Schedelsche Weltchronik · Blatt 224

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 224, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 224, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das sechst alter Geschihten diser zeit in welschen landen DEr estensisch marggraff. der Ferrariam von der kirchen wegen in pflegnus. vnd die stett Mutinam vnd Regium nach dem gnadenreichen iar gezemet het was zu solcher mechtigkeit komen das der neapolitanisch koenig Carolus der ander Beatricem sein tochter Azoni deßmals astensischem marggrafen vermehlet. Aber Azo mocht sich der eren vnd freueden solcher heyrat nicht lang geprauchen. dann in dem ersten iar derselben heyrat fienge ine Friscus ein iungling der auß einem frembden weib sein sun was vnd bezwange ine in eim kercker zesterben. vnd also erlanget derselb iungling mit gunst ettlicher ferrarier vnd des bischofs die herrschung vber die statt ferraria mutina vnd regium. Daselbsthin sendeten die Venediger ime auf sein anruoffen ir hilff mit schiffung. dann das castell Thealdum genant lage an der prugk darauff man von der statt vber den fluss Padus gein Bononiam wartz zu zeueht. dasselb castel getrawet Friscus on schiffung nit zeeroebern. Als nw der cardinal Pelagura den der babst gein Bononiam senndet solchs verstuonde. do gepote er den Venedigern bey bedroung des panns sich der Ferrarier sachen zeentschlahen vnd mit irem volck vnd schiffung von dannen zeweichen. Aber die venediger rueckten alle weil iren streyt vnd schießzeueg an das castel vnd zuendeten die schiffung der Ferrarier allenthalben an. vnd namen das ort der statt an die prugk stossende ein. also ee der befelh vnd das gepote des babstlichen legaten lawt precht wardt do hetten die Venediger die prugken verprennt vnd zerrissen vnd das castel eingenomen. In mitler zeit zuendet Friscus durch beystand Rinaldi des hawbtmans des raysigen zeuegs schier diehalben statt Ferrariam an. Als nw die auffruor von den venedigern ein wenig gestillet wardt do ergaben sie sich an die venediger. Demnach tet babst Clemens der fuenft die venediger zu Auion oeffenlich in den pan mit gepote wo man die betrette zefahen vnd fuer knecht zeuerkawffen. darumb warden den venedigern in Flandern vnnd anderßwo vil gueeter aufgehalten vnd genomen. Robertus koenig RObertus des andern Caroli koenigs zu Sicilia vnd Apulia sun hat nach absterben seins vaters als koenig daselbst. xxxiii. iar geregirt. ein edler koenig vnnd sundere zierde aller tugent. vnd von vil rednern vnd poeten hohgelobt. vnnd nit allain in vbung vnd kuendigkeit ritterlicher hendel vnd sachen. sunder auch vnder andern seiner zeit genossen in kunst vnd weißheit der heilligen schrift. philozophey vnd ertzney beruembt. Er hat in seinem alter den poeten Franciscum petrarcham hoeren woellen. vnd zu Auion die bekroenung vom babst gewoenlicher weiß empfangen. Darnach schicket er Johannem seinen bruder wider kaiser Heinrichen gein Rom. vnd Heinrich entsetzet disen Robertum seins reichs. aber babst Clemens wolt nicht darein verwilligen. Nachfolgend empfieng er der Genueser statt in seinen gewalt. vnd als er aber sterben solt vnd keinen sun het do schaffet er dz Andreas koenig zu hungern sein enickl nach ime regiren solt. Canis von der layttern Anfang der herren von der laytern. CAnis von der layttern der von seiner gestrengklich geuebten handlung wegen der gross zugenambt ist albrechts von der laytern des hawbtmans sun ein hohberuembter man vnderzohe sich der herrschaft zu Bernn vnnd herrschet schier. xx. iar mit solcher gerechtigkeit. weißheit vnd gueetigkeit das er auch alles Romandiolam. mer mit seiner gueetigkeit den mit dem schwert ime vndertenig machet. Er was ein wolberedter fuerst. holdselig. milt. vnd ein sundrer liebhaber vnd erer der gelerten. als er nw zu letst die statt bern mit großen gepewen erlewchtet het do starb er nach der gepurt cristi. M.ccc.xxix. iar. on manlichen leibs erben. vnd ließ die herrschaft seinen zwayen vettern Alberto vnd Mascino gebrueedern. vnd sein leichnam ward mit bewaynung allermenigclichs in hohem geprengk in der kirchen bey der statt markt begraben als dann daselbst ob der kirchen thuer nochmals ein gross herrlichs grab mit seiner pildnus vnd vmbschrift vorawgen ist. Ludwig koenig LVdwig koenig Philipsen zu franckreich sun regiret nach seinem vater zway iar. vnd was ein liebhaber cristenlichs glawbens vnd der gaistlichkeit. dann