Schedelsche Weltchronik · Blatt 250

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 250, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 250, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das sechst alter Suncassianus ein koenig Persarum. SVncassianus der glueckhaftigst koenig Persarum vnd armenie mit aigem namen Assimbeus genant hat im .M.cccc.liiii. iar nach bestreytung vnd erschlahung Zenza des koenigs Persarum vber die Persier zeherrschen angefengt. Diser wz erstlich ein koeniglein armenie. ein kuenmueetig. kriegßmechtig vnd lewfftig man. vnnd bestritte gar oft große heer mit wenig volcks. Als er den koenig zenza erschlagen het do ließ er sich mercken als ob er desselben Zenze gefangnen sun zu eim koenig Persarum bekroenen wolt. Nw rayset er fuero an bis gein Thauris in die hawbtstatt Persarum. mit erobrung aller stett vnd schloeßer. vnd als er maynt das er sich gnuogsammlich versicheret het do ertoedtet er den newen koenig vnd eroberet das koenigreich Persarum. Diser Suncassianus (das souil bedeuet als ein großer man) hat darnach die Bactrianos Medos vnd Parthos vnd einen großen teyl des orients vnder sich gebracht. Mit disem koenig hat babst Calixtus freuentschaft angefenngt. vnd derselb koenig dem babst vil ere bewisen. vnd auff des babsts anraytzung den Tuercken große beschwerde zugefueegt. Vnd auch auff der Venediger anrueffen (als nigropont verlorn wardt) wider Othomannum den tuercken mit heereßkraft gekriegt vnd ime bey .xxxm. tuercken erschlagen. Vnlanng darnach macheten er vnd der Tuerck hayrat. zwischen iren kinderen. Johannes capistranus JOhannes Capistranus auß Aprucio dem stettlein nit verne von der statt Aquila gelegen puertig sant Franciscen ordens ist diser zeit ein ernstlicher vnnd fuerpuendiger prediger des cristenlichen glawbens gewesen vnd auß bebstlichem befelhe in teuetsche land gezogen vnd durch Kerndten vnd Steyer in oesterreich komen. vnd von der briesterschaft mit heilthumb vnd allem volck entgegen geende als ein legat des babstlichen stuols vnd ein sendbot gottes empfangen worden. Ime warden vil krancker menschen fuer seine fueeß gelegt. auß denen weren vil (als man sagt) gesund worden. Er blybe also ettwe vil tag in teuetschen landen den weg des herren lerende. vnd die menschen zu buoßwertigkeit berueeffende. Er kome auch geladen gein Nuermberg. vnnd vil volcks von seiner lere vnd werck wegen auß vmbgelegnen gegenten daselbsthin in großem gedrenge disen man zesehen vor frewden vnd andacht waynende. ire hennd gein hymel auffhebende. disen man benedeyende. got lobende. seine klaider anrueerende vnnd kuessende. vnd ine als einen von himelgesandten vnd engel gottes anschawende. Diss was die weiß seins lebens. in dem klaid zeschlaffen. vor tags auff zesteen. Metten Laudes Preym Tertz zebetten. darnach mess zehalten. Nachfolgend lateinisch zepredigen. vnd durch einen tulmetschen zu teuetsch zesagen. Nach ende der predig in seins ordens closter zegeen. Sext vnd None zebetten. vnnd darnach die krancken haymzesuchen. lang bey inen zeharren. die hend auff sie zelegen. Sant Bernardins pyret vnnd das pluot das ime also todten auß seinen naßloechern gefloßen sol sein auff alle krancken zelegen. fuer allermenigclichen flehlich zebitten. Darnach das nachtmal nemende. vnd zu letst die ihenen die zu ime komen zeuerhoeren. vnd denn alßpald vesper zebetten. vnd darnach wider zu den krancken zegeen. vnd sich in disen dingen bis an die nacht zeueben. vnd nach der complet nicht der ruoe vnd des schlafs sunder souil ime der zeit zuckender weyß werden mocht des leßens der heilligen schrift zefleißen. vnnd also