Schedelsche Weltchronik · Blatt 245

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 245, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 245, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das sechst alter ALbrecht vorgenanter hertzog zu oesterreich gepote vor vnd ee er zu roemischem koenig erwelt wardt alle iuden in seinem gepiete zeerschlagen die sich zu Cristo dem waren einigen got nit bekeren wolten. Nw ließen sich vil iuden auß forcht tawffen. Derselben iuden einen name hertzog Friderich von oesterreich ee er zu roemischen koenig erwelet wardt in sein schlafkamer auff. vnd het ine als seinen zeitgenossen gar lieb. Nach ettlichen iarñ fiel er in rew vnd sprach er het ime fuergesetzt widerumb in den iudischen glawben zetretten. vnd wiewol Friderich ime riete den weg des lebens nicht zeuerlassen so mocht er doch den iuden nit widerwenden. do berueeffer er die lerer der heilligen schrift auß der hohen schuol zu Wienne disen iunngen iuden zeunderrichten. aber der iud wolt weder durch bete. zeher. verhayssung noch bedroung von seinem fuernemen absteen. Als nw zu letst nichtz helfen wolt do ließ Friderich den selben iuden fuer gericht fueeren. vnd als aber der iud vngepunden (als er begeret) zu dem tod gefueert vnnd des prinnenden fewrs ansyhtig wardt do fiennge er ein hebreysch gesanng an vnnd sprunge vnerschrocken mytten in die flammen. EJnßmals saße koenig Albrecht des Laßlaws vater zu Wienne an einer predig eins muenchs prediger ordens vnd entschliefe do schrye der prediger mit hoehrer stymm vnd sprach. Ich frag euch die ir alda steet ob auch die fuersten behalten muogen werden. vnd als aber der prediger die sach zweifellich vnd kuemerlich gemacht vnd der koenig auff gewacht vnd die ding gar wol gemerckt het do sprach er. Wenn die fuersten getawft in der wygen sterben so ist an irem hail nicht zeuerzweifeln. Paulus vergerius PEtrus paulus vergerius ein naturlicher maister. zierredner vnd rechtgelerter vnd lateinischer vnd kriechischer zungen hoherfarn ein iunger Crisolore von Constantinopel. vnnd des carrariensischen geschlechts weylund geheymer diener ist diser zeit yetzgemelter seiner kunst vnd schicklichkeit halben in großer achtperkeit gewesen vnd hat vil loeblicher preyßwirdiger schrift gemacht. MApheus vegius nicht ein vnachtperer zierredner vnd poet vnd Martini des babsts hofgesind hat diser zeit zu Rom wesende vil vnd mancherlay gedichts den gelerten bekannt begriffen. FRanciscus barbarus von Venedig auch ein iunger Crisolore in den kriechischen buochstaben ein man vbertreffenlicher synnschicklichkeit vnnd kluogheit ist diser zeit von seiner schriftlichen kunst. welredperkeit vnd werltgescheydigkeit wegen in hohem weerde geachtet gewest vnd hat ein schoens buoch von hawßfrewlichen sachen vnd vil zierlicher epistel vnd sendbrieff gemacht. Leonhardus iustinianus deßgleichen ein wolgelert vnd beruembt man hat diser zeit gelebet. CArolus aretinus ein poet kriechischer vnd lateinischer zung durchfarñ vnd wolredper treffenlicher tichter ist diser zeit von seiner schicklichkeit vnd woltueglichkeit wegen von den von Florentz in ir cantzley aufgenomen vnd mit sold versehen vnd gefreyet worden. CAietanus von Vicentz ein thumherr zu Padua ein furnemer lerer der heilligen schrift vnd naturlicher mayster hat diser zeit in der hohen schuol zu Padua mit lesen vnd disputiren den vorgang behabt vnd gar treffenlich vnd außpuendig vber ettliche bueecher des naturlichen