Schedelsche Weltchronik · Blatt 255

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 255, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 255, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das sechst alter Symon das sellig kindlein zu Trient ist am. xxi. tag des Mertzen nach der gepurt Cristi. M.cccc.lxxv. iar. in der heiligen marterwochen in der statt Trient von den iuden getoedt vnd ein martrer Cristi worden. dann als die iuden in derselben statt wonende ir ostern nach irem sytten begeen wolten vnd doch kein cristenlichs pluot zu geprauch irs vngesewrten prots hetten do brachten sie diss kindlein verstolens in Samuelis eins iuden haws. in solcher gestalt. an dem dritten tag vor ostern vmb versperzeit saße diss kindlein vor seins vaters thuer in abwesen seiner eltern do nehnet sich Thobias ein iuedischer verreter zu disem kindlein das noch nit dreymal zehen monat alt was. dem redet er mit schmaychlenden worten zu vnd truog es pald in das haws Samuelis. Als nw die nacht herfiele do frewten sich Samuel Thobias Vitalis Moyses Israhel vnd Mayer vor der synagog vber vergiessung cristenlichen pluots. Nw entploeßeten sie das kindlein vnd legten ime ein faciletlein vmb sein helßlein das man es nit schreyen hoeren moecht vnd spanneten ime sein ermlein auß. schnytten ime erstlich sein manlich glidlein ab vnd auß seinem rechten wenglein ein stuecklein vnd stachen es allenthalben mit scharpffen spitzigen stacheln heftlein oder nadeln. einer die hend der ander die fueßlein haltende. vnd als sie nw das pluot grawsamlich gesammelt hetten do huoben sie an lobsang zesingen vnd zu dem kindlein mit hoenischen bedroewortten zesprechen Nym hin du gehangner Jhesu also haben dir ettwen vnßer eltern gethan. also sollen alle cristen in hymel. auff erden vnd meer geschend werden. dieweil verschied das vnschuldig mertrerlein. die iuden eyleten zum nachtmal vnd assen von dem pluot das vngesewerte zu schmahe Cristo vnßerm hayland vnd wurffen den toten leichnam in ein fließends wasser nahent bey irem haws vnnd hielten ir ostern mit frewden. Die bekuemerten eltern suchten ir verlorns kindlein. das funden sie vber drey tag in dem fluss. Als solchs an Johanßen von Salis den edeln burger von Brixien kaiserlicher rechten doctor vnd deßmals oebersten pfleger gelanget do hieß er nach den iuden greiffen vnd sie mit marter anziehen. also das sie nach ordnung ansagten wie sie dise mißtat beganngen hetten. vnd darauff warden sie mit gepuerlicher straff außgetilgt. Als der leichnam auff befelhe Johanßen hinderbachs bischoffs daselbst bestattet wardt do fieng er alßpald an in wunderzaichen zescheinen vnd auß allen cristenlichen gegenten zu dises heilliges kindes grab ein zulawff zewerden. dauon dann dise statt nicht kleine auffung vnnd zunemung empfunden hat. vnd die burger daselbst haben disem leichnam ein schoene kirchen auffgerichtet. center DErgleichen vbeltat haben auch die iuden vber fuenff iar darnach in dem stettlein Mota in Foriaul gelegen mit ertoedtung eins andern kinds begangen. darumb warden der teter drey gefangen gein Venedig gefueert vnd nach grawsammer peyn verprennt. DIe Tuercken zohen abereins in nydern Misiam vnd warden mit großer schlacht ernydergelegt. Darnach eroberten die Genueser die großen statt Capham die die Tuercken noch innhetten. aber dieselb statt kome in disem iar durch verretterrey vnd dargebung eins Genuesischen burgers widerumb in der Tuercken gewalt. der werlt Blat CCLV Ein wundergestaltnus eins maydleins wardt diser zeit in der gegent vmb die