Schedelsche Weltchronik · Blatt 264

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 264, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 264, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

sein enicklein. der auß eim muench diss Boleslai sun geporn wardt. Diser Boleslaus verfolget den Franckreichischen koenig vnd die teuetschen voelcker mit obsyglicher hand. Zu letst kome er von kaisers Otten gebette wegen nach hinlegung solchs kriegs mit den teuetschen vnd Franckreichischen in puentnus. Als aber kaiser Otto diss fuersten großmueetigkeit bey gantzem teuetschen vnd Sarmatischem land bekannt sahe do zohe er mit hertzog Boleslao in Sarmaciam sein herrschung gewalt vnd mechtigkeit clerlicher zebesichtigen. Den empfieng der durchleuechtig hertzog mit hoehsten eren in die statt Boßna. dann er hieß vnd schaffet .iiim. schrit. oder verrer fuer die statt seydine wollen vnd koestliche klaider mit gold vnd silber geziert dem kaiser an den weg vnder zestrewen. vnd nach eyngang des kaisers in die statt Boßna was eim yeden zymlich dieselben vndergestrewten ding auffzeheben vnnd hinzetragen. Daselbst eret er den kaiser mit großtetigen vnd hohscheinperlichen wirtschaften. Rennen. stechen. spiln vnd andern kuertzweiligen vbungen. also koestperlich das in den wirtschaften kein anders dann guldeins geschyrr gepraucht wardt. vnd dasselb hieß er nach einer yeden speys in vnergrundlich prunnen werffen vnd verlieren. Als nw yetz der kaiser diss fuersten myltigkeit. großmueetigkeit vnd der reichthuemer vberflueßigkeit gesehen het do gedacht er nicht vnbillich ein solchen hohberuembten hertzogen koenigclicher kron wirdig zesein. Also ward Boleslaus von dem kaiser mit koenigclichem cepter vnd kron geziert vnd mit andern wirdigkeiten eim koenigclichen stuol gepuerende begabet. Auff das aber Boleslaus yetzo ein durchleuechtiger koenig solcher guottat gein dem kaiser nicht vndanckper gesehen wuerd so schencket er den arm sancti Adalberti des bischofs (den die Preueßen boeßlich ertoedt hetten) dem kaiser fuer ein gabe. Als nw die mechtigkeit diss koenigreichs bis auff .M.cccc. iar vnßers hayls. oder ein wenig dauor zugenomen het vnd der koenig zu Poln on leibs erben abgangen was do wardt der hertzog der vber die Litawer vnd Rewßen herrschet zu koenig erwelet. vnnd wiewol derselb hertzog dauor die abgoetter eret yedoch empfienge er zu der zeit als ime das koenigclich cepter vberantwurt ward mit allem seinem land vber das er herrschet den cristenlichen glawben vnnd bracht die Littawer vnnd Rewssen also zu dem polnischen koenigreich das sie an sundere geding von ime nicht getrennt werden moechten. Diser allerdurchleuechtigst fuerst hat die Prewssen mit eim grawsammen ernstlichen krieg ime zu gehorsamm gebracht vnd seinen gewalt erweytert. Daselbst sind nammhaftig steet Tantzka vnnd Thorn. vnd auch das beruembst schloss Marieburg. der gleichen kein mensch ye gesehen hat mit vil mancherlay gepewen. zynnen. thuernen vnd greben befestigt das keinem feind eynich sicherer zugang zu disem schloss nit sein mag. Vor ettwieuil iaren ist diss koenigreich an mechtigkeit weyter gewest aber doch auß verfolgung des vngetrewen volcks der Tartern vnnd Tuercken dem gantzen polnischen land schand vnd abbruch beschehen. dann das land hinder Rewssen gelegen Podolia genannt ist gantz außgeprennt vnd ligt wueest also das es den durchziehenden vnd wandrern nicht notturftigkeit tragen mag. wiewol es also ein fruchtper erdpodem ist das gras eins langen mans hoh darauff wechst vnd also vol pynen vnd hoenigs ist das sie nicht genuog statt haben muogen dohin sie das hoenig tragen. dann vnder den pawmen oder stawden vnd in den welden sameln sie die hoenigsamen. Gross namhaftig weld sind durch gantz polnisch land auß darinn man bis in die Littaw vnd Scithiam komen mag vnd ist vil wilprets in denselben welden. vnd in dem mitternachtlichen tayl des polnischen hercinischen walds sind vnder andern gewillde frayssame