vbel gestalt das die schier in abfall vnnd verzweyflung gelangt weren wo vnßer gott sein naygung zu vnßerm hayl vnnd schutz tragende mit wunderzaichen nit beweyst het. dann das spere das die seytten ihesu cristi am creuetz geoeffnet hat wardt durch offenbarung eim gaistlichen mann beschehen in sant Andreßen kirchen gefunden. Dauon warden die cristenlichen hawbtlewt in solche große hoffnung auffgerichtet das sie inen fuersetzeten mit den feynden zefechten. demnach wardt diss heilligst speer als ein panyer auß wider die feynd getragen. vnd durch Boemundum der feynd bey hunderttawsent ernidergelegt. vnd bey. xv. tawsent cameln gefangen. Dauon warden die cristen also reich das sie von der eueßersten duerftigkeit zu hohster gnugsamkeit aller ding raichten von wundergeschiht wegen diss spers. Hildebertus bischoff HIldebertus der bischoff ein man großer sinnreichigkeit vnnd kunst ist diser zeit in weißheit vnd art gepundens gedichts beruembt gewest vnd hat vil anfechtung. fengknus vnd pande zu rom von cristenlichs glawbens vnd der kirchen wegen erlidden. vnd daselbst vil treffenlicher huebscher vnd außpuendiger sendbrieff gemacht vnd ettliche tappffere verss von seinem ellend. Auch ein buch von verdrossenheit diss lebens. vnd auch sein selbs clag. Auch ein schoens gepette an die heilligen trifeltigkeit. vnd sunst vil andere ding beschriben. SAnt Maurillus der Rothomagiensisch bischoff an tugenten vnd heilligkeit ein beruembt man hat diser zeit gelebt.

Moderne Übersetzung

Das sechste Zeitalter. Ein christlicher Heereszug zur Befreiung Jerusalems geschah zur Zeit Papst Urbans II. im Jahre des Herrn 1094. In Zeiten Papst Urbans, nach dem Konzil von Clermont, wurden die christlichen Fürsten in Gallien zur Rückeroberung der Stadt Jerusalem, die die Sarazenen lange Zeit innegehabt hatten, durch denselben Papst mit schöner Rede so ermahnt, dass jedermann mit einstimmigem Mund rief: 'Gott will es! Gott will es!' Während nun der Papst mitsamt den Bischöfen und Prälaten über die Wahl eines Heerführers berieten, ließen sich viele tausend Menschen mit dem Kreuz kennzeichnen und rüsteten sich innerhalb weniger Monate, etwa dreihunderttausend Menschen, für diesen Zug und zogen auf Konstantinopel zu. Der erste Heerführer, Petrus genannt, ein Einsiedler, nahm den Weg mit viel Volk durch deutsche und ungarische Länder. Zu demselben gesellten sich drei mächtige Grafen, nämlich Gottfried, Eustach und Balduin, und zogen auch mit demselben Heer. Aber die mächtigsten Fürsten und der Adel, der Bischof von Le Puy als Hauptmann des Zuges, auch der Bruder des Königs von Frankreich, Hugo der Große genannt, auch Raimund, Robert und Stephan, die Grafen, mitsamt vielen anderen trefflichen Grafen und Edlen, zogen durch welsches Land, sich in drei Haufen teilend. So zog Boemund mit 12.000 auserlesenen Waffenträgern welscher Jugend auch zu. Als nun der oben genannte Petrus mit seinem Volk nach Konstantinopel kam und sich in den Vorstädten gelagert hatte, da konnte er die Seinen nicht so halten, dass sie die Konstantinopolitaner nicht angriffen mit Beraubung heiliger Dinge. Daraufhin wurde Alexios, der konstantinopolitanische Kaiser, bewogen, dass er sogleich Petrus drängte, sich mit den Seinen vorzeitig von dannen zu machen. So zog er zuerst nach Nicomedia und belagerte die wohlbewahrte Stadt Nicäa, die dann die Türken, die die Ankunft der Christen voraussahen, zuvor mit Volk und allem Nötigen zum Widerstand gegen die Belagerung versorgt und befestigt hatten. Aber nachdem es den Belagerern an Zugang mangelte und die Ritter einzeln abfielen und die Christen in heimlicher Verwahrung niedergemacht wurden, da