Schedelsche Weltchronik · Blatt 269

Sechstes Alter · Nürnberg 1493, Hartmann Schedel, Übersetzung Georg Alt, Druck Anton Koberger

Schedelsche Weltchronik Blatt 269, linke Seite Schedelsche Weltchronik Blatt 269, rechte Seite
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Transkription (Frühneuhochdeutsch, 1493)

Eneas pius bin ich genantMein lob vnd preis ist hohbekant Eneas pius der babstFriderich der dritt ein romischer kaiser center Der zornig leob verschonen thut Dess: der gein im zaiget demuot Also soll auch ein herrscher thon Dem gelyhen ist des gewalts kron Blat CCLXIX DEs hohwirdigsten in got vaters herren Enee de picolominibus des cardinals sancte Sabine beschreibung der gschihten vnder kaiser Friderichen dem dritten durch Teuetsche land vnd Europam geuebt mit beschreybung der gegent an herren Anthonien den Hilerdensischen cardinal außgangen. ANthonio der heilligen roemischen kirchen briester cardinal Hilerdensis genant seinem allerliebsten vater empeuet Eneas desselben ordens aber nit desselben verdiensts Senensischer cardinal vil hayls. Dieweil ich nehst in dem podagra vnd glidschmertzen (als ich gewont bin) arbaitet do bracht mir ein teuetscher buochuerkawffer oder bewarer ein bueechlein fuer in dem der roemischen kaiser gschihten vnd namen vnd ein wenig von sytten begriffen waren bis auff Wentzeslaum Carls des vierden sun. Vnd nach dem in demselben bueechlein vier kaiser vnderwegen bliben waren auß vrsachen das Beneuenustus himolensis der beschreiber desselben bueechleins vnder Wentzeslao abgienge. so bate mich der Teuetsch das. dess das bueechlein mangelt hinzuzeschreiben. dem nach hab ich den menschen nicht woellen betrueeben sunder die zal der kaiser bis auff vnßere zeit erfuelt. der kuertze dess der vor mir geschriben het nachfolgende. Dieweil mir aber in gemueet beywonet das sich souil vnd gross geschihten vnder den cristen von der zeit des roemischen regiments kaiser Friderichs bis auff disen tag begeben haben. so hab ich mir fuergesetzt ein bueechlein besunder zemachen vnd darinn ettliche sundere gedechtnußwirdige ding der selben zeit in kuertze zu gedechtnus der nachkomenden zebeschreiben. darumb hab ich ein kurtze histori gemacht vnd deinem namen ergeben. vnd so du in gleichem seuechen oder kranckheit mit mir arbaitest so magst du dieweil du am podagra ernyderligst mein schrift leichtlich lesen vnd vrtailn. Es wer (ich bekenns) wol schickerlich gewesen ein historien beschehner ding von anfang vnßrerr zeit bis hieher zebegreiffen. als mir denn offt zu muot gewesen ist. aber es was des einen podagramischem vnd sunderlich der viertzigtagigen fasten entgegen komenden gelegers nachtliche wach deßmals nicht vor awgen. Das podagra liebet vnßere hewßer. schaydet auch offt ab vnd koembt offt herwider doch wirdt es villeicht disem fuernemen dienstlich sein. Gehabe dich wol vnd ob du yetzit zeunzeitig oder zescharpff wider ymant geschriben findest das soltu meiner natur vnnd auch den stacheln des anraytzenden podegrams zuomessen. vnd was vnkuendigs vnschickerlichs vnd vnfueeglichs begegnet mit der federn abthuon. Auß Rom am newnundzwentzigisten tag des monats Marcii. Nach Cristi gepurt .M.cccc.lviii. iar. Von dem hungrischen land vnd den gschihten darinn HVngernland an oesterreich kaiser Friderichs vaterland stossende gein dem orient gelegen wirdt den anfang der meldung geben. Ettliche nennen diss land Pannoniam. gleich als wern die hungern an stat der Pannonier daselbsthin komen. aber Hungern erraichet die ende Pannonie nicht. So ist die auch ettwen nit also prayt gewest als in vnßern zeiten. Hungernn wardt begriffen innerhalb der Thonaw vnd dem fluss yne vnd dem gepirg gein welschem land vnd an das adriatisch meer sehende. vnd Pannonia vom nyderganng. das Norgkaw vnd den yne. vnd vom orient die voelcker Mysos vnd Triballos vnd den fluss Saw beruerende. Innerhalb diser rifier wirdt ein grosser tail des oesterreichischen lands beschlossen vnd von den Teuetschen ingewonet. In disem krays ist auch Steyer begriffen ettwen Valeria genant. Vnd wiewol Hungern nydern Pannoniam von dem fluss Leytha bis an die Saw vmbgreift. so vbertrit sie doch die Thonaw bis hin in das Polnisch land raichende. vnd bis in die gegent die ettwen das Gepidisch volck inngehabt haben vnd yetzo die Daci besitzen. Der gewalt vnd herrschung des Hungrischen volcks ist vil brayter vnd weyter denn das hungrisch land. dann die Dalmacier oder Winden. die Bossnei. die Triballi oder Mysii oder Rascianer vnd Gethe. die man eins teils Walachen. eins teils Transsiluanos. die Sybenburger nennt sinnd vnder der Hungern gewalt komen. Wiewol etliche zu vnßern zeiten durch der Tuercken gewalt auß dem Hungrischen gepiet gedrungen worden sind. Die Roemer haben vnder dem kaiser Octauiano dise prouintzen souerr sich die herdißhalb der thonaw erstreckt erstlich