große thier aurochßen genant die sind dem menschen fast feind vnd gar guot zeessen. haben prayte styrn vnd hoerner vnd sind nicht guot zefahen dann mit großer vnd mancherlay muee vnd arbait. Diss land tregt kein ertzte denn allain pley von grosser kelte wegen desselben ertreichs. aber alda ist vil saltzs das von dannen in weyte gegent gefueert. dauon entspringt dem gantzen land grosser nutz vnd narung. vnd dem koenig von nichten mer schatzs dann von demselben saltz. dann vnder dem ertreich hawet man gross saltzfelsen. aber außerhalb des ertreichs seuedet man anders saltz auß wasser. Diss land ist auch an fruechten vnd allem dem das zu narung menschlichs leichnams dienet gar sere fruchtper. Nw ist zemercken von dem hohberuembsten leibßgeschlecht des durchleuechtigsten fuersten Vladislai von dem wir hieuor gesagt haben. Derselb hat (als ettlich sagen) drey frawen gehabt vnd auß inen zwen suen empfangen. Der elter hieß Vladislaus. der ander Cassimirus. Vladislaus hat nach absterben seins vaters den koenigclichen gewalt empfangen vnd vber die koenigreich Hungern Beheim vnd Poln geherrschet. vnd daselbst mit ritterlicher hand hohberuembte tate geuebet. vnd sein reich vnd den cristenlichen glawben erwaytert. dann er het dem tuerckischen koenig souil lands abgedrungen das er bis fuer Constantinopel mit heereßkraft rayset. vnd ernstlichen krieg wider die tuercken fueeret vnnd bede tayl in grawsammem gefechte gegen einander strytten also doch das die hungern fluechtig warden vnnd den koenig mit wenig polnischem volck vnder so großer menig der feind verliessen. Aber Casimirus herrschet als ein hertzog vber die Littawer vnd Rewssen vnd wardt nach absterben des koenigs seins bruders von den Sarmatern oder Poln zu koenig erkleret. vnnd ime eins hertzogen von oesterreichs tochter koenig Laßlaws schwester zu der ee vermehelt. Auß derselben hat er sechs suen vnd fuenff toechter geporn Der erst Vladislaus genant. der ward noch also iung zu koenig von Beheim vnd darnach auff absterben Mathie des hungrischen koenig daselbst auch zu koenig erkorn von wunderperlicher seiner großmueetigkeit vnd guoter rete wegen. Der ander sun Casimirus nach dem vater genant starb in einem seuechen. Der dritt Johannesalbertus yetzo ein kuenftiger wunderspiegel der gantzen werlt. der dann vil namhaftiger redlicher gethate gegen den Tartern vnd andern voelckern in ritterlichem krieg geuebt vnd nach absterben seins vaters die koenigclichen herrschung erobert. Der vierdt Alexander. den die Littawer von seiner vestmueetigkeit vnd bestendigkeit wegen inen zu eim hertzogen auffgenomen haben. Der fuenft Sigismundus ein nachfolger vetterlicher fuoßstapfen in tugenten. Der sechst Fridericus der iungst ward erstlich bischoff zu Crackaw. darnach ertzbischoff zu Gnysen erkorn vnd in dem .M.cccc.xciii. iar von babst Alexandro mit cardinelischer wirdigkeit begabt. Der fuenff toechter ist eyne hertzog Georgen zu bayern. Die ander marggraff Friderichen zu Brandemburg. Die dritt dem hertzogen zu Pomern vermehelt. Die andern zwuo nochmals vnuermehlet enthalten sich bey der muoter. Von Sant Stanislao bischoff zu Crackaw vnd patron des polnischen lands Sant Stanislaus bischoff DEr heillig Stanislaus ein man gross vermuogens bey got des gantzen polnischen lands ein patron vnd fannen trager wardt geporn in dem .M.viii iar vnßers hayls auff dem gew Stzeppanowo genant auß edeln vnd namhaftigen eltern. die sich flißen in den gotzhewßern goetlichs diensts zewarten vnnd got mit gueetigen gebetten anzerueeffen. Als er nw zu zymmlichem alter komen was do zohe er auß seins vaters vermanung in die hohen schuol gein Parys sich daselbst auff lernung guoter kunst vnd sunderlich der goetlichen recht mit hoehstem gleiß begebende. nicht in fuersatz (wie yetzo vnßer suenlein thun) vil gelts. gross ere vnd hoh stennd zeerlangen. sunder nach gestalt yeder sachen. also dem armen als dem reichen gerechtigkeit mitzetailn vnd einem yeden das sein