Schedelsche Weltchronik · Blatt 258

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 258, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 258, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Das sechst alter Jar der werlt. vim.vic.xci.Jar Cristi. jm.iiijc.xcij. Linea der bebst // Alexander der sechst ALexander der sechst ein Hispanier auß der statt Valentia puertig Rhodericus boria dauor genant ein Portuensischer bischoff ist nach absterben Jnnocencij des achten mit gemayner folg vnd wale in disem iar babst erkorn vnnd in sant Johanßen latronensischen Kirchen am. xxvi. tag Augusti mit der bebstlichen kron geziert worden. ein man gross gemueets vnd großer kluogheit. fuersichtigkeit vnd werltwitzigkeit. Jn seiner iugent ist er zu der lernung in der hohen schuol zu Bononia gestanden vnd wuochße in ruom der tugent. in lobe der lernung vnnd in solcher geschicklichkeit zu allen dingen also auff das er durch babst Calixtum den dritten seiner muoter bruoder zu einem cardinal gemacht wardt. vnnd ein offenbare anzaigung seiner tueglichkeit vnd schickerlichkeit was das das er noch also iunger in die zal vnd versammlung der hohwirdigen vnd vbertreffenlichen cardinel genomen ward vnd die stat eins vicecantzlers erlanget. Auß erfarung vnd erkuendung diser ding aller ist er billich vor andern zu gubernirung vnd laytung sant Peters schifleins zefordern gewesen. vnd wiewol er von angesyht ein herrlich man ist so meret doch sein lob erstlich sein Hyspanisch nation. die dann vnder andern prouintzen des gantzen ertreichs an gesuntlichkeit des lufts gemessigt vnd an gnuogsamkeit vnd sundrer gueete aller ding fuertreffende. solche mann gepiret die an tettigkeit des leibs. an wolschicklichkeit des gemueets vnd an ruom and preys aller tugent allweg die hohsten vnd namhaftigsten gewesen sind. zum andern Valentia die statt seins haymands. die dann mit irem alter vnd mit schoene irs gelegers. vnd mit menig der mann. vnd auch mit aller gestalt der kawfmanschatz andere stett in Hyspania fuertrift. Vnd zum dritten sein durchleuechtigs geschlecht Bona genant auß dem er geporn ist. vnd der warlich sein nation. vaterland vnd geschlecht erleuechtet hat. Er ist ein nachfolger babsts Calixti seins vetters seliger gedechtnus in schriftlicher weißheit. erfarung der kunst vnd auffrichtigem leben. in ime ist holdseligkeit. glawbwirdigkeit. hailperer rat gotßdienstlichkeit vnd kuntschaft aller der ding. die zu einer solchen hohen wirdigkeit vnd stand gepuerlich sind. darumb selig ist der mit souil tugenten geziert vnnd in die hoehe soelcher oeberkeit erhebt. wir hoffen das er dem gemaynen cristenlichen stannd fuerderlich vnnd nutzper sein. vnd durch die wueetenden anfelle des wallwegs. vnd vber die hohen vnd geferlichen meerfelsen wandern vnd den begerten fuoßsteige der himlischen glori ergreiffen werd. Die ding zekuerzen so befelhen wir vnßern nachkomen diss babsts kuenftige lobwirdige handlung vnnd getate zebeschreiben. Als diser babst den stuol erlanget do vnderstuond er sich sein maiestat mit gloriwirdigkeit zemeren. wiewol er in anfang seins babstthumbs widerwertigkeit empfunden hat so hat er doch ime große ding fuergenomen. got woel das er alle ding zu nuotzperkeit vnd fuerderung des gemaynen cristenlichen stands volziehe. verso: Judenfeindlichkeit WIewol das oede iamerig vnd trostlose volck die iuden in vergangnen zeiten an vil enden teuetscher land vnd andrer gegent. vnd sunderlich zu Preßlaw Passaw vnnd Regenspurg etc. mit dem allerheilligsten sacrament vergessenlich schmahlich vnd vnwirdigclich gehandelt haben darumb dann auch an inen solch