mussten sie von solcher Belagerung ablassen und erlitten auf der Flucht einen so großen Verlust, dass Reinald, der Heerführer der Deutschen, den christlichen Glauben verleugnete und sich mit etlichen Waffenträgern den Ungläubigen ergab, und Petrus kehrte wieder nach Konstantinopel zurück. Aber Boemund drängte Kaiser Alexios mit Drohungen und Verheißungen, sie durch die Gegend des Kaisertums ziehen zu lassen, und so kamen die Christen wieder vor die Stadt Nicäa. Nun war dieselbe Stadt schwer zu erobern, denn man konnte durch einen See zur Sicherung des Zugangs geschickt werden. Da mussten die Bürger aus Erschöpfung und Mangel an allen Dingen nachgeben und sich nach 52 Tagen vom Anfang der Belagerung ergeben. Als nun die Stadt besetzt wurde und man durch wüste Städte ziehen sollte, da teilte sich das Heer in zwei Rotten. Und als Boemund bei einem fließenden Bach einen wurzelreichen, weidereichen Erdboden seine Pferde und Vieh weiden wollte, da kamen die Sarazenen an ihn. Ihn hätten sie niedergemacht, wenn ihm Hugo und Gottfried, die zwei Grafen, sogleich mit 40.000 Berittenen nicht zu Hilfe und Rettung gekommen wären. Dort wurde auf beiden Seiten kräftiglich gestritten. In demselben Streit (darin dann Meder, Türken, Syrer, Chaldäer, Sarazenen und Araber gewesen sind) sollen etwa 40.000 Menschen umgebracht und erschlagen worden sein. Aber Soliman, ihr Herzog oder Hauptmann, kam in der Flucht davon. Nun behalfen sich die Christen des reifenden Samens und der Früchte, bis sie ohne Schwierigkeiten nach Ikonium, der Hauptstadt Lykaoniens, kamen und dieselbe mitsamt den Städten Herakleia und Tarsus eroberten. Alsbald erlangte Balduin, ein Mann von vortrefflichem Gemüt und Sinnreichtum, zuerst die Herrschaft in Asien, mit der Stadt Tarsus ausgestattet. Danach neigte sich das größere Heer nach Kilikien, das Kleinarmenien genannt wird, und kam nach Eroberung der Stadt Caesarea, im Land Kappadokien gelegen, über hohe Berge vor Antiochia und errichteten ihr Heerlager etliche tausend Schritte von der Stadt entfernt an einem Fluss, durch den man ohne Gefahr nicht gehen konnte. Und die Hauptleute beschauten die Stadt und fragten die Gefangenen nach deren Beschaffenheit. Die antworteten und sprachen: 'Der König dieser Stadt heißt Cassianus. Und wie die hebräische Schrift anzeigt, so ist diese Stadt erstlich Reblata und danach von Antiochus, dem Herrscher des Ostens, nach ihm Antiochia genannt worden. Sie ist mit zweifacher Mauer umfangen, die innere aus Ziegelsteinen, die äußere aus Quadersteinen gebaut, und hat in hoher Gestalt 460 Türme und vier Berge in sich. Auf einem derselben, gegen den Osten liegend, ist eine solche von Natur befestigte Burg, dass sie allem Geschoss, allem Kriegsgerät und allem Sturm leicht widerstehen kann. Die Einwohner nennen diese Gegend Koilesyrien. Die Lage der Stadt ist an Flüssen und Brunnen befeuchtet, das Feld und der Erdboden darum fruchtbar und weidereich, der See dabei voll guter Fische. Diese Stadt liegt 12.000 Schritte vom Meer entfernt, wo dann der oben genannte Fluss, der vor Antiochia fließt, eine Pforte hat. Diese Stadt hat vom Anfang der ersten Kirche große Zierde empfangen, denn Petrus, der Fürst der Apostel, hat daselbst den ersten patriarchischen Stuhl aufgerichtet und gehalten. So hat Theophilus, der siebte Prälat daselbst nach Petrus, zur Tilgung des Namens des öden Königs Antiochus, diese Stadt nach ihm Theophilia genannt. Diese Stadt ist unter dem christlichen Namen in solcher Blüte gestanden, dass sie dreiundfünfzig Bischöfe, hundert Weihbischöfe und dreihundertsechzig Kirchen gehabt hat.' Als nun die Christen verstanden, dass