zegeben. Darnach zohe er widerumb anhayms vnnd kome gein Crackaw daselbst wardt er von seiner tugent vnd kunst wegen zu thumherrlicher erwirdigkeit gefuerdert vnd nach absterben des bischofs daselbst auß goetlicher fuersehung in den bischoflichen stuol gesetzt. der vnderstund sich mit großem fleiß den heilligen glawben vnd goetlichen dienst zeerweittern. Er kawffet einßmals von eim ritter ein dorff. das erforderten nach absterben desselben ritters sein freuend wider vom bischoff. aber nach dem er auß mangel vnd gepruch der vrkund vnd gezeuegknus solchen kawff nit anzaigen kund do keret sich der heillig man mit gepetten vnd fasten zu got dem gewalt vnd mechtigkeit des hoehsten gottes getrawende vnd gieng zu dem grab des gestorben ritters vnd weltzet den stayn vnd sand dauon got mit inniger andacht anrueeffende vnd fueeret denselben gestorben ritter widerumb in das leben vnd stellet ine fuer den tyrannen Boleslaum vor dem die sach rechtlich gehandelt wardt. alda zaiget er in gegenwertigkeit seiner widersacher vnd der landherrn des koenigreichs mit demselben ritter an das er das dorff von ime erkawfft het. Nw lebet derselb Boleslaus in schnoedigkeit vnd vbet alle wueetterey vnd vntrewe gegen seinem volck. vnd peyniget die loeblichen treffenlichen mann vnd erbere burgere mit hertter marter. Aber diser cristenlich man Stanislaus maynet solchs nicht lenger zegedulden vnd gieng behertzt vnd vnerschrocken zu dem wueetrich ine vermanende von solchen dingen abzesteen. aber er vbet sein boßheit ye mer vnd mer. Darnach wardt er von dem bischoff in den pan gethan. dem nach schicket der wueedtend tyrann sein hofdiener auß mit befelhe disen Stanislaum wo sie den fuenden zeertoedten. Nw was zurselben zeit der heillig Stanislaus in Sant Michaels kirchlein in der stat Casimiro gepawt daselbst das ambt der mess haltende. Als nw des koenigs Boleslai diener an dasselb end komen vnd sich dreymal in die kirchen zegeen vnderstunden do warden sie auch dreymaln auß goetlichem gewalt abgetriben vnd fieln zu rugk. Als solchs an den wueetrich Boleslaum gelangt do eylet er mit großem grymmen zu der benanten kirchen. darinn schluog er Stanislaum ob dem altar mess haltende zu todt. vnnd der leichnam wardt durch die diener Boleslai zu stuecken zerhawen. vnnd fuer die statt den voegeln fuergeworffen. aber auß goetlicher fuersichtigkeit durch die adler widerzusammen gesammelt vnd mit grossem fleiß bewaret so lang bis der mit großer ererbietung begraben ward. Darnach ward er in die zal der heilligen geschriben vnd in das koenigclich schloss in sant Wentzlaws kirchen gefueert daselbst in einem guldin sarch leuechtet er an vil wunderzaichen. Von krackaw der konigclichen statt des polnischen lands KRackaw die namhaftig vnd durchleuechtig statt des Polnischen lands an dem fluss Weichßel genannt gelegen ist von Kracco dem ersten polnischen hertzogen gepawt vnd also nach ime genambt worden. Dise statt ist erstlich mit hohen zynnen. mit ergkern. vorwern vnnd hohen thuernen. darnach mit einer klainen alten pawfelligen mawr. vnd zu letst mit schuett vnd greben vmbfangen. derselben greben sind ettliche mit visch wasser gefuelt. ettliche mit gestewde verwachßen. Ein wasser Rudys genant vmbfleueßt die gantzen statt vnd treybt muelredere. der wirdt in rynnen vnd roeren vnder der erden durch die gantzen statt gelaytet. Dise statt hat siben pforten vnd vil schoener luestiger burgerßhewser. vnd vil großer gotzhewßer. Fuernemlich vnßer lieben frawen mitten in der statt wesende mit zwayen hohen thuernen. Auch vil cloester vnd darinn vil gaistlicher vnd andechtiger veter. In dem gotzhawß der heilligen trifaltigkeit ist der prediger orden. In demselben gotzhawß reichßnet der selig Jacinctus in vil wunderwercken. wiewol er nochmals in der heilligen zal nicht angesagt ist. Der hat dieweil er noch lebet drey todten erweckt. Daselbst ist auch ein kirch sant Franciscen ordens. aber nochmals nit reformirt vnd vil andere cloester. Auch ist