statt Bern geporn. das het nuor ein hawbt. aber zwen hindern vnd zwuo scham. auch vier arm. zwen groß vnd geprauchsam. vnnd zwen klein vnd. vngepreuechlich. Es het auch zwen peuech vmb den magen. Sein eltern fueerten es in welschen landen vmb vnd erpettelten gelt von denen die es sehen wolten. Padus vnd Tyber vnd auch alle andere wasserfluess Welschs lands wuchßen in dem nouember monat auß vile vnd menig der regen also fast das sie außlieffen vnd den dabey wonenden vil schadens zufueegten. Als sie aber vnlang darnach widerumb abnamen do zohen sie. vnd allermaist die Tyber vil todte thier vnd vihe mit inen vnd als dieselben verfawlten do vergifteten sie den luft das ein große pestilentz darnach folget. In Hispania ward auff absterben koenig Heinrichs dasselb land getaylt. nemlich zwischen Ferdinando iohannis des koenigs zu Arrrogonia sun. der dann Elßbethen des Heinrichs schwester zu der ee genomen het vnd zwischen Alphonso dem koenig portugalie. der dann Johannam desselben Heinrichs vnnd seiner schwester tochter schuetzet. In dem nehst darnachfolgenden iar machet Ferdinandus der koenig zu Hispania den koenig portugalie in dem Numantinischen feld fluechtig. Johannes von Koenigsperg Johannes Koenigsperg ein Teuetscher nicht ein mynndrer dann Anaximander Milesius oder der Siracusanisch Archimedes in beden kriechischer vnnd lateinischer zungen hoherfarn vnnd geuebt ein zier vnd preys der Teuetschen ist diser zeyt von fuertreffenlichkeit wegen seiner kunst der Astronomey vnd andrer schriftlichen weißheit von Mathia dem Hungerischen koenig vnd von den von Nuermberg besoldet.. vnd in Teuetschem land. auch in Hungern vnd zu Rom in großem werde vnnd achtperkeit gehalten gewesen. der dann auß seiner loeblichen vnnd wunderperlichen synnschicklichkeit vnd erleuechten verstentnus einen schoenen kalender vnd ettliche andere ding in der astronomey gemacht hat. mit einfueerung ettlicher newen tafel vnd mit rechtfertigung der theorica Gerardi cremonensis. Zu letst wardt er von babst Sixto auß Nuermberg gein Rom gefordert ettliche ding zu der astronomey gehoerende zerechtfertigen daselbst starb er vnd ließ kuenstreich tafel hinder ime. die getruckt nochmals vorawgen sind. Nicolaus estensis der sich vmb das regiment zu Ferraria mit Hercule zancket wardt auß der statt vertriben nachfolgend gefangen vnd vnlang darnach getoedt. In dem edeln Franckenland erewget sich ein hirt des vihs ein pawcker nach der gepurt Cristi .M.cccc.lxxvi. iar in eim dorff Niclaßhawsen genant vnd vnderstund sich wider die pfafheit vnd gaistlichkeit zepredigen vnd zu sagen das ir leben verschmahlich wer. vnd man solt den herren weder zol noch gelayd gelt geben. So weren alle wasser vnd welde allermenigclichem frey vnd vil der gleichen vnzimmlicher ding. vnd sprach ime hette die iunckfraw Maria soelche stueck geoffenbaret. also wardt auß allen gegenten ein großer zulawff daselbsthin zu disem pawgker. der tet denn zu feyertagen lang predig wider die gaistlichen. Demnach warden von herren Rudolphen bischoffen zu Wuertzburg ettlich speher gein Niclaßhawsen geschickt. die fueereten disen pawgker gein Wuertzburg vnd verprennten ine. also verschwunde die wallung. Aber als sich die bewegnus des zulawffs erhebt het do verputen die oebern regirer zu Nuermberg den iren bey schwerer peen gein Niclaßhawßen nicht zewallen. von welchs verpots wegen dieselben regenten von babst Sixto ein groß lobe sunderlichs wolgefallens erlangten nach laut eins babstlichen sendbriefs sub annulo piscatoris deßhalb an sie außgangen.