man diese wohlbefestigte Stadt lange Zeit belagern müsste, da wurde durch die Hauptleute mancherlei Weise beraten und im Jahre unseres Heils 1097 mit großem Kriegsgerät belagert und von Boemund dem Normannen, Herzog Roberts von Apulien Sohn, dem sehr hochberühmten Mann, nach schwerer Belagerung erobert durch Einlassung Pirthus', eines mächtigen Bürgers daselbst, der sich in Verwunderung der Kraft Boemunds bereit erklärte, den Christen die Stadt zu übergeben, wenn sie denselben Boemund über die Stadt herrschen lassen wollten. Als die Christen in die Stadt kamen, da verschonten sie schier jedermann. Der König Cassianus floh in die Gebirge und wurde von den Armeniern getötet. Aber es kam Kurbugha, der Fürst der Ritterschaft des Königs der Perser, mit Sensadolo, dem Sohn Cassianus'. Als aber sich der Mangel aller notwendigen Dinge erhob, da setzte Boemund ihm vor, wieder gegen sie in einen Streit zu treten. Nun waren die Sachen der Christen zu Antiochia so übel bestellt, dass sie schier in Abfall und Verzweiflung geraten wären, wo unser Gott seine Neigung zu unserem Heil und Schutz tragend nicht mit Wunderzeichen bewiesen hätte. Denn die Lanze, die die Seiten Jesu Christi am Kreuz geöffnet hat, wurde durch Offenbarung, einem geistlichen Mann geschehen, in der Kirche des heiligen Andreas gefunden. Davon wurden die...

Anmerkungen

Das sechst alter
Das sechste Zeitalter (historische Periodisierung)
Jherusalem
Jerusalem
babst vrbani des andern
Papst Urban II. (ca. 1042–1099), Papst von 1088 bis 1099, rief 1095 zum Ersten Kreuzzug auf.
tausent.xciiij.
1094 (römische Zahlendarstellung: tausent = 1000, xciiij = 94)
concilic zu Claromonte
Konzil von Clermont (1095), auf dem Papst Urban II. zum Ersten Kreuzzug aufrief.
gallia
Gallien, hier: Frankreich
sarracen
Sarazenen, mittelalterliche Bezeichnung für Muslime
allermenigclicher
jedermann, jeder einzelne
eynhelligen munnd
einstimmiger Mund, einmütig
ruoeffet
rief (von rufen)
prelaten
Prälaten, hohe Geistliche
heerhawbtman
Heerführer, Feldherr
creuetz bezaichnen
sich mit dem Kreuz kennzeichnen, das Kreuz nehmen (als Zeichen der Kreuzzugsteilnahme)
dreymalhunderttausent
dreihunderttausend
constantinopel
Konstantinopel, die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches (heute Istanbul)
Petrus genant ain aysidler
Peter der Einsiedler (ca. 1050–1115), eine Schlüsselfigur des Volkskreuzzugs vor dem Ersten Kreuzzug.
teuetsche vnd hungrische land
deutsche und ungarische Länder
Gotfredus Eustachius vnd Balduinus
Gottfried von Bouillon (ca. 1060–1100), Herzog von Niederlothringen, einer der Anführer des Ersten Kreuzzugs. Eustach III. von Boulogne (ca. 1050–1125), Graf von Boulogne, Bruder Gottfrieds. Balduin von Boulogne (ca. 1058–1118), später Balduin I., König von Jerusalem, ebenfalls Bruder Gottfrieds.
Padiensisch bischoff
Bischof von Le Puy (Adhemar von Le Puy, ca. 1045–1098), päpstlicher Legat und geistlicher Führer des Ersten Kreuzzugs.
Hugo der gross genant
Hugo von Vermandois (ca. 1057–1101), Graf von Vermandois, Bruder des französischen Königs Philipp I.
Raymundus Robertus vnd Stephanus
Raimund IV. von Toulouse (ca. 1041–1105), Graf von Toulouse und Markgraf der Provence, einer der wichtigsten Anführer des Ersten Kreuzzugs. Robert II. von Flandern (ca. 1065–1111), Graf von Flandern. Stephan von Blois (ca. 1045–1102), Graf von Blois.
welschs land
welsches Land, hier: romanischsprachiges Land, insbesondere Italien und Südfrankreich
hawffen taylende
sich in Haufen (Gruppen) teilend
Boemundus
Boemund von Tarent (ca. 1054–1111), normannischer Fürst, einer der Anführer des Ersten Kreuzzugs, später Fürst von Antiochia.
.xiim.