ein kirch nicht verre von der pforten der Weichßel zu sant Anna genant. alda dann der selig Cantus ein treffenlicher doctor der hohen schuol diser stat an vil wundergeschihten leuechtet. wiewol er auch nochmals in der heilligen zal nit geschriben ist. Bey disem heilligen tempel ligt die gross treffenlich hohschuol mit vil klaren hohberuembten vnd wolgelerten mannen besetzt. alda dann vil vnd mancherlay freyer kunst. lere vnnd schriftliche weißheit plueet. Dise gotzhewßer hat der heillig Vladislaus der durchleuechtigst Polnisch koenig. als er in dem grawsamen ernstlichen streyt wider die prewssen obsigung erlanget (von welchem streyt vil treffenlicher namhaftiger schriften bis in vnßer zeit in dem koenigclichen schloss dauon wir schier hernach sagen werden vorhanden sind) mit großer koestlichkeit erpawt. vnd mit hohen freyheiten vnd begabungen

Moderne Übersetzung

sein Enkel. Dieser wurde als Sohn Boleslaus' von einem Mönch geboren. Dieser Boleslaus verfolgte den französischen König und die deutschen Völker mit siegreicher Hand. Zuletzt kam er auf Bitten Kaiser Ottos nach Beendigung dieses Krieges mit den Deutschen und Franzosen zu einem Bündnis. Als aber Kaiser Otto die Großmütigkeit dieses Fürsten im gesamten deutschen und sarmatischen Land bekannt sah, da zog er mit Herzog Boleslaus nach Sarmatien, um dessen Herrschaft, Gewalt und Macht deutlicher zu besichtigen. Ihn empfing der durchlauchtige Herzog mit höchsten Ehren in der Stadt Posen. Dann befahl und veranlasste er, dreitausend Schritte oder weiter vor der Stadt seidene, wollene und kostbare Kleider, mit Gold und Silber geziert, dem Kaiser auf den Weg zu streuen. Und nach dem Einzug des Kaisers in die Stadt Posen war es jedem erlaubt, dieselben untergestreuten Dinge aufzuheben und mitzunehmen. Daselbst ehrte er den Kaiser mit großartigen und prunkvollen Festlichkeiten: Rennen, Stechen, Spielen und anderen kurzweiligen Übungen. So kostbar, dass bei den Festlichkeiten kein anderes als goldenes Geschirr gebraucht wurde. Und dasselbe ließ er nach jeder Speise in unergründliche Brunnen werfen und verlieren. Als nun der Kaiser die Milde, Großmütigkeit und den Überfluss der Reichtümer dieses Fürsten gesehen hatte, da dachte er nicht unbillig, ein solch hochberühmter Herzog sei einer königlichen Krone würdig. So wurde Boleslaus vom Kaiser mit königlichem Zepter und Krone geziert und mit anderen Würdigkeiten, die einem königlichen Stuhl gebühren, begabt. Damit aber Boleslaus, nun ein durchlauchtiger König, für solche Wohltat dem Kaiser nicht undankbar erscheine, so schenkte er den Arm des heiligen Bischofs Adalbert (den die Pruzzen böslich ermordet hatten) dem Kaiser als Gabe. Als nun die Macht dieses Königreichs bis auf das Jahr 1400 unseres Heils oder ein wenig davor zugenommen hatte und der König von Polen ohne leibliche Erben verstorben war, da wurde der Herzog, der über die Litauer und Russen herrschte, zum König erwählt. Und wiewohl derselbe Herzog zuvor die Abgötter ehrte, jedoch empfing er zu der Zeit, als ihm das königliche Zepter überantwortet wurde, mit all seinem Land, über das er herrschte, den christlichen Glauben und brachte die Litauer und Russen so zu dem polnischen Königreich, dass sie ohne besondere Bedingungen von ihm nicht getrennt werden konnten. Dieser allerdurchlauchtigste Fürst hat die Pruzzen mit einem grausamen, ernstlichen Krieg ihm zu Gehorsam gebracht und seinen Gewalt erweitert. Daselbst sind namhafte Städte Danzig und Thorn, und auch das berühmteste Schloss Marienburg, dergleichen kein Mensch je gesehen hat, mit vielerlei Gebäuden, Zinnen, Türmen und Gräben befestigt, sodass keinem Feind ein sicherer Zugang zu diesem Schloss möglich ist. Vor etlichen Jahren war dieses Königreich an Macht weiter ausgedehnt, aber doch durch Verfolgung des untreuen Volkes der Tataren und Türken dem ganzen polnischen Land Schande und Abbruch geschehen. Denn das Land hinter den Russen gelegen, Podolien genannt, ist