maisters Arestotilis geschriben. vnnd anders gesammelt. Concili zu Florentz COncili zu Florentz wardt nach der gepurt Cristi M.cccc.xxxix. iar von babst Eugenio wider dz concili zu Basel gehalten. dann nach absterben kaiser Sigmunds von dem das concili zu Basel auffunng name als hertzog Albrecht von oesterreich zu roemischen koenig erkorn wardt do fienng der cardinal des heilligen creuetzs von babsts Eugenij wegen das Ferrariensisch concili an. Daselbsthin koeme auch Eugenius. dann er verstunnde das der kriechisch kaiser auch daselbsthin komen wuerd. vnd der wardt von Eugenio zu Ferraria nicht anders empfangen dann wie man die roemischen kaiser pfligt zeempfahen. Aber es begunde zesterben zu Ferraria darumb wardt das concili von dannen gein Florentz gewendt. alda warden nach mancherlay vnd gnuogsamer verhoerung der kriechischen vnd lateinischen gegeneinander die kriechen mit vernueftigen vrsachen vberwunden zebekennen. das der heillig gaist vomb vater vnd vomb sun außgeet. vnd das der fronleichnam Cristi in eim vngesewrten waytzin prot gesegnet wuerde. vnd das sie auch ein fegfewr glawbten. vnd auch veriahen das der roemisch bischoff der war statthalter Cristi vnd rechter nachkomen Petri die ersten stat in der werlt hielt. dem die orientisch vnd occidentisch kirch billich gehorsamm wer. vnd wiewol die kriechen mit freueden abschieden vnd haym zohen so fiel doch vnlang darnach die kriechisch nation wider in ir alte sytten vnnd gewonheit. Blat CCXLV der werlt PHilippus hertzog zu Mayland hielt nach erobrung der statt Genua ein groß heer beyeinaner. darumb komen die Florentiner wider ine zu krieg. der weeret bis in seinen tod .xxv. iar. Wiewol yezuzeiten dazwischen ein frid. aber vol vntrew vnd hinderlistig gestellt wardt. FRanckreich ist dauor lang in plueung aber zu disen zeiten in trawrigkeit vnd vnmuet gewesen. vnnd durch koenig Heinrichen von engelland vber die maß verheeret vnd verwueest worden. der doch auc nach vil beschedigung so er den andern mit krieg zugegefueegt hat nit mit klainer beschwerde der seinen sein leben vnseligclich geendet hat. JOhannes hertzog zu Burgundi hat dasselb koenigreich auch angegriffen. der wardt kuertzlich darnach erschlagen. das was ein vrsach vil boeser ding. Der cardinal des heilligen creuetzs machet zu letst frid. den namen die burgundier an. aber die engellender wolten nicht verwilligen. Aber als hertzog Johanns nach auffgenomnem frid das heilligst sacrament mitsambt dem koenig zu Franckreich genossen het. do wardt er in angesyht des koenigs zu franckreich frefellich erschlagen. auß dem volget demselben koenigreich vil vbels. Zway liebhabende ZWay liebhabende waren diser zeit in welschem land. ein ritter Euriolus genant kaiser Sigmunds sundrer gehaymer diener vnd Lucrecia in der statt Senis Sie waren bede huebsch. bede wolgestalt. aber Lucrecia in wunderperlicher schoene fuertreffend. Dise zway warden in plinder liebe allain von gesyht geineinander entzuendet. Zu letst komen sie zu begertem ende. vnd soelchs geschahe zu kaiser Sigmunds zeitten als der ettwielang zu Senis was. Als aber der kaiser fuerter ziehen wolt do muoßten sich dise zway schayden. Auß dem kome ir yedes zu solcher trawrigkeit. dz Lucrecia nach vil zehern in ein kranckeit fiel vnd irer muoter vnder den armen starb. vnd als Euriolo der todt seiner liebhaberin verkuendet wardt do ward er also vnmuotig vnd betrueebt das er keinen trost empfieng so lang bis ime der kaiser ein