gleich ein himlisch leben zefueeren. Disen man haben wir zu Nuermberg gesehen .lxv. iar alt. klains. magers. duerrs. außgeschoepfts. allain von hawt. geedere vnd gepayn zesammengesetzts leibs. doch froelich vnd in arbait starck. alle tag on vnderlaß predigende. vnd hoh vnd tieffe materi fueerende. Disen man hat kaiser Friderich gern gehoert. Darnach ist er gein Hungern gezogen vnd hat ein groß heer wider die Tuercken sammlende bey sechßtawsenten erschlagen. Franciscus philelphus ein poet FRanciscus philelphus von Ancona ein rittermessig man. ein gekroenter poet vnd tichter. beder Lateinischer vnnd kriechischer schrift vbertreffenlich hohgelert. hat mit großem ruom vnd preyße bis in dise zeit gelebt vnd sich alweg in kriechischem. vnd auch in lateinischem getichte geuebt. vnd ist des maisters Crisolore von Constantinopel leriunger vnd tochterman gewesen. Von demselben wardt er also gelert dz eer erstlich bey den Venedigern. darnach bey den Florentinern Senensischen. Bononiern. vnd zu letst zu Mayland vil lewt der kriechischen vnnd lateinischen schrift berichtet. vnd daselbst von vier hertzogen einen ierlichen sold gehabt vnd vil treffenlicher bueecher gemacht hat. vnd starb nach der gepurt cristi .M.cccc.lxxxi. iar in dem .xc. iar seins alters. LEonhardus de Vtino prediger ordens ein lerer der heilligen schrift ein wolberedter vnd hohgelerter man. fuersyhtig vnd angeneme hat auß erleuechtung seiner hohuerstentnus vil predig zu vnderrichtung des volcks. vnnd von den heilligen durch das gantz iar gemacht vnd nach ime gelassen. der werlt Blat CCL MAn hat nye erfarn das kaiser Friderich der dritt ye geschworn hab. dann allain in der statt Ach vnd zu Rom als er gekroent wardt. vnd denselben ayd hat er gar bestendigclich gehalten. dann als er bey geschwornem ayde gelobt het das er die gueter des roemischen kaiserthumbs in keinem weg verendern woelte. wiewol dann yetzo diss denn ihens an ine geforderet wardt so wolt er doch versagende lieber geytzig dann wilfarende maynaydig gesehen werden. Demnach verzohe er Borsio dem Ferrariensischen marggrafen vber sein vilfeltigs ansynnen die lehenschaft des hertzogthums der statt Mutine vnd Regii so lang bis disem kaiser Friderichen angezaygt wardt. das solcher hertzogthumb so der vmb einen ierlichen tribut verliehen wuerd die gestalt mer eins nutzs denn einer verenderung vom reich het. Disem kaiser Friderichen sagten einßmals sein hoflewt wie ime so schmahlich von ettlichen personen nach gered wuerd. do sprach er zu denselben seinen hoflewten. Wißt ir nicht das die fuersten als ein zuestat zum geschoss gesetzt sind. Die plitzen schlahen in die hohen thuern vnd verschonen der nydern gepew. vnßer sachen steen wol so wir allain mit worten angefochten werden. Laßlaw koenig zu Beheim vnd Hungern LAßlaw zu hungern vnnd Beheim koenig. auch hertzog zu oesterreich koenig Albrechts sun vnd kaiser Sigmunds enicklein nach absterben seins vaters geporn hat alßpald er an das liecht herfuer kome zu Stuolweissenburg den cristenlichen tawff vnd die guertel der ritterschaft. vnd auch die heilligen des Hungerischen koenigreichs kron (die sein muoter bey ir het) auff einen einigen tag empfangen. darnach was er von dannen genomen schier .xii. iar in kaiser Friderichs wartt vnd pfleg. dem dann die muoter den sun vnd die kron befolhen het. Als Vladislaus koenig zu Poln (der sich dann des Hungerischen koenigreichs vnderfangen het) in eim streyt zu tod geschossen wardt do wardt diser Laßlaw mit gemayner folg vnd wilkuer des adels vnd der lantherren zu koenig geordnet. Der name ime fuer wider die Tuercken zefechten. Vnlanng darnach