Moderne Übersetzung

Das sechste Zeitalter. Simon, das selige Kindlein zu Trient, wurde am 21. Tag des März nach der Geburt Christi im Jahre 1475, in der heiligen Märtyrerwoche, in der Stadt Trient von den Juden getötet und ein Märtyrer Christi. Denn als die in derselben Stadt wohnenden Juden ihr Ostern nach ihrem Brauch begehen wollten und doch kein christliches Blut zum Gebrauch ihres ungesäuerten Brotes hatten, da brachten sie dieses Kindlein gestohlen in das Haus Samuels, eines Juden, in solcher Gestalt: Am dritten Tag vor Ostern, um die Vesperzeit, saß dieses Kindlein vor der Tür seines Vaters in Abwesenheit seiner Eltern. Da näherte sich Tobias, ein jüdischer Verräter, diesem Kindlein, das noch nicht dreimal zehn Monate alt war. Ihm redete er mit schmeichelnden Worten zu und trug es bald in das Haus Samuels. Als nun die Nacht hereinbrach, da freuten sich Samuel, Tobias, Vitalis, Moyses, Israhel und Mayer vor der Synagoge über die Vergießung christlichen Blutes. Nun entblößten sie das Kindlein und legten ihm ein Tüchlein um sein Hälschen, damit man es nicht schreien hören möge, und spannten ihm seine Ärmchen aus. Sie schnitten ihm erstlich sein männliches Gliedlein ab und aus seinem rechten Wänglein ein Stücklein und stachen es allenthalben mit scharfen, spitzigen Stacheln, Heftlein oder Nadeln, einer die Hände, der andere die Füßlein haltend. Und als sie nun das Blut grausamlich gesammelt hatten, da hoben sie an, Lobgesang zu singen und zu dem Kindlein mit höhnischen Drohworten zu sprechen: „Nimm hin, du Gehängter Jesus, also haben dir etwann unsere Eltern getan. Also sollen alle Christen in Himmel, auf Erden und Meer geschändet werden.“ Derweil verschied das unschuldige Märtyrerlein. Die Juden eilten zum Nachtmahl und aßen von dem Blut das Ungesäuerte zur Schmach Christo, unserem Heiland, und warfen den toten Leichnam in ein fließendes Wasser nahe bei ihrem Haus und hielten ihr Ostern mit Freuden. Die bekümmerten Eltern suchten ihr verlorenes Kindlein. Das fanden sie über drei Tage in dem Fluss. Als solches an Johannes von Salis, den edlen Bürger von Brixen, kaiserlicher Rechte Doktor und desmals obersten Pfleger, gelangte, da hieß er nach den Juden greifen und sie mit Marter anziehen, also dass sie nach Ordnung ansagten, wie sie diese Missetat begangen hätten. Und daraufhin wurden sie mit gebührlicher Strafe ausgetilgt. Als der Leichnam auf Befehl Johannes Hinderbachs, Bischofs daselbst, bestattet wurde, da fing er alsbald an, in Wunderzeichen zu erscheinen, und aus allen christlichen Gegenden zu dieses heiligen Kindes Grab ein Zulauf zu werden. Davon dann diese Stadt nicht kleine Aufschwung und Zunahme empfunden hat. Und die Bürger daselbst haben diesem Leichnam eine schöne Kirche aufgerichtet. Dergleichen Übeltat haben auch die Juden über fünf Jahre darnach in dem Städtlein Mota, in Friaul gelegen, mit Ertötung eines anderen Kindes begangen. Darum wurden der Täter drei gefangen, gen Venedig geführt und nach grausamer Pein verbrannt. Die Türken zogen abermals in Nieder-Mösien und wurden mit großer Schlacht niedergemacht. Darnach eroberten die Genueser die große Stadt Kaffa, die die Türken noch innehatten. Aber dieselbe Stadt kam in diesem Jahr durch Verräterei und Übergabe eines genuesischen Bürgers wiederum in der Türken Gewalt. Der Welt Blatt 255. Eine Wundergestalt eines Mägdeleins wurde dieser Zeit in der Gegend um die Stadt Bern geboren. Das hatte nur ein Haupt, aber zwei