Schedelsche Weltchronik · Blatt 266 · Lübeck

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 266, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 266, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Lubeck des Sechsischen lands ein durchleuchtige vnd kaiserliche statt. nit allain in Teutschem land sunder auch bey eußern volckern fast nammhaftig ist vrsprungelich von Wickboldo vitigio dem Sechsischen hertzogen an dem ende dz die windischen so nochmals einen teil des sechsischen lands innhaben Bucko nennten erpawt. vnd durch den grymmigen fursten Kyto oder Truto im iar Cristi.M.c.iiij. geauffet worden vnd auff einem schonen platz zwischen dem Megkelburgischen vnnd Holstadensischen hertzogthumen mit den zwayen wasserflussen Wagnys vnd Trab befeuchtigt. Der selb Kyto ein mechtiger vnd gar schwerer verfolger der Cristen hat auß dem edeln Marckmannischen vnd Martinopolischen geschlecht vrsprung gehabt. vnd die herren von Wageren die man von Stargarten oder Oldenburg nennt in Fernern vnnd Peldte getodt. aber einen auß inen grafen Gotschalcks sun Heinrich genant kome daruon gein Tennmarck. der keret vber ettliche zeit darnach wider in sein haymend vnd hawet Kyttoni sein hawbt mit einer agkst ab vnd name sein weib zu der ee. Zu den zeitten kaiser Heinrichs des vierdten warden in diser gegent alle kirchen vnd briester berawbet vnd zerrudet vnd der cristenlich glawb verdruckt. vnd dise statt Lubeck auch zum drittenmal zerstoret von krieg wegen der fursten vnd sunderlich hertzog Heinrichs vom leoben. vnd grafen Alfesis von holchstain der dann nach hingelegter zwittrechtigkeit dise statt hertzog Heinrichen ließe an dem ende do die statt yetzo ligt. die dann dauor bey Schwartan. vnnd darnach bey Horneberg (als maister Helmuldus setzt) gelegen was. Darnach hat dise stat wunderperlicher weiß zugenomen von besuchung der kawfmanschatz auß obern vnd nydern Teutschen landen vnd vber die See gein Norweden Schweden Eyfland Rewssen Littaw Prewssen Poln Pomern Megkeloburg Tennmarck Engelland Flandern Schottenland vnd Franckreich. Vnd zu land gein Sachßen Westfaln vnd in die Marck. Die erkenner der wurckung vnd des einfluss des himlischens gestirn schreiben das dise edle statt vnder dem zaichen der wag iren vrsprung gehabt hab vnd in sundrer gottes gnaden gestiftet sey. dann die inwoner derselben statt sinnd vor andern iren nachpawrn sundrer andechtiger vbung. doch einen sueßen kern in pittrer schaln empfindende. Darnach des iars Cristi.M.c.xxxi. komen die nydern windischen herren vnnd zerstorten die statt Lubeck. die ward durch graff Alff von holchstain widerumb aufgerichtet mit einer burg gein mitternacht gelegen alda yetzo die brueder prediger ordens wonen. Des iars Cristi.M.c.lviiij. zohen die von Lubeck in gedechtnus irs empfangnen vnd erlidden schadens mit machte in das land Rugen vnnd fuegten dem fursten daselbst grosse beschwerde zu. In dem iar Cristi.M.c.lxi. ward Geraldus der .xij. bischoff zu Oldenburg oder Stargarden in Wagern durch hilff hertzog Heinrichs von dem leoben belegert wardt do warden die von Lubeck durch iren bischoff Heinrichen zu letst gein dem kaiser versonet. also das sie ime mit willen hertzog Heinrichs vom leoben vnnd das closter zu sant Johanßen in der statt auffgepawet da yetzo iunckfrawen wonen. vnnd ettwen brueder sant Benedicten ordens inngehabt. vnd yetzo zu Cisiner in dem land zu holstain ir wonung beym meer haben. In disen zeiten wardt dise statt Lubeck von kaiser Friderichen ein kaiserliche vnd freye statt gemacht vnnd mit freyhaitten begabt zesein ein hawbt aller Seestett. vnnd in mancherlay freyungen. auch bey eußern in