zohe er mit eim großen herrlichen zeueg zu Prag ein vnd empfieng daselbst in großen eren vnd wirden die kron des behmischen koenigreichs vnd blybe nicht ein kleine zeit alda. aber er gieng nye in der ketzer kirchen. So zohe er vor gein Preßlaw ee dz er wider gein oesterreich keret. Darnach wardt der graff von cili von Ladislao des Huniadis sun in dem koenigclichen schloß ertoedt. dess empfieng koenig Laßlaw großen schmertzen. vnd fueeget sich gein Ofen vnd hiess die suene des Huniadis zu fangknus nemen. den todschlaher Ladislaen enthawbten vnnd Mathiam gefanngnen. in oesterreich fueeren. In oesterreich wardt geratschlagt dem koenig eine gemahel zegeben. darzu wardt auß vil edeln hohgeporn iunckfrawen Margaretha koenig Karls zu Franckreich tochter als die wirdigst disem koenig Laßlawen zu gemahel vnd eegenossen erkorn. vnnd treffenliche botschaft nach der gesponsen gein Franckreich geschickt. So erhuoben sich spenn vnd zanckerey in welcher statt die hohzeit gehalten werden solt. die Hungern maynten Ofen. die oesterreicher Wienne. die Beheim Prag zu solchem hohzeitlichem geprengk fuogsamm vnd schickerlich zesein. Doch wardt durch verfueegung Georgen von Pogieprad die statt Prag darzu bestymmbt. Als nw der koenig sein sachen in oesterreich geordnet het do zohe er mit eim großen mechtigen zeueg gein Beheim. Vnd von dannen auß warden zwuo botschaft gesendt. eine zu kaiser Friderichen von frids wegen zehandeln. Die andern zu koenig Karln gein Franckreich mit achthundert pferden. mit guldinen wegen mit frawen vnnd iunckfrawen die prawt zebelayten. Darzu warden gefordert. der kaiser. die kaiserin. bede des koenigs schwestere vnd alle teuetsch fuersten. aber solch fuernemen wardt durch vnzeittigen tod des koenigs vnderzuckt. dann er fiel in ein kranckheit daran die ertzt verzweifelten vnd het mit Georgen pogieprad ein langs heimlichs gespreche. darnach ließ er sich mit den sacramenten bewaren. vnnd als er empfunde seins lebens nicht mer zesein do name er ein geweyhte kertzen in die hand vnd fieng an das vater vnßer zebetten. vnnd als er die wortt. Sunder erloeße vns von vbel gesprochen het do wer er verschieden. ettlich sagen auß einer kranckheit. ettliche auß vergiftung im .xviii. iar seins alters. O ere. wirdigkeit. reichthuemer vnd gewalt diser werlt wie eytel. vnbleiblich. awgenplicklich. vngewiß. hinfellich vnd onmechtig seyt ir. left MAncherlay wundergestalte ding sind im .M.cccc.lvi. iar in dem monat februario erschynen. Nemlich in dem Sabinischen land ein kalb mit zwayen koepffen. So sol es zu Rom pluot. Vnd in dem land Liguria flaisch geregnet haben. vnd ein kind mit sechs zenen vnd großem angesyht geporn sein. EIn comet sol auch in dem monat Junio. vnd darnach vber ein iar aber ein andrer comet erschynen sein vnd die menschen sere bekuemert haben. MAchomet der Tuerckisch kaiser wardt bey kriechischen weyssenburg an dem ende gelegen da die zway wasser Saw vnd die Thonaw zusamen fliessen von wenig creuetzern zertrennt vnd veriagt. vnd das geschahe (als Johannes capistranus daselbst was) an sant Sixts tag. darumb setzet babst calixtus der dritt an demselben tag die verklerung des herren. NAch der gepurt Cristi .M.cccc.lvi. iar am fuenften tag des monats Decembris zur .xi. stund der nacht. vnd darnach am .xxx. tag desselben monats zur .xvi. stunnd was ein soelcher großer erdpidem. vnd sunderlich in Apulia Neapolis Beneuento vnd in andern stetten. dergleichen nicht in menschlicher gedechtnus was noch in der schrift gefunden ward. also das vil gotzhewßer. gepewe vnd die pallacia zu Neapolis einfieln vnd vil menschen vnd thier darunter verfieln.