keuesche iunckfrawen hertzoglichs pluots zu der ee vermehlet. Von dem heerzug des Delphins in das Elsas IN disen tagen hat Ludwig der Viennisch delphin vnd des koenigs zu franckreich erstgeporner sun mit eim grossen heer die geschwelle oder gegent des roemischen reichs vberzogen vnd die stat Mompelgart belegert die dann die grafen von Wirttenberg vom roemischen reich zu lehen haben. Als nw der Delphin ettwielang also in der belegerung geharret het do machet er mit den in der statt ein gedinng das sie ime die statt ein nemliche zeit eingeben solten so woelt er inen die nach verscheynung derselben zeit freylich widereinantwurten. wo sie aber das nit tetten so het er ime fuergenomen die statt mit gewalt zebestreyten. damit er doch ein statt her darinn er wonet. dann es wer ye nit zymmlich das eins koenigs sun auff dem feld on ein obdach sein solte. Als nw der Delphin Mompelgart erobert het do verkuendet vnd eroeffnet er die vrsach seiner zukunft. aber nit bey allermenigclichen in einerlay gestalt. Sunder yetzo saget er das er dem adel der in Teuetschen landen durch die grafen verdruckt zu hilff komen wer. Denn sprach er wer durch den roemischen koenig wider die Schweitzer gefordert. So hielte er ettlichen fuer wie er das. das zu dem haws Franckreich gehoerte vnd bis an den Rhein raichte wider an dz selb haws bringen wolt. Zu zeiten ließ er sich mercken als ob er von hertzog Sigmunds wegen alda wer darumb woelt er die statt Straßburg belegern. Also vnderstund er sich solch geschray allenthalben lawtprecht zemachen. nit dz es also war wer. sunder er maynet dardurch gunst vnd naygung bey vil lewten zeerlangen. Nw hetten die Schweytzer bey Basel ein castel belegert do wolten des Delphins volck Armeniaci oder armegecken genant demselben castel zu rettung komen. als die Schweitzer das vernomen do zohen sie den armegecken entgegen vnd schluogen sie zu ruogk. also wichen die armen gecken von fuoß zu fuoß hinder sich vnd sammleten sich mit groesserm heer vnd vberfieln kawm vier roßlawff von Basel bey sant Jacobs spital die Schweitzer. do geschahe ein grawsamer vnd erbermdlicher streyt vnnd bliben vil menschen beder seyten tod. vnd der streyt weeret vom anfang des tags bis zum ende. Zum letsten warden die Schweitzer nit vberwunden sunder vberwindende also vermueedet das die armegecken einen zeherlichen cleglichen obsyg vnd das feld behielten. doch nit auß krafft sunder auß menig obligende. Ettlich sagen das der armegecken mer denn der Schweytzer eernidergelegt seyen worden. Dieweil dise ding also gehandelt warden do schicket der roemisch koenig sein botschaft. nemlich den bischoff von Augspurg. vnd doctor Johanßen von Aych vnd ettliche rittere zu dem Delphin zefragen. warumb er in das reich mit heereßkraft gezogen wer. Dazwischen warden von des concili wegen zwen cardinel vnd vil doctores mitsambt den burgern zu Basel zu demselben Delphin geschickt ine zebitten das consili vnnd die statt nicht zebeschedigen. Do sendet der delphin sein botschaft mit inen gein Basel. Daselbsthin komen auch des babsts Felicis legaten. vnd des hertzogen zu Sophoy vnd des gantzen Schweitzerischen punds zusamen. vnd hetten vil handelung der vertreg. Die botschafter die zu Nuermberg waren sagten das der delphin auff des koenigs begern wider die Schweitzer außgezogen weren. Als nw die armegecken Elsas verheert hetten so zohen sie doch nicht on verlust der iren wider anhayms nach der gepurt Cristi .M.cccc.xliiii. iar.