ganz ausgebrannt und liegt wüst, sodass es den Durchreisenden und Wanderern nicht das Nötigste bieten kann. Wiewohl es ein so fruchtbarer Erdboden ist, dass Gras eines langen Mannes hoch darauf wächst und es so voll Bienen und Honigs ist, dass sie nicht genug Platz haben, wohin sie den Honig tragen. Denn unter den Bäumen oder Sträuchern und in den Wäldern sammeln sie den Honig (oder Honigwaben). Große, namhafte Wälder sind durch das ganze polnische Land hindurch, in denen man bis nach Litauen und Skythien kommen kann, und es ist viel Wildpret in denselben Wäldern. Und im mitternächtlichen Teil des polnischen herzynischen Waldes sind unter anderem wilde, furchtsame große Tiere, Auerochsen genannt, die dem Menschen fast feind sind und sehr gut zu essen. Haben breite Stirn und Hörner und sind nicht gut zu fangen, außer mit großer und mancherlei Mühe und Arbeit. Dieses Land trägt keine Erze, denn allein Blei, wegen der großen Kälte desselben Erdreichs. Aber allda ist viel Salz, das von dannen in weite Gegenden geführt wird. Davon entspringt dem ganzen Land großer Nutzen und Nahrung. Und dem König von nichts mehr Schatz als von demselben Salz. Denn unter dem Erdreich haut man große Salzfelsen, aber außerhalb des Erdreichs siedet man anderes Salz aus Wasser. Dieses Land ist auch an Früchten und allem, das zur Nahrung des menschlichen Leibes dient, sehr fruchtbar. Nun ist zu merken von dem hochberühmtesten Leibgeschlecht des durchlauchtigsten Fürsten Wladislaw, von dem wir hiervor gesagt haben. Derselbe hat (wie etliche sagen) drei Frauen gehabt und aus ihnen zwei Söhne empfangen. Der ältere hieß Wladislaw, der andere Kasimir. Wladislaw hat nach dem Absterben seines Vaters die königliche Gewalt empfangen und über die Königreiche Ungarn, Böhmen und Polen geherrscht. Und daselbst mit ritterlicher Hand hochberühmte Taten geübt und sein Reich und den christlichen Glauben erweitert. Denn er hatte dem türkischen König so viel Land abgedrungen, dass er bis vor Konstantinopel mit Heereskraft reiste. Und ernstlichen Krieg wider die Türken führte und beide Teile in grausame Gefechte gegeneinander stritten, also doch, dass die Ungarn flüchtig wurden und den König mit wenig polnischem Volk unter so großer Menge der Feinde verließen. Aber Kasimir herrschte als ein Herzog über die Litauer und Russen und wurde nach dem Absterben des Königs, seines Bruders, von den Sarmaten oder Polen zum König erklärt. Und ihm eines Herzogs von Österreich Tochter, König Ladislaus' Schwester, zur Ehe vermählt. Aus derselben hat er sechs Söhne und fünf Töchter geboren. Der erste, Wladislaw genannt, der wurde noch so jung zum König von Böhmen und darnach, auf das Absterben Matthias', des ungarischen Königs, daselbst auch zum König erkoren, wegen seiner wunderbaren Großmütigkeit und guten Räte. Der andere Sohn, Kasimir, nach dem Vater genannt, starb an einer Krankheit. Der dritte, Johann Albrecht, jetzt ein künftiger Wunderspiegel der ganzen Welt, der dann viele namhafte, redliche Taten gegen die Tataren und andere Völker in ritterlichem Krieg geübt und nach dem Absterben seines Vaters die königliche Herrschaft erobert. Der vierte, Alexander, den die Litauer wegen seiner Standhaftigkeit und Beständigkeit ihnen zu einem Herzog aufgenommen haben. Der fünfte, Sigismund, ein Nachfolger väterlicher Fußstapfen in Tugenden. Der sechste, Friedrich, der Jüngste, wurde erstlich Bischof zu Krakau, darnach Erzbischof zu Gnesen erkoren und im Jahr 1493 von Papst Alexander mit kardinalischer Würdigkeit begabt. Von den fünf Töchtern ist eine Herzog Georg von Bayern, die andere Markgraf Friedrich von Brandenburg, die dritte dem Herzog von Pommern vermählt. Die anderen zwei, noch unvermählt, halten sich bei der Mutter auf. Von Sankt Stanislaus, Bischof zu Krakau und Patron des polnischen Landes. Sankt Stanislaus, Bischof. Der heilige Stanislaus, ein Mann großen Vermögens bei Gott, ein Pa[tron] des ganzen polnischen Landes.