als er verstund das die cardinel in manche stett gallie der mißhellung halben in der wale eins babsts enstanden lang zeit zerstrewet gewesen vnd zwen cardinel erschlagen worden weren do sammlet er sie pald zesamen vnnd riete inen zu der wale eins babsts gein Lyon zekomen. dem volgten sie vnd weleten Jacobum den Portuensischen bischoff. vnd in dem iar als derselb babst erkorn ward do endet diser koenig sein leben. vnd ließ Johanßen seinen sun noch ein kind das regiret nuor. xx. tag. der werlt Blat CCXXIIII Marsilius der carrarier fuerst Anfang der Carrarier herrschung MArsilius ein fuerst der edeln carrarier. Als er sich der herrschung zu Padua vnderstanden vnd daselbst nichtz tyrannisch sunder vetterlich vil iar geregirt het do stuonde er auß besorgknus des großen Canis von der layttern gewalts vnd mechtigkeit ime derselben herrschung willigclich ab. Als aber derselb Canis in dem iar darnach mit tod abgieng do zohe er widerumb gein Padua name die herrschung wider an vnd herrschet. x. iar. Diss was gar ein senftmueetig man. herrlicher syttlichkeit wandels vnd geperde mit vil tugenten gezieret. Der starb on manlich erben vnd schaffett Vbertino seinem vetter alle seine verlaßne erbschaft NAch der gepurt cristi tawsent.iiic.x. iar haben ettliche geschlecht zu venedig auß begirlichkeit der herrschung daselbst ein auffruor gemacht wider den hertzog Petrum grandenigum. aber dieselb wardt durch sein fuersichtigkeit pald gestillet. vnd die Quiriner mit iren anhengern auß der statt vertriben. vnd die fuernemsten vrsacher mit zwayen Florentinern enthawbtet. vnnd das was die erst zerstoerung des geschlechts in Venedig auß partheyschkeit. Vnd als aber nachfolgend dieweil Johannes sorancius das hertzogthumb daselbst regiret Jacobus quirinus vnd Marinus barocius zerruedung in dem gemaynen stand zu Venedig machen wolten do warden sie darumb getoedt. vnd deßmals die ordnung der sechs procurator sant Marxen auß dem rat fuergenomen. Arnaldus de villa nova ARnaldus de noua villa ein großer philozophus vbet sein lere zu Parys. vnnd fliße sich durch die prophecey danielis vnd sibille erithree die zukunft des anticrists zebeweren. vnd das die verfolgung der kirchen kuenftig wer zwischen M.ccc. vnd M.cccc. iar des herren schier in dem. M.ccc.lxxvi. iar gegenwertig gewesen. darueber machet er ein buoch. aber es wardt verworffen vnd gleich ketzerisch geachtet. dann ime waren darinn vil maister zu parys widerwertig. Nw besorget er sich vor dem ketzermaister. darumb fluhe er haymlich daruon vnd kom in Siciliam. von dannen ward er von koenig Friderichen zu Sicilia zum babst gesendet vnd starb auff dem meer. PHilippus koenig Ludwigs zu franckreich bruder regiret nach absterben koenig Johanßen desselben Ludwigs sun fuenff iar. Petrus de abeno PEtrus apponus oder de abano ein hohberuembter artzt vnnd philozophus vnd zu Parys ein namhaftiger lerer hat gar vil treffenlicher vnd tiefgegruendter schrifften in der ertzney vnd naturlichen kunst gemacht. vnnd auff das er ettliche in der kriechischen zungen geschribne bueecher versteen moecht so zohe er gein constantinopel vmb lernung willen kriechischs gezuengs. Als er dasselb gelernet do bracht er vil kriechischer bueecher Galieni in das latein. Er ist in allen freyen kuensten ein hoh erfarner man gewesen. vnnd hat vnder dem gemaynen regiment des volcks der koenigclichen statt Padua geplueet. Man sagt er sey ein großer schwartzkuenstner gewesen vnd hab wundersame ding dardurch erzaigt. Dynus ein artzt DInus de garbo ein Forentinischer artzt. hat diser zeit als ein hohgelerter vnd wolerfarner man der ertzney gar vil nuetzer vnd schoener außlegung der bueecher durch die alten ertzte beschriben clerlich begriffen. vnd sunst in der ertzney vil guots dings hinder ime gelaßen. Gentilis ein artzt GEntilis fulginas von Perus ein fast weyser artzt was diser zeit nicht mynnders lobs vnd ruoms dann wie dynus. Dess geben ein anzaigung sein scharpff vnd fleißig außlegung der bueecher Auicenne. vnnd die subtil ermessung der wort desselben Auicenne. Sunst außerhalb solcher subtiler außlegung hat er vil nutzperer ratschleg wider die pestilentz beschriben. vnd vil schoener frag von den staffeln der ertzney gezaigt. MAtheus siluaticus ein artzt auß edeln eltern von Mantua geporn hat diser zeit ein schoens treffenlichs buch die kunst der ertzney antreffende geschriben vnd dem koenig Roberto zu Sicilia zugeschriben.

