Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger
Das sibend alter Von dem todt vnd endschaft der ding Der geperer aller menschen Adam was also beschaffen das die zeit hingieng vnd er in wesen blibe vnnd einiche endschaft des lebens. die wir von dem pyß tewfellischer versuchung den tod nennen in keiner zeyt weßt. aber auß vbertrettung goetliche gepots ist ime begegnet das er alßpald ein gesetz in dem flaisch den gesetz seins bemueets widerstrebende empfunden hat. also das er in dem schways seind antlitzs sein leben fueernn muost. vnd gehaissen wardt auß den wollustperkeiten in die duerftigkeit zeellenden forcht vnnd zitterung zeleyden. von der suend zestincken. nach verletzung des schoepffers verletzt zewerden. nach verachtung des verdiensts der gehorsamkeit die vngestuemigkeit des vihs vnd vnuernuenftiger thier zefuerchten. nach erfuellung flaischlicher begirde zerstoerlichkeit zeempfienden. nach verschertzung der vnschuld beschedigunng zegedulden. mit der zeit abzenemen. nach verlust des stands der vntoedlichkeit einzefallen. vnd durch auffwachsung des lebens zumm tod zeeylen. Also sind auch wir die von ime den vrsprung genomen haben zu vnueberwintlichen sorgfeltigkeiten. versuchungen vnd anfechtungen vnd zu letst zu dem erschreckenlichen tod verpunden. vnd haben die art vnd aigenschaft der natur. wanckelheit des gluecks. wandelperkeit des willens. befleckung der wollustperkeit vnnd stettigen ymmerweerenden krieg vnd streyt der anfechtung. Wenn wir eingeen in dise werlt so fahen wir an dem alter der vngesprechheit an. das versteet doch nichts was er hoert oder syht. von dannen kriechen wir in die kintheit darinn muogen wir nichtz bestendigs begreiffen. Auß der kintheit gelangen wir in das wachsend alter darinn die anzuendung der lustgirichkeit mit der art desselben alters vnd mit dem pluot auffwechst. Von dem wachsenden alter steygen wir auff zu dem alter der iugent. in derselben werden wir mit souil großern sorgen verwickelt als vil groeßer ding wir vns auß kuntheit vnd trost der iugent gethuern vndersteen. Nach der iugent werden wir in der manheit bestettigt vnd in derselben mit schweren streiten werltlicher eregirigkeit geytzigkeit. neyd. haß. begerlichkeit vnd mancherlay engstigung verzert. Auß der manheit steygen wir ab in die altheit alles vbels vol. vnd zu letst fallen wir auß der altheit in das verlebt abkomen alter der nydernaygung. in dem vns der ymmerwerend schreck vnd graw des gegenwertigen oder nahenden tods manet vnd erschrecket. O des duerftigen menschen nackend vnd vngestalt zwischen wehtzen vnd zehern geporn mit wenig milch zeerziehen zitterend vnnd kriechend frembder hilff duerftig. vngeruegis gemueets mit mancherlay seuechen vmbgeben. vnzallichen peinlichkeiten vnderworffen imeselbs rats vnd hilff vnuermueglich. mit vermischter freued vnd trawrigkeit in wacklende seiner wilkuer vngewaltig. seins nutzs nicht verstendig. vnd dermaß seiner speiß vnd getrancks vnwissend. vnd der die leyplichen narung die andern thiern oeffenlich fuergelegt ist mit vil muee vnd arbait suchen muoß. vnd den der schlaff erplaset. die speiß erplehet. das getranck vberstuertzt. die wach verploedet. der hunger verschmachtet. der durst verderret. vnd der von gegenwuertigen. vergangnen vnd kuenftigen dingen geengstigt wird. vnd im sey duerftigkeitn stolziert vnd hochmuotigkeit treibt. vnd seinerselbs gesprechlichkeit wissend. ein kuenftigs ase der wuerm. kurtzs lebens. zweifellichs