vbeltaten vngerochen nicht bliben sind yedoch yetzo nehst nach der gepurt Cristi. iar. am. xxij. tag des monats Octobris in der statt Sternberg vnder der hertzogen von Megkelnburg fuerstenthumb gelegen haben Eleazar ein iud vnd sein mituerwandten durch einen briester Petrus genant das allerheilligst sacrament des fronleichnams Cristi in einer groeßern vnd klainern hostia zu inen gebracht. vnd dieselben hostien durchstochen also das dz pluot alßpald herauß floße vnd ein leineins weiß tuch dauon pluotfarb ward. Als nw die iuden ab solchem wunderzaichen erschracken do truogen sie es wider zu dem benanten briester Petro. vnd als aber die ding an die durchleuechtigen hertzogen Balthazarn vnd Mangen gebrueedere gelangt. sich der ding erkuendigten vnd die narben der wunden vnd stich sahen do hießen sie nach den iuden greiffen vnd dieselben als schmeher der goetlichen maiestat cristi vnd vnßers glawbens verprennen. darumb sol aller zweyfel des vnglawbens abgestelt sein vnd nymants zweyfeln das die ersten creatur auß willen goetlichs gewalts in gegwenertigkeit der hohsten maiestat in die natur des leibs vnßers herren geen muogen. dann was mag dem nicht leicht sein dem leicht gewest ist den merschen von der natur des erdkloss zeformirn vnd in die pildnus seiner gotheit zestellen. Vnd dem muoglich ist den menschen von dem tod herwider zerueeffen. auß der verdamnus zenemen. auß aschen wider zemachen. von der erden in den hymel zeerheben. vnd sein pildnus in der geselschaft seins reichs zeerhoehen. Daselbsthin helff vns got der do lebt vnd regirt in ewige ewigkeit Amen. der werlt Blat CCLVIII Linea der kaiser // Maximilianus MAximilianus ertzhertzog zu oesterreich vnd hertzog zu Burgundi kaiser Friderichs des dritten sun wardt noch in leben seins vaters nach der gepurt cristi vnßers haylands .M.cccc.lxxxvi. iar zu Franckfurt auß gemayner wale der churfuersten zu roemischem koenig erkorn. vnnd regiret mit demselben seinem vater syben iar. ein man mit hoehster tugent geziert. thetigs leibs. ritterlicher sachen kuendig. an tugenten nymant weichende mit holdseligkeit. gueetigkeit. senftmueetigkeit vnd miltigkeit alle koenig fuertreffende. ein koenig aller eren wirdig. in streyt glueckhaftig. in allen dingen starckmueetig. mit keinem mayl der laster gemerckt. großbehertzt vnd in weere vnd waffen gestrenng. vnd kome in seinen iungen tagen gein Burgundi vnd vermehlet sich mit Maria der durchleuechtigsten iunckfrawen hertzog Karls tochter. vnd erobert deßhalben das hertzogthumb Burgundi. vnd herrschet ettliche zeit in seinen vnderworffnen landen mit freued vnnd gerechtigkeit. wiewol koenig Ludwig zu Franckreich ettliche lanntschaft die der schweher beseßen het entwendet. In wunn freueden vnd frolocken iubilirten gantz Burgundi Brabant Limburg Lutzemburg Geldern Flandern Artoys Nanmet Haunaw Holand Seland Mecheln Hurnan Saluia vnd Friesen in zukunft vnnd gegewertigkeit dises Maximiliani irs loeblichen fuersten. Dieweil Maria sein gemahel lebet do herrschet er in frid vnd freued. Auß derselben hat er einen sun Philips vnd ein tochter Margaretha genant geporn. Die fiele sich vnlanng darnach ab eim lawffenden pferde zu tod. Diser allerdurchleuechtigst Maximilianus zohe darnach in dem iar der gepurt cristi .M.cccc.lxxxvi. an dem .xx. tag des monats Januarii mit seinem vater kaiser Friderichen dem dritten gein Franckfurt. Nachfolgend am .xvi. tag des monats Februarii ward er nach gehaltnem goetlichem ambt in sant Bartholomes kirchen durch die churfuersten des roemischen reichs nach ordnung der guldein bullen einhelligclich zu koenig erwelt. vnnd