Moderne Übersetzung

Das sechste Zeitalter. Geschichten dieser Zeit in den welschen Ländern. Der Markgraf von Este, der Ferrara von der Kirche in Obhut genommen und die Städte Modena und Reggio nach dem Gnadenjahr unterworfen hatte, war zu solcher Macht gelangt, dass der neapolitanische König Karl II. seine Tochter Beatrix mit Azo, dem damaligen Markgrafen von Este, vermählte. Aber Azo konnte sich der Ehre und Freude dieser Heirat nicht lange erfreuen, denn im ersten Jahr derselben Heirat nahm ihn Friscus, ein Jüngling, der sein Sohn von einer fremden Frau war, gefangen und zwang ihn, im Kerker zu sterben. Und so erlangte derselbe Jüngling mit der Gunst einiger Ferrarer und des Bischofs die Herrschaft über die Städte Ferrara, Modena und Reggio. Dorthin sandten die Venezianer ihm auf sein Anrufen ihre Hilfe mit Schiffen, denn die Burg namens Thealdo lag an der Brücke, über die man von der Stadt über den Fluss Po in Richtung Bologna zog. Diese Burg traute Friscus sich ohne Schiffe nicht zu erobern. Als nun der Kardinal Pelagrua, den der Papst nach Bologna gesandt hatte, dies verstand, gebot er den Venezianern unter Androhung des Kirchenbanns, sich aus den Angelegenheiten der Ferrarer herauszuhalten und mit ihrem Volk und ihren Schiffen von dort zu weichen. Aber die Venezianer rückten derweil ihr Kriegsgerät und ihre Geschütze an die Burg heran und zündeten die Schiffe der Ferrarer überall an. Und sie nahmen den an die Brücke stoßenden Teil der Stadt ein. So hatten die Venezianer, noch ehe der Befehl und das Gebot des päpstlichen Legaten laut verkündet wurde, die Brücken verbrannt und zerstört und die Burg eingenommen. In der Zwischenzeit zündete Friscus durch Beistand Rinaldos, des Hauptmanns der Reiterei, beinahe die halbe Stadt Ferrara an. Als nun der Aufruhr von den Venezianern ein wenig gestillt wurde, ergaben sie sich den Venezianern. Danach belegte Papst Clemens V. die Venezianer in Avignon öffentlich mit dem Kirchenbann und befahl, wo man sie antreffe, sie gefangen zu nehmen und als Knechte zu verkaufen. Darum wurden den Venezianern in Flandern und anderswo viele Güter zurückgehalten und genommen. König Robert. Robert, der Sohn Karls II., Königs von Sizilien und Apulien, hat nach dem Tod seines Vaters dort 33 Jahre als König regiert. Er war ein edler König und eine besondere Zierde aller Tugenden, von vielen Rednern und Poeten hochgelobt. Und nicht allein in der Übung und Kenntnis ritterlicher Handlungen und Angelegenheiten, sondern auch unter anderen Zeitgenossen in Kunst und Weisheit der Heiligen Schrift, Philosophie und Medizin berühmt. Er wollte in seinem Alter den Poeten Francesco Petrarca hören. Und in Avignon empfing er die Krönung vom Papst auf gewöhnliche Weise. Danach schickte er Johann, seinen Bruder, gegen Kaiser Heinrich nach Rom. Und Heinrich enthob diesen Robert seines Reiches, aber Papst Clemens wollte dem nicht zustimmen. Nachfolgend empfing er die Stadt Genua in seinen Gewalt. Und als er aber sterben sollte und keinen Sohn hatte, da verfügte er, dass Andreas, König von Ungarn, sein Enkel, nach ihm regieren sollte. Cangrande della Scala. Anfang der Herren von der Scala. Cangrande della Scala, der wegen seiner streng ausgeübten Herrschaft der Große genannt wird, Sohn Albrechts della Scala, des Hauptmanns, ein hochberühmter Mann, übernahm die Herrschaft in Verona und herrschte beinahe 20 Jahre mit solcher Gerechtigkeit, Weisheit und Güte, dass er auch ganz Romagna mehr mit seiner Güte als mit dem Schwert sich untertan machte. Er war ein wortgewandter