Moderne Übersetzung

Das sechste Zeitalter. Suncassianus, ein König der Perser. Suncassianus, der glücklichste König der Perser und Armeniens, mit eigenem Namen Assimbeus genannt, hat im Jahre 1453 nach der Bestreitung und Erschlagung Zenzas, des Königs der Perser, über die Perser zu herrschen angefangen. Dieser war ursprünglich ein Königlein Armeniens, ein kühnmutiger, kriegsmächtiger und gewandter Mann und bestritt sehr oft große Heere mit wenig Volk. Als er den König Zenza erschlagen hatte, da ließ er sich merken, als ob er desselben Zenzas gefangenen Sohn zu einem König der Perser krönen wollte. Nun reiste er voran bis gen Thauris, in die Hauptstadt der Perser, mit Eroberung aller Städte und Schlösser. Und als er meinte, dass er sich genügsamlich versichert hatte, da ertötete er den neuen König und eroberte das Königreich der Perser. Dieser Suncassianus (was so viel bedeutet wie ein großer Mann) hat darnach die Bactrianos, Medos und Parthos und einen großen Teil des Orients unter sich gebracht. Mit diesem König hat Papst Calixtus Freundschaft angefangen, und derselbe König hat dem Papst viel Ehre erwiesen und auf des Papstes Anreizung den Türken große Beschwerde zugefügt. Und auch auf der Venezianer Anrufen (als Nigropont verloren ward) wider Othomannum, den Türken, mit Heereskraft gekriegt und ihm bei 30.000 Türken erschlagen. Unlängst darnach machten er und der Türke Heirat zwischen ihren Kindern. Johannes Capistranus. Johannes Capistranus, aus Apruzio, dem Städtlein nicht ferne von der Stadt Aquila gelegen, gebürtig, des heiligen Franziskus Ordens, ist dieser Zeit ein ernstlicher und fürbündiger Prediger des christlichen Glaubens gewesen und aus päpstlichem Befehl in deutsche Lande gezogen und durch Kärnten und Steiermark nach Österreich gekommen. Und von der Priesterschaft mit Heiltum und allem Volk entgegengehend, als ein Legat des päpstlichen Stuhls und ein Sendbote Gottes empfangen worden. Ihm wurden viele kranke Menschen vor seine Füße gelegt, aus denen viele (wie man sagt) gesund geworden waren. Er blieb also etliche viele Tage in deutschen Landen, den Weg des Herrn lehrend und die Menschen zur Bußfertigkeit berufend. Er kam auch geladen gen Nürnberg, und viel Volk von seiner Lehre und Werk wegen aus umliegenden Gegenden dorthin in großem Gedränge, diesen Mann zu sehen, vor Freuden und Andacht weinend, ihre Hände gen Himmel aufhebend, diesen Mann benedeiend, Gott lobend, seine Kleider anrührend und küssend und ihn als einen von Himmelgesandten und Engel Gottes anschauend. Dies war die Weise seines Lebens: in dem Kleid zu schlafen, vor Tagesanbruch aufzustehen, Metten, Laudes, Prim, Terz zu beten, darnach Messe zu halten. Nachfolgend lateinisch zu predigen und durch einen Dolmetscher zu Deutsch zu sagen. Nach Ende der Predigt in seines Ordens Kloster zu gehen, Sext und Non zu beten und darnach die Kranken heimzusuchen, lange bei ihnen zu verharren, die Hände auf sie zu legen. Des heiligen Bernhardins Birett und das Blut, das ihm also tot aus seinen Nasenlöchern geflossen sein soll, auf alle Kranken zu legen, für jedermann flehentlich zu bitten. Darnach das Nachtmahl nehmend und zuletzt diejenigen, die zu ihm kommen, zu verhören. Und dann alsbald Vesper zu beten und darnach wieder zu den Kranken zu gehen und sich in diesen Dingen bis an die Nacht zu üben. Und nach der Komplet nicht der Ruhe und des Schlafs, sondern so viel ihm an Zeit noch vergönnt war, des Lesens der heiligen Schrift zu befleißen und also gleich ein himmlisches Leben zu führen. Diesen Mann haben wir zu Nürnberg gesehen, 65 Jahre alt, klein, mager, dürr, ausgeschöpft, allein von Haut, Adern und Gebein zusammengesetzten Leibes, doch fröhlich und in Arbeit stark, alle Tage ohne Unterlass predigend und hohe und tiefe Materien führend. Diesen Mann hat Kaiser Friedrich gern gehört. Darnach ist er gen Ungarn gezogen und hat ein großes Heer wider die Türken