Anmerkungen

enicklein
Frühneuhochdeutsch für 'Enkel'
muench
Frühneuhochdeutsch für 'Mönch'
Boleslai
Genitiv von Boleslaus, hier Boleslaus I. Chrobry, Herzog und später König von Polen (ca. 967–1025)
Franckreichischen
Frühneuhochdeutsch für 'französischen'
teuetschen
Frühneuhochdeutsch für 'deutschen'
voelcker
Frühneuhochdeutsch für 'Völker'
obsyglicher hand
Frühneuhochdeutsch für 'siegreicher Hand', d.h. mit Erfolg
Otten
Genitiv von Otto, hier Kaiser Otto III. (980–1002)
gebette wegen
Frühneuhochdeutsch für 'auf Bitten'
hinlegung solchs kriegs
Frühneuhochdeutsch für 'nach Beendigung dieses Krieges'
puentnus
Frühneuhochdeutsch für 'Bündnis'
großmueetigkeit
Frühneuhochdeutsch für 'Großmütigkeit'
Sarmatischem land
Sarmatien, eine historische Region in Osteuropa, die oft mit Polen und angrenzenden Gebieten assoziiert wurde
hertzog Boleslao
Dativ von Herzog Boleslaus
Sarmaciam
lat. Sarmatia (Akkusativ), hier als Ortsbezeichnung für Sarmatien
clerlicher zebesichtigen
Frühneuhochdeutsch für 'deutlicher zu besichtigen' oder 'genauer zu prüfen'
durchleuechtig
Frühneuhochdeutsch für 'durchlauchtig', ein Adelsprädikat
Boßna
Historischer Name für Posen (heute Poznań, Polen)
.iiim.
Römische Zahl für 3000
schrit
Maßeinheit, ein Schritt (ca. 75 cm)
seydine
Frühneuhochdeutsch für 'seidene'
wollen
Frühneuhochdeutsch für 'wollene'
koestliche klaider
Frühneuhochdeutsch für 'kostbare Kleider'
vnder zestrewen
Frühneuhochdeutsch für 'unterzustreuen'
eyngang
Frühneuhochdeutsch für 'Einzug'
eim yeden zymlich
Frühneuhochdeutsch für 'jedem erlaubt' oder 'jedem gestattet'
vndergestrewten ding
Frühneuhochdeutsch für 'untergestreuten Dinge'
großtetigen
Frühneuhochdeutsch für 'großartige'
hohscheinperlichen wirtschaften
Frühneuhochdeutsch für 'prunkvolle Festlichkeiten' oder 'hochglänzende Gastmähler'
Rennen. stechen. spiln
Bezeichnungen für ritterliche Spiele und Turniere
kuertzweiligen vbungen
Frühneuhochdeutsch für 'kurzweilige Übungen' oder 'Unterhaltungen'
koestperlich
Frühneuhochdeutsch für 'kostbar'
guldeins geschyrr
Frühneuhochdeutsch für 'goldenes Geschirr'
yeden speys
Frühneuhochdeutsch für 'jeder Speise'
vnergrundlich prunnen
Frühneuhochdeutsch für 'unergründliche Brunnen'
nw yetz
Frühneuhochdeutsch für 'nun'
myltigkeit
Frühneuhochdeutsch für 'Milde'
vberflueßigkeit
Frühneuhochdeutsch für 'Überfluss'
hohberuembten
Frühneuhochdeutsch für 'hochberühmten'
koenigclicher kron wirdig zesein
Frühneuhochdeutsch für 'einer königlichen Krone würdig zu sein'
cepter
Frühneuhochdeutsch für 'Zepter'
wirdigkeiten
Frühneuhochdeutsch für 'Würdigkeiten'
eim koenigclichen stuol gepuerende
Frühneuhochdeutsch für 'einem königlichen Stuhl gebührend'
guottat
Frühneuhochdeutsch für 'Wohltat'
gein dem kaiser
Frühneuhochdeutsch für 'dem Kaiser gegenüber'
vndanckper
Frühneuhochdeutsch für 'undankbar'
sancti Adalberti
lat. Sancti Adalberti (Genitiv), des heiligen Adalbert, Bischof von Prag (ca. 956–997), Märtyrer und Schutzpatron Polens
Preueßen
Historische Bezeichnung für die Pruzzen, ein baltisches Volk, das im Gebiet des späteren Ostpreußen lebte
boeßlich ertoedt hetten
Frühneuhochdeutsch für 'böslich ermordet hatten'
gabe
Frühneuhochdeutsch für 'Gabe', 'Geschenk'
.M.cccc. iar vnßers hayls
Römische Zahl für 1400, 'unseres Heils' bedeutet 'nach Christi Geburt'
on leibs erben abgangen was
Frühneuhochdeutsch für 'ohne leibliche Erben verstorben war'
Litawer
Frühneuhochdeutsch für 'Litauer'
Rewßen
Historische Bezeichnung für die Rus' oder Ruthenen, Vorfahren der heutigen Ukrainer und Weißrussen