Hintern und zwei Scham, auch vier Arme, zwei große und brauchsame und zwei kleine und unbrauchbare. Es hatte auch zwei Bäuche um den Magen. Seine Eltern führten es in welschen Landen umher und erbettelten Geld von denen, die es sehen wollten. Po und Tiber und auch alle anderen Wasserflüsse welschen Landes wuchsen in dem Novembermonat aus vieler und manniger Regen also stark, dass sie überliefen und den dabei Wohnenden viel Schaden zufügten. Als sie aber unlängst darnach wiederum abnahmen, da zogen sie, und allermeist die Tiber, viel tote Tiere und Vieh mit sich, und als dieselben verfaulten, da vergifteten sie die Luft, dass eine große Pestilenz darnach folgte. In Hispanien ward auf Absterben König Heinrichs dasselbe Land geteilt, nämlich zwischen Ferdinand, Johannis, des Königs zu Aragonien Sohn, der dann Elisabeth, des Heinrichs Schwester, zur Ehe genommen hatte, und zwischen Alfonso, dem König Portugals, der dann Johanna, die Tochter desselben Heinrichs, schützte. In dem nächst darnachfolgenden Jahr machte Ferdinand, der König zu Hispanien, den König Portugals in dem numantinischen Feld flüchtig. Johannes von Königsberg, ein Deutscher, nicht ein geringerer als Anaximander von Milet oder der syrakusanische Archimedes, in beiden, griechischer und lateinischer Zunge, hocherfahren und geübt, eine Zier und Preis der Deutschen, ist dieser Zeit von Vortrefflichkeit wegen seiner Kunst der Astronomie und anderer schriftlicher Weisheit von Matthias, dem ungarischen König, und von denen von Nürnberg besoldet und in deutschem Land, auch in Ungarn und zu Rom in großem Wert und Achtbarkeit gehalten gewesen. Der dann aus seiner löblichen und wunderbaren Sinnenschicklichkeit und erleuchteten Verständnisses einen schönen Kalender und etliche andere Dinge in der Astronomie gemacht hat, mit Einführung etlicher neuer Tafeln und mit Rechtfertigung der Theorica Gerardi Cremonensis. Zuletzt ward er von Papst Sixtus aus Nürnberg gen Rom gefordert, etliche Dinge zur Astronomie gehörend zu rechtfertigen. Daselbst starb er und ließ kunstreiche Tafeln hinter sich, die gedruckt nochmals vor Augen sind. Nicolaus Estensis, der sich um das Regiment zu Ferrara mit Hercules zankte, ward aus der Stadt vertrieben, nachfolgend gefangen und unlängst darnach getötet. In dem edlen Frankenland erregte sich ein Hirte des Viehs, ein Pauker, nach der Geburt Christi im Jahre 1476, in einem Dorf namens Niklashausen, und unternahm es, wider die Pfaffheit und Geistlichkeit zu predigen und zu sagen, dass ihr Leben verschmälich wäre und man den Herren weder Zoll noch Geleitgeld geben sollte. So wären alle Wasser und Wälder jedermann frei und viel dergleichen unziemlicher Dinge. Und er sprach, ihm hätte die Jungfrau Maria solche Stücke geoffenbart. Also ward aus allen Gegenden ein großer Zulauf dorthin zu diesem Pauker. Der tat denn zu Feiertagen lange Predigten wider die Geistlichen. Demnach wurden von Herrn Rudolf, Bischof zu Würzburg, etliche Späher gen Niklashausen geschickt. Die führten diesen Pauker gen Würzburg und verbrannten ihn. Also verschwand die Wallung. Aber als sich die Bewegung des Zulaufs erhoben hatte, da verboten die oberen Regierer zu Nürnberg den Ihren bei schwerer Pein, gen Niklashausen nicht zu wallen. Von welch Verbots wegen dieselben Regenten von Papst Sixtus ein großes Lob und sonderliches Wohlgefallen erlangten, laut eines päpstlichen Sendbriefs sub annulo piscatoris, der deshalb an sie ausgegangen war.