Fürst, holdselig, mildtätig und ein besonderer Liebhaber und Förderer der Gelehrten. Als er nun zuletzt die Stadt Verona mit großen Bauten verschönert hatte, da starb er im Jahr 1329 nach Christi Geburt, ohne männliche leibliche Erben. Und er hinterließ die Herrschaft seinen beiden Vettern, den Brüdern Alberto und Mascino. Und sein Leichnam wurde unter Beweinung aller Leute mit großem Prunk in der Kirche beim Stadtmarkt begraben, wo dann dort über der Kirchentür noch immer ein großes, herrliches Grab mit seiner Bildnis und Inschrift zu sehen ist. König Ludwig. König Ludwig, Sohn Philipps von Frankreich, regierte nach seinem Vater zwei Jahre. Und er war ein Liebhaber des christlichen Glaubens und der Geistlichkeit. Denn als er verstand, dass die Kardinäle in manchen Städten Galliens wegen der Uneinigkeit bei der Papstwahl lange Zeit zerstreut gewesen und zwei Kardinäle erschlagen worden waren, da sammelte er sie bald zusammen und riet ihnen, zur Papstwahl nach Lyon zu kommen. Dem folgten sie und wählten Jakob, den Bischof von Porto. Und in dem Jahr, als derselbe Papst gewählt wurde, da beendete dieser König sein Leben. Und er hinterließ Johann, seinen Sohn, noch ein Kind, das nur 20 Tage regierte. Blatt 224 der Weltchronik. Marsilius, der Carrara-Fürst. Anfang der Carrara-Herrschaft. Marsilius, ein Fürst der edlen Carrara. Als er sich der Herrschaft in Padua unterzogen und dort viele Jahre nicht tyrannisch, sondern väterlich regiert hatte, da trat er aus Besorgnis vor der Gewalt und Macht des großen Cangrande della Scala freiwillig von dieser Herrschaft zurück. Als aber derselbe Cangrande im Jahr danach starb, da zog er wieder nach Padua, nahm die Herrschaft wieder an und herrschte 10 Jahre. Dies war ein sehr sanftmütiger Mann, mit herrlicher Sittlichkeit, Wandel und Gebaren, mit vielen Tugenden geschmückt. Er starb ohne männliche Erben und vermachte seinem Vetter Ubertino sein gesamtes hinterlassenes Erbe. Im Jahr 1310 nach Christi Geburt haben einige Geschlechter in Venedig aus Begierde nach der Herrschaft dort einen Aufruhr gegen den Dogen Pietro Gradenigo gemacht. Aber derselbe Aufruhr wurde durch seine Umsicht bald gestillt. Und die Quirini mit ihren Anhängern wurden aus der Stadt vertrieben. Und die vornehmsten Urheber wurden mit zwei Florentinern enthauptet. Und das war die erste Zerstörung des Geschlechts in Venedig aus Parteigeist. Und als aber nachfolgend, während Johannes Soranzo das Herzogtum dort regierte, Jacobus Quirinus und Marinus Barocius Unruhe im Gemeinwesen Venedigs stiften wollten, da wurden sie deswegen getötet. Und damals wurde die Ordnung der sechs Prokuratoren des Heiligen Markus aus dem Rat eingeführt. Arnaldus de Villa Nova. Arnaldus de Nova Villa, ein großer Philosoph, übte seine Lehre in Paris aus. Und er bemühte sich, durch die Prophezeiung Daniels und der Sibylle Erythraea die Zukunft des Antichristen zu beweisen. Und dass die Verfolgung der Kirche künftig sei zwischen 1300 und 1400 des Herrn, beinahe im Jahr 1376 gegenwärtig gewesen. Darüber machte er ein Buch, aber es wurde verworfen und als ketzerisch angesehen. Denn ihm waren darin viele Meister in Paris entgegen. Nun fürchtete er sich vor dem Inquisitor. Darum floh er heimlich davon und kam nach Sizilien. Von dort wurde er von König Friedrich von Sizilien zum Papst gesandt und starb auf dem Meer. König Philipp. Philipp, der Bruder Ludwigs von Frankreich, regierte nach dem Tod König Johanns, des Sohnes desselben Ludwigs, fünf Jahre. Petrus de Abano. Petrus Apponus oder de Abano, ein hochberühmter Arzt.