Moderne Übersetzung

Das sechste Zeitalter. Albrecht, der vorgenannte Herzog von Österreich, befahl, bevor er zum römischen König erwählt wurde, alle Juden in seinem Gebiet zu erschlagen, die sich nicht zu Christus, dem wahren und einzigen Gott, bekehren wollten. Nun ließen sich viele Juden aus Furcht taufen. Einen dieser Juden nahm Herzog Friedrich von Österreich, bevor er zum römischen König erwählt wurde, in seine Schlafkammer auf und hatte ihn als seinen Zeitgenossen sehr lieb. Nach etlichen Jahren fiel dieser in Reue und sprach, er habe sich vorgenommen, wieder in den jüdischen Glauben zurückzutreten. Und wiewohl Friedrich ihm riet, den Weg des Lebens nicht zu verlassen, so konnte er den Juden doch nicht umstimmen. Da berief er die Lehrer der Heiligen Schrift von der Hohen Schule zu Wien, um diesen jungen Juden zu unterrichten. Aber der Jude wollte weder durch Bitten, Tränen, Verheißungen noch Drohungen von seinem Vorhaben abstehen. Als nun zuletzt nichts helfen wollte, da ließ Friedrich denselben Juden vor Gericht führen. Und als der Jude aber ungebunden (wie er begehrte) zum Tod geführt und des brennenden Feuers ansichtig wurde, da fing er ein hebräisches Gesang an und sprang unerschrocken mitten in die Flammen. Einstmals saß König Albrecht, Ladislaus' Vater, zu Wien bei einer Predigt eines Mönchs des Predigerordens und entschlief. Da schrie der Prediger mit hoher Stimme und sprach: „Ich frage euch, die ihr allda steht, ob auch die Fürsten gerettet werden mögen.“ Und als aber der Prediger die Sache zweifelhaft und kümmerlich gemacht und der König aufgewacht und die Dinge sehr wohl gemerkt hatte, da sprach er: „Wenn die Fürsten getauft in der Wiege sterben, so ist an ihrem Heil nicht zu zweifeln.“ Petrus Paulus Vergerius, ein Naturphilosoph, Rhetoriker und Rechtsgelehrter und in lateinischer und griechischer Zunge hocherfahren, ein Schüler Chrysoloras' von Konstantinopel und weiland geheimer Diener des Carrara-Geschlechts, ist dieser Zeit, seiner eben erwähnten Kunst und Geschicklichkeit halber, in großer Achtbarkeit gewesen und hat viele löbliche, preiswürdige Schriften gemacht. Maffeo Vegio, ein nicht zu verachtender Rhetoriker und Poet und des Papstes Martin Hofgesinde, hat dieser Zeit, in Rom weilend, viele und mancherlei Gedichte den Gelehrten bekannt verfasst. Francesco Barbaro von Venedig, auch ein Schüler Chrysoloras' in den griechischen Buchstaben, ein Mann übertrefflicher Geisteskraft und Klugheit, ist dieser Zeit wegen seiner schriftlichen Kunst, Beredsamkeit und Weltklugheit in hohem Wert geachtet gewesen und hat ein schönes Buch von häuslichen Angelegenheiten und viele zierliche Episteln und Sendbriefe gemacht. Leonardo Giustiniani, desgleichen ein wohlgelehrter und berühmter Mann, hat dieser Zeit gelebt. Carlo Marsuppini (Carolus Aretinus), ein Poet, in griechischer und lateinischer Zunge erfahren und beredt, ein trefflicher Dichter, ist dieser Zeit wegen seiner Geschicklichkeit und Nützlichkeit von den Florentinern in ihre Kanzlei aufgenommen und mit Sold versehen und privilegiert worden. Gaetano von Vicenza, ein Domherr zu Padua, ein vornehmer Lehrer der Heiligen Schrift und Naturphilosoph, hat dieser Zeit in der Hohen Schule zu Padua mit Lesen und Disputieren den Vorrang gehabt und sehr trefflich und ausführlich über