Moderne Übersetzung

Eneas Pius bin ich genannt, mein Lob und Preis ist hochbekannt. Eneas Pius, der Papst, Friedrich der Dritte, ein römischer Kaiser. Der zornige Löwe verschont den, der ihm Demut zeigt. So soll auch ein Herrscher tun, dem die Krone der Gewalt verliehen ist. Blatt 269. Die Beschreibung der Geschichten unter Kaiser Friedrich dem Dritten, durch deutsche Lande und Europa geübt, mit Beschreibung der Gegend, von dem hochwürdigsten in Gott Vater, Herrn Enea de Picolominibus, dem Kardinal von Santa Sabina, an Herrn Anthonius, den Hilerdensischen Kardinal, ausgegangen. Anthonius, Priester der Heiligen Römischen Kirche, Kardinal genannt Hilerdensis, seinem allerliebsten Vater, entbietet Eneas desselben Ordens, aber nicht desselben Verdienstes, Senensischer Kardinal, viel Heil. Dieweil ich neulich in Podagra und Gliederschmerzen (wie ich gewohnt bin) arbeitete, da brachte mir ein deutscher Buchverkäufer oder Bewahrer ein Büchlein, in dem die Geschichten und Namen der römischen Kaiser und ein wenig von ihren Sitten begriffen waren, bis auf Wenzel, Karls des Vierten Sohn. Und nachdem in demselben Büchlein vier Kaiser unterwegs geblieben waren, aus Ursachen, dass Benevenutus Himolensis, der Beschreiber desselben Büchleins, unter Wenzel abging, so bat mich der Deutsche, das, dessen das Büchlein mangelt, hinzuzuschreiben. Demnach habe ich den Menschen nicht wollen betrüben, sondern die Zahl der Kaiser bis auf unsere Zeit erfüllt, der Kürze dessen, der vor mir geschrieben hatte, nachfolgend. Dieweil mir aber in Gemüt beiwohnt, dass sich so viel und große Geschichten unter den Christen von der Zeit des römischen Regiments Kaiser Friedrichs bis auf diesen Tag begeben haben, so habe ich mir vorgenommen, ein Büchlein besonders zu machen und darin etliche besondere, denkwürdige Dinge derselben Zeit in Kürze zur Gedächtnis der Nachkommenden zu beschreiben. Darum habe ich eine kurze Historie gemacht und deinem Namen ergeben. Und so du in gleicher Seuche oder Krankheit mit mir arbeitest, so magst du, dieweil du am Podagra darniederliegst, meine Schrift leichtlich lesen und urteilen. Es wäre (ich bekenne es) wohl schicklich gewesen, eine Historie geschehener Dinge von Anfang unserer Zeit bis hierher zu begreifen, als mir denn oft zu Mut gewesen ist. Aber es war des einen podagrischen und besonders der vierzigtägigen Fasten entgegenkommenden Lagers nächtliche Wache desmals nicht vor Augen. Das Podagra liebt unsere Häuser, scheidet auch oft ab und kommt oft herwieder, doch wird es vielleicht diesem Vornehmen dienstlich sein. Gehab dich wohl, und ob du jetzt zu unzeitig oder zu scharf wider jemand geschrieben findest, das sollst du meiner Natur und auch den Stacheln des anreizenden Podagras zumessen, und was unkundiges, unschickliches und unfügliches begegnet, mit der Feder abtun. Aus Rom am neunundzwanzigsten Tag des Monats März. Nach Christi Geburt 1458 Jahre. Von dem ungarischen Land und den Geschichten darin. Ungarnland, an Österreich, Kaiser Friedrichs Vaterland, stoßend, gegen den Orient gelegen, wird den Anfang der Meldung geben. Etliche nennen dies Land Pannoniam, gleich als wären die Ungarn anstatt der Pannonier daselbsthin gekommen. Aber Ungarn erreicht die Enden Pannonias nicht. So ist die auch etwan nicht also breit gewesen als in unseren Zeiten. Ungarn ward begriffen innerhalb der Donau und dem Fluss Yne und dem Gebirge gegen welschem Land und an das Adriatische Meer sehend. Und Pannonia vom Niedergang, das Norgkaw und den Yne, und vom Orient die Völker Mysos und Triballos und den Fluss Saw berührend. Innerhalb dieser Flüsse wird ein großer Teil des österreichischen Landes beschlossen und von den Deutschen innewohnt. In diesem Kreis ist auch Steyer begriffen, etwan Valeria genannt. Und obwohl Ungarn Niederpannonien von dem Fluss Leitha bis an die Saw umgreift, so übertritt sie doch die Donau bis hin in das polnische Land reichend, und bis in die Gegend, die etwan das Gepidenvolk innegehabt haben und jetzt die Daker besitzen. Der Gewalt und Herrschaft des ungarischen Volkes ist viel breiter und weiter denn das ungarische Land, dann die Dalmacier oder Winden, die Bossnei, die Triballi oder Mysii oder Rascianer und Gethe, die man eines Teils Walachen, eines Teils Transsilvanos, die Siebenbürger nennt, sind unter der Ungarn Gewalt gekommen. Obwohl etliche zu unseren Zeiten durch der Türken Gewalt aus dem ungarischen Gebiet gedrungen worden sind. Die Römer haben unter dem Kaiser Octaviano diese Provinzen, so weit sich die diesseits der Donau erstreckt, erstlich ----