verren lannden. sunderlich zu Lunden. in Engelland. in Norweden. in der Moschka. in Norgarden. in Rewssen vnd an vil andern enden vnd gegenten. als in Flandern Tennmarck vnd Schweden. Der kaiser hat auch einem erbern rat daselbst die freyhaiten die sie vormals von hertzog Heinrichen hetten bestettiget vnd durch ein guldine bullen. das sie .xxiiij. ratherren haben mochten willigclich verlihen. vnd sie geadelt das sie nach sytten vnd gewonheit rittermessiger lewt gold (außgenomen die sporn) tragen mugen. Dise edle statt ist sawber vnd rayn von beden seyten ab der hohe gegen der mittel gesenckt also das die wasser vnd vnsawberkeit frey abfliessen vnd von vilfeltiger regen wegen die strassen vnd gassen rayn sind Die thumkirch gein mittemtag am ende der statt gelegen ist fast lanng vnd hubsch. Alda sinnd sunst vier pfarrkirchen mit syben hohen spitzigen vnnd schonen thurnen mit kuopffer vnd pley gedeckt vnd in der hohe mit gold geziert. Alda sinnd auch zway closter prediger vnd parfuosser ordens. vnnd ein spital zum heilligen gaist. So ist die statt mit wasser. thurnen. mawr vnd greben zumal bewaret vnd befestigt. Alda sind zwu lang vnd weyt gassen vnd daran schone hewßer von ziegelstainen gepawt. ebner vnd gerichter weys gesetzt also das eins fur dz ander nit raicht. die andern gassen alle geen creutzs weise auff dise zwuo gassen. Daselbst fleußt ein wasser Wagnys genannt von mitternacht gein mittemtag vnd furoan gein dem nydergang. Vnd vor der statt das wasser Trab gleich widersyns von mittemtag gein mitternacht mit gewaltsamem fluss in das meer eylennde. Jetzo sitzet alda in dem bischoflichen stul der hohwirdig herr Dietterich von Hamburg geporn. Lubeck

Moderne Übersetzung

Lübeck, eine durchlauchtige und kaiserliche Stadt des sächsischen Landes, ist nicht allein im deutschen Land, sondern auch bei fremden Völkern sehr namhaft. Sie wurde ursprünglich von Wickbold Vitigio, dem sächsischen Herzog, an dem Ort erbaut, den die Wenden, die noch immer einen Teil des sächsischen Landes innehaben, Bucko nannten. Und durch den grimmigen Fürsten Kyto oder Truto im Jahre Christi 1104 zerstört worden. Sie liegt an einem schönen Platz zwischen den Herzogtümern Mecklenburg und Holstein, bewässert von den zwei Flüssen Wakenitz und Trave. Derselbe Kyto, ein mächtiger und sehr harter Verfolger der Christen, hatte seinen Ursprung aus dem edlen markmannischen und martinopolischen Geschlecht und tötete die Herren von Wagrien, die man von Stargard oder Oldenburg nennt, in Fernern und Peldte. Aber einer von ihnen, Graf Gottschalks Sohn Heinrich genannt, kam von dort nach Dänemark. Dieser kehrte nach einiger Zeit wieder in seine Heimat zurück und hieb Kyto sein Haupt mit einer Axt ab und nahm dessen Frau zur Ehe. Zu den Zeiten Kaiser Heinrichs des Vierten wurden in dieser Gegend alle Kirchen und Priester beraubt und verwüstet und der christliche Glaube unterdrückt. Und diese Stadt Lübeck wurde auch zum dritten Mal zerstört wegen des Krieges der Fürsten und besonders Herzog Heinrichs des Löwen und Graf Adolfs von Holstein, der dann nach beigelegter Zwietracht diese Stadt Herzog Heinrich überließ, an dem Ort, wo die Stadt jetzt liegt. Die davor bei Schwartau und danach bei Horneburg (wie Meister Helmold berichtet) gelegen war. Danach hat diese Stadt auf wunderbare Weise zugenommen durch den Besuch des Kaufmannshandels aus oberen und niederen deutschen Ländern und über die See nach Norwegen, Schweden, Estland, Russland, Litauen, Preußen, Polen, Pommern, Mecklenburg, Dänemark, England, Flandern, Schottland und Frankreich. Und zu Land nach Sachsen, Westfalen und in die Mark. Die