darnach am .x. tag des monats Aprilis in der statt Ach mit des grossen kaiser Karls kron (die die von Nuermberg bey irer treffenlichen ratßbotschaft daselbst hin schickten) mit großer herrlicher. solennitet vnnd zierlichkeit bekroenet. dann in ime erschyne vnerhoerte kunst vnd weißheit des herrschens. tapfferheit des bedenckens. schnelligkeit des volziehens. begirde vnd inpruenstigkeit der reiche der gerechtigkeit. sundere beschaidenheit. große gueetigkeit vnd miltigkeit mit geprauch loeblichs lebens vnnd guoter sytten. Aber nach abgang seins gemahels hat er nichtallain von dem adel der ime nicht gehorsam sein wolt vil widerstands erlidden. sunder er wardt auch von den von Prugk in Flandern gefangen vnd in erberer fangknus ettliche zeit gehalten. auß dem dann nach seiner entledigung den von Flandern vnzalliche vbel entstuonden vnd haben noch kein ende. Diser allersyghaftigst koenig Maximilianus vnder den cristenlichen fuersten der allercristenlichst hat in seinem gemueet wolbedacht wie die cristen (die dann ettwen die mechtigsten herren vnd besitzer der erden waren) von den vnglawbigen vmbgeben in einen winckel der erden gedrungen. eins solchen kaiserthumbs. souil edler stett. vnd souil reicher land vnnd gegent berawbt worden sind. Nemlich Judee des edeln vnnd heilligen lannds darinn erstlich die pluomen vnßers glawbens erschinen sind. Item vns sind entzogen Alexandria Alkeyro vnd alles egyptisch land. vnd Antiochia in der der cristenlich namen erstlich gehoert worden ist. der prunn vnd vrsprung vnßers hails ist in die hend vnßer feind gelangt. Jherusalem ein muoter des newen vnd alten testaments. vnd Constantinopel das hawbt des kriechischen lands. Vnd so nw die iuden ettwen nach verlust der archen des geluebds vnd widererobrung derselben kein geferlichkeit des kriegs gescheueht. Vnd die Kriechen von der gerawbten vnd entfueerten Helena wegen eynen zehenierigen krieg gefueert. Vnd die Carthaginenser vmb ein kleine erweyterung irer gegent mit den Cirenensern vil pluotig streyt getan. vnd die roemer offt von irer gesellen vnd puntgenossen wegen zu der weer vnd waffen gegriffen vnd gekempft haben. Demnach hat diser allercristenlichst fuerst Maximilianus solchen großen abfal der cristenheit zu hertzen genomen vnd beschlossen das schwert vnd die waffen wider die vnglawbigen besitzer ettwen cristenlicher stett land vnd gegent in die hand zenemen vnd den schaden vnd schmahe vnßerm glawben durch die feind beschehen starckmueetigclich zerechen vnd den cristenlichen namen zeerheben vnnd zeerweytern vnd darumb zu volziehung solchs heilligen cristenlichen fuermens. vnd zu abstellung aller verhinderung daran hat sein koenigclich maiestat nach der gepurt Cristi .M.cccc.xci. iar hie zu Nuermberg ein grosse versamlunng der fuersten vil tag gehabt. vnd die prelaten. fuersten vnd commun vnd ire rete vnd botschaft so in großer mercklicher zal auß teuetschen. welschen vnd gallischen nationen. vnd auß vil andern oerttern. vnd auch auß weißen rewßen der roemischen koenigclichen maiestat zu eren entgegen waren. zu ablegung irer zwitracht vnnd krieg vnd zu hilf eins cristenlichen heerzugs wider die vnglawbigen mit hohem ernst vnd fleiß vermanet. vnd das so Mathias der hungerisch koenig dem hawß oesterreich abgedrungen het widerumb erobert. vnd dem koenigreich zu hungern frid gegeben. Vnd als aber solcher

Moderne Übersetzung