Anmerkungen

Eneas pius
Aeneas Silvius Piccolomini (1405–1464), später Papst Pius II.
Friderich der dritt
Friedrich III. (1415–1493), römisch-deutscher Kaiser
Blat CCLXIX
römisch für Blatt 269
Enee de picolominibus
Aeneas Silvius Piccolomini, der spätere Papst Pius II.
cardinals sancte Sabine
Kardinal von Santa Sabina, eine Titelkirche in Rom
Anthonien den Hilerdensischen cardinal
Antonio de la Cerda y Leca (gest. 1459), Kardinal von Sant'Eusebio, auch 'Kardinal von Lérida' genannt (Hilerdensis bezieht sich auf Lérida)
Senensischer cardinal
Kardinal von Siena, Aeneas Silvius Piccolomini war Bischof von Siena
podagra
Gicht
glidschmertzen
Gliederschmerzen
buochuerkawffer oder bewarer
Buchverkäufer oder Buchhändler/Bewahrer
Wentzeslaum Carls des vierden sun
Wenzel IV. (1361–1419), Sohn Karls IV., römisch-deutscher König
Beneuenustus himolensis
Benvenuto da Imola (ca. 1330–1388), italienischer Kommentator und Historiker
vierzigtagigen fasten
die Fastenzeit vor Ostern
M.cccc.lviii. iar
römisch für 1458 Jahre
Hungernland
Ungarn
Pannoniam
Pannonien, eine römische Provinz
Yne
Fluss Inn
welschem land
italienisches Land, hier wohl die Alpenregionen, die an Italien grenzen
Norgkaw
Norikum, eine römische Provinz, die Teile des heutigen Österreichs umfasste
Mysos
Mysier, ein antikes Volk
Triballos
Triballer, ein antikes Volk
Saw
Fluss Save
Steyer
Steiermark
Valeria
Valeria, eine römische Provinz, die Teile Pannoniens umfasste
Leytha
Fluss Leitha
Gepidisch volck
Gepiden, ein germanisches Volk
Daci
Daker, ein antikes Volk, das in Dakien (heutiges Rumänien) lebte
Dalmacier oder Winden
Dalmatier oder Wenden/Slawen
Bossnei
Bosnier
Mysii oder Rascianer
Mysier oder Raszier (Serben)
Gethe
Geten, ein antikes Volk
Walachen
Walachen, romanische Bevölkerungsgruppen
Transsiluanos
Transsilvanier, Siebenbürger
Octauiano
Kaiser Augustus (Gaius Octavius)