Anmerkungen

Das sechst alter
Das sechste Zeitalter (historische Periodisierung der Weltgeschichte, hier nach Augustinus)
Symon das sellig kindlein zu Trient
Simon von Trient, ein angebliches Ritualmordopfer, dessen Leichnam 1475 in Trient gefunden wurde. Er wurde später seliggesprochen, die Verehrung wurde jedoch 1965 eingestellt.
xxi. tag des Mertzen
21. Tag des März
M.cccc.lxxv. iar
1475 (römische Zahl)
heiligen marterwochen
Karwoche (die Woche vor Ostern, in der das Leiden Christi gedacht wird)
martrer Cristi
Märtyrer Christi
sytten
Sitten, Brauch
geprauch irs vngesewrten prots
Gebrauch ihres ungesäuerten Brotes (Matze für Pessach)
verstolens
gestohlen
Samuelis eins iuden haws
Haus Samuels, eines Juden (Samuel ist ein Name)
versperzeit
Vesperzeit (Zeit des Abendgebets, hier: Abenddämmerung)
Thobias ein iuedischer verreter
Tobias, ein jüdischer Verräter (Name)
dreymal zehen monat alt
30 Monate alt (2 Jahre und 6 Monate)
schmaychlenden worten
schmeichelnden Worten
Vitalis Moyses Israhel vnd Mayer
Namen von Juden, die in den Trienter Ritualmordprozessen als Täter genannt wurden.
synagog
Synagoge
faciletlein
kleines Tuch, Tüchlein
ermlein auß
Ärmchen ausspannen
manlich glidlein
männliches Glied
wenglein
Wänglein, Wange
heftlein
kleine Heftnadeln, Spieße
lobsang zesingen
Lobgesang singen
hoenischen bedroewortten
höhnischen Drohworten
gehangner Jhesu
Gehängter Jesus (eine Beleidigung, die auf die Kreuzigung anspielt)
ettwen
etwann, einst
hymel. auff erden vnd meer
Himmel, auf Erden und Meer (überall)
geschend werden
geschändet werden
dieweil verschied das vnschuldig mertrerlein
derweil starb das unschuldige Märtyrerlein
nachtmal
Abendmahl, hier: Pessach-Mahl
das vngesewerte
das Ungesäuerte (Brot, Matze)
zu schmahe Cristo vnßerm hayland
zur Schmach Christi, unserem Heiland
bekuemerten
bekümmerten
vber drey tag
nach drei Tagen
Johanßen von Salis
Johannes von Salis, ein Richter und kaiserlicher Pfleger in Trient, der die Prozesse gegen die Juden leitete.
Brixien
Brixen (Stadt in Südtirol, Italien)
kaiserlicher rechten doctor
Doktor der kaiserlichen Rechte (Jurist)
deßmals oebersten pfleger
desmals obersten Pfleger (damals oberster Richter oder Verwalter)
mit marter anziehen
mit Folter verhören
nach ordnung ansagten
ordnungsgemäß aussagten (unter Folter)
gepuerlicher straff außgetilgt
mit gebührender Strafe ausgelöscht/hingerichtet
Johanßen hinderbachs bischoffs
Johannes Hinderbach, Bischof von Trient (1465–1486), förderte die Verehrung des Simon von Trient.