Das sechste Zeitalter der Welt. Im Jahr 1492 nach Christus. Linie der Päpste. Alexander der Sechste. Alexander der Sechste, ein Spanier, geboren in der Stadt Valencia, zuvor Rodrigo Borgia genannt, Bischof von Porto, wurde nach dem Tod Innozenz’ des Achten mit allgemeiner Zustimmung und Wahl in diesem Jahr zum Papst gewählt und am 26. Tag des August in der Lateranbasilika mit der päpstlichen Krone geschmückt. Er war ein Mann von großem Gemüt und großer Klugheit, Voraussicht und Weltgewandtheit. In seiner Jugend widmete er sich dem Studium an der Hohen Schule zu Bologna und wuchs im Ruhm der Tugend, im Lob der Gelehrsamkeit und in solcher Geschicklichkeit in allen Dingen auf, sodass er durch Papst Calixtus den Dritten, den Bruder seiner Mutter, zum Kardinal gemacht wurde. Ein offenkundiges Zeichen seiner Tüchtigkeit und Geschicklichkeit war, dass er noch so jung in die Zahl und Versammlung der hochwürdigen und hervorragenden Kardinäle aufgenommen wurde und das Amt eines Vizekanzlers erlangte. Aus Erfahrung und Erkenntnis all dieser Dinge war er billigerweise vor anderen zur Regierung und Leitung des Schiffleins Petri zu fordern. Und obwohl er von Angesicht ein herrlicher Mann ist, so mehrt doch sein Lob erstens seine spanische Nation, die dann unter anderen Provinzen des ganzen Erdreichs an Gesundheit der Luft gemäßigt und an Genügsamkeit und besonderer Güte aller Dinge übertreffend, solche Männer gebiert, die an körperlicher Aktivität, an Wohlgeschicklichkeit des Gemüts und an Ruhm und Preis aller Tugenden stets die höchsten und namhaftesten gewesen sind. Zum anderen Valencia, die Stadt seiner Heimat, die dann mit ihrem Alter und mit der Schönheit ihrer Lage und mit der Menge der Männer und auch mit aller Art des Handels andere Städte in Hispanien übertrifft. Und zum dritten sein durchlauchtigstes Geschlecht Borgia genannt, aus dem er geboren ist, und der wahrlich seine Nation, sein Vaterland und sein Geschlecht erleuchtet hat. Er ist ein Nachfolger Papst Calixtus', seines Vetters seligen Angedenkens, in schriftlicher Weisheit, Erfahrung der Kunst und aufrichtigem Leben. In ihm ist Holdseligkeit, Glaubwürdigkeit, heilsamer Rat, Gottseligkeit und Kenntnis all der Dinge, die zu einer solchen hohen Würdigkeit und Stand gebührlich sind. Darum selig ist der, der mit so vielen Tugenden geziert und in die Höhe solcher Oberkeit erhoben. Wir hoffen, dass er dem gemeinen christlichen Stand förderlich und nutzbar sein und durch die wütenden Anfälle des Wallwegs und über die hohen und gefährlichen Meerfelsen wandern und den begehrten Fußsteig der himmlischen Glorie ergreifen wird. Um die Dinge abzukürzen, so befehlen wir unseren Nachkommen, die künftigen lobwürdigen Handlungen und Taten dieses Papstes zu beschreiben. Als dieser Papst den Stuhl erlangte, da unternahm er es, seine Majestät mit Glorwürdigkeit zu mehren. Obwohl er am Anfang seines Papsttums Widerwärtigkeiten empfunden hat, so hat er doch große Dinge unternommen. Gott wolle, dass er alle Dinge zur Nützlichkeit und Förderung des gemeinen christlichen Standes vollziehe. Judenfeindlichkeit. Obwohl das öde, jämmerliche und trostlose Volk der Juden in vergangenen Zeiten an vielen Orten deutscher Lande und anderer Gegenden, und besonders zu Breslau, Passau und Regensburg etc., mit dem allerheiligsten Sakrament vergessenlich, schmählich und unwürdiglich gehandelt haben, darum dann auch an ihnen solche Übeltaten ungerochen nicht geblieben sind, jedoch jetzt nächst nach der Geburt Christi, im Jahr 1492, am 22. Tag des Monats Oktober in der Stadt Sternberg, unter dem Fürstentum der Herzöge von Mecklenburg gelegen, haben Eleazar, ein Jude, und seine Mitverwandten durch einen Priester namens Petrus das allerheiligste Sakrament des Fronleichnams Christi in einer größeren und kleineren Hostie zu ihnen gebracht