Schedelsche Weltchronik · Blatt 200

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 200, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 200, rechte Seite
📖 Im interaktiven Viewer öffnen

Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das sechst alter PAssaw ein beruembte vnnd ettwen ein reiche statt zwischen der Thonaw vnnd dem yne gelegen. die Thonaw kombt auß den bergen des schwebischen lands. vnd der yne auß dem gepirge das teuetsch lannd von welschem land schaidet. An dem selben ende fleueßt der yne in die Thonaw vnd verlewßt seinen namen. Dise statt streckt sich in die lennge vnnd neme die gestalt einer innseln. wenn ymannt vom yne ein gruoben in die Thonaw laytet. vnnd des yns sinnd nit funfhundert schritt auß einem in das ander wasser. Vberden yne ist ein hueltzine prugk. die hat .xvi. pogen. vnd raicht von dem teil der statt ihenßhalb des fluss gelegen an die groeßern statt. Auch ist ein andere prugk vber die thonaw. vber dieselben prugk ist der weg an die berg die gein Beheim hinein sehen. Jhenßhalb derselben berg rynnet ein andrer zumal schwartzer fluss yltz genant. derselb kombt auß Beheim vnd taylt der iuden stettlein vnd den drittail der statt Passaw vnder des bischoffs gschloss. vnd vermischt sich der thonaw schier gegen dem yne vber. Also komen an einem einigen ende drey fluess zusamen. Vnd darumb nach aygenschaft des welschen gezuengs nennet man dise statt Passum. das nach art vnßers gezuengs souil ist als durchgang dann es wardt durch dise statt die welsch kawffmanschatz in das Behmisch lannd gefueert. So wanderten die oebern teuetschen alda durch hinab gein oesterreich vnnd hungern. als dann bis auff disen hewtigen tag beschiht. En mitten in der statt ist sant Stephans des ersten martrers vnd des bistthumbs patrons kirch. koestlich angefengt aber nochmals nit volbracht. Der chor daselbst wird zumal schoen gepawt. Bey derselben kirchen gegen den yne sind weyt vnd scheinlich hoefe des bischofs. vnd ihenßhalb der thonaw zway bischofliche gschloß. dero eins ligt auff der hoehe des bergs. vnd das ander vndten amb berg bey den wassern da die Thonaw vnd die yltz (die auch berlein tregt) zusamen rynnen. Zu dem oebern gschloss ist ein vnleichter schwerer zugang vnnd daselbst mag man allain an einen ort stuermen. aber es ist an denselbem ort mit mawrn vnd graben also bestetigt vnd bewaret dz es mit menschlicher macht nit zestuermen noch zegewinnen ist. Daselbst innen sind vil schoener wolgeziertter sale vnd camern. aber in dem vnder gschloss ist noch groeßere zierd an gewelbten camern vnd vil saln. dann die teuetschen sind wunderwirdig Blat CC der werlt wercklewt alle voelcker in kuenstlichen wercken vnd gepewen vbertreffende. Dise loebliche statt Passaw ist geziert mit dem leichnam sant Valentins. den Taxilo hertzog zu bayren daselbst gefueert hat. vnd sant Maximilians deß Laureacensischen ertzbischoffs. durch sant Ruprecht auß der statt Laureata gein Passaw gebracht. dann Laureata was zumal ein beruembte namhaftige in einem weytten ebnem feld gelegen an dem fluss Anasum. dauon die statt noch mals Anasum haißt. da ettwen ein bischofliche hawbtkirch was. vnd der heillig Maximilianus dasselb ertzbistthumb regiret vnd darnach gemartert wardt. Aber nach dem Athila der hunisch koenig dise statt abtilget da dz gschloss was do ist die statt auß dem namen dess fluss genennt worden. Aber der bischoflich hawbtstuolt ward gein Saltzburg gewendet HVgo von sant victor ein gallier auß sannt Victors gschloss ein geregelter chorherr vnd ein hohberuembter lerer hat vmb dz tawsent vnd hunderst iar des herrn in solcher fruemkeit des lebens vnd in weißheit vnd erfarung aller freyen kunst also geschynen das zu seiner zeit ime keiner gleich gefunden wardt. darumb wardt er in großem weerde gehalten. der dann vber sein heilligkeit (von der man wundersame ding lißet) mit leren vnd schreiben. vil menschen fuerderlich. nutzpar vnd ersprießlich gewest ist vnd vil treffenlicher schrift gemacht vnd hinder ime gelaßen hat. als er in seiner toedtlichen kranckheit lage vnd sich von vngeschicklichkeit wegen seins magens der vndewung besorget vnd ime nw das heilligst sacrament zugebracht wardt. auf dz er denn demselben sacrament nit vnere bewyse so sprach er Der sun steyge auff zu seinem vater vnd der knecht zu seinem herren der ine beschaffen hat do verschwunde das heillig sacrament vnd er gab seinem got den gaist. HVgo von folieto sannt Peters carbonensischer chorherr ein wolberedter man hat zumal ein namhafftigs buoch von dem closter der sele gemacht vnd darinn vil schoener lobwirdiger ding von sicherheit closterlichs lebens vnd von geferlichkeit der werlt beschriben.