Anmerkungen

Das sechst alter
Das sechste Zeitalter (historische Periodisierung der Weltgeschichte nach Augustinus)
welschen landen
Romanische Länder, insbesondere Italien
Estensisch Marggraff
Markgraf von Este, Herrschergeschlecht in Ferrara, Modena, Reggio
Ferrariam
Ferrara (Stadt in Italien)
pflegnus
Obhut, Verwaltung
Mutinam
Modena (Stadt in Italien)
Regium
Reggio Emilia (Stadt in Italien)
gnadenreichen iar
Gnadenjahr, Jubeljahr (hier wohl 1300, das erste Jubeljahr der katholischen Kirche)
gezemet het
unterworfen, sich angeeignet hatte
neapolitanisch koenig Carolus der ander
Karl II. von Neapel (1254–1309), König von Neapel und Sizilien
Beatricem
Beatrix von Anjou (Tochter Karls II.)
Azoni deßmals astensischem marggrafen
Azo VIII. d'Este (gest. 1308), Markgraf von Este
freueden
Freuden
geprauchen
sich erfreuen, nutzen
fienge ine
nahm ihn gefangen
Friscus
Francesco d'Este (unehelicher Sohn Azos VIII.)
bezwange ine in eim kercker zesterben
zwang ihn, im Kerker zu sterben
ettlicher ferrarier
einiger Bürger von Ferrara
Venediger
Venezianer
schiffung
Schiffe, Flotte
castell Thealdum
Burg Thealdo (oder Tealdo), eine Festung bei Ferrara
Padus
Po (Fluss in Italien)
Bononiam
Bologna (Stadt in Italien)
wartz zu zeueht
hinzog, zog
getrawet Friscus on schiffung nit zeeroebern
Friscus traute sich nicht, diese Burg ohne Schiffe zu erobern
cardinal Pelagura
Kardinal Napoleone Orsini (Pelagrua ist eine Verballhornung oder ein Fehler im Original, Orsini war päpstlicher Legat)
babst
Papst
bedroung des panns
Androhung des Kirchenbanns
zeentschlahen
sich heraushalten, sich entziehen
rueckten alle weil iren streyt vnd schießzeueg an das castel
rückten derweil ihr Kriegsgerät und ihre Geschütze an die Burg heran
schießzeueg
Geschütze, Kriegsgerät
lawt precht wardt
laut verkündet wurde
verprennt vnd zerrissen
verbrannt und zerstört
raysigen zeuegs
Reiterei, berittene Truppen
schier diehalben statt
beinahe die halbe Stadt
ergaben sie sich an die venediger
ergaben sie sich den Venezianern
babst Clemens der fuenft
Papst Clemens V. (1264–1314), erster Papst in Avignon
Auion
Avignon (Stadt in Frankreich, Sitz der Päpste im 14. Jahrhundert)
betrette zefahen vnd fuer knecht zeuerkawffen
antreffe, gefangen zu nehmen und als Knechte zu verkaufen
Flandern
Flandern (historische Region in Belgien/Niederlanden/Frankreich)
gueeter aufgehalten vnd genomen
Güter zurückgehalten und genommen
Robertus koenig
König Robert von Anjou (1277–1343), König von Neapel
Caroli koenigs zu Sicilia vnd Apulia
Karl II., König von Sizilien und Apulien
absterben
Tod
xxxiii.