Kenner der Wirkung und des Einflusses der himmlischen Gestirne schreiben, dass diese edle Stadt unter dem Zeichen der Waage ihren Ursprung gehabt habe und in besonderer Gottesgnade gestiftet sei, denn die Einwohner derselben Stadt sind vor anderen ihren Nachbarn von besonderer andächtiger Übung, doch einen süßen Kern in bitterer Schale empfindend. Danach, im Jahre Christi 1131, kamen die niederen wendischen Herren und zerstörten die Stadt Lübeck. Diese wurde durch Graf Adolf von Holstein wieder aufgerichtet mit einer Burg, die nach Norden gelegen war, wo jetzt die Brüder des Predigerordens wohnen. Im Jahre Christi 1159 zogen die von Lübeck in Erinnerung ihres erlittenen Schadens mit Macht in das Land Rügen und fügten dem Fürsten daselbst große Beschwerde zu. Im Jahre Christi 1161 wurde Geraldus, der zwölfte Bischof zu Oldenburg oder Stargard in Wagrien, durch Hilfe Herzog Heinrichs des Löwen belagert. Da wurden die von Lübeck durch ihren Bischof Heinrich zuletzt mit dem Kaiser versöhnt, so dass sie ihm mit dem Willen Herzog Heinrichs des Löwen das Kloster zu Sankt Johann in der Stadt aufbauten, wo jetzt Jungfrauen wohnen. Und das ehemals Brüder des Sankt Benedikt Ordens innehatten und jetzt zu Cismar im Land Holstein ihre Wohnung beim Meer haben. In diesen Zeiten wurde diese Stadt Lübeck von Kaiser Friedrich zu einer kaiserlichen und freien Stadt gemacht und mit Freiheiten begabt, um ein Haupt aller Seestädte zu sein. Und in mancherlei Freiheiten, auch bei Fremden in fernen Ländern, besonders zu London in England, in Norwegen, in der Moschka, in Nowgorod, in Russland und an vielen anderen Orten und Gegenden, wie in Flandern, Dänemark und Schweden. Der Kaiser hat auch einem ehrbaren Rat daselbst die Freiheiten, die sie vormals von Herzog Heinrich hatten, bestätigt und durch eine Goldene Bulle willentlich verliehen, dass sie 24 Ratsherren haben durften. Und sie geadelt, dass sie nach Sitten und Gewohnheit rittermäßiger Leute Gold (ausgenommen die Sporen) tragen durften. Diese edle Stadt ist sauber und rein, von beiden Seiten von der Höhe zur Mitte hin gesenkt, sodass das Wasser und der Unrat frei abfließen und wegen vielfältigen Regens die Straßen und Gassen rein sind. Die Domkirche, nach Süden am Ende der Stadt gelegen, ist sehr lang und schön. Dort sind sonst vier Pfarrkirchen mit sieben hohen, spitzigen und schönen Türmen, mit Kupfer und Blei gedeckt und in der Höhe mit Gold geziert. Dort sind auch zwei Klöster des Prediger- und Barfüßerordens und ein Hospital zum Heiligen Geist. So ist die Stadt mit Wasser, Türmen, Mauern und Gräben gänzlich bewahrt und befestigt. Dort sind zwei lange und weite Gassen und daran schöne Häuser von Ziegelsteinen gebaut, eben und geradlinig gesetzt, sodass keines vor das andere reicht. Die anderen Gassen alle gehen kreuzweise auf diese zwei Gassen. Daselbst fließt ein Wasser, Wakenitz genannt, von Norden gegen Süden und von dort weiter gegen Westen. Und vor der Stadt das Wasser Trave, genau entgegengesetzt, von Süden gegen Norden mit gewaltsamem Fluss in das Meer eilend. Jetzt sitzt dort auf dem bischöflichen Stuhl der hochwürdige Herr Dietrich, geboren in Hamburg.

Anmerkungen

Sechsisches land
Sächsisches Land, Herzogtum Sachsen
durchleuchtige
durchlauchtig, erhaben, glänzend, angesehen
nammhaftig
namhaft, berühmt
Teutschem land
Deutsches Land
eußern volckern
fremden Völkern
Wickboldo vitigio
Wickbold Vitigio, historischer Herzog
windischen
Wenden, slawische Bevölkerungsgruppen
Bucko
Bucko, alter Name für den Ort des späteren Lübeck
grymmigen
grimmig, grausam
Kyto oder Truto
Kyto oder Truto, historischer Fürst
M.c.iiij.