und dieselben Hostien durchstochen, sodass das Blut alsbald herausfloss und ein leinenes weißes Tuch davon blutfarben wurde. Als nun die Juden ob solchem Wunderzeichen erschraken, da trugen sie es wieder zu dem benannten Priester Petrus. Und als aber die Dinge an die durchlauchtigen Herzöge Balthasar und Magnus, Gebrüder, gelangten, sich der Dinge erkundigten und die Narben der Wunden und Stiche sahen, da ließen sie nach den Juden greifen und dieselben als Schmäher der göttlichen Majestät Christi und unseres Glaubens verbrennen. Darum soll aller Zweifel des Unglaubens abgestellt sein und niemand zweifeln, dass die ersten Kreaturen aus Willen göttlichen Gewalts in Gegenwart der höchsten Majestät in die Natur des Leibes unseres Herrn gehen mögen. Denn was mag dem nicht leicht sein, dem leicht gewesen ist, den Menschen von der Natur des Erdklosses zu formen und in die Bildnis seiner Gottheit zu stellen? Und dem möglich ist, den Menschen von dem Tod herwider zu rufen, aus der Verdammnis zu nehmen, aus Aschen wieder zu machen, von der Erde in den Himmel zu erheben und sein Bildnis in der Gesellschaft seines Reichs zu erhöhen. Dorthin helfe uns Gott, der da lebt und regiert in ewige Ewigkeit. Amen. Blatt 258 der Welt. Linie der Kaiser. Maximilian. Maximilian, Erzherzog zu Österreich und Herzog zu Burgund, Kaiser Friedrichs des Dritten Sohn, ward noch zu Lebzeiten seines Vaters nach der Geburt Christi, unseres Heilands, im Jahr 1486 zu Frankfurt aus allgemeiner Wahl der Kurfürsten zum römischen König erkoren und regierte mit demselben seinem Vater sieben Jahre. Ein Mann mit höchster Tugend geziert, tätigen Leibes, ritterlicher Sachen kundig, an Tugenden niemand weichend, mit Holdseligkeit, Gütigkeit, Sanftmütigkeit und Milde alle Könige übertreffend. Ein König aller Ehren würdig, im Streit glückhaftig, in allen Dingen starkmütig, mit keinem Makel der Laster gemerkt, großherzig und in Wehr und Waffen gestreng. Und kam in seinen jungen Tagen gen Burgund und vermählte sich mit Maria, der durchlauchtigsten Jungfrau, Herzog Karls Tochter, und eroberte deshalb das Herzogtum Burgund. Und herrschte etliche Zeit in seinen unterworfenen Landen mit Freude und Gerechtigkeit, wiewohl König Ludwig zu Frankreich etliche Landschaften, die der Schwäher besessen hatte, entwendet. In Wonne, Freuden und Frohlocken jubilierten ganz Burgund, Brabant, Limburg, Luxemburg, Geldern, Flandern, Artois, Namur, Hennegau, Holland, Seeland, Mecheln, Horn, Salvia und Friesland in Ankunft und Gegenwart dieses Maximilians, ihres löblichen Fürsten. Dieweil Maria, sein Gemahl, lebte, da herrschte er in Frieden und Freude. Aus derselben hat er einen Sohn Philipp und eine Tochter Margaretha genannt geboren. Die fiel sich unlängst darnach von einem laufenden Pferde zu Tod. Dieser allerdurchlauchtigste Maximilian zog darnach in dem Jahr der Geburt Christi 1486, am 20. Tag des Monats Januar, mit seinem Vater Kaiser Friedrich dem Dritten gen Frankfurt. Nachfolgend am 16. Tag des Monats Februar ward er nach gehaltenem göttlichem Amt in Sankt Bartholomäus' Kirche durch die Kurfürsten des römischen Reiches nach Ordnung der Goldenen Bulle einhelliglich zu König erwählt. Und darnach am 10. Tag des Monats...

Anmerkungen

vim.vic.xci.Jar Cristi. jm.iiijc.xcij.
römisch für 1492 (im Jahr 1492 nach Christus)
Linea der bebst
Abschnittsüberschrift: 'Linie der Päpste'
Alexander der sechst
Papst Alexander VI. (1431–1503), bürgerlich Rodrigo Borgia
Hispanier
Spanier
Valentia
Valencia, Stadt in Spanien
puertig
gebürtig
Rhodericus boria
Rodrigo Borgia, der spätere Papst Alexander VI.