wunderzaichen zescheinen
Wunderzeichen zu zeigen
zulawff zewerden
ein Zulauf zu werden, ein Pilgerstrom zu entstehen
auffung vnnd zunemung
Aufschwung und Zunahme (wirtschaftlich, durch Pilger)
vbeltat
Übeltat
vber fuenff iar darnach
über fünf Jahre danach
stettlein Mota in Foriaul
Städtlein Mota (heute Motta di Livenza) in Friaul (Region in Norditalien)
ertoedtung
Ertötung, Tötung
gein Venedig
gen Venedig (nach Venedig)
grawsammer peyn verprennt
nach grausamer Pein verbrannt (Hinrichtung durch Verbrennung)
abereins
abermals, wieder einmal
nydern Misiam
Nieder-Mösien (historische Region auf dem Balkan, heute Teile Bulgariens und Serbiens)
ernydergelegt
niedergemacht, besiegt
Genueser
Bewohner Genuas (italienische Seerepublik)
Capham
Kaffa (historische Stadt auf der Krim, heute Feodossija, eine wichtige Handelskolonie Genuas)
innhetten
innehatten
verretterrey vnd dargebung
Verräterei und Übergabe
in der Tuercken gewalt
in die Gewalt der Türken
der werlt Blat CCLV
Der Welt Blatt 255 (Verweis auf die Seitenzahl der Schedelschen Weltchronik)
wundergestaltnus eins maydleins
Wundergestalt eines Mägdeleins (eine Missbildung, hier wohl ein siamesischer Zwilling)
Bern
Bern (Stadt in der Schweiz)
hawbt
Haupt, Kopf
zwen hindern vnd zwuo scham
zwei Hintern und zwei Scham (Geschlechtsteile)
geprauchsam
brauchbar
vngepreuechlich
unbrauchbar
zwen peuech vmb den magen
zwei Bäuche um den Magen (Hinweis auf einen doppelten Rumpf)
welschen landen
welsche Länder (historische Bezeichnung für romanische Länder, hier wohl Italien oder Frankreich)
erpettelten gelt
erbettelten Geld
Padus
lat. Padus – Po (Fluss in Italien)
Tyber
Tiber (Fluss in Italien)
Welschs lands
welsches Land (Italien)
vile vnd menig der regen
vieler und manniger Regen (viele und heftige Regenfälle)
außlieffen
überliefen, traten über die Ufer
vnlang darnach
unlängst darnach, kurz danach
allermaist
allermeist, besonders
vihe
Vieh
verfawlten
verfaulten
vergifteten sie den luft
vergifteten sie die Luft
pestilentz
Pest, Seuche
Hispania
Hispanien (Spanien)
koenig Heinrichs
König Heinrich IV. von Kastilien (reg. 1454–1474)
Ferdinando iohannis des koenigs zu Arrrogonia sun
Ferdinand II. von Aragonien (reg. 1479–1516), Sohn Johanns II. von Aragonien. Er heiratete Isabella I. von Kastilien.
Elßbethen des Heinrichs schwester
Isabella I. von Kastilien (reg. 1474–1504), Halbschwester Heinrichs IV.
Alphonso dem koenig portugalie
Alfons V. von Portugal (reg. 1438–1481), unterstützte Johanna von Kastilien im Erbfolgekrieg.
Johannam desselben Heinrichs vnnd seiner schwester tochter
Johanna von Kastilien (1462–1530), Tochter Heinrichs IV. Die Formulierung 'seiner Schwester Tochter' ist ungenau; Johanna war die Nichte von Heinrichs Halbschwester Isabella I.
Numantinischen feld
Numantinischen Feld (Schlachtfeld bei Toro, 1476, im Kastilischen Erbfolgekrieg)
fluechtig
flüchtig, in die Flucht geschlagen
Johannes von Koenigsperg
Johannes Müller von Königsberg, genannt Regiomontanus (1436–1476), berühmter deutscher Astronom, Mathematiker und Kartograf.
Anaximander Milesius
Anaximander von Milet (ca. 610–546 v. Chr.), griechischer Naturphilosoph.