12.000 (römische Zahlendarstellung: 12 M = 12.000)
weppnern welscher iugent
Waffenträgern welscher (romanischer) Jugend
gein constantinopel
nach Konstantinopel
vorstett gelegert
sich in den Vorstädten gelagert
kund er die seinen nit also halten
er konnte die Seinen nicht so halten (kontrollieren)
Alexius der constantinopolitanisch kaiser
Alexios I. Komnenos (1048–1118), byzantinischer Kaiser.
von stundan
sogleich, sofort
bedrannget
drängte, nötigte
vor zeittiger weyle
vorzeitigerweise, zu früh
Nicomediam
Nicomedia (heute İzmit, Türkei)
Niceam
Nicäa (heute İznik, Türkei), wichtige Stadt in Kleinasien.
tuercken
Türken, hier: Seldschuken
notturft
Notwendigkeit, das Nötige
im geleger zugangs mangelten
den Belagerern mangelte es an Zugang
bey ayntzling abfieln
einzeln abfielen, sich einzeln zurückzogen oder desertierten
in haymlicher verwarttung ernidergelegt
in heimlicher Verwahrung (Hinterhalt) niedergemacht, getötet
abbruch
Verlust, Niederlage
Reinaldus der teuetschen heerhawbtman
Reinald, der Heerführer der Deutschen (oft identifiziert als Rainald von Broyes oder ähnliche Figuren des Volkskreuzzugs, die in Kleinasien scheiterten).
verlawgnet
verleugnete
vnglawbigen
Ungläubigen (Muslime)
gegent des kayserthumbs
Gegend des Kaisertums (Byzantinisches Reich)
zeerobern
zu erobern
zu verwarttung der zufart
zur Sicherung des Zugangs
auß gebruch
aus Erschöpfung, aus Mangel an Kräften
.lij.
52 (römische Zahlendarstellung)
wueest stett
wüste Städte, verlassene oder zerstörte Städte
zwu rott
zwei Rotten (Gruppen, Abteilungen)
wurtzligen waydreichen erdpoden
wurzelreichen, weidereichen Erdboden
xlm. geraysigen
40.000 Berittene (römische Zahlendarstellung: xl = 40, m = 1000)
ernidergelegt
niedergemacht, getötet
kreftigclich
kräftiglich, heftig
medi. tuercken. syrii. caldei. sarracen vnd arabier
Meder, Türken, Syrer, Chaldäer, Sarazenen und Araber (verschiedene Völker und Bezeichnungen für Muslime im Nahen Osten)
.xlm. menschen
40.000 Menschen
Solimannus
Suleiman ibn Kutalmiş (gest. 1086), Gründer des Sultanats Rum, oder sein Nachfolger Kilij Arslan I. (gest. 1107), Sultan von Rum. Hier wohl Kilij Arslan I., der gegen die Kreuzfahrer kämpfte.
zeittigenden samens vnd frucht
reifenden Samens und der Früchte
on vnfuog
ohne Schwierigkeiten, ohne Unbill
Iconium die hawbtstatt Licaonie
Ikonium (heute Konya, Türkei), Hauptstadt Lykaoniens (Region in Kleinasien).
Heraclea vnd Tarso
Herakleia (heute Ereğli, Türkei) und Tarsus (heute Tarsus, Türkei).
fuertreffenlichs gemueets vnnd synnreichigkeit
vortrefflichen Gemüts und Sinnreichtums (Klugheit)
Ciliciam. das klainer armenia genant
Kilikien, das Kleinarmenien genannt wird (Region im Südosten Kleinasiens, wo das Armenische Königreich von Kilikien entstand).
cesarea in dem land Capadocia
Caesarea (heute Kayseri, Türkei) in Kappadokien (Region in Kleinasien).
antiochiam
Antiochia (heute Antakya, Türkei), eine der größten Städte des Orients.
heergeleger
Heerlager
ettlich tawsent schrit
etliche tausend Schritte (Maßeinheit, ein Schritt ist ca. 0,75 m)
gestalt derselben
Beschaffenheit derselben
Cassianus
Cassianus, der Emir von Antiochia (Yaghi-Siyan, gest. 1098).
hebreysch schrift
hebräische Schrift, hier wohl im Sinne von 'alte Schriften' oder 'historische Aufzeichnungen'.
Reblata
Reblata, eine alte Bezeichnung für Antiochia oder eine nahegelegene Siedlung.