abgoetter eret
Frühneuhochdeutsch für 'Abgötter ehrte', d.h. heidnische Götter verehrte
sundere geding
Frühneuhochdeutsch für 'besondere Bedingungen'
allerdurchleuechtigst
Frühneuhochdeutsch für 'allerdurchlauchtigste', Superlativ von 'durchlauchtig'
grawsammen ernstlichen krieg
Frühneuhochdeutsch für 'grausamen, ernstlichen Krieg'
Tantzka
Historischer Name für Danzig (heute Gdańsk, Polen)
Thorn
Historischer Name für Thorn (heute Toruń, Polen)
Marieburg
Historischer Name für Marienburg (heute Malbork, Polen), die Ordensburg des Deutschen Ordens
gepewen
Frühneuhochdeutsch für 'Gebäuden'
zynnen
Frühneuhochdeutsch für 'Zinnen'
thuernen
Frühneuhochdeutsch für 'Türmen'
greben
Frühneuhochdeutsch für 'Gräben'
ettwieuil iaren
Frühneuhochdeutsch für 'etlichen Jahren'
vngetrewen volcks der Tartern vnnd Tuercken
Frühneuhochdeutsch für 'untreuen Volkes der Tataren und Türken', hier als Feinde Polens
schand vnd abbruch beschehen
Frühneuhochdeutsch für 'Schande und Abbruch geschehen', d.h. Schaden und Unehre erlitten
Podolia
Podolien, eine historische Region in Osteuropa (heute Teil der Ukraine)
wueest
Frühneuhochdeutsch für 'wüst', 'verödet'
notturftigkeit tragen mag
Frühneuhochdeutsch für 'das Nötigste bieten kann'
fruchtper erdpodem
Frühneuhochdeutsch für 'fruchtbarer Erdboden'
eins langen mans hoh
Frühneuhochdeutsch für 'eines langen Mannes hoch', d.h. sehr hoch
pynen
Frühneuhochdeutsch für 'Bienen'
hoenigs
Frühneuhochdeutsch für 'Honigs'
genuog statt haben muogen dohin sie das hoenig tragen
Frühneuhochdeutsch für 'nicht genug Platz haben, wohin sie den Honig tragen'
pawmen
Frühneuhochdeutsch für 'Bäumen'
stawden
Frühneuhochdeutsch für 'Sträuchern'
hoenigsamen
Frühneuhochdeutsch für 'Honig (oder Honigwaben)', da 'Honigsamen' keinen Sinn ergibt
weld
Frühneuhochdeutsch für 'Wälder'
Littaw
Frühneuhochdeutsch für 'Litauen'
Scithiam
lat. Scythia (Akkusativ), Skythien, eine antike Region in Eurasien
wilprets
Frühneuhochdeutsch für 'Wildpret'
mitternachtlichen tayl
Frühneuhochdeutsch für 'mitternächtlichen Teil', d.h. nördlichen Teil
hercinischen walds
Hercynischer Wald, ein antiker Name für ein großes Waldgebiet in Mitteleuropa
gewillde
Frühneuhochdeutsch für 'wilde'
frayssame
Frühneuhochdeutsch für 'furchtsame' oder 'furchterregende'
aurochßen
Auerochsen, eine ausgestorbene Wildrindart
guot zeessen
Frühneuhochdeutsch für 'gut zu essen'
prayte styrn
Frühneuhochdeutsch für 'breite Stirn'
guot zefahen
Frühneuhochdeutsch für 'gut zu fangen'
muee vnd arbait
Frühneuhochdeutsch für 'Mühe und Arbeit'
ertzte
Frühneuhochdeutsch für 'Erze'
pley
Frühneuhochdeutsch für 'Blei'
kelte wegen desselben ertreichs
Frühneuhochdeutsch für 'wegen der Kälte desselben Erdreichs', eine damalige Erklärung für das Vorkommen von Blei
saltzs
Frühneuhochdeutsch für 'Salzes'
narung
Frühneuhochdeutsch für 'Nahrung', 'Lebensunterhalt'
schatzs
Frühneuhochdeutsch für 'Schatz'
hawet man
Frühneuhochdeutsch für 'haut man', d.h. 'baut man ab'
seuedet man
Frühneuhochdeutsch für 'siedet man'
fruechten
Frühneuhochdeutsch für 'Früchten'
narung menschlichs leichnams
Frühneuhochdeutsch für 'Nahrung des menschlichen Leibes'
zemercken
Frühneuhochdeutsch für 'zu merken'
leibßgeschlecht
Frühneuhochdeutsch für 'Leibgeschlecht', 'Nachkommenschaft'
Vladislai
lat. Vladislai (Genitiv), hier Wladislaw, wahrscheinlich Władysław II. Jagiełło (ca. 1351–1434), Großfürst von Litauen und König von Polen
hieuor
Frühneuhochdeutsch für 'hiervor', 'zuvor'
ettlich