römisch für 1104
geauffet
zerstört, vernichtet (im Kontext einer Stadt)
Megkelburgischen
Mecklenburgischen (Herzogtum)
Holstadensischen
Holsteinischen (Herzogtum)
Wagnys
Wakenitz (Fluss)
Trab
Trave (Fluss)
Marckmannischen
Markmannisch, Geschlecht (möglicherweise Bezug zu Markomannen oder einer Markgrafschaft)
Martinopolischen
Martinopolisch, Geschlecht (möglicherweise Bezug zu St. Martin oder einer Stadt)
Wageren
Wagrien, Region in Holstein
Stargarten
Stargard, Ort (z.B. Oldenburg in Holstein)
Oldenburg
Oldenburg, Ort (z.B. Oldenburg in Holstein)
Fernern
Fernern, Ort (möglicherweise Fehmern/Fehmarn oder ein anderer lokaler Ort)
Peldte
Peldte, Ort (möglicherweise Pölitz oder ein anderer lokaler Ort)
Gotschalcks sun Heinrich
Heinrich, Sohn Gottschalks, historischer Graf
Tennmarck
Dänemark
haymend
Heimat
agkst
Axt
kaiser Heinrichs des vierdten
Kaiser Heinrich IV., historische Person
berawbet
beraubt
zerrudet
zerrüttet, verwüstet
verdruckt
unterdrückt
hertzog Heinrichs vom leoben
Herzog Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern
grafen Alfesis von holchstain
Graf Adolf von Holstein, historische Person (z.B. Adolf II. oder III.)
zwittrechtigkeit
Zwietracht, Streit
Schwartan
Schwartau, Ort
Horneberg
Horneburg, Ort
maister Helmuldus
Meister Helmold (Helmold von Bosau), Chronist
wunderperlicher weiß
auf wunderbare Weise
kawfmanschatz
Kaufmannshandel, Handelsgüter
obern vnd nydern Teutschen landen
obere und niedere deutsche Länder (Süd- und Norddeutschland)
Norweden
Norwegen
Schweden
Schweden
Eyfland
Estland (oder Island, im Kontext des Ostseehandels wahrscheinlicher Estland)
Rewssen
Russland
Littaw
Litauen
Prewssen
Preußen
Poln
Polen
Pomern
Pommern
Megkeloburg
Mecklenburg
Engelland
England
Flandern
Flandern
Schottenland
Schottland
Franckreich
Frankreich
Sachßen
Sachsen
Westfaln
Westfalen
Marck
Mark (z.B. Mark Brandenburg)
erkenner der wurckung vnd des einfluss des himlischens gestirn
Astrologen, Sterndeuter
zaichen der wag
Sternzeichen Waage
sundrer andechtiger vbung
besondere andächtige Übung, Frömmigkeit
einen sueßen kern in pittrer schaln empfindende
Sprichwörtliche Redewendung: etwas Gutes (süßer Kern) ist oft in einer schwierigen oder unangenehmen Hülle (bittere Schale) verborgen, oder man findet trotz äußerer Schwierigkeiten inneren Wert.
M.c.xxxi.
römisch für 1131
nydern windischen herren
niedere wendische Herren, Fürsten der Wenden
graff Alff von holchstain
Graf Adolf von Holstein, historische Person (z.B. Adolf II. oder III.)
gein mitternacht
nach Norden
brueder prediger ordens
Brüder des Predigerordens (Dominikaner)
M.c.lviiij.
römisch für 1159
Rugen
Rügen (Insel)
M.c.lxi.
römisch für 1161
Geraldus
Geraldus, historischer Bischof
.xij.
römisch für 12
bischoff Heinrichen
Bischof Heinrich, historische Person
closter zu sant Johanßen
Kloster zu Sankt Johann (Johanniskonvent)
brueder sant Benedicten ordens
Brüder des Sankt Benedikt Ordens (Benediktiner)
Cisiner
Cismar, Ort in Holstein
kaiser Friderichen
Kaiser Friedrich (wahrscheinlich Friedrich I. Barbarossa)
hawbt aller Seestett
Haupt aller Seestädte (Führer der Hansestädte)
Lunden
London, Stadt in England
Moschka
Moskau (Stadt in Russland) oder das Moskauer Reich
Norgarden
Nowgorod, Stadt in Russland
guldine bullen
Goldene Bulle, kaiserliches Dokument mit Goldsiegel
.xxiiij.
römisch für 24
rittermessiger lewt gold (außgenomen die sporn) tragen mugen
Das Recht, goldene Verzierungen zu tragen, außer Sporen, die Rittern vorbehalten waren. Ein Zeichen der Adelsgleichstellung.
sawber vnd rayn
sauber und rein
thumkirch
Domkirche
gein mittemtag
nach Süden
hubsch
hübsch, schön
kuopffer vnd pley
Kupfer und Blei
prediger vnd parfuosser ordens
Predigerorden (Dominikaner) und Barfüßerorden (Franziskaner)
spital zum heilligen gaist
Hospital zum Heiligen Geist
mawr vnd greben
Mauern und Gräben
hewßer von ziegelstainen
Häuser von Ziegelsteinen
gein dem nydergang
nach Westen
Dietterich von Hamburg
Dietrich von Hamburg, historischer Bischof