etliche Bücher des Naturphilosophen Aristoteles geschrieben und anderes gesammelt. Das Konzil zu Florenz wurde nach der Geburt Christi im Jahre 1439 von Papst Eugenius gegen das Konzil zu Basel gehalten. Denn nach dem Absterben Kaiser Sigismunds, von dem das Konzil zu Basel seinen Anfang nahm, als Herzog Albrecht von Österreich zum römischen König erkoren wurde, da fing der Kardinal des Heiligen Kreuzes von Papst Eugenius wegen das Konzil von Ferrara an. Dorthin kam auch Eugenius, denn er verstand, dass der griechische Kaiser auch dorthin kommen würde. Und dieser wurde von Eugenius zu Ferrara nicht anders empfangen, als man die römischen Kaiser zu empfangen pflegt. Aber es begann in Ferrara zu sterben, darum wurde das Konzil von dannen nach Florenz gewendet. Alda wurden nach mancherlei und genügsamer Anhörung der Griechen und Lateiner gegeneinander die Griechen mit vernünftigen Ursachen überwunden zu bekennen, dass der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn ausgeht, und dass der Fronleichnam Christi in einem ungesäuerten Weizenbrot gesegnet würde, und dass sie auch ein Fegefeuer glaubten, und auch bekannten, dass der römische Bischof, der wahre Statthalter Christi und rechte Nachkomme Petri, den ersten Platz in der Welt hielt, dem die orientalische und okzidentalische Kirche billig gehorsam wäre. Und wiewohl die Griechen mit Freuden abschieden und heim zogen, so fiel doch unlängst darnach die griechische Nation wieder in ihre alten Sitten und Gewohnheiten. Blatt 245 der Welt. Filippo, Herzog zu Mailand, hielt nach Eroberung der Stadt Genua ein großes Heer beieinander. Darum kamen die Florentiner gegen ihn zu Krieg, der währte bis in seinen Tod 25 Jahre. Wiewohl jetzt zu Zeiten dazwischen ein Friede, aber voll Untreue und Hinterlist, gestellt wurde. Frankreich ist davor lange in Blüte, aber zu diesen Zeiten in Traurigkeit und Unmut gewesen und durch König Heinrich von England über die Maßen verheert und verwüstet worden, der doch auch nach viel Beschädigung, so er den anderen mit Krieg zugefügt hat, nicht mit kleiner Beschwerde der Seinen sein Leben unseliglich geendet hat. Johann, Herzog zu Burgund, hat dasselbe Königreich auch angegriffen, der wurde kürzlich darnach erschlagen. Das war eine Ursache vieler böser Dinge. Der Kardinal des Heiligen Kreuzes machte zuletzt Frieden, den nahmen die Burgunder an, aber die Engländer wollten nicht einwilligen. Aber als Herzog Johann nach aufgenommenem Frieden das Heiligste Sakrament mitsamt dem König zu Frankreich genossen hatte, da wurde er im Angesicht des Königs von Frankreich frevelhaft erschlagen. Aus dem folgte demselben Königreich viel Übles. Zwei Liebhabende. Zwei Liebhabende waren dieser Zeit im wälschen Land: ein Ritter namens Euryalus, Kaiser Sigismunds besonderer geheimer Diener, und Lucrezia in der Stadt Siena. Sie waren beide hübsch, beide wohlgestaltet, aber Lucrezia in wunderbarer Schönheit übertreffend. Diese zwei wurden in blinder Liebe allein vom Anblick zueinander entzündet. Zuletzt kamen sie zu begehrtem Ende. Und solches geschah zu Kaiser Sigismunds Zeiten, als der etweilang zu Siena war. Als aber der Kaiser weiterziehen wollte, da mussten sich diese zwei scheiden. Aus dem kam ein jedes von ihnen zu solcher Traurigkeit, dass Lucrezia nach vielen Tränen in eine Krankheit