Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger
Das sechst alter Hildegardis HIldegardis ein iunckfraw guots alters hat in teuetschen landen bey dem Rheyn wunderperlicher weyse gereichßnet. vnnd het auß goetlicher kraft die gnad. das sie (wiewol sie ein layin vnd vngelert was) offt wunderperlich imb schlaff entzugt. lernet nicht allain latein reden sunder auch schreyben vnnd tichten. also das sie ettliche buecher cristenlicher lere machet. Von der sagt man das sie kuenftige ding verkuenndet hab. Ir hab auch sannt Bernhart ettliche brieff geschriben. So hab sie auch an die von Coelne von kuenftiger betruebnus der pfafheit geschriben. wie die pfafheit ere vnd ruom on verdienst. vnd verdienstnus on das werck haben woellen. Gracianus GRacianus ein closterman wardt in dem iar des herren M.c.xlix. zu Bononia von seiner großen synnreichigkeit vnd schriftlicher lere vnnd weyßheit wegen zu großer achtung vnd wirden gehalten. Der hat vnder andern werken seiner kunst das buch gaistlicher rechten Decretorum genant gar maisterlich gesammelt. das dann durch babst Eugenium bestettigt vnd in den hohen schuolen zelesen verlihen ist. das hat er in schoener art zu vnderschaid vnd merckung der punckten. artickel vnd maynung darinn begriffen geordnet. vnnd in drey tayl gesuendert inmaßen die rechtgelerten dess guot wissen haben. Darueber haben auch nachfolgend ettlich lerer der recht außlegung vnd erklerung geschriben. Petrus lombardus PEtrus lombardus bischoff zu Parys ein Lombardier ist diser zeit (als Vincentius gallus setzt) zu Parys under den gelerten. nit allain seiner. sunder auch dauor verschyner zeit an guotheit des lebens vnd scherpffe der synnreichigkeit hohberuembt vnd achtper gewest. vnnd hat die buecher der hohen synne gar treffenlich geschriben. das dann ein mueßams werck auß vil heilliger veter spruchen nuetzlich zusamen gebracht ist. Er hat auch die groeßern gloß des psalters vnd sant paulsen epistel auß vil spruechen geordnet. vnd sunst vil gaistlichs treffenlichs guots vnd tapffers dings gemacht vnd beschriben vnd auch gar schoen loeblich vnd fruchtper predig vnd lere vor dem volck getan. Petrus comestor PEtrus comestor der vorgenanten zwayer brueder nicht des flaischs sunder der tugent halben hat diser zeyt gelebet. vnd (als Vincentius Gallus meldet) historiam scolasticam gemacht. vnd darinn die historien vnd geschihten beder testament fleißigclich vnd zierlich außgedrueckt. vnd dabey auch alßpald ettlicher hayden historien vnd geschihten an bequemlichen enden eingefueert vnd eingezogen vnd auch ettlich schoen verss zu lob vnd preyse der iunckfrawen marie gemacht. Also ist diser zeit die kirch mit lere fast erleuechtet worden. Etlich sagen dise vorgenanten drey lerer seyen drey leyplich brueder doch auß eebruch geporn gewesen. vnd als ir muter darumb nicht rew haben mocht. do wardt ir zu buoß gesetzt das sie doch dess rew haben solt dz sie nicht rew haben moecht. Gwilhelmus ein kind GWilhelmus ein kind in engelland wardt diser zeit von den iuden amb karfreytag in der statt norwico gekreuetzigt. von dem liset man darnach ein wunderlichs gesihte. DIe ienueser waren diser zeit an reichthuemern vnnd ruom also achtper das sie von koenig Cunraten ein freyheit gold vnd silber zemuentzen erlanngten mit seinem pild die sie noch hewtbeytag gebrauchen. Auicenna ein artzt AVicenna ob allen doctorn der ertzney der beruemst. ein man erleuechter synnreichigkeit ist zu disen zeiten aller werlt namhaftig gewest. dann er