Portuensischer bischoff
Bischof von Porto (Santa Rufina), einem suburbikarischen Bistum bei Rom
Jnnocencij des achten
Papst Innozenz VIII. (1432–1492)
gemayner folg vnd wale
allgemeiner Zustimmung und Wahl
sant Johanßen latronensischen Kirchen
Lateranbasilika (San Giovanni in Laterano) in Rom
gemueets
Gemüts, Sinnesart
werltwitzigkeit
Weltgewandtheit, weltliche Klugheit
hohen schuol zu Bononia
Universität Bologna
ruom der tugent
Ruhm der Tugend
lobe der lernung
Lob der Gelehrsamkeit
geschicklichkeit
Fähigkeit, Gewandtheit
babst Calixtum den dritten
Papst Calixt III. (1378–1458), bürgerlich Alfons de Borja, Onkel von Rodrigo Borgia
muoter bruoder
Bruder seiner Mutter, also Onkel mütterlicherseits
cardinal
Kardinal
an zaigung
Anzeichen
tueglichkeit
Tüchtigkeit
hohwirdigen vnd vbertreffenlichen cardinel
hochwürdigen und hervorragenden Kardinäle
vicecantzlers
Vizekanzler, hier: Vizekanzler der Römischen Kirche
erkuendung
Erkundung, Erkenntnis
billich
billigerweise, zu Recht
gubernirung vnd laytung sant Peters schifleins
Regierung und Leitung des 'Schiffleins Petri', Metapher für die Kirche
von angesyht
vom Aussehen her
Hyspanisch nation
spanische Nation
prouintzen
Provinzen
ertreichs
Erdreichs, der Erde
gesuntlichkeit des lufts gemessigt
an der Gesundheit der Luft gemäßigt (mildes Klima)
gnuogsamkeit vnd sundrer gueete aller ding fuertreffende
an Genügsamkeit (Reichtum) und besonderer Güte aller Dinge übertreffend
gepiret
gebärt, hervorbringt
tettigkeit des leibs
körperlicher Aktivität
wolschicklichkeit des gemueets
Wohlgeschicklichkeit des Gemüts, seelische Ausgeglichenheit
preys
Preis, Lob
namhaftigsten
namhaftesten, berühmtesten
haymands
Heimats
schoene irs gelegers
Schönheit ihrer Lage
menig der mann
Menge der Männer, Bevölkerungszahl
kawfmanschatz
Kaufmannschaft, Handel
Bona genant
Borgia genannt (Fehler in der Abschrift oder Druck, sollte 'Borgia' sein)
vetters seliger gedechtnus
Onkels seligen Angedenkens
schriftlicher weißheit
schriftlicher Weisheit, Gelehrsamkeit
erfarung der kunst
Erfahrung der Kunst (im Sinne von Wissenschaft, Kenntnis)
holdseligkeit
Anmut, Freundlichkeit
glawbwirdigkeit
Glaubwürdigkeit
hailperer rat
heilsamer Rat
gotßdienstlichkeit
Gottseligkeit, Frömmigkeit
kuntschaft
Kenntnis
gepuerlich
gebührlich, angemessen
geziert
geschmückt
oeberkeit
Oberkeit, Obrigkeit
gemaynen cristenlichen stannd
gemeinen christlichen Stand, die gesamte Christenheit
fuerderlich vnd nutzper
förderlich und nutzbar
wueetenden anfelle des wallwegs
wütenden Anfälle des Wallwegs (vermutlich eine Metapher für weltliche Gefahren oder Irrwege)
meerfelsen
Meerfelsen, Klippen (Metapher für Gefahren)
begerten fuoßsteige der himlischen glori
begehrten Fußsteig der himmlischen Glorie, den Weg zum himmlischen Ruhm
zekuerzen
abzukürzen
befelhen wir vnßern nachkomen
befehlen wir unseren Nachkommen (im Sinne von: überlassen wir es unseren Nachkommen)
lobwirdige handlung vnnd getate
lobwürdige Handlungen und Taten
stuol erlanget
Stuhl (Petri) erlangte, d.h. Papst wurde
vnderstuond er sich
unternahm er es
gloriwirdigkeit
Glorwürdigkeit, Ruhm
widerwertigkeit empfunden
Widerwärtigkeiten, Schwierigkeiten empfunden
fuergenomen
vorgenommen
nuotzperkeit vnd fuerderung
Nützlichkeit und Förderung
volziehe
vollziehe, ausführe
Judenfeindlichkeit
Abschnittsüberschrift: 'Judenfeindlichkeit' (im Original 'WIewol das oede iamerig vnd trostlose volck die iuden...')