Antiocho dem herrscher des aufgangs
Antiochus, dem Herrscher des Ostens (Antiochus I. Soter oder Antiochus IV. Epiphanes, Seleukidenkönige, die die Stadt gründeten oder umbenannten).
zwifacher mawer
zweifacher Mauer
ziegelstaynen
Ziegelsteinen
quaderstaynen
Quadersteinen
.iiiic. lx thuern
460 Türme (römische Zahlendarstellung: iiii = 4, c = 100, lx = 60)
purg
Burg
geschoß
Geschoss (Wurfgeschoss, Projektil)
kriegßzeueg
Kriegsgerät
Celisyriam
Koilesyrien (lat. Coele-Syria), eine historische Region in Syrien.
geleger der statt
Lage der Stadt
waydreich
weidereich, reich an Weideland
.xiim. schritt
12.000 Schritte (Maßeinheit, ein Schritt ist ca. 0,75 m)
pforten
Pforte, Tor, hier wohl eine Mündung oder ein Zugang zum Meer.
Petrus der fuerst der appostell
Petrus, der Fürst der Apostel (Simon Petrus, einer der zwölf Apostel Jesu).
patriarchischen stuol
patriarchischer Stuhl, Bischofssitz eines Patriarchen.
Theophilus der sibend prelat
Theophilus, der siebte Prälat (Bischof oder Patriarch) nach Petrus in Antiochia. Dies bezieht sich auf Theophilus von Antiochia, einen Kirchenvater des 2. Jahrhunderts.
abtilgung des namens des oeden koenigs anthiochi
zur Tilgung des Namens des öden Königs Antiochus (vermutlich eine Anspielung auf Antiochus IV. Epiphanes, der in der jüdischen Tradition als 'der Öde' bekannt ist).
Theophiliam
Theophilia, ein von Theophilus vorgeschlagener Name für Antiochia.
dreyundfuenftzig bischoff. hundert weyhbischoff vnd dreyhundert vnd sechtzig kirchen
53 Bischöfe, 100 Weihbischöfe und 360 Kirchen (Zahlen, die die Blüte der Stadt unter christlicher Herrschaft unterstreichen sollen).
mancherlay weyß geratschlagt
mancherlei Weise beraten, auf verschiedene Weisen beraten
iar vnßers hails tawsent.xcvii.
Jahr unseres Heils 1097 (römische Zahlendarstellung: tausent = 1000, xcvii = 97)
gezeuege
Kriegsgerät, Belagerungsgerät
Boamundo normano hertzog Roberts zu apulia sun
Boemund dem Normannen, Sohn Herzog Roberts von Apulien (Robert Guiskard, Herzog von Apulien und Kalabrien).
Pirthi
Firuz (oder Pirrus), ein armenischer Überläufer, der den Kreuzfahrern half, Antiochia einzunehmen.
verwilliget
bereit erklärte, einwilligte
schier allermenigclichs
schier jedermann, fast alle
gepirge
Gebirge
Armeniern
Armeniern
Corbane
Kurbugha (gest. 1098), Atabeg von Mosul, der versuchte, Antiochia von den Kreuzfahrern zurückzuerobern.
koenigs Persarum
König der Perser, hier: Seldschuken-Sultan.
Sensadolo dem sun Cassiani
Sensadolo, dem Sohn Cassianus' (Sohn des Emirs Yaghi-Siyan).
nottuerftiger ding erewget
notwendiger Dinge erhob (Mangel an notwendigen Dingen entstand)
setzet ime Boemundus fuer
Boemund setzte ihm vor (schlug ihm vor, forderte ihn auf)
abfall vnnd verzweyflung
Abfall (vom Glauben) und Verzweiflung
naygung zu vnßerm hayl vnnd schutz tragende
seine Neigung zu unserem Heil und Schutz tragend (seine wohlwollende Haltung zu unserem Heil und Schutz)
wunderzaichen
Wunderzeichen
spere das die seytten ihesu cristi am creuetz geoeffnet hat
die Lanze, die die Seiten Jesu Christi am Kreuz geöffnet hat (die Heilige Lanze, die in Antiochia gefunden wurde und den Kreuzfahrern neuen Mut gab).
gaistlichen mann
geistlichen Mann (Peter Bartholomäus, der die Heilige Lanze fand).
sant Andreßen kirchen
Kirche des heiligen Andreas.
Dauon warden d
Davon wurden die... (Der Originaltext bricht hier ab.)