römisch für 33
zierde aller tugent
Zierde aller Tugenden
vbung vnd kuendigkeit
Übung und Kenntnis
hendel vnd sachen
Handlungen und Angelegenheiten
genossen
Zeitgenossen
philozophey vnd ertzney
Philosophie und Medizin
Franciscum petrarcham
Francesco Petrarca (1304–1374), berühmter italienischer Dichter
hoeren woellen
hören wollen (hier im Sinne von: ihn empfangen und seine Dichtung hören)
Johannem seinen bruder
Johann von Durazzo (Bruder Roberts)
kaiser Heinrichen
Kaiser Heinrich VII. (ca. 1275–1313), römisch-deutscher Kaiser
entsetzet disen Robertum seins reichs
enthob diesen Robert seines Reiches
verwilligen
zustimmen, einwilligen
Genueser statt
Stadt Genua (in Italien)
schaffet er dz Andreas koenig zu hungern sein enickl nach ime regiren solt
verfügte er, dass Andreas, König von Ungarn, sein Enkel, nach ihm regieren sollte (Andreas von Ungarn war der Ehemann von Roberts Enkelin Johanna I. von Neapel)
enickl
Enkel
Canis von der layttern
Cangrande della Scala (1291–1329), Herr von Verona. 'Canis' ist eine Latinisierung von Cane, 'layttern' ist Scala (Leiter)
gestrengklich geuebten handlung
streng ausgeübten Herrschaft/Tätigkeit
der gross zugenambt ist
der der Große genannt wird
albrechts von der laytern des hawbtmans sun
Sohn Albrechts della Scala, des Hauptmanns
vnderzohe sich der herrschaft zu Bernn
übernahm die Herrschaft in Verona. 'Bernn' ist hier ein Fehler im Original, es müsste 'Verona' sein.
xx.
römisch für 20
Romandiolam
Romagna (historische Region in Italien)
mer mit seiner gueetigkeit den mit dem schwert ime vndertenig machet
mehr mit seiner Güte als mit dem Schwert sich untertan machte
wolberedter fuerst
wortgewandter Fürst
holdselig
anmutig, liebenswürdig
milt
mildtätig, großzügig
erer der gelerten
Förderer der Gelehrten
erlewchtet het
verschönert, glänzend gemacht hatte (durch Bauten)
M.ccc.xxix. iar
1329 Jahre (römische Zahl)
on manlichen leibs erben
ohne männliche leibliche Erben
vettern Alberto vnd Mascino gebrueedern
seinen beiden Vettern, den Brüdern Alberto und Mascino (Alberto II. della Scala, Mastino II. della Scala)
bewaynung allermenigclichs
Beweinen aller Leute
hohem geprengk
großem Prunk
pildnus vnd vmbschrift vorawgen ist
Bildnis und Inschrift zu sehen ist
Ludwig koenig
Ludwig X. von Frankreich (1289–1316), genannt der Zänker
Philipsen zu franckreich sun
Sohn Philipps IV. von Frankreich
gaistlichkeit
Geistlichkeit
gallie
Gallien (hier: Frankreich)
mißhellung halben in der wale eins babsts enstanden
wegen der Uneinigkeit bei der Papstwahl entstanden
zerstrewet gewesen
zerstreut gewesen
pald zesamen
bald zusammen
riete inen zu der wale eins babsts gein Lyon zekomen
riet ihnen, zur Papstwahl nach Lyon zu kommen
Jacobum den Portuensischen bischoff
Jakob von Porto (Jacques Duèze), der als Papst Johannes XXII. gewählt wurde
erkorn ward
gewählt wurde
endet diser koenig sein leben
beendete dieser König sein Leben
Johanßen seinen sun noch ein kind das regiret nuor. xx. tag
Johann I. von Frankreich (1316), genannt der Posthume, regierte nur 5 Tage, nicht 20. Die Angabe 'xx. tag' (römisch für 20 Tage) ist historisch ungenau.