oede iamerig vnd trostlose volck die iuden
ödes, jämmerliches und trostloses Volk der Juden (abfällige Bezeichnung, die die damalige Judenfeindlichkeit widerspiegelt)
teuetscher land vnd andrer gegent
deutscher Lande und anderer Gegenden
Preßlaw
Breslau (heute Wrocław, Polen)
Passaw
Passau, Stadt in Bayern
Regenspurg
Regensburg, Stadt in Bayern
allerheilligsten sacrament
allerheiligsten Sakrament (Hostie, Eucharistie)
vergessenlich schmahlich vnd vnwirdigclich gehandelt
vergesslich (im Sinne von: in Vergessenheit geraten lassen), schmählich und unwürdiglich gehandelt (Anspielung auf Hostienfrevel-Vorwürfe)
vngerochen nicht bliben sind
ungerochen nicht geblieben sind (d.h. bestraft wurden)
yetzo nehst nach der gepurt Cristi. iar.
jetzt nächst nach der Geburt Christi, im Jahr 1492
Sternberg
Sternberg, Stadt in Mecklenburg-Vorpommern
hertzogen von Megkelnburg fuerstenthumb
Fürstentum der Herzöge von Mecklenburg
Eleazar
jüdischer Name, hier als Beispiel für einen angeblichen Täter
mituerwandten
Mitverwandten, Komplizen
briester Petrus
Priester namens Petrus
fronleichnams Cristi
Fronleichnam Christi, der Leib Christi in der Eucharistie
groeßern vnd klainern hostia
größeren und kleineren Hostie
durchstochen
durchstochen (Vorwurf des Hostienfrevels)
pluot alßpald herauß floße
Blut alsbald herausfloss (angebliches Wunderzeichen)
leineins weiß tuch dauon pluotfarb ward
leinenes weißes Tuch davon blutfarben wurde
ob solchem wunderzaichen erschracken
ob solchem Wunderzeichen erschraken
benanten briester Petro
benannten Priester Petrus
durchleuechtigen hertzogen Balthazarn vnd Mangen gebrueedere
durchlauchtigen Herzöge Balthasar und Magnus, Gebrüder (Balthasar und Magnus II. von Mecklenburg)
narben der wunden vnd stich
Narben der Wunden und Stiche
schmeher der goetlichen maiestat cristi
Schmäher der göttlichen Majestät Christi
verprennen
verbrennen (Hinrichtung durch Verbrennung)
aller zweyfel des vnglawbens abgestelt sein
aller Zweifel des Unglaubens abgestellt sein, d.h. beseitigt sein
ersten creatur
ersten Kreatur (im Sinne von: die Hostie, die aus Getreide gemacht ist)
willen goetlichs gewalts
Willen göttlichen Gewalts, durch göttliche Macht
gegwenertigkeit der hohsten maiestat
Gegenwärtigkeit der höchsten Majestät, d.h. die reale Präsenz Christi
natur des leibs vnßers herren geen muogen
Natur des Leibes unseres Herrn übergehen mögen (Transsubstantiation)
merschen von der natur des erdkloss zeformirn
Menschen von der Natur des Erdklosses zu formen (Schöpfung des Menschen aus Lehm)
pildnus seiner gotheit zestellen
Bildnis seiner Gottheit zu stellen
von dem tod herwider zerueeffen
vom Tod herwider zu rufen, d.h. wiederzuerwecken
aus der verdamnus zenemen
aus der Verdammnis zu nehmen
aus aschen wider zemachen
aus Asche wieder zu machen
von der erden in den hymel zeerheben
von der Erde in den Himmel zu erheben
sein pildnus in der geselschaft seins reichs zeerhoehen
sein Bildnis in der Gesellschaft seines Reichs zu erhöhen
der werlt Blat CCLVIII
Blatt 258 der Weltchronik (römisch für 258)