fiel und ihrer Mutter unter den Armen starb. Und als Euryalus der Tod seiner Liebhaberin verkündet wurde, da wurde er also unmutig und betrübt, dass er keinen Trost empfing, so lang bis ihm der Kaiser eine keusche Jungfrau herzoglichen Blutes zur Ehe vermählte. Von dem Heereszug des Dauphins in das Elsass. In diesen Tagen hat Ludwig, der Dauphin von Viennois und des Königs von Frankreich erstgeborener Sohn, mit einem großen Heer die Schwelle oder Gegend des Römischen Reiches überzogen und die Stadt Montbéliard belagert, die dann die

Anmerkungen

Das sechst alter
Die sechste Epoche/Zeitalter (historische Periodisierung)
ALbrecht vorgenanter hertzog zu oesterreich
Albrecht II. (als Herzog) bzw. Albrecht V. (als König), römisch-deutscher König ab 1438
gepote
befahl, gebot
zeerschlagen
erschlagen, töten
Cristo
Christus
tawffen
taufen
schlafkamer
Schlafkammer
zeitgenossen
Zeitgenossen
rew
Reue
fuergesetzt
sich vorgenommen
zetretten
zurückzutreten
widerwenden
umstimmen, abwenden
berueeffer
berief
hohen schuol zu Wienne
Hohe Schule zu Wien (Universität Wien)
zeunderrichten
zu unterrichten
zeher
Zähren, Tränen
verhayssung
Verheißung
bedroung
Bedrohung
fuernemen
Vorhaben
absteen
abstehen, ablassen
vngepunden
ungebunden
prinnenden fewrs ansyhtig wardt
des brennenden Feuers ansichtig wurde
fiennge er ein hebreysch gesanng an
fing er ein hebräisches Gesang an
sprunge vnerschrocken mytten in die flammen
sprang unerschrocken mitten in die Flammen
EJnßmals
Einstmals
koenig Albrecht des Laßlaws vater
König Albrecht II., Vater von Ladislaus Postumus
predig eins muenchs prediger ordens
Predigt eines Mönchs des Predigerordens (Dominikanerordens)
entschliefe
entschlief, schlief ein
hoehrer stymm
hoher Stimme
behalten muogen werden
gerettet werden mögen
zweifellich vnd kuemerlich
zweifelhaft und kümmerlich/bedenklich
auff gewacht
aufgewacht
gemerckt
gemerkt, bemerkt
wygen
Wiege
hail
Heil, Erlösung
zeuerzweifeln
zu zweifeln
Paulus vergerius PEtrus paulus vergerius
Petrus Paulus Vergerius (1370–1444), italienischer Humanist, Jurist und Pädagoge
naturlicher maister
Naturphilosoph, Gelehrter (hier im Sinne von Meister der freien Künste/Philosophie)
zierredner
Rhetoriker, Redner
rechtgelerter
Rechtsgelehrter
hoherfarn
hocherfahren
iunger Crisolore von Constantinopel
Schüler von Manuel Chrysoloras (ca. 1355–1415), byzantinischer Gelehrter
carrariensischen geschlechts
Carrara-Geschlecht, eine Herrscherfamilie in Padua
weylund geheymer diener
weiland (ehemals) geheimer Diener
yetzgemelter
jetztgemelter, eben erwähnter
achtperkeit
Achtbarkeit, Ansehen
loeblicher preyßwirdiger schrift
löblicher, preiswürdiger Schriften
MApheus vegius
Maffeo Vegio (1407–1458), italienischer Humanist, Dichter und Jurist
vnachtperer
nicht zu verachtender, angesehener
Martini des babsts
Papst Martin V. (reg. 1417–1431)
hofgesind
Hofgesinde, Hofstaat
wesende
weilend, sich aufhaltend
begriffen
verfasst, geschrieben
FRanciscus barbarus von Venedig
Francesco Barbaro (1390–1454), venezianischer Humanist und Staatsmann
kriechischen buochstaben
griechischen Buchstaben, griechische Sprache
vbertreffenlicher synnschicklichkeit vnnd kluogheit
übertrefflicher Geisteskraft/Begabung und Klugheit
welredperkeit
Wohlredbarkeit, Beredsamkeit
werltgescheydigkeit
Weltklugheit, Weltgewandtheit
weerde
Wert, Ansehen