Blat CCXXIIII
Blatt 224 (römische Zahl)
Marsilius der carrarier fuerst
Marsilio da Carrara (gest. 1338), Herr von Padua
Carrarier herrschung
Herrschaft der Familie Carrara
vnderstanden
unterzogen, übernommen
nichtz tyrannisch sunder vetterlich
nichts tyrannisch, sondern väterlich
stuonde er auß besorgnus des großen Canis von der layttern gewalts vnd mechtigkeit ime derselben herrschung willigclich ab
trat er aus Besorgnis vor der Gewalt und Macht des großen Cangrande della Scala freiwillig von dieser Herrschaft zurück
abgieng
starb
zohe er widerumb gein Padua name die herrschung wider an
zog er wieder nach Padua, nahm die Herrschaft wieder an
x.
römisch für 10
senftmueetig
sanftmütig
syttlichkeit wandels vnd geperde
Sittlichkeit, Wandel und Gebaren
gezieret
geschmückt
schaffett Vbertino seinem vetter alle seine verlaßne erbschaft
vermachte seinem Vetter Ubertino sein gesamtes hinterlassenes Erbe (Ubertino da Carrara)
tawsent.iiic.x. iar
1310 Jahre (römische Zahl)
begirlichkeit
Begierde, Gier
auffruor
Aufruhr
hertzog Petrum grandenigum
Doge Pietro Gradenigo (reg. 1289–1311)
fuersichtigkeit
Umsicht, Voraussicht
gestillet
gestillt, beruhigt
Quiriner
Familie Quirini (venezianisches Adelsgeschlecht)
anhengern
Anhängern
vertriben
vertrieben
fuernemsten vrsacher
vornehmsten Urheber
enthawbtet
enthauptet
zerstoerung des geschlechts
Zerstörung des Geschlechts (im Sinne von: Niedergang, Auslöschung der Macht)
partheyschkeit
Parteigeist, Parteilichkeit
dieweil Johannes sorancius das hertzogthumb daselbst regiret
während Johannes Soranzo (Giovanni Soranzo, Doge 1312–1328) das Herzogtum (Dogenamt) dort regierte
Jacobus quirinus vnd Marinus barocius
Giacomo Quirini und Marino Barozzi (Mitglieder der Verschwörung von Bajamonte Tiepolo)
zerruedung in dem gemaynen stand zu Venedig machen wolten
Unruhe im Gemeinwesen Venedigs stiften wollten
warden sie darumb getoedt
wurden sie deswegen getötet
deßmals die ordnung der sechs procurator sant Marxen auß dem rat fuergenomen
damals wurde die Ordnung der sechs Prokuratoren des Heiligen Markus aus dem Rat eingeführt (Prokuratoren von San Marco waren hohe venezianische Beamte)
Arnaldus de villa nova
Arnald von Villanova (ca. 1235–1311), berühmter Arzt, Alchemist und Philosoph
Parys
Paris (Stadt in Frankreich)
fliße sich
bemühte sich
prophecy danielis vnd sibille erithree
Prophezeiung Daniels (aus der Bibel) und der Sibylle Erythraea (antike Prophetin)
zukunft des anticrists zebeweren
die Zukunft des Antichristen zu beweisen
kuenftig wer zwischen M.ccc. vnd M.cccc. iar des herren schier in dem. M.ccc.lxxvi. iar gegenwertig gewesen
künftig sei zwischen 1300 und 1400 des Herrn, beinahe im Jahr 1376 gegenwärtig gewesen (M.ccc. = 1300, M.cccc. = 1400, M.ccc.lxxvi. = 1376)
darueber machet er ein buoch
darüber machte er ein Buch
verworffen vnd gleich ketzerisch geachtet
verworfen und als ketzerisch angesehen
maister zu parys widerwertig
Meister (Gelehrte) in Paris entgegen
besorget er sich vor dem ketzermaister
fürchtete er sich vor dem Inquisitor (Ketzerverfolger)
fluhe er haymlich daruon vnd kom in Siciliam
floh er heimlich davon und kam nach Sizilien
koenig Friderichen zu Sicilia
König Friedrich II. von Sizilien (1272–1337)
PHilippus koenig
Philipp V. von Frankreich (1293–1322), genannt der Lange, Bruder Ludwigs X.
absterben koenig Johanßen desselben Ludwigs sun
nach dem Tod König Johanns, des Sohnes desselben Ludwigs (Johann I. von Frankreich)
Petrus de abeno
Pietro d'Abano (ca. 1257–1316), italienischer Philosoph, Arzt und Astrologe
hohberuembter artzt
hochberühmter Arzt