Linea der kaiser
Abschnittsüberschrift: 'Linie der Kaiser'
Maximilianus
Maximilian I. (1459–1519), römisch-deutscher Kaiser
ertzhertzog zu oesterreich
Erzherzog zu Österreich
hertzog zu Burgundi
Herzog zu Burgund
kaiser Friderichs des dritten sun
Sohn Kaiser Friedrichs III. (1415–1493)
.M.cccc.lxxxvi. iar
römisch für 1486
Franckfurt
Frankfurt am Main
gemayner wale der churfuersten
allgemeiner Wahl der Kurfürsten
roemischem koenig erkorn
zum römischen König erkoren (gewählt)
thetigs leibs
tätigen Leibes, körperlich aktiv
ritterlicher sachen kuendig
ritterlicher Dinge kundig, erfahren in ritterlichen Angelegenheiten
nymant weichende
niemand weichend, niemand nachstehend
senftmueetigkeit
Sanftmütigkeit
miltigkeit
Milde, Freigiebigkeit
streyt glueckhaftig
im Streit glückhaftig, im Kampf erfolgreich
starckmueetig
starkmütig, standhaft
mayl der laster gemerckt
Makel der Laster gemerkt, von keinem Laster befleckt
großbehertzt
großherzig
weere vnd waffen gestrenng
in Wehr und Waffen streng, d.h. streng in Kriegsführung und Verteidigung
gein Burgundi
gen Burgund, nach Burgund
Maria der durchleuechtigsten iunckfrawen hertzog Karls tochter
Maria von Burgund (1457–1482), Tochter Karls des Kühnen
erobert deßhalben das hertzogthumb Burgundi
eroberte deshalb das Herzogtum Burgund (durch Heirat und Erbfolge)
ettliche lanntschaft die der schweher beseßen het entwendet
etliche Landschaften, die der Schwäher (Karl der Kühne) besessen hatte, entwendet (von Ludwig XI. von Frankreich)
koenig Ludwig zu Franckreich
König Ludwig XI. von Frankreich (1423–1483)
wunn freueden vnd frolocken iubilirten
Wonne, Freuden und Frohlocken jubilierten
Brabant
Herzogtum Brabant
Limburg
Herzogtum Limburg
Lutzemburg
Herzogtum Luxemburg
Geldern
Herzogtum Geldern
Flandern
Grafschaft Flandern
Artoys
Grafschaft Artois
Nanmet
Grafschaft Namur
Haunaw
Grafschaft Hennegau
Holand
Grafschaft Holland
Seland
Grafschaft Zeeland
Mecheln
Herrschaft Mecheln
Hurnan
Horn (Herrschaft Horn)
Salvia
Salm (Grafschaft Salm)
Friesen
Friesland
zukunft vnd gegewertigkeit
Ankunft und Gegenwart
loeblichen fuersten
löblichen Fürsten
Dieweil Maria sein gemahel lebet
Solange Maria, sein Gemahl, lebte
Philips
Philipp der Schöne (1478–1506), Sohn Maximilians I. und Marias von Burgund
Margaretha
Margarete von Österreich (1480–1530), Tochter Maximilians I. und Marias von Burgund
fiele sich vnlanng darnach ab eim lawffenden pferde zu tod
fiel sich unlängst danach von einem laufenden Pferd zu Tode (bezieht sich auf Maria von Burgund, nicht Margaretha)
allerdurchleuechtigst
allerdurchlauchtigst, sehr erlaucht
gein Franckfurt
gen Frankfurt, nach Frankfurt
gehaltnem goetlichem ambt
gehaltenem göttlichem Amt, nach einem Gottesdienst
sant Bartholomes kirchen
St. Bartholomäus-Kirche (Kaiserdom) in Frankfurt
churfuersten des roemischen reichs
Kurfürsten des römischen Reiches
ordnung der guldein bullen
Ordnung der Goldenen Bulle (Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches)
einhelligclich zu koenig erwelt
einhelliglich zum König erwählt