sammelnd bei sechstausend erschlagen. Franciscus Philelphus, ein Poet. Franciscus Philelphus von Ancona, ein rittermäßiger Mann, ein gekrönter Poet und Dichter, beider, lateinischer und griechischer Schrift, übertrefflich hochgelehrt. Hat mit großem Ruhm und Preis bis in diese Zeit gelebt und sich allweg in griechischem und auch in lateinischem Gedichte geübt. Und ist des Meisters Chrysoloras von Konstantinopel Lehrjünger und Tochtermann gewesen. Von demselben ward er also gelehrt, dass er erstlich bei den Venezianern, darnach bei den Florentinern, Sienesen, Bolognesen und zuletzt zu Mailand viele Leute der griechischen und lateinischen Schrift unterrichtet hat. Und daselbst von vier Herzögen einen jährlichen Sold gehabt und viele treffliche Bücher gemacht hat. Und starb nach der Geburt Christi im Jahre 1481, in dem 90. Jahr seines Alters. Leonardus de Utino, Predigerordens, ein Lehrer der heiligen Schrift, ein wohlberedter und hochgelehrter Mann, fürsichtig und angenehm, hat aus Erleuchtung seiner Hochverständnis viele Predigten zur Unterrichtung des Volkes und von den Heiligen durch das ganze Jahr gemacht und nach ihm gelassen. (Seite 250 der Weltchronik). Man hat nie erfahren, dass Kaiser Friedrich der Dritte je geschworen habe, dann allein in der Stadt Aachen und zu Rom, als er gekrönt ward. Und denselben Eid hat er gar beständiglich gehalten. Denn als er bei geschworenem Eide gelobt hatte, dass er die Güter des römischen Kaisertums in keinem Weg verändern wollte, wiewohl dann jetzt dies denn jenes an ihn gefordert ward, so wollte er doch versagend lieber geizig denn willfahrend meineidig gesehen werden. Demnach verzog er Borsio, dem ferrarischen Markgrafen, über sein vielfältiges Ansinnen die Lehenschaft des Herzogtums der Stadt Modena und Reggio so lang, bis diesem Kaiser Friedrich angezeigt ward, dass solches Herzogtum, so es um einen jährlichen Tribut verliehen würde, die Gestalt mehr eines Nutzens denn einer Veränderung vom Reich hätte. Diesem Kaiser Friedrich sagten einstmals seine Hofleute, wie ihm so schmählich von etlichen Personen nachgeredet würde. Da sprach er zu denselben seinen Hofleuten: „Wisst ihr nicht, dass die Fürsten als ein Ziel zum Geschoss gesetzt sind? Die Blitze schlagen in die hohen Türme und verschonen die niederen Gebäude. Unsere Sachen stehen wohl, so wir allein mit Worten angefochten werden.“ Ladislaus, König zu Ungarn und Böhmen. Ladislaus, zu Ungarn und Böhmen König, auch Herzog zu Österreich, König Albrechts Sohn und Kaiser Sigmunds Enkel, nach Absterben seines Vaters geboren, hat alsbald er an das Licht hervorkam, zu Stuhlweißenburg den christlichen Taufe und die Gürtel der Ritterschaft und auch die heilige Krone des ungarischen Königreichs (die seine Mutter bei ihr hatte) auf einen einzigen Tag empfangen. Darnach war er von dannen genommen, schier zwölf Jahre in Kaiser Friedrichs Wart und Pflege, dem dann die Mutter den Sohn und die Krone befohlen hatte. Als Vladislaus, König zu Polen (der sich dann des ungarischen Königreichs unterfangen hatte), in einem Streit zu Tod geschossen ward, da ward dieser Ladislaus mit allgemeiner Zustimmung und freier Wahl des Adels und der Landherren zu König geordnet. Der nahm ihm vor, wider die Türken zu fechten. Unlängst darnach...

Anmerkungen

Das sechst alter
Das sechste Zeitalter (Epoche in der Weltchronik)
Suncassianus
Uzun Hasan (ca. 1423–1478), Herrscher der Aq Qoyunlu, hier als 'König der Perser' bezeichnet. Die Chronik vermischt hier möglicherweise historische Figuren oder vereinfacht.
Persarum vnd armenie
Genitiv Plural: der Perser und Armeniens
.M.cccc.liii. iar
römisch für 1453
bestreytung
Kampf, Auseinandersetzung
erschlahung
Erschlagung, Tötung
Zenza
Historische Person, hier als König der Perser genannt. Möglicherweise eine Verwechslung oder Vereinfachung für Jahan Shah, den Herrscher der Kara Koyunlu, den Uzun Hasan 1467 besiegte und tötete.