hawßfrewlichen sachen
häuslichen Angelegenheiten
zierlicher epistel vnd sendbrieff
zierlicher Episteln und Sendbriefe (elegante Briefe)
Leonhardus iustinianus
Leonardo Giustiniani (1388–1446), venezianischer Humanist und Staatsmann
deßgleichen
desgleichen, ebenfalls
wolgelert
wohlgelehrt
CArolus aretinus
Carolus Aretinus, d.h. Carlo Marsuppini (ca. 1399–1453), italienischer Humanist und Kanzler von Florenz (Aretinus = aus Arezzo)
durchfarñ
durchfahren, erfahren, bewandert
wolredper
wohlredbar, beredt
treffenlicher tichter
trefflicher Dichter/Schriftsteller
schicklichkeit
Geschicklichkeit, Fähigkeit
woltueglichkeit
Nützlichkeit, Wohltätigkeit
von den von Florentz
von den Florentinern
cantzley
Kanzlei
mit sold versehen
mit Sold (Gehalt) versehen
gefreyet
privilegiert, mit Freiheiten ausgestattet
CAietanus von Vicentz
Gaetano von Vicenza (Gaetano da Thiene, 1387–1465), italienischer Philosoph und Theologe
thumherr zu Padua
Domherr zu Padua
furnemer lerer
vornehmer, hervorragender Lehrer
naturlicher mayster
Naturphilosoph, Philosoph (hier: Aristoteles)
hohen schuol zu Padua
Hohe Schule zu Padua (Universität Padua)
lesen vnd disputiren
Vorlesungen halten und disputieren
den vorgang behabt
den Vorrang/die Führung gehabt
treffenlich vnd außpuendig
trefflich und ausführlich/ausgiebig
Arestotilis
Aristoteles
Concili zu Florentz
Konzil von Florenz (1431–1449, ab 1439 in Florenz)
M.cccc.xxxix. iar
römisch für 1439 Jahre
babst Eugenio
Papst Eugen IV. (reg. 1431–1447)
concili zu Basel
Konzil von Basel (1431–1449)
kaiser Sigmunds
Kaiser Sigismund (römisch-deutscher Kaiser, reg. 1433–1437)
auffunng name
Anfang nahm
hertzog Albrecht von oesterreich zu roemischem koenig erkorn wardt
Herzog Albrecht von Österreich (Albrecht II.) zum römischen König gewählt wurde
cardinal des heilligen creuetzs
Kardinal des Heiligen Kreuzes (Niccolò Albergati, päpstlicher Legat)
Ferrariensisch concili
Konzil von Ferrara (1438–1439, Vorläufer des Konzils von Florenz)
kriechisch kaiser
Griechischer Kaiser (Johannes VIII. Palaiologos, byzantinischer Kaiser)
pfligt zeempfahen
pflegt zu empfangen
zesterben zu Ferraria
zu sterben in Ferrara (vermutlich Pestausbruch)
gein Florentz gewendt
nach Florenz gewendet/verlegt
alda
alda, dort
gnuogsamer verhoerung
genügsamer, ausreichender Anhörung
kriechen vnd lateinischen
Griechen und Lateiner (Vertreter der Ost- und Westkirche)
vernueftigen vrsachen vberwunden zebekennen
mit vernünftigen Gründen überwunden zu bekennen
heillig gaist vomb vater vnd vomb sun außgeet
Heiliger Geist vom Vater und vom Sohn ausgeht (Filioque-Streit)
fronleichnam Cristi
Fronleichnam Christi, Leib Christi
vngesewrten waytzin prot
ungesäuerten Weizenbrot
fegfewr
Fegefeuer
veriahen
verjahen, bekennen
roemisch bischoff
Römischer Bischof (der Papst)
war statthalter Cristi vnd rechter nachkomen Petri
wahrer Statthalter Christi und rechter Nachkomme Petri
die ersten stat in der werlt hielt
den ersten Platz in der Welt hielt
orientisch vnd occidentisch kirch
orientalische und okzidentalische Kirche (Ost- und Westkirche)
billich gehorsamm wer
billig (zu Recht) gehorsam wäre
haym zohen
heim zogen
nation
Nation, Volk
sytten vnnd gewonheit
Sitten und Gewohnheiten
Blat CCXLV der werlt
Blatt 245 der Welt (Seite 245 der Schedelschen Weltchronik). CCXLV ist die römische Zahl für 245.