Moderne Übersetzung

Das sechste Zeitalter. Passau, eine berühmte und ehemals reiche Stadt, liegt zwischen der Donau und dem Inn. Die Donau kommt aus den Bergen des Schwabenlandes, und der Inn aus dem Gebirge, das das deutsche Land vom welschen Land scheidet. An diesem selben Ende fließt der Inn in die Donau und verliert seinen Namen. Diese Stadt erstreckt sich in die Länge und nimmt die Gestalt einer Insel an, wenn jemand vom Inn einen Graben in die Donau leitet; und die Breite dieser Insel beträgt nicht fünfhundert Schritte von einem zum anderen Wasser. Über dem Inn ist eine hölzerne Brücke, die sechzehn Bögen hat und von dem jenseits des Flusses gelegenen Stadtteil zur größeren Stadt reicht. Auch ist eine andere Brücke über die Donau; über dieselbe Brücke führt der Weg zu den Bergen, die nach Böhmen hineinblicken. Jenseits derselben Berge rinnt ein anderer, ganz schwarzer Fluss, Ilz genannt. Derselbe kommt aus Böhmen und teilt das Judenstädtlein und den dritten Teil der Stadt Passau unter dem Bischofsschloss und vermischt sich mit der Donau fast gegenüber dem Inn. So kommen an einem einzigen Ende drei Flüsse zusammen. Und darum, nach Eigenart der welschen Zunge, nennt man diese Stadt Passum, was nach Art unserer Zunge so viel ist wie Durchgang; denn durch diese Stadt wurde die welsche Kaufmannschaft in das böhmische Land geführt. So wanderten die oberen Deutschen dort hindurch hinab nach Österreich und Ungarn, wie es dann bis auf diesen heutigen Tag geschieht. Inmitten der Stadt ist die Kirche des heiligen Stephan, des ersten Märtyrers und Patrons des Bistums, prächtig begonnen, aber noch nicht vollendet. Der Chor daselbst wird sehr schön gebaut. Bei derselben Kirche, dem Inn gegenüber, sind weite und prächtige Höfe des Bischofs; und jenseits der Donau zwei bischöfliche Schlösser. Eines davon liegt auf der Höhe des Berges, und das andere unten am Berg bei den Wassern, wo die Donau und die Ilz (die auch Goldflitter trägt) zusammenrinnen. Zu dem oberen Schloss ist ein unleichter, schwerer Zugang, und dort kann man nur an einem Ort stürmen; aber es ist an demselben Ort mit Mauern und Gräben so befestigt und bewahrt, dass es mit menschlicher Macht nicht zu stürmen noch zu gewinnen ist. Dort innen sind viele schöne, wohlverzierte Säle und Kammern; aber in dem unteren Schloss ist noch größere Zierde an gewölbten Kammern und vielen Sälen, denn die Deutschen sind wunderbare Welt-Handwerker, alle Völker in künstlerischen Werken und Bauten übertreffend. Dieses lobenswerte Passau ist geziert mit dem Leichnam des heiligen Valentin, den Taxilo, Herzog zu Bayern, dorthin geführt hat, und des heiligen Maximilian, des Erzbischofs von Lauriacum, durch den heiligen Rupert aus der Stadt Lauriacum nach Passau gebracht. Denn Lauriacum war ehemals eine sehr berühmte, namhafte Stadt, in einem weiten, ebenen Feld gelegen am Fluss Anasum, wovon die Stadt nochmals Enns heißt, wo ehemals eine bischöfliche Hauptkirche war und der heilige Maximilian dasselbe Erzbistum regierte und darnach gemartert wurde. Aber nachdem Attila, der Hunnenkönig, diese Stadt zerstörte, wo das Schloss war, da ist die Stadt nach dem Namen des Flusses genannt worden. Aber der bischöfliche Hauptstuhl wurde nach Salzburg verlegt. Hugo von St. Victor, ein Gallier aus dem Kloster St. Victor, ein regulierter Chorherr und ein hochberühmter Lehrer, hat um das tausend und hundertste Jahr des Herrn in solcher Frömmigkeit des Lebens und in Weisheit und Erfahrung aller freien Künste so geschienen, dass zu seiner Zeit ihm keiner gleich gefunden wurde. Darum wurde er in großem Wert gehalten, der dann über seine Heiligkeit (von der man wundersame Dinge liest) mit Lehren und Schreiben vielen Menschen förderlich, nutzbar und ersprießlich gewesen ist und viele treffliche Schriften gemacht und hinter sich gelassen hat. Als er in seiner tödlichen Krankheit lag und sich wegen der Ungeschicklichkeit seines Magens der Unverdauung besorgte und ihm nun das heiligste Sakrament gebracht wurde, damit er denn demselben Sakrament nicht Unehre erweise, so sprach er: „Der Sohn steige auf zu seinem Vater und der Knecht zu seinem Herrn, der ihn geschaffen hat.“ Da verschwand das heilige Sakrament und er gab seinem Gott den Geist. Hugo von Folieto, Chorherr des heiligen Petrus von Carbonara, ein wohlredender Mann, hat ein sehr namhaftes Buch vom Kloster der Seele gemacht und darin viele schöne, lobenswerte Dinge von der Sicherheit klösterlichen Lebens und von der Gefährlichkeit der Welt beschrieben.

Anmerkungen

sechst alter
Sechstes Zeitalter, bezieht sich auf die historische Periodisierung in der Schedelschen Weltchronik.
PAssaw
Passau, Stadt in Bayern.
Thonaw
Donau, Fluss.
yne
Inn, Fluss.
schwebischen lands
Schwabenland, historische Region in Südwestdeutschland.
teuetsch lannd
deutsches Land.
welschem land
welsches Land, hier: Italien.
funfhundert schritt
500 Schritte, alte Maßeinheit (ca. 375 Meter).
.xvi.
römisch für 16.
Beheim
Böhmen, historische Region im heutigen Tschechien.
yltz
Ilz, Fluss in Bayern.
iuden stettlein
Judenstädtlein, historischer Stadtteil von Passau.
aygenschaft des welschen gezuengs
Eigenart der welschen Zunge/Sprache, hier: Latein.
Passum
lat. für 'Durchgang', 'Passage'.
welsch kawffmanschatz
welsche Kaufmannschaft/Waren, hier: aus Italien kommende Handelsgüter.
oebern teuetschen
obere Deutsche, hier: Süddeutsche.
oesterreich
Österreich, historische Region.
hungern
Ungarn, historisches Königreich.
sant Stephans
Heiliger Stephan, erster christlicher Märtyrer.
berlein tregt
Goldflitter/Goldstaub trägt, Hinweis auf Goldwäscherei in der Ilz.
Blat CC
Blatt 200, römisch für 200, Verweis auf die Seitenzahl der Chronik.
werlt wercklewt
Welt-Handwerker, hier: Baumeister.
sant Valentins
Heiliger Valentin, Märtyrer.
Taxilo
Taxilo, Herzog von Bayern (fiktive oder legendäre Figur, oft mit Tassilo III. verwechselt oder als Vorläufer gesehen).
sant Maximilians
Heiliger Maximilian, Erzbischof von Lauriacum.
Laureacensischen
Lauriacum, römische Stadt in Noricum, heute Lorch bei Enns.
sant Ruprecht
Heiliger Rupert, Bischof von Salzburg.
Anasum
lat. für Enns, Fluss.
Anasum
Enns, Stadt in Oberösterreich.
Athila der hunisch koenig
Attila, der Hunnenkönig.
Saltzburg
Salzburg, Stadt in Österreich.
HVgo von sant victor
Hugo von St. Victor (um 1096–1141), Theologe, Philosoph und Mystiker.
gallier
Gallier, hier: Franzose.
sannt Victors gschloss
Kloster St. Victor, bedeutendes Augustiner-Chorherrenstift in Paris.
tawsent vnd hunderst iar des herrn
um das Jahr 1100.
freyen kunst
freie Künste (Artes liberales), die sieben klassischen Wissenschaften des Mittelalters.
vndewung
Unverdauung.
HVgo von folieto
Hugo von Folieto (um 1128–1192), auch Hugo von Fouilloy, Augustiner-Chorherr und Theologe.
sannt Peters carbonensischer
Chorherr des heiligen Petrus von Carbonara, bezieht sich auf ein Kloster oder eine Kongregation des heiligen Petrus.
closter der sele
Kloster der Seele (De claustro animae), ein bekanntes Werk Hugos von Folieto.