zeherrschen angefengt
zu herrschen angefangen
wz
war
koeniglein
kleiner König, Fürst
kuenmueetig
kühnmutig, mutig
kriegßmechtig
kriegsmächtig, militärisch stark
lewfftig
gewandt, geschickt, erfahren
bestritte
bestritt
het
hatte
mercken
merken lassen, zu verstehen geben
desselben Zenze
desselben Zenzas (Genitiv)
sun
Sohn
eim
einem
bekroenen wolt
krönen wollte
Nw
Nun
rayset
reiste
fuero an
voran
gein
gen, nach
Thauris
Tabriz (historische Stadt im heutigen Iran, zeitweise Hauptstadt Persiens)
hawbtstatt
Hauptstadt
erobrung
Eroberung
stett vnd schloeßer
Städte und Schlösser
maynt
meinte
gnuogsammlich versicheret
genügsamlich (ausreichend) versichert
ertoedtet
ertötete
newen
neuen
eroberet
eroberte
souil bedeuet als
so viel bedeutet wie
Bactrianos
Baktrier (antikes Volk/Region in Zentralasien)
Medos
Meder (antikes Volk/Region im heutigen Iran)
Parthos
Parther (antikes Volk/Region im heutigen Iran)
orients
Orient, Osten
vnder sich gebracht
unter sich gebracht, unterworfen
babst Calixtus
Papst Calixtus III. (1378–1458), bürgerlich Alfonso de Borja
freuentschaft angefenngt
Freundschaft angefangen, geschlossen
ere bewisen
Ehre erwiesen
anraytzung
Anreizung, Aufforderung
Tuercken
Türken (hier: Osmanen)
beschwerde zugefueegt
Beschwerde, Leid zugefügt
Venediger
Venezianer
anrueffen
Anrufen, Bitte
nigropont
Negroponte (italienischer Name für die Insel Euböa in Griechenland), 1470 von den Osmanen erobert
Othomannum
Osmanen (hier: Sultan Mehmed II., der Eroberer)
heereßkraft
Heereskraft, militärische Macht
gekriegt
Krieg geführt, gekämpft
.xxxm. tuercken
römisch für 30.000 Türken (m für mille = 1000)
Vnlanng darnach
Unlängst darnach, kurz danach
macheten
machten
hayrat
Heirat
Johannes Capistranus
Johannes Capistranus (1386–1456), Heiliger der katholischen Kirche, Franziskaner, Prediger und Inquisitor
Aprucio
Abruzzen (Region in Italien)
stettlein
Städtlein, kleines Städtchen
nit verne
nicht ferne, nicht weit
Aquila
L'Aquila (Stadt in Italien)
puertig
gebürtig
sant Franciscen ordens
des heiligen Franziskus Ordens (Franziskanerorden)
fuerpuendiger
fürbündiger, eifriger, überzeugender
cristenlichen glawbens
christlichen Glaubens
bebstlichem befelhe
päpstlichem Befehl
teuetsche land
deutsche Lande
Kerndten
Kärnten (Region in Österreich)
Steyer
Steiermark (Region in Österreich)
oesterreich
Österreich
briesterschaft
Priesterschaft
heilthumb
Heiltum, Reliquien oder heilige Gegenstände
entgegen geende
entgegengehend, entgegenkommend
legat des babstlichen stuols
Legat des päpstlichen Stuhls (päpstlicher Gesandter)
sendbot gottes
Sendbote Gottes
warden
wurden
krancker menschen
kranke Menschen
fuer seine fueeß gelegt
vor seine Füße gelegt
weren
waren
blybe
blieb
ettwe vil tag
etliche viele Tage, einige Tage
lerende
lehrend
buoßwertigkeit
Bußfertigkeit, Reue
berueeffende
berufend, aufrufend
geladen
eingeladen
Nuermberg
Nürnberg (Stadt)
lere vnd werck wegen
Lehre und Werk wegen
vmbgelegnen gegenten
umliegenden Gegenden
daselbsthin
dorthin
gedrenge
Gedränge
zesehen
zu sehen
frewden vnd andacht waynende
Freuden und Andacht weinend
ire hennd gein hymel auffhebende
ihre Hände gen Himmel aufhebend
benedeyende
benedeiend, segnend
anrueerende vnd kuessende
anrührend und küssend
ine
ihn
himelgesandten
Himmelgesandten
anschawende
anschauend, betrachtend
weiß seins lebens
Weise seines Lebens, Lebensweise
zeschlaffen
zu schlafen
vor tags auff zesteen
vor Tagesanbruch aufzustehen
Metten Laudes Preym Tertz
Metten, Laudes, Prim, Terz (Teile des Stundengebets, kanonische Horen)
zebetten
zu beten
mess zehalten
Messe zu halten
zepredigen
zu predigen
tulmetschen
Dolmetscher
zu teuetsch zesagen
zu Deutsch zu sagen, ins Deutsche zu übersetzen
closter zegeen
Kloster zu gehen
Sext vnd None
Sext und Non (Teile des Stundengebets)
haymzesuchen
heimzusuchen, zu besuchen