PHilippus hertzog zu Mayland
Filippo Maria Visconti (1392–1447), Herzog von Mailand
erobrung der statt Genua
Eroberung der Stadt Genua
heer beyeinaner
Heer beieinander, ein Heer zusammen
Florentiner
Einwohner von Florenz
.xxv. iar
römisch für 25 Jahre
yezuzeiten
jetzt zu Zeiten, manchmal
vntrew vnd hinderlistig
Untreue und Hinterlist
FRanckreich
Frankreich
dauor lang in plueung
davor lange in Blüte
trawrigkeit vnd vnmuet
Traurigkeit und Unmut
koenig Heinrichen von engelland
König Heinrich V. (reg. 1413–1422) oder Heinrich VI. (reg. 1422–1461) von England, im Kontext des Hundertjährigen Krieges
vber die maß verheeret vnd verwueest
über die Maßen verheert und verwüstet
beschedigung
Beschädigung, Schaden
zugegefueegt
zugefügt
nit mit klainer beschwerde der seinen
nicht ohne große Beschwerde/Mühe der Seinen (seines Volkes)
vnseligclich geendet
unglücklich geendet
JOhannes hertzog zu Burgundi
Johann Ohnefurcht (1371–1419), Herzog von Burgund
koenigreich
Königreich (Frankreich)
angegriffen
angegriffen
kuertzlich darnach erschlagen
kurz danach erschlagen
vrsach vil boeser ding
Ursache vieler böser Dinge
Der cardinal des heilligen creuetzs
Der Kardinal des Heiligen Kreuzes (vermutlich ein päpstlicher Legat, der Friedensverhandlungen führte)
frid
Friede
burgundier
Burgunder
engellender
Engländer
verwilligen
einwilligen
auffgenomnem frid
aufgenommenem Frieden
heilligst sacrament
Heiligstes Sakrament (Eucharistie)
mitsambt dem koenig zu Franckreich
mitsamt dem König von Frankreich (Karl VI. oder Karl VII.)
in angesyht des koenigs zu franckreich frefellich erschlagen
im Angesicht des Königs von Frankreich frevelhaft erschlagen (Ermordung Johanns Ohnefurchts 1419 in Montereau)
vbels
Übels
Zway liebhabende
Zwei Liebende (Titel der Geschichte)
welschem land
welschem Land (Italien)
Euriolus
Euryalus, Figur aus der 'Historia de duobus amantibus' von Enea Silvio Piccolomini (später Papst Pius II.)
kaiser Sigmunds sundrer gehaymer diener
Kaiser Sigismunds besonderer geheimer Diener
Lucrecia in der statt Senis
Lucrezia in der Stadt Siena
huebsch
hübsch
wolgestalt
wohlgestaltet
wunderperlicher schoene fuertreffend
in wunderbarer Schönheit übertreffend
plinder liebe
blinder Liebe
allain von gesyht geineinander entzuendet
allein vom Anblick zueinander entzündet
begertem ende
begehrtem Ende (Erfüllung ihrer Liebe)
ettwielang zu Senis was
etweilang (eine Zeit lang) in Siena war
fuerter ziehen wolt
weiterziehen wollte
schayden
scheiden
ir yedes
ein jedes von ihnen
zehern
Zähren, Tränen
kranckeit
Krankheit
muoter vnder den armen starb
Mutter unter den Armen starb
verkuendet wardt
verkündet wurde
vnmuotig vnd betrueebt
unmutig und betrübt
keuesche iunckfrawen hertzoglichs pluots
keusche Jungfrau herzoglichen Blutes
zu der ee vermehlet
zur Ehe vermählt
heerzug des Delphins in das Elsas
Heereszug des Dauphins ins Elsass
Ludwig der Viennisch delphin
Ludwig, der Dauphin von Viennois (später Ludwig XI. von Frankreich, reg. 1461–1483)
des koenigs zu franckreich erstgeporner sun
des Königs von Frankreich (Karl VII.) erstgeborener Sohn
geschwelle oder gegent des roemischen reichs
Schwelle oder Gegend des Römischen Reiches (Grenze des Heiligen Römischen Reiches)
vberzogen
überzogen, überschritten, eingefallen
stat Mompelgart
Stadt Montbéliard (im Heiligen Römischen Reich, heute Frankreich)
belegert
belagert