Siracusanisch Archimedes
Archimedes von Syrakus (ca. 287–212 v. Chr.), griechischer Mathematiker, Physiker und Ingenieur.
kriechischer vnnd lateinischer zungen
griechischer und lateinischer Zunge (Sprachen)
zier vnd preys der Teuetschen
Zier und Preis der Deutschen (Ehre und Ruhm der Deutschen)
Astronomey
Astronomie
Mathia dem Hungerischen koenig
Matthias Corvinus (reg. 1458–1490), König von Ungarn, ein Förderer der Wissenschaften.
Nuermberg
Nürnberg (freie Reichsstadt, ein Zentrum des Humanismus und der Wissenschaft)
achtperkeit
Achtbarkeit, Ansehen
synnschicklichkeit
Sinnenschicklichkeit, Geistesgabe, Begabung
erleuechten verstentnus
erleuchteten Verständnisses
kalender
Kalender (gemeint sind astronomische Tafeln und Ephemeriden)
theorica Gerardi cremonensis
Theorica Gerardi Cremonensis (astronomisches Werk von Gerhard von Cremona, das Regiomontanus verbesserte und kommentierte)
babst Sixto
Papst Sixtus IV. (reg. 1471–1484), berief Regiomontanus nach Rom zur Kalenderreform.
gein Rom
gen Rom (nach Rom)
zerechtfertigen
zu rechtfertigen, zu überprüfen oder zu korrigieren
kuenstreich tafel
kunstreiche Tafeln (astronomische Tabellen)
vorawgen sind
vor Augen sind, noch existieren
Nicolaus estensis
Niccolò d'Este (1438–1476), illegitimer Sohn von Leonello d'Este, kämpfte um die Herrschaft in Ferrara.
regiment zu Ferraria
Herrschaft in Ferrara (Stadt in Italien)
Hercule
Ercole I. d'Este (reg. 1471–1505), Herzog von Ferrara.
zancket
zankte, stritt
vnlang darnach getoedt
unlängst darnach getötet, kurz danach hingerichtet
Franckenland
Frankenland (Region in Deutschland)
hirt des vihs ein pawcker
Hirte des Viehs, ein Pauker (Hans Böhm, der 'Pauker von Niklashausen', ein Hirte und Prediger, der eine Bauernbewegung anführte)
M.cccc.lxxvi. iar
1476 (römische Zahl)
Niclaßhawsen
Niklashausen (Dorf in Franken, heute Teil von Wittighausen)
vnderstund sich
unternahm es
pfafheit vnd gaistlichkeit
Pfaffheit und Geistlichkeit (abfällige Bezeichnung für den Klerus)
verschmahlich wer
verschmälich wäre, verachtenswert
zol noch gelayd gelt
Zoll noch Geleitgeld (Abgaben, Wegzölle)
allermenigclichem frey
jedermann frei
vnzimmlicher ding
unziemlicher Dinge, unpassender/anstößiger Dinge
iunckfraw Maria
Jungfrau Maria
soelche stueck geoffenbaret
solche Dinge geoffenbart
zulawff
Zulauf, Pilgerstrom
feyertagen
Feiertagen
herren Rudolphen bischoffen zu Wuertzburg
Rudolf von Scherenberg (reg. 1466–1495), Bischof von Würzburg.
speher
Späher, Kundschafter
gein Wuertzburg
gen Würzburg (nach Würzburg)
verprennten ine
verbrannten ihn (Hinrichtung durch Verbrennung)
wallung
Wallung, Aufruhr, Pilgerbewegung
bewegnus des zulawffs
Bewegung des Zulaufs, Volksbewegung
oebern regirer zu Nuermberg
oberen Regierer zu Nürnberg (der Stadtrat von Nürnberg)
bey schwerer peen
bei schwerer Strafe
zewallen
zu wallen, zu pilgern
sunderlichs wolgefallens
sonderliches Wohlgefallen
babstlichen sendbriefs sub annulo piscatoris
päpstlichen Sendbriefs sub annulo piscatoris (unter dem Fischerring, eine Form päpstlicher Urkunden, die für weniger wichtige Angelegenheiten verwendet wurde)