zeharren
zu verharren, zu bleiben
die hend auff sie zelegen
die Hände auf sie zu legen (Geste der Heilung)
Sant Bernardins pyret
Des heiligen Bernhardins Birett (Birett des hl. Bernhardin von Siena, als Reliquie verehrt)
pluot
Blut
ime also todten auß seinen naßloechern gefloßen sol sein
ihm also tot aus seinen Nasenlöchern geflossen sein soll (Reliquie des Blutes des hl. Bernhardin)
allermenigclichen
jedermann, alle Menschen
flehlich zebitten
flehentlich zu bitten
nachtmal nemende
Nachtmahl nehmend (Abendessen einnehmend)
zeuerhoeren
zu verhören, anzuhören (Beichten hören oder Anliegen anhören)
alßpald
alsbald, sofort
vesper zebetten
Vesper zu beten (Teil des Stundengebets)
zeueben
zu üben, zu beschäftigen
complet
Komplet (Compline, letzter Teil des Stundengebets)
ruoe
Ruhe
sunder
sondern
souil ime der zeit zuckender weyß werden mocht
so viel ihm an Zeit noch vergönnt war (wörtlich: 'so viel ihm der Zeit in zuckender, d.h. kurzer, schnell vergehender Weise werden mochte')
des leßens der heilligen schrift zefleißen
sich dem Lesen der heiligen Schrift zu befleißen, zu widmen
himlisch leben zefueeren
himmlisches Leben zu führen
.lxv. iar alt
römisch für 65 Jahre alt
klains
klein
magers
mager
duerrs
dürr
außgeschoepfts
ausgeschöpft, ausgezehrt
hawt
Haut
geedere
Adern
gepayn
Gebein, Knochen
zesammengesetzts leibs
zusammengesetzten Leibes, Körpers
froelich vnd in arbait starck
fröhlich und in Arbeit stark
on vnderlaß
ohne Unterlass
predigende
predigend
hoh vnd tieffe materi fueerende
hohe und tiefe Materien (Themen) führend, behandelnd
kaiser Friderich
Kaiser Friedrich III. (1415–1493)
gein Hungern gezogen
gen Ungarn gezogen
sammlende
sammelnd
sechßtawsenten
sechstausend (6000)
Franciscus Philelphus
Francesco Filelfo (1398–1481), italienischer Humanist und Gelehrter
Ancona
Ancona (Stadt in Italien)
rittermessig man
rittermäßiger Mann, ritterlicher Mann
gekroenter poet vnd tichter
gekrönter Poet und Dichter (poeta laureatus)
beder Lateinischer vnnd kriechischer schrift
beider, lateinischer und griechischer Schrift (beide Sprachen/Literaturen)
vbertreffenlich hohgelert
übertrefflich hochgelehrt, außerordentlich gelehrt
ruom vnd preyße
Ruhm und Preis, Ehre
dise zeit
diese Zeit (die Zeit der Abfassung der Chronik)
alweg
allweg, immer
getichte geuebt
sich in Dichtung geübt
maisters Crisolore
Manuel Chrysoloras (ca. 1355–1415), byzantinischer Gelehrter, der die griechische Sprache in Westeuropa lehrte
Constantinopel
Konstantinopel (heute Istanbul)
leriunger
Lehrjünger, Schüler
tochterman
Tochtermann, Schwiegersohn
dz eer
dass er
Venedigern
Venezianern
Florentinern
Florentinern
Senensischen
Sienesen (Einwohner von Siena)
Bononiern
Bolognesen (Einwohner von Bologna)
Mayland
Mailand (Stadt in Italien)
berichtet
unterrichtet
hertzogen
Herzögen
ierlichen sold
jährlichen Sold, Gehalt
treffenlicher bueecher
treffliche Bücher, hervorragende Bücher
gepurt cristi
Geburt Christi
.M.cccc.lxxxi. iar
römisch für 1481
.xc. iar seins alters
römisch für 90. Jahr seines Alters
LEonhardus de Vtino
Leonardus de Utino (gest. 1469), dominikanischer Prediger und Theologe
prediger ordens
Predigerordens (Dominikanerorden)
lerer der heilligen schrift
Lehrer der heiligen Schrift
wolberedter
wohlberedter, redegewandter
hohgelerter man
hochgelehrter Mann
fuersyhtig vnd angeneme
fürsichtig (vorsichtig, klug) und angenehm
erleuechtung seiner hohuerstentnus
Erleuchtung seiner Hochverständnis, seiner hohen Einsicht
vil predig
viele Predigten
vnderrichtung des volcks
Unterrichtung des Volkes
von den heilligen durch das gantz iar gemacht
von den Heiligen durch das ganze Jahr gemacht (Predigten für Heiligenfeste im Jahreskreis)
nach ime gelassen
nach ihm gelassen, hinterlassen
der werlt Blat CCL
der Weltchronik Blatt 250 (römisch für 250, Seitenangabe im Originalwerk)