Frühneuhochdeutsch für 'etliche', 'einige'
frawen
Frühneuhochdeutsch für 'Frauen'
suen
Frühneuhochdeutsch für 'Söhne'
Vladislaus
Wladislaw, hier Władysław III. von Warna (1424–1444), König von Polen und Ungarn
Cassimirus
Kasimir, hier Kasimir IV. Jagiełło (1427–1492), Großfürst von Litauen und König von Polen
Hungern
Frühneuhochdeutsch für 'Ungarn'
Beheim
Historische Bezeichnung für Böhmen
tate geuebet
Frühneuhochdeutsch für 'Taten geübt'
tuerckischen koenig
Frühneuhochdeutsch für 'türkischen König', hier den osmanischen Sultan
Constantinopel
Konstantinopel, historischer Name für Istanbul
heereßkraft rayset
Frühneuhochdeutsch für 'mit Heereskraft reiste'
bede tayl
Frühneuhochdeutsch für 'beide Teile'
grawsammem gefechte
Frühneuhochdeutsch für 'grausame Gefechte'
hungern fluechtig warden
Frühneuhochdeutsch für 'Ungarn flüchtig wurden', d.h. die ungarische Armee floh
menig der feind
Frühneuhochdeutsch für 'Menge der Feinde'
Sarmatern
Sarmaten, eine historische Bezeichnung für die Bewohner Sarmatiens, oft synonym für Polen verwendet
koenig Laßlaws
Genitiv von König Ladislaus, hier Ladislaus Postumus (1440–1457), König von Böhmen und Ungarn
zu der ee vermehelt
Frühneuhochdeutsch für 'zur Ehe vermählt'
fuenff toechter
Frühneuhochdeutsch für 'fünf Töchter'
Mathie des hungrischen koenig
Genitiv von Matthias, des ungarischen Königs, hier Matthias Corvinus (1443–1490), König von Ungarn
erkorn
Frühneuhochdeutsch für 'erkoren', 'gewählt'
wunderperlicher
Frühneuhochdeutsch für 'wunderbarer'
guoter rete wegen
Frühneuhochdeutsch für 'wegen guter Räte'
seuechen
Frühneuhochdeutsch für 'Krankheit'
Johannesalbertus
Johann Albrecht, hier Johann I. Albrecht (1459–1501), König von Polen
kuenftiger wunderspiegel der gantzen werlt
Frühneuhochdeutsch für 'künftiger Wunderspiegel der ganzen Welt', eine sehr lobende Umschreibung
redlicher gethate
Frühneuhochdeutsch für 'redliche Taten'
Alexander
Alexander, hier Alexander Jagiellon (1461–1506), Großfürst von Litauen und König von Polen
vestmueetigkeit
Frühneuhochdeutsch für 'Standhaftigkeit'
bestendigkeit
Frühneuhochdeutsch für 'Beständigkeit'
Sigismundus
Sigismund, hier Sigismund I. der Alte (1467–1548), König von Polen
vetterlicher fuoßstapfen
Frühneuhochdeutsch für 'väterlicher Fußstapfen'
Fridericus
Friedrich, hier Friedrich Jagiellon (1468–1503), Bischof von Krakau, Erzbischof von Gnesen und Kardinal
Crackaw
Historischer Name für Krakau (heute Kraków, Polen)
Gnysen
Historischer Name für Gnesen (heute Gniezno, Polen)
.M.cccc.xciii. iar
Römische Zahl für 1493
babst Alexandro
lat. Papst Alexander (Dativ), hier Papst Alexander VI. (1431–1503)
cardinelischer wirdigkeit
Frühneuhochdeutsch für 'kardinalischer Würdigkeit'
hertzog Georgen zu bayern
Dativ von Herzog Georg von Bayern, hier Georg der Reiche (1455–1503), Herzog von Bayern-Landshut
marggraff Friderichen zu Brandemburg
Dativ von Markgraf Friedrich von Brandenburg, hier Friedrich I. von Brandenburg-Ansbach (1460–1536)
hertzogen zu Pomern
Dativ von Herzog von Pommern, hier Bogislaw X. (1454–1523), Herzog von Pommern
zwuo
Frühneuhochdeutsch für 'zwei'
vnuermehlet
Frühneuhochdeutsch für 'unvermählt'
muoter
Frühneuhochdeutsch für 'Mutter'
Sant Stanislao
lat. Sancti Stanislao (Dativ), des heiligen Stanislaus, Bischof von Krakau (1030–1079), Schutzpatron Polens
patron
Frühneuhochdeutsch für 'Patron', 'Schutzheiliger'
vermuogens bey got
Frühneuhochdeutsch für 'Vermögens bei Gott', d.h. großen Einflusses oder Gnade bei Gott
pa
Textabbruch, wahrscheinlich 'Patron'