alters. vnd tausenterlay geschlecht des tods vnderworffen ist. Ich wil geschweigen das wir also geklaibt sind das wir von der mueessigkeit verschmachten. von der arbait vermueedet. mit fresserey verdruckt. mit hunger außgehelligt. mit vnmassigkeit verletzt. vnd zu allen zeiten mit des himels lawff gewendet vnnd umgbezogen werden. vnnd der gluecks wanckelheit vnderworffen vnd alle ding in allem lawff des lebens aller angst. arbait. iamers. duerftigkeit vnd hinderlistigkeit vol sind. wenn wir aber die waffen der lieb vnd den schilt des glawbens zu vns nemen vnd vnßere werck zu beraytung des andern lebens anschicken so werden wir vnzweifellich alles dz das vns begenet vberwinden. Der tod ist ein aufloesung aller schmertzen vber dem vnßere vbel nicht steigen muegen. der vns auch in die geruosamkeit in der wir vorvnßerer gepurt warnn setzen wirdt. dann der tod ist den wolsterben menschen ein leben. darumb die die ein rechts leben gefueert haben die begern zesterben vnd bey Cristo zesein das sie das ewig liecht als ein belonung irs wolgehandelten lebens empfahen. vnd wo wor von diesen dingen hoehere betrachtung haben woellen so werden wir finden das der tod nichtz anders ist den ein ende zefunden. dann als Adam wider das gepot gottes in verschuldung vnd suend gefallen wz auff das denn die schuld mit leben nicht herwider keret noch Adam in der sund blibe so gabe got des Adams leib der auß der erden gemacht was der erden wider. nicht das got seiner geschoepften creatur. sunder der sund die die creatur begieng ein endschaft machet. Darumb ist got der anfang vnd das ende. wenn der wil so werden wir geporn. wenn er wil so sterben wir. vnd dise ding steen gantz in seinem goettlichen gewalt vnd nicht in vnßrer vermueglichkeit. aber das allain hat er vnßrer freyen wilkuor gelassen das wir wol vnd recht lebende am guot ende ergreiffen moechten. darumb ist dise einiche sach vnßer den hoehsten fleiß anzekeren dz wir in Christo vnßerm herrnn sterben. Welche menschen dasselb thun die sterben nicht sunder sie geen von der zerstoerlichkeit zu der vnzer- Blat CCLXI der werlt stoelichkeit. von der toedlichkeit zu der vntoedlichkeit. von der vngeruogsamkeit zu der geruogsamkeit. Dem nach haben ettlich nicht vnschickerlich gemaynt das der tod nit allain nit boeße sunder aller guoter ding das groest sey. vnd wann vns nw weder der tag noch die stunnd vnßrer außforderung von hynnen bekant ist so ist vns haylper in dem willen gottes zeleben seine gepot zehalten vnd also alweg berayt zeseyn vnd mit beraytung nicht zeuerzichen. dann wir haben vil gesehen die in hoher gesuntheit des leibs bey ganntzen kreften sich nichtz solcher ding besorgende mit dem tod gehling hingezugkt worden sind. Hinwiderumb ettlich die bis zu verzweiflung der ertzte siechennde gesuntheit erlangten. So nw dise ding alle allain in gottes gewalt vnd macht steen so gepuert vns nichts anders mer zehandeln dann das wir (als vorgemeld ist) den gepotten in allem vnßerm leben bis in das end gehorsam seyen. Wir glawben alle stetigclich das got nach seiner pildnus den menschen gemacht hab. was mag vns nw leichtlicher begegnen denn disen koetigen irdischen leichnam den sundensack zelassen vnd zu dem wider zekeren der nicht verschmaht hat vns nach seiner gleichnus zemachen das der gaist des menschen mit dem gaist gottes erfuellet als taylhaftig der gotheit vnnd irer seligkeit zwischen den elgelnn vnnd choeren der heilligen ewigclich leben soell.