nye erfarn
nie erfahren
kaiser Friderich der dritt
Kaiser Friedrich III. (1415–1493)
ye geschworn hab
je geschworen habe
Ach
Aachen (Stadt)
gekroent wardt
gekrönt ward, wurde
bestendigclich gehalten
beständiglich, standhaft gehalten
geschwornem ayde
geschworenem Eide
gueter des roemischen kaiserthumbs
Güter des römischen Kaisertums (Reichsgüter)
verendern woelte
verändern wollte
wiewol dann yetzo diss denn ihens an ine geforderet wardt
wiewohl dann jetzt dies und dann jenes an ihn gefordert ward
versagende
versagend, ablehnend
lieber geytzig dann wilfarende maynaydig gesehen werden
lieber geizig (knauserig, zögerlich) als willfahrend (nachgebend) meineidig gesehen werden
maynaydig
meineidig, eidbrüchig
verzohe er Borsio
er zögerte Borsio (er hielt Borso hin)
Borsio dem Ferrariensischen marggrafen
Borso d'Este (1413–1471), Markgraf von Ferrara
vilfeltigs ansynnen
vielfältiges Ansinnen, wiederholtes Bitten
lehenschaft des hertzogthums
Lehenschaft des Herzogtums
Mutine vnd Regii
Modena und Reggio (Städte in Italien)
angezaygt wardt
angezeigt ward, mitgeteilt wurde
solcher hertzogthumb so der vmb einen ierlichen tribut verliehen wuerd
solches Herzogtum, so es (wenn es) um einen jährlichen Tribut verliehen würde
die gestalt mer eins nutzs denn einer verenderung vom reich het
die Gestalt mehr eines Nutzens denn einer Veränderung (Verlusts) vom Reich hätte
einßmals
einstmals, einmal
hoflewt
Hofleute
ime so schmahlich von ettlichen personen nach gered wuerd
ihm so schmählich von etlichen Personen nachgeredet würde (er wurde verleumdet)
do sprach er zu denselben seinen hoflewten
da sprach er zu denselben seinen Hofleuten
zuetat zum geschoss gesetzt sind
als ein Ziel zum Geschoss gesetzt sind (als Zielscheibe für Angriffe/Kritik dienen)
plitzen schlahen
Blitze schlagen
thuern
Türme
verschonen der nydern gepew
verschonen die niederen Gebäude
vnßer sachen steen wol so wir allain mit worten angefochten werden
unsere Sachen stehen wohl (es geht uns gut), so wir (wenn wir) allein mit Worten angefochten werden (angegriffen werden)
LAßlaw
Ladislaus Postumus (1440–1457), König von Böhmen und Ungarn, Herzog von Österreich
Beheim
Böhmen (historische Region)
koenig Albrechts sun
König Albrechts Sohn (Albrecht II., römisch-deutscher König, König von Böhmen und Ungarn)
kaiser Sigmunds enicklein
Kaiser Sigmunds Enkel (Sigismund von Luxemburg, römisch-deutscher Kaiser)
absterben seins vaters geporn
nach Absterben seines Vaters geboren (posthum geboren)
alßpald er an das liecht herfuer kome
alsbald er an das Licht hervorkam, sobald er geboren wurde
Stuolweissenburg
Stuhlweißenburg (Székesfehérvár, historische Stadt in Ungarn)
cristenlichen tawff
christlichen Taufe
guertel der ritterschaft
Gürtel der Ritterschaft (symbolische Handlung der Ritterung)
heilligen des Hungerischen koenigreichs kron
heilige Krone des ungarischen Königreichs (die Stephanskrone)
muoter bey ir het
Mutter bei ihr hatte
auff einen einigen tag empfangen
auf einen einzigen Tag empfangen
von dannen genomen
von dannen genommen, von dort weggebracht
schier .xii. iar
schier zwölf Jahre (römisch für fast 12 Jahre)
wartt vnd pfleg
Wart und Pflege, Obhut und Fürsorge
befolhen het
befohlen, anvertraut hatte
Vladislaus koenig zu Poln
Władysław III. (1424–1444), König von Polen und Ungarn (als Władysław I.)
vnderfangen het
unterfangen hatte, angenommen hatte (die Herrschaft übernommen hatte)
streyt zu tod geschossen wardt
im Streit zu Tod geschossen ward, im Kampf getötet wurde (Schlacht bei Warna 1444)
gemayner folg vnd wilkuer des adels vnd der lantherren
allgemeiner Zustimmung und freier Wahl des Adels und der Landherren
zu koenig geordnet
zu König geordnet, eingesetzt
Der name ime fuer
Der nahm ihm vor, er nahm sich vor
zefechten
zu fechten, zu kämpfen