was ein herr der stat Cordube in hispania vnd ein fuerst daselbst vnd hohgeflißen zu der ertzney. also das er (als ich von den eltern verstanden hab) in seiner statt ein spital wonung hat haißen pawen. vnd darinn vnzallich vil krancken gelegt vnd selbs haymgesucht. vnd was ein froelicher vnd wunsamer man. vnd machet ein gesangbuch. vnd als man sagt so ist er also iung gestorben vnd nicht funftzig iar alt worden. doch hat er außerhalb der ertzney in allen kuensten geschryben. wie dann die gelerten des wol wissen haben. also das er gewest ist der herrlichkeit halben ein fuerst. der vbung ein artzt. vnd in aller gestalt der lere vnd schriftlicher kunst erfarn. vnd wiewol vil lerer nichtz aigentlichs dauon schreyben wenn vnd zu welcher er gewest sey. So ist doch vnzweyfellich das er zu den zeiten sant augustins nicht gelebt hat als doch ettlich irrende wenen woellen. dann der heillig Augustinus ist schier tawsent vnd zehen iar vor diser zeit in leben gewesen. zu derselben zeit hat Auicenna nit muegen sein. wiewol ettlich sprechen das man sendbrieff finde die sie einannder geschriben haben. aber es ist nit wol glawblich auß vorgemelter vrsach der vnderschiede der zeyt. Er hat als ein hohgelert vnd erfarner man ein vbertreffenlich buch gemacht. vnd dannoch nach erschawung der schriften aller ertzte alle ertzney in fuenff bueecher gebracht vnd sunst vil dings geschriben. Auerrois ein artzt AVerrois der artzt vnd liebhaber der weißheit hat in hyspania bey der statt corduba diser zeit (als in einem seiner buecher erscheint) gereichßnet. dann er ist nach der gepurt des herrn tawsent hundert fuenftzig iar (als er sagt) ein sammler der schriften gewesen. So spricht Egidius von rom der lerer er hat Auerrois suene in kayser Friderichs hof gesehen. Er hat vil dings gemacht. vnd also treffenlich vber alle buecher arestotilis geschriben das er den zunamen eins glosirers. erklerers vnd außlegers zehaben verdient hat. So hat er auch in der ertzney ein schoens buoch vnd auch sunst vil loeblicher kuenstreicher schriften gemacht vnd hinder ime gelassen. Auenzoar ein artzt AVenzoar der artzt ist diser zeit (als er das in seinselbs buechern bezeuegt) in hoher achtung gewest. vnd nach dem er aber hohgelert vnd der ertzney erfarn was so hat er ein ertzneybuoch Theysir genant gemacht vnnd einem koenig zu geschriben vnd gegeben. vnd auch ettliche ratschleg begriffen vnnd gesprochen das er alle ertzneye in eynem weyten buoch beschlossen hab. Sant Thomas ertzbischoff zu Canthuaria THomas der canthuariensisch ertzbischoff was in der iugent allermenigclichem angename. vnd verließ den koenigclichen hoff in engelland vnd ward von Theobaldo dem ertzbischoff zu eim ertzdiacon auffgenomen vnnd bey Heinrichen dem koenig zu engelland zu cantzler gemacht dz er mit seiner kluogheit die vnsinnigkeit der boeßwilligen menschen massigen solt. Als er aber darnach zu ertzbischoff erkorn wardt vnd sich dem koenig der der kirchen vnnd dem bistthumb ir gerechtigkeit nemen wolt widersetzet. do fiel er in vngenad des koenigs. vor dem entwiche er ettliche iar. als er nw vber ettliche iar wider anhayms kom vnd nw vil verfolgung erlidden het do wardt er gemartert vnnd von seiner geuebten wunderwerck wegen in der heilligen zal geschriben. vnd sein peiniger empfiengen iemerlich straff vnd toede. DAs land Norweden hat zu disen zeitten den cristenlichen glawben widerangenomen auß treffenlicher lere vnd predig des Albanensichen bischoffs. der dann darumb nach absterben Anastasii zu babst erkorn vnnd Adrianus der vierdt genant wardt.
Das sechste Zeitalter. Hildegard, eine Jungfrau ehrwürdigen Alters, hat in deutschen Landen am Rhein auf wunderbare Weise gewirkt und hatte aus göttlicher Kraft die Gnade, dass sie (obwohl sie eine Laiin und ungelehrt war) oft wunderbar im Schlaf entrückt, nicht allein Latein zu reden, sondern auch zu schreiben und zu dichten lernte, sodass sie einige Bücher christlicher Lehre verfasste. Von ihr sagt man, dass sie zukünftige Dinge verkündet habe. Ihr hat auch der heilige Bernhard einige Briefe geschrieben. So hat sie auch an die Kölner von zukünftiger Betrübnis der Priesterschaft geschrieben, wie die Priesterschaft Ehre und Ruhm ohne Verdienst und Verdienst ohne das Werk haben wollte. Gratian, ein Klostermann, wurde im Jahre des Herrn 1149 zu Bologna wegen seiner großen Sinnreichigkeit, schriftlicher Lehre und Weisheit zu großer Achtung und Würde gehalten. Der hat unter anderen Werken seiner Kunst das Buch der geistlichen Rechte, Decretum genannt, sehr meisterhaft gesammelt, das dann durch Papst Eugen bestätigt und an den hohen Schulen zum Lesen verliehen wurde. Das hat er in schöner Art zur Unterscheidung und Kennzeichnung der darin begriffenen Punkte, Artikel und Meinungen geordnet und in drei Teile gesondert, wie die Rechtsgelehrten dies gut wissen. Darüber haben auch nachfolgend einige Lehrer des Rechts Auslegung und Erklärung geschrieben. Petrus Lombardus, Bischof zu Paris, ein Lombarde, ist dieser Zeit (wie Vincent von Beauvais berichtet) zu Paris unter den Gelehrten, nicht allein seiner, sondern auch zuvor vergangener Zeit an Güte des Lebens und Schärfe der Sinnreichigkeit hochberühmt und achtbar gewesen und hat die Bücher der hohen Lehre sehr trefflich geschrieben, das dann ein mühsames Werk aus vielen Sprüchen heiliger Väter nützlich zusammengebracht ist. Er hat auch die größeren Glossen des Psalters und der Episteln des heiligen Paulus aus vielen Sprüchen geordnet und sonst viel Geistliches, Treffliches, Gutes und Tapferes gemacht und beschrieben und auch sehr schöne, lobenswerte und fruchtbare Predigten und Lehren vor dem Volk gehalten. Petrus Comestor, der der vorgenannten zweier Brüder nicht des Fleisches, sondern der Tugend halber [Bruder war], hat dieser Zeit gelebt und (wie Vincent von Beauvais meldet) Historiam Scholasticam gemacht und darin die Historien und Geschichten beider Testamente fleißig und zierlich ausgedrückt und dabei auch sogleich etlicher Heiden Historien und Geschichten an passenden Stellen eingefügt und eingezogen und auch einige schöne Verse zu Lob und Preis der Jungfrau Maria gemacht. Also ist dieser Zeit die Kirche mit Lehre fast erleuchtet worden. Einige sagen, diese vorgenannten drei Lehrer seien drei leibliche Brüder, doch aus Ehebruch geboren gewesen, und als ihre Mutter darum nicht Reue haben mochte, da wurde ihr zur Buße gesetzt, dass sie doch dessen Reue haben sollte, dass sie nicht Reue haben mochte. Wilhelm, ein Kind in England, wurde dieser Zeit von den Juden am Karfreitag in der Stadt Norwich gekreuzigt, von dem liest man darnach ein wunderliches Gesicht. Die Genueser waren dieser Zeit an Reichtümern und Ruhm so achtbar, dass sie von König Konrad eine Freiheit, Gold und Silber zu münzen, erlangten mit seinem Bild, die sie noch heutzutage gebrauchen. Avicenna, über allen Doktoren der Arznei der berühmteste, ein Mann erleuchteter Sinnreichigkeit, ist zu diesen Zeiten aller Welt namhaftig gewesen, denn er war ein Herr der Stadt Córdoba in Hispanien und ein Fürst daselbst und hochbeflissen in der Arznei, sodass er (wie ich von den Älteren verstanden habe) in seiner Stadt eine Spitalwohnung hat bauen lassen und darin unzählig viele Kranke gelegt und selbst heimgesucht. Und war ein fröhlicher und wundersamer Mann und machte ein Gesangbuch. Und wie man sagt, so ist er so jung gestorben und nicht fünfzig Jahre alt geworden. Doch hat er außerhalb der Arznei in allen Künsten geschrieben, wie dann die Gelehrten dessen wohl wissen haben, sodass er gewesen ist der Herrlichkeit halber ein Fürst, der Übung ein Arzt und in aller Gestalt der Lehre und schriftlicher Kunst erfahren. Und obwohl viele Lehrer nichts Eigentliches davon schreiben, wann und zu welcher Zeit er gewesen sei, so ist doch unzweifelhaft, dass er zu den Zeiten des heiligen Augustinus nicht gelebt hat, als doch einige Irrende meinen wollen, denn der heilige Augustinus ist schier tausend und zehn Jahre vor dieser Zeit am Leben gewesen. Zu derselben Zeit hat Avicenna nicht mögen sein, obwohl einige sprechen, dass man Sendbriefe finde, die sie einander geschrieben haben, aber es ist nicht wohl glaublich aus vorgenannter Ursache des Unterschieds der Zeit. Er hat als ein hochgelehrter und erfahrener Mann ein übertreffliches Buch gemacht und dannoch nach Einsicht der Schriften aller Ärzte alle Arznei in fünf Bücher gebracht und sonst vieles geschrieben. Averroes, der Arzt und Liebhaber der Weisheit, hat in Hispanien bei der Stadt Córdoba dieser Zeit (wie in einem seiner Bücher erscheint) gewirkt, denn er ist nach der Geburt des Herrn 1150 Jahre (wie er sagt) ein Sammler der Schriften gewesen. So spricht Ägidius Romanus, der Lehrer, er hat Averroes' Söhne im Hof Kaiser Friedrichs gesehen. Er hat vieles gemacht und also trefflich über alle Bücher des Aristoteles geschrieben, dass er den Zunamen eines Glossierers, Erklärers und Auslegers zu haben verdient hat. So hat er auch in der Arznei ein schönes Buch und auch sonst viele lobenswerte, kunstreiche Schriften gemacht und hinter ihm gelassen. Avenzoar, der Arzt, ist dieser Zeit (wie er das in seinen selbst Büchern bezeugt) in hoher Achtung gewesen, und nachdem er aber hochgelehrt und der Arznei erfahren war, so hat er ein Arzneibuch, Theysir genannt, gemacht und einem König zugeschrieben und gegeben und auch einige Ratschläge begriffen und gesprochen, dass er alle Arznei in einem weiten Buch beschlossen habe. Thomas, der Erzbischof von Canterbury, war in der Jugend jedermann angenehm und verließ den königlichen Hof in England und ward von Theobald, dem Erzbischof, zu einem Erzdiakon aufgenommen und bei Heinrich, dem König von England, zum Kanzler gemacht, dass er mit seiner Klugheit die Unsinnigkeit der böswilligen Menschen mäßigen sollte. Als er aber darnach zum Erzbischof erkoren ward und sich dem König, der der Kirche und dem Bistum ihre Gerechtigkeit nehmen wollte, widersetzte, da fiel er in Ungnade des Königs. Vor dem entwiche er einige Jahre. Als er nun über einige Jahre wieder heimkam und nun viel Verfolgung erlitten hatte, da ward er gemartert und wegen seiner geübten Wunderwerke in die Zahl der Heiligen geschrieben, und seine Peiniger empfingen jämmerliche Strafe und Tode. Das Land Norwegen hat zu diesen Zeiten den christlichen Glauben wieder angenommen aus trefflicher Lehre und Predigt des albanensischen Bischofs, der dann darum nach dem Absterben Anastasius' zum Papst erkoren und Hadrian IV. genannt ward.