Das siebente Zeitalter. Vom Tod und dem Ende der Dinge. Der Erzeuger aller Menschen, Adam, war so beschaffen, dass die Zeit verging und er im Dasein blieb und ein Ende des Lebens, das wir vom Biss teuflischer Versuchung den Tod nennen, zu keiner Zeit kannte. Doch durch die Übertretung göttlichen Gebots ist ihm begegnet, dass er alsbald ein Gesetz im Fleisch empfunden hat, das dem Gesetz seines Gemüts widerstrebte, sodass er im Schweiß seines Angesichts sein Leben führen musste; und ihm wurde geheißen, aus den Wollustbarkeiten in die Dürftigkeit, Furcht und Zitterung zu erleiden, von der Sünde zu stinken, nach Verletzung des Schöpfers verletzt zu werden, nach Verachtung des Verdienstes der Gehorsamkeit die Ungestümigkeit des Viehs und unvernünftiger Tiere zu fürchten, nach Erfüllung fleischlicher Begierde Zerstörlichkeit zu empfinden, nach Verscherzung der Unschuld Beschädigung zu erdulden, mit der Zeit abzunehmen, nach Verlust des Standes der Untödlichkeit einzufallen und durch Aufwachsen des Lebens zum Tod zu eilen. So sind auch wir, die von ihm den Ursprung genommen haben, zu unüberwindlichen Sorgen, Versuchungen und Anfechtungen und zuletzt zu dem erschrecklichen Tod verbunden. Und wir haben die Art und Eigenschaft der Natur, Wankelheit des Glücks, Wandelbarkeit des Willens, Befleckung der Wollustbarkeit und stetigen, immerwährenden Krieg und Streit der Anfechtung. Wenn wir in diese Welt eingehen, so fangen wir mit dem Alter der Ungesprächigkeit an, das doch nichts versteht, was es hört oder sieht. Von dort kriechen wir in die Kindheit, darin mögen wir nichts Beständiges begreifen. Aus der Kindheit gelangen wir in das wachsende Alter, darin die Anzündung der Lustgierigkeit mit der Art desselben Alters und mit dem Blut aufwächst. Von dem wachsenden Alter steigen wir auf zu dem Alter der Jugend; in derselben werden wir mit so viel größeren Sorgen verwickelt, als viel größere Dinge wir uns aus Kühnheit und Trost der Jugend zu unterstehen getrauen. Nach der Jugend werden wir in der Mannheit bestätigt und in derselben mit schweren Streiten weltlicher Ehrgierigkeit, Geizigkeit, Neid, Hass, Begierlichkeit und mancherlei Ängstigung verzehrt. Aus der Mannheit steigen wir ab in die Altheit, alles Übels voll, und zuletzt fallen wir aus der Altheit in das verlebte, abgekommene Alter des Niedergangs, in dem uns der immerwährende Schreck und Grauen des gegenwärtigen oder nahenden Todes mahnt und erschreckt. O des dürftigen Menschen, nackt und ungestalt zwischen Wehklagen und Zähren geboren, mit wenig Milch zu erziehen, zitternd und kriechend, fremder Hilfe bedürftig, unruhigen Gemüts, mit mancherlei Siechtümern umgeben, unzähligen Peinlichkeiten unterworfen, sich selbst Rat und Hilfe unvermöglich, mit vermischter Freude und Traurigkeit in wankender seiner Willkür ohnmächtig, seines Nutzens nicht verständig und dermaßen seiner Speise und seines Getränks unwissend; und der die leibliche Nahrung, die anderen Tieren öffentlich vorgelegt ist, mit viel Mühe und Arbeit suchen muss; und den der Schlaf aufbläht, die Speise aufbläht, das Getränk überstürzt, die Wache verblödet, der Hunger verschmachtet, der Durst verdorrt; und der von gegenwärtigen, vergangenen und künftigen Dingen geängstigt wird; und in seiner Dürftigkeit stolziert und Hochmut treibt; und seiner selbst Vergänglichkeit wissend, ein künftiges Aas der Würmer, kurzen Lebens, zweifelhaften Alters und tausenderlei Geschlecht des Todes unterworfen ist. Ich will verschweigen, dass wir so beschaffen sind, dass wir von der Müßigkeit verschmachten, von der Arbeit ermüdet, mit Fresserei erdrückt, mit Hunger ausgehöhlt, mit Unmäßigkeit verletzt und zu allen Zeiten mit des Himmels Lauf gewendet und umgezogen werden; und der Wankelheit des Glücks unterworfen und alle Dinge in allem Lauf des Lebens voller Angst, Arbeit, Jammers, Dürftigkeit und Hinterlistigkeit sind. Wenn wir aber die Waffen der Liebe und den Schild des Glaubens zu uns nehmen und unsere Werke zur Bereitung des anderen Lebens anschicken, so werden wir unzweifelhaft alles das, was uns begegnet, überwinden. Der Tod ist eine Auflösung aller Schmerzen, über die unsere Übel nicht steigen mögen; der uns auch in die Geruhsamkeit setzen wird, in der wir vor unserer Geburt waren. Denn der Tod ist den wohlsterbenden Menschen ein Leben. Darum begehren die, die ein rechtes Leben geführt haben, zu sterben und bei Christus zu sein, damit sie das ewige Licht als eine Belohnung ihres wohlgehandelten Lebens empfangen. Und wenn wir aber von diesen Dingen höhere Betrachtung haben wollen, so werden wir finden, dass der Tod nichts anderes ist als ein Ende zu finden. Denn als Adam wider das Gebot Gottes in Verschuldung und Sünde gefallen war, auf dass denn die Schuld mit Leben nicht wiederkehre noch Adam in der Sünde bliebe, so gab Gott des Adams Leib, der aus der Erde gemacht war, der Erde wieder. Nicht dass Gott seiner geschaffenen Kreatur, sondern der Sünde, die die Kreatur beging, ein Ende machte. Darum ist Gott der Anfang und das Ende. Wenn er will, so werden wir geboren; wenn er will, so sterben wir. Und diese Dinge stehen ganz in seinem göttlichen Gewalt und nicht in unserer Vermöglichkeit. Aber das allein hat er unserer freien Willkür gelassen, dass wir wohl und recht lebend ein gutes Ende ergreifen möchten. Darum ist diese einzige Sache unsern höchsten Fleiß anzukehren, dass wir in Christus, unserem Herrn, sterben. Welche Menschen dasselbe tun, die sterben nicht, sondern sie gehen von der Zerstörlichkeit zu der Unzerstörlichkeit, von der Tödlichkeit zu der Untödlichkeit, von der Ungeruhsamkeit zu der Geruhsamkeit. Demnach haben etliche nicht unschicklich gemeint, dass der Tod nicht allein nicht böse, sondern aller guter Dinge das größte sei. Und da uns nun weder der Tag noch die Stunde unserer Abberufung von hinnen bekannt ist, so ist es uns heilsam, in dem Willen Gottes zu leben, seine Gebote zu halten und also allweg bereit zu sein und mit Bereitung nicht zu zögern. Denn wir haben viele gesehen, die in hoher Gesundheit des Leibes, bei ganzen Kräften, sich nichts solcher Dinge besorgend, mit dem Tod jählings hingezogen worden sind. Hingegen etliche, die bis zur Verzweiflung der Ärzte siechend, Gesundheit erlangten. Da nun diese Dinge alle allein in Gottes Gewalt und Macht stehen, so gebührt uns nichts anderes mehr zu handeln, als dass wir (wie vorgemeldet ist) den Geboten in allem unserem Leben bis in das Ende gehorsam seien. Wir glauben alle stetiglich, dass Gott nach seinem Bildnis den Menschen gemacht habe. Was mag uns nun leichter begegnen, denn diesen kotigen, irdischen Leichnam, den Sündensack, zu lassen und zu dem wiederzukehren, der nicht verschmäht hat, uns nach seiner Gleichnis zu machen, dass der Geist des Menschen mit dem Geist Gottes erfüllt, als teilhaftig der Gottheit und ihrer Seligkeit zwischen